155* Jahrgang
Erstes Blatt.
Mittwoch 15. Februar 1905
-kr. 39
erf*tt*t tilglich
außer Sonntag-.
Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem hessischen Landwirt die Siehener gamtlien» blätter viermal in der Woche betgelegt.
Notationsdruck u. Verlag der Brü h l'schen Univers.-Buch-u. ©teilt- bruderci. R. Lange. Redaktion, Erveditto« und Druckerei:
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GletzenerAnzelger«
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Ami§- und Anzergeblaü für den Kreis Gießen MUZ
___ ” zeiqenteil: Hans Beck.
Ale öeutige Kummer nmfaßt 10 Seilen.
Bekanntmachung.
Unter dem Schweinebestand des Karl Leschhorn zu Muschenheim ist ein Fall von Rotlaussetlche festgestellt worden.
Gehöstsperre ist verhängt.
Gießen, den 13. Februar 1905.
Groß her?!' - - - nt Gießen.
I. V.: Hechler. _____________
Ije Mergaröeileröew'gung.
Aus dem Rnhrrevier.
Die Siebenerkommission in Essen richtete an den Reichskanzler ein Telegramm, in dem sie bittet, nachdem die Wiederaufnahme der Arbeit sozusagen auf der ganzen Linie erfolgt sei, die Bergwerksbesitzer zu den in Aussicht gestellten weiteren Verhandlungen geneigt zu machen. Darauf ging folgende Antwort des Reichskanzlers ein:
Herrn Effert, Altenessen. Gern habe ich davon Kenntnis genommen, daß die Bemühungen, dem Ausstand der Bergarbeiter mit seinen verderblichen Wirkungen ein Ende zu bereiten, Erfolg hatten. Ich bat den Handelsmini st er nunmehr auf Grund Ihrer Telegramme das Weitere zu veranlassen.
Die angefahrenen Bergleute behaupten übereinstimmend, die Zechen hätten durch den Ausstand weniger gelitten, als man vorausgesetzt hatte; z. B. kann die Zeche Deutscher Kaiser den Betrieb in vollem Umfange aufnehmen. Auch die befürchtete Stillegung der Zechen Pommerbank und Bergmann ist nicht eingetreten. — Das Kohlensyndikat wird zum Juli desinitiv von Bochum nach Essen verlegt.
An8 Belgien.
Brüssel, 14.Febr. Ein neues Bomben-Attentat wurde im Becken des Centre gegen einen Bergmann verübt. Das Haus wurde stark beschädigt, verletzt ist niemand. Die Kohtenvorräte im Gebiete von Mons sind so gut wie erschöpft.
Brüssel, 14. Febr. Der Arbeitsmini st er empfing heute eine Abordnung des Bundes der belgischen Grubenarbeiter und erklärte ihnen, er könne bei dem Streite zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern nicht eingreifen. Er könne ebensowenig bei den Arbeitgebern Schritte tun, um ihnen eine Lohnerhöhung anzuempfehlen, als bei den Arbeitern, um sie zur Annahme einer Lohnherabsetzung zu verpflichten. Die Frage der Alterspensionen der Grubenarbeiter und die Verkürzung der Arbeitszeit aber hinge vom Parlament ab.
Aie Kreiqnisse in MUand.
Kaiser Wilhelm und Zar Nikolaus.
Wir erfahren von zuverlässigster Seite folgendes:
Es ist Tatsache, daß die Ereignisse des blutigen Sonntags, 22. Januar, dem Zaren teils völlig verschwiegen, teils in entstellter, gemildeter Form mitHe --
teilt wurden. Als Kaiser Wilhelm II. hiervon sichere Kunde bekam, mrterncchm er es, die Wahrheit zu den Ohren des Zaren gelangen zu lassen. Er schickte eine Persönlichkeit, die nicht zum ersten Male als Vermittler des Verkehrs zwischen den beiden Herrschern diente, mit einem eigenhändigen Schreiben und einem Stoße deutscher Zeitungen zu dem Herzoge Georg von Leuchten- bera, der ein cmfrichLig und ehrlich gesinnter Mann ist, und ließ den Herzog bitten, den Zaren darüber auszuklären, welch furchtbares Blutbad in seinem Namen unter der friedlichen Arbeiterbevölkerung an jenem Sonntage angerichtet worden sei, um ihm zu zeigen, wie er von seiner Umgebung systematisch über die Wirklichkeit getäuscht würde. Der H^Zvg von Leuchtenberg unterzog sich dem Auftrage. An einem Tage, da keiner der Großfürsten in Zarskoje-Selo erwartet wurde, fuhr er hinaus und berichtete dem Zaren an der Hand der deutschen Zeitungen und nach seinem eigenen Wissen auf das ausführlichste. Der Zar war, als er ihn angchört hatte, tief erschüttert und hat dem deutschen Kaiser für diesen wahren Freundschaftsdienst in den wärmsten Ausdrücken gedankt.
Es würde uns nicht wundern, wenn diese Darstellung von russischer Seite ein offizielles Dementi erführe.
Regierungsmaßnahmen.
Petersburg, 14. Febr. Heute fand eine Sitzung des Ministerkomitees statt, in der die Beratung der Frage der Behandlung Andersgläubiger fortgesetzt wurde. Tas Ministerkomitee sprach si.ch, dahin aus, daß auf die Altgläubigen dieselben Vorschriften wie für die anderen christlichen Konfessionen anzuwenden seien, und beriet die Frage gewisser juristischen Personen zukommenden Rechte an die Kirchen und Kapellen Altgläubiger, ferner die Frage der Wiedereröffnung geschlossener und die Erlaubnis zur Eröffnung neuer Kapellen für Altgläubige, ferner die Frage der Asyle für Angehörige dieser Konfession. Die Verhältnisse der Mtgläubigen sollen damit endgiltig geregelt werden.»
Petersburg, 14. Febr. In einer Ausschußsitzung unter dem Vorsitze ^)es Handelsministers Tschichatschew fand die Vorberatung des Gesetzentwurfes betr die Kongresse von -Börsen Vertretern statt. Der Gesetzentwurf wird dem Reichsrate überwiesen. Es sollet! Kongresse für ganz Rußland und andere für einzelne Bezirke abgchalten werden; letztere trennen sich in allgemeine B ö r s e n k o n g r e s s e und in besondere Kongresse für den G-etreibehandel. Der erste allgemeine Kongreß soll in Petersburg zusanrmentreten.
London, 14. Febr. Aus Petersburg wird gemeldet, daß die russische Negierung jetzt daran arbeitet, ein neues System der politischen Spionage einzufirhren. Es wird beabsitchigt, jeden russischen Bürger derart überwachen zu fassen, daß es ihm unmöglich gemacht wird, sich mit revolutionären Angelegenheiten zu befassen. (??) Die Kosten der Reorganisation des Geheim- polizeiwejens und der politischen Spionage werden sehr bedeutend sein.
Tie Lage in Polen.
In Sosnowice wird in einigen Betrieben wieder gearbeitet. Viele streikende Arbeiter und deren Führer werden seit einigen Tagen in aller Stille verhaftet unb1
Neminiscenzen an die Schilterfeier im Jahre 1859.
In diesen Tagen, da man allerwärts die Vorbereitungen zu einer würdigen.Feier des 100. Todestages Schillers trifft, dürfte es angebracht sein, den Blick unserer Zeitgenossen auf die Feier des 100. Geburtstages unseres großen Dichters zu richten. Es ist bekannt, daß man 1859 diese Feier begangen hat. soweit damals die deutsche Zunge klang, nicht nur in Deutschland, sondern vielfach auch im Auslande, z. B. mit besonderer Begeisterung in Nordamerika, aber auch in Brüssel, Amsterdanl, Lüttich und vielen anderen Städten, wo inan jetzt vergebens Liebe zum deutschen Wesen und zur deutschen D ichtung sucht. Wie man im d e u t s ch e n Südwesten, öenr ja der große Dichter entstammte, seinen 100. Geburtstag gefeiert hat, sei hier kurz berichtet:
Voran gingen natürlich dir größeren Städte, die das Fest besonders glanzvoll nnsgestalteten. In Frankfurt a. M. wurden große Zurüstungen getroffen. Man ließ eine Anzahl Vereinstaler prägen, die auf der Rückseite die Inschrift trugen: „Ein Gedenktaler zu Schillers 100. Geburtstag am 10. November 1859". Am Festtage selbst, einem schönen, sonnigen Herbsttage, brachten die Züge große Menschenmengen nach der freien Reichsstadt; der Frcmdeuzudrang war so stark, daß ein Fenster am Römerplatze, wo die Hauptfeier stattfand, 25 Gulden kostete. Nach der akademischen Feier setzte sich der Festzug in Bewegung. Er dauerte H/i Stunden und defilierte auf dem Römerberge vor dem „hohen" Senate. Dort sammelte man sich um eine Schillerstatue, und eine kurze Rede wurde gehalten. Abends waren viele öffentliche Gebäude, darunter auch der Römer festlich beleuchtet: dagegen das Bundespalais blieb auffallenderweise dunkel. Wie in vielen anderen Städten, so brachte auch hier die Feier die Anregung zur Errichtung eines Schillerdenkmals. Am Festtage bereits wurden bei dem Festessen im Zoologischen Garten hierfür 2000 Gulden gesammelt, und am 18. November hatte diese Summe schon die Höhe von 9100 Gulden erreicht. In Wiesbaden bekam der Friedrichsplatz den Namen Schillerplatz. Es fand eine dreitägige Feier statt, deren Glanzpunkt die Aufführung des „Wallenstein" war. Die Stadt Mainz, die schon damals durch ihr Gutenberg- fest von 1840 bewiesen hatte, daß sie es verstand, nationale Feste zu feiern, veranstaltete ein glanzvolles Schillerfest. Die Feier sollte am 10. November durch Choralblaseu von den Kirch- türrnen herab eröffnet werden. Ta das jedoch nicht gestattet wurde, so mußte turnt sich damit begnügen, die Choräle von einem Privathause am Markt aus ertönen zu lassen. Auf dem Guten- bcrgsplatz hatte man inmitten eines von venctianischen Masten gebildeten ~ Rondells einen Originatabguß der Danneckerschen Schiltcrbüste auf einem hohen Picdestal ausgestellt. Am Abend führte man im Theater „Wallensteins Lager" und „Wilhelm Dell" auf, wobei die Tänze von dem Turnverein ausgesuhrt, die .Chöre von dem Mannergesangvereine gefangen wurden. Tie Stadt
war reich geschmückt. Auch die Kaserne des hessischen Militärs war mit GuirlandeN, Fahnen und Inschriften, die Gedichten Sch-illers, besonders seinem „Reiterliede" entnommen waren, geziert. Ter 11. November brachte ein großes Festkonzert. Die dabei vorgetragenen Chöre standen durchweg in Beziehung zum Feste, meist hatten sie Texte la'us Schillers Gedichten. Am Abend waren das Theater und der Gutenbergsplatz erleuchtet. Tie Büste Schillers erstrahlte in bengalischen Flammen; ein Festgesang wurde vorgetragen, worauf Oberbürgermeister Nack ein Hoch auf den Dichter ausbrachte. Am 12. November schloß in Mainz das Fest mit erneut Balle. Auch hier faßte man den Plan, dem großen Dichter ein Denkmal zu errichten. Dieses Projett kam 1862 zur Ausführung: der Tiermarkt, auf dem das Denkmal aufgestellt wurde, hieß von da an Schillerplatz. In der Industriestadt Offenbach a. M. faßte der Gemeinderat einen vernünftigen, dem Charakter der Stadt ganz entsprechenden Beschluß. Man gründete nämlich eine Schillerstiftung für arbeitsunfähige Leute. Hierfür wurden aus Erübrigungen der Sparkasse jährlich 1000 Gulden bestimmt. „
Ent Fackel 5 ug erössnete her uns in Gießen am Vorabend das Fest. Nach der Uuivepsitätsfeicr ging man anderen Tages nach der Lutherhöbe, um dort eine Schillereiche zu pflanzen. In O p p e n h e i m wurde am Vorabend die Burg Land6krön beleuchtet: der Festtag wurde mit 100 Böllerschüssen eröffnet, durch eine Feier mit Rede und dem Vortrage Schillerscher Gedichte beschloß man den Tag. Allenthalben flammten abends zuvor auf den Höhen die Freudenfeuer auf. Auch in Alzey brannte man ein Feuer ab, stellte lebende Bilder, veranstaltete ein Festessen und einen Ball. £er Kasinovorstand gab einen Beitrag zur Schillerstiftung. In Bingen hielt der.bekannte Philosoph Noirö, damals Gymnasiallehrer in Mainz, die Festrede. In Darmstadt wurde das Fest durch einen großen Brand gestört. Materiell gesinnte Leute scheinen die ehrenwerten Bürger von Höchst a. M. geiresen zu sein. Ihr Programm lautete kurz und knapp: „Zur 100 Geburtstagsfeier Schillers findet im Taunushotel ein Abendessen statt, ver Kouvcrt 1 Gulden." Als „Wiener Witz" ging dantals folgende neckische Frage und Antwort durch die Leitungen: Warum haben sich die Aerzte nicht an der Schillerfeier beteiligt?" „Weil sie mit Unsterblichen nichts zu tun haben wollen."
— Aus Frankfurt a. M. meldet man: In der neu ein- siiudierten Aufführung „Medea" errang die machtvolle Dar- stcllung der Titelrolle durch Josephme R o t t m a n n einen starken
2tnr 3 Januar starb, wie wir mitteilten', in Tokio Pro- feffor ^r med Scriba, der von 1880 bis 1901 an der Univcvsitä't Tokio gelehrt hatte und zuletzt im Sankt Lukas- Krankcnhausc in Tsukidsi-Tokio wirkte. Scriba, ein Hessen -Darmstädter, war ein vortrefflicher Cbirurg, der zahllose sckwteriae
nach Petrikau überfüchrt. In Skakow- bes-eeite die Meugk^ einen Sosnowicer GefangLnentrairsport aus denl Händen des Militärs. Das Rcrdotner Streikkonrrtee fordert die Arbeiter zur Aufgabe des Streiks auf, da er als politisch^ Kundgebung seinen Zweck erreicht habe. Die Arbeit wurde überall ausgenommen. In Pabiantce schossen Kosakeoh in eine Gruppe streikender Arbeiter. Ein Mann wurde gi-? tötet, sieben verwundet.
NaMische Tagesschau.
Süddeutschland und die Handelsverträge.
. An Gründlichkeit steht die Kritik der Handelsverträge inß Reichstage der des Zolltarifs nicht nach. Es zeigt sich auch jetzt die der Tarifdebatte ckMratterWscl'e Erscheinung, daß die Redner aus S ü d d e u tsch l a n d eine hervorragende Rolle spielen, und daß besonders die bayerischen ALgeordneten sich rühren, wobei es sich vorzugsweise tun l andw irts cha ftli che Inter-§ essen handelt. Bisher ist es den Vertretern der Regierung^ nicht gelungen, den Nachweis zu führen, da^ der Süden. Deutschlands denselben Vorteil von den Han---, delsverträgen haben werde, wieder Norden. Auch gestern, wo die kritische Nachlese abgehalten wurde, ließ sich wieder eine Stimme vernehmen, die über ungenügende Berücksichtigung der süddeutschen Landwirtschaft gedämpfte Klage führte. Es galt zumal dem Weinzoll, über den! ein Sachvevständiger ans Baden, Abg. Tr. Blanken Horn fnl.) sich äußerte. Er gab dadurch dem württem bergischen Staats Minister: Dr. v. P i s ch e k Veranlassung, die Stellungnahme der württem- bergischen Regierung zu den den Süden angehenden Agrarzöllen zu präzisieren. Ter Minister ging aber bald über diesen Rahmen hinaus und hielt eine groß angelegte, klar gegliederte Rede über das Handelsvertragswerk, aus der man so recht erkennen konnte- wie schwer es bei den Vertvaigsverhandlungen gewesen ist, die Interessen der verschiedenen Erwerbskreise gegen einander abzuwägen und einen möglichst gerechten Ausgleich herbeizuführen. Dr. v. Pischek hat auch in hie Zolltarifdebatte mit einer vielbemerkten Rede eingegriffen. Er O also im Reichstag in bester Erinnerung, und man hörte ihm heute mit umso größerer Aufmerksamkeit zu, als er mehrfach auf Musterungen der Tiskussions- redner Bezug nahm. Ter Minister wurde weder von links noch! von rechts durch Zwischenrufe unterbrochen. Bei seiner Zolltarifrede erging es ihm anders; da brandeten die Wellen des Beifalls der Linken und des Murrens der Rechten immer wieder zusammen.
Die Eröffnung des englischen Parlaments.
London, 14. Febp.
Das Parlament wurde heute wieder eröffnet Tie Thronrede: gedenkt des Krieges zwischen Rußland und Japan als streng! neutrale Macht. „Meine Regierung ist auch mit der russischen Regierung zu einem Einverständnis gelangt, kraft dessen der internationalen Unteriuchungskommission, die in lieber ein- stimmung mit den Grundsätzen der Haager Friedenskonferenz zusammengetreten ist, die Aufgabe onücrtraut worden ist, die mit der Katastrophe der britischen Fischerflotte, welchs durch das Vorgehen der russischen Flotte in der d^ordsee hervor-- gerufen wurde, zujcnnmenhängenden Umstände zu untersuchen und die Verantwortlichkeit den für den beklagenswerten Zwischenfall in Betracht Kommenden zuzumessen. Hiernach wird eine Anzahl von Gesetzentwürfen angekündigt, so eine Bill über die Arbeit^ lojenftage, und eine solche betreffend die Erweiterung der Bestimmungen über die Entschädigung von Arbeitern, ferner Vorschläge betreffend die Einsetzung eines Ministers für Handel und Industrie ufw. Schließlich werden gesetzgeberische Maßnahmen! behufs Neueinteilung der Parlamentsbezirke mit folgenden Wprtenj angekündigt: Ihre Aufmerksamkeit wird auf Vorschläge gelenkt- zur Verminderuna der Anomalien in der aegenwärtigen Verteilung
Operationen mit bestem Erfolg ausgeführt hat und zu dem auch viele Ausländer aus den chinesischen Hafenstädten herüberkamem Solange er fein Amt an der Universität innehatte, ließ ei s.ich weder von Latrdsleuten noch vott Bekannten, die einer anderen Nationalität an gehörten, seine Dienste bezahlen. Er war als Mann von hervorragender Herzensgüte bekannt und umsomehr geachtet, als er sich niemals vordrängte und allen falschen Schein haßte. Immer fröhlich mit Fröhlichen, bei Kommersen stets Präses, an schönen Herbsttagen wohl gar einmal die Jagd dem Kolleg vorziehend, wurde er vor einigen Jahren üoit einem chronischen Leiden und nunmehr farz nach einer Operation von einem Abszeß in der Lmrge befallen, der sein schleuniges Ende herbeiführte. Tre Begräbnis feier, zu der eine außergewöhnlich große Zahl von In- und Ausländern erschienen war legte von der Beliebtheit des Verswrveilenj beredtes Zeugnis ab. Von der Universität z. B. waren nicht nur der Rektor und zahlreiche Professoren, sondern sogar Studenteni erschienen, die Scriba nicht mehr gehört hatten: vorn St. Lukas-» Hospital der amerikanische Chefarzt, die japcmiichett Aerzte und, acht Krankenpflegerinnen in ihren weißen europäischen Kleidertr mit weißer Haube. Japanischer Sitte entsprechend hat der Kaisev dem Sterbenden Geschenke übersandt und eine Anszeich-j nung, den S ch a tz o r d e n c r st er Klasse, verliehen. Eine besondere Weihe erhielt die Feier dadurch, daß zwei Kompagnien Garde-Infanterie dem Toten das letzte Geleit gaben. , _ „ ,
— Graf Leo Tolstoi hat ein neues Drama „Hinter denKulissen des Krieges" geschrieben, welches den Krieg ans das schärfste v e r u r't e i l t. Das Stück sollte im Petersburger Alexander Tht'atcr aufgeführt werden. Tie dramatische Zensur: h-elt jedoch die Auftühruug des Dramas für gefährlich und be- leg-te dasselbe mit strengem Verbot. Tolstoi hat sein Werl nmrmelw rack München gesandt und stellt cs allen europäischen Bühtum zur freien Verfügung.
München, 14. Febr. Der Hoftata-ellmetster Professor Er04 m a n u s d ö r f f c r ist heute gestorben.
„Die Siebzehnjährigen."
Max Dreyer lieb' ich, doch fein Drama nicht . . . Denn was er grübelrrd hier verfneht zu schildern In einem Auf und Ab von trüben Bildern, Ist Alles — nur kein traqiscltes Oiedicht.
Die reine Kraft ucrtvfliiten Schmerzes fehlt.
Man fühlt sich nicht erschüttert, nur gequält — Und wenn die Löfnnq nn'ihsmn sich entspinnt, So ist nut allen Mienen klar zu lesen: Der Held wird erst im letzten Akte blind; Der Dichter ist es vorher'schon gewesen.
OSkar Blumenthal.


