Nr. 15
Mittwoch, 18. Jammr 1905
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Eietzener Anzeiger
155. Jahrg.
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Eencral-Anzelger, Amts- und Anzeigebtatt für den Kreis Eietzen.
Parlamentarische Verhandlungen.
Rachdrocl ohne Veeeinoacur. p nicht gestattet.
Denifchcr Lleichsiay.
120. Sitzung vom 17. Januar
1 Uhr. Ta? Haus ist schwach besetzt.
Am BundcZratstisch: Frhr. von Stengel u. a.
Die zweite Beratung des Etats wird beim Etat des „Reich Z- s ch a h a m 1 V fortgesetzt.
Tie Beratung beginnt beim Titel „Gehalt des Staatssekretärs".
Abg. Dr. Hermes ffreis. Vp.): Tas Süßstoffgesetz, das am 1. April 1903 in »traft getreten ist, enthält mannigfache Härten. Ich gebe zu, raß der Schayfetretär bemüht gewesen ist, die Härten zu mildern, namentlich was die kleinen Händler anlangt. Tast sie trotzdem nicht? weniger als beseitigt sind, beweisen die zahlreichen Petitionen, die aus den Kreisen des Handels und des Gewerbes fortgesetzt an den Reichstag gelangen. Im vorigen Jahre haben wir eine Erhebuna über diese Materie beantragt. Wie steht es damit? Hat der Schatzsekretär irgend etwas nach dieser Richtung getan? Vor einem Jahre führte ich hier aus, dast die Geschädigten wenigstens in anständiger Weise abgesunden werden müßten. Las könnte natürlich nur durch eine Novelle zum Gesetz geschehen. Damals stimmte man mir im Hause zu, und zwar waren es die Aogg. Paasche, Speck und Gamp, die sich ausdrücklich auf meinen Standpunkt stellten. Mittlerweile hat sich gezeigt, daß der wirkliche Reingewinn der Süststofffabrikanten höher war, als bei der Normierung der Ablösungssumme angenommen war. Es müßte also styl noch nachträglich die Abfindungssumme erhöht werden.
Sck>atzsekretar Frhr. von Stengel: Ich stehe dem Gedanken« gang des Vorredners wohlwollend gegenüber, kann mich ihm aber nicht ohne weiteres anschließcn. Tie Tendenz der Reichstagsresolution vorn 14. Mai 1904 ging dahin, den kleinen Süßstoffhändlern entgegenzukommen. In zahlreichen Fällen sind auch aus VilligkeitZgründen Entschädigungen gewährt worden. Am allerbesten könnte man die Härten des Gesetzes aus der Welt schaffen, indem man -'ne vorhandenen Bestände durch das Reich ankaufte. Tas ist durch ein Rundschreiben der Regierungen den betr. Händlern mitgeteilt worden. Doch sollte nur der niedrigste Preis gezahlt werden. Tas wollten aber die Händler nicht. Die Händler haben darauf spekuliert. Dafür sprechen folgende interessante Bah.»ii In den Monaten Februar und März 1902 sind 1600 Kg. Süßstoff eingeführt worden, in den gleichen Monaten des Jahres 19u3 aber 46 000 Kg., also. 3 0 mal so viel! (Hört! hört!) Das läfrt tief blicken! Die Händler hatten % Jahr Zeit, sich auf die Wirksamkeit des Gesetzes vorzubereiten. Wenn sie trotzdem in zwölfter Stunde so große Massen ankauften, was wollten sie dann damit? Mit dieser Spekulation haben sie fick' aber geirrt. Ter gan^e Vorgang erinnert an das Kartenspiel „Schwarzer Peter". (Heiterkeit) Jetzt läßt sich nichts mehr machen. Die Entschädigung beruht auf Gesetz. Berücksichtigen must man, daß der Saccharinpreis ohnehin eine sinkende Tendenz zeigt, die Fabrikanten also auch ohne Gesetz nicht mehr viel verdient hatten. Eine Novelle einzubringen, halte ich zur Zeit nicht für geboten. Doch will ich mich durchaus nicht festlegen. Wenn es sich zeigen sollte, daß durch ein neues Gesetz die Sachlage wirklich gebessert werden könnte, will ich mich persönlich den Anregungen des Herrn Dr. Hermes keineswegs verschließen.
Abg. Dr. Spahn (Ztr., zur Geschäftsordnung): Zum Reichsamt des Innern haben wir die Resolution gestellt, den Reichskanzler zu ersuchen, die Bemessung des Wohnungsgeldzuschusses den gestiegenen örtlichen Wohnungsmietpreisen entsprechend unter besonderer Berücksichtigung derjenigen, welche mit Familienangehörigen einen Haushalt führen, neu zu regeln. Nach den Erklärungen des Schatzsekretärs bei der ersten Lesung, daß 'er mit^einer Novelle zum Wohnungsgeldzuschuß-Gesetz beschäftigt sei, gehört diese Resolution zum Etat des Reichsschatzamts, und ich beantrage, die Beratung der Resolution jetzt vorzunehmen.
Das Haus stimmt dem Anträge, die Beratung der Resolution jetzt vorzunehmen,' z u.
Abg. Dr. Hermes führt au8, daß er für Spekulanten nicht eingetreten sei. Durch das Süßstoffgeseh seien aber viele Leute ihrer Eristenz beraubt, und die müßten entschädigt werden.
Abg. Kirsch sZentr.s wünscht eine Aenderung des Münz- gesetzes, namentlich müßten die Fünfzigpfennigstücke eine andere Gestalt erhalten, damit sie nicht mit den Zehnpfennigstücken verwechselt würden. Der Staatssekretär möge ferner die Reichskasse anweisen, neu geprägte Münzen aus allen Bundesstaaten der Reichstagskasse zuzuführen, damit die Reichstagsmitglieder sie da einwechseln könnten, namentlich die neu geprägten Denkmünzen. Wünschenswert sei es allerdings, daß die Denkmünzen etwas hübscher und künstlerischer ausgeführt würden, auch könnte man habet, wie eS früher die freie Reichschadt Frankfurt getan habe, wichtige künstlerische und literarische Vorgänge, z. B. die Schillerfeier, berücksichtigen. Redner befürwortet sodann die eben mit- geteilte Resolution. Der Wohnungsgeldzuschuß, namentlich für hie unteren Beamten, müßte erhöht werden, da die Wohnungsmieten fast überall, vor allem in den rheinischen Industriestädten, erheblich gestiegen seien. Nicht mehr als recht und billig sei es, daß dabei die verheirateten Beamten besonders berücksichtigt wür- ^n; er bitte deshalb den Schatzsekretär, sich mit dem preußischen FinanzmiNister ins Einvernehmen zu setzen, um die Forderungen her Resolution zu erfüllen.
Abg. Dr. Arendt (ReichSp.) steht der Resolution nicht un- chrnpathnch gegenüber. Wenn das Zentrum aber so erhebliche Anforderungen an die Reichskasse stellte, müßte cs auch für
neue Einnahmen sorgen. ES sei ein eigenartiges Schauspiel, daß Preußen in Geld schwimme, während in der Reichskasse Ebbe herrsche. Wohl noch kein Schatzsekretär sei in einer so schwierigen Lage gewesen, wie der fetzige, um so anerkennenswerter sei die Art, wie er sein Amt angetreten und bisher verwaltet habe. Gan/ schuldlos an der schlechten Finanzlage sei die Regierung allerdings nicht weshalb habe sie die Handelsverträge noch nicht gekündigt und den neuen Zolltarif noch nicht in Kraft treten lassen? Tin Grund zum Pessimismus sei aber nicht vorhanden, da wir uns in einer Periode des Aufschwungs befinden. Sehr bedauerlich ist es freilich, daß unsere Staatspapiere so schlecht stehen: -nährend die englischen Konsols, obwohl es dort nur 2!4prozentige gibt, hoch stehen. Sehr svmpathisch ist mir die Anregung des Abg. Kirsch, eine Schillerehrung durch Ausprägung einer Münze mit dem Schillerkopf zu veranstalten. Zum Schluß möchte ich in Sachen der von uns verlangten 3 Mark-Stücke wünschen, daß der Schatzsekretär das in dieser Hinsicht gesammelte Material uns öorlegte, damit wir selber eine Prüfung der Bedürfnisfrage vornehmen können.
Schatzsekretär Frhr. von Stengel: Ick kann auf alle Einzelwünsche nicht eingehen. Ter Hauptzweck der Münznovelle vom vorigen Jahr war der, die Klagen des Publikums über die Verwechselung des 50 Pf.- mit dem 10 Pf.-Stück verstummen zu lassen. Der Reichstag hat diesen Entwurf leider mit der Talerfrage verkoppelt, woran bann die ganze Novelle scheiterte. Wir werden nun zu seh en, wie wir ohne neues Münzgesetz den Bedürfnissen des Münzverkehrs gerecht werden können. Wir haben neue 50 Pf.-Stücke prägen lassen, die dem Ilebelstande hoffentlich abhelfen und in den nächsten Wochen zur Ausgabe gelangen werden. In der Talerfrage fanden und finden Erhebungen statt. Und zwar werden keineswegs nur die Handelskammern befragt, sondern auch die Landwirtschafts- und Handwerkskammern, die Inhaber der Warenhäuser und großen Schankhäuser usw. Tie Enquete ist noch nicht abgeschlosien. Sie will lediglieh die Bedürfnisse des Verkehrs erforschen; von irgend einer Verbeugung vor den Bimetallisten, wie es in einem Teil der Presse hieß, ist keine Rede.
Gegen die Ausprägung einer Schillermünze liegen währungspolitische Bedenken nicht vor; aber die Geschichte würde gegen 300 000 Mark kosten. Das ist freilich nicht viel, indesien für einen Schahsekretär in Geldnöten (Heiterkeit) immerhin etwas Zur Wohnungsgeldzuschuß-Resolution habe ich zu bemerken: Ich wermisse in der Resolution die Beschränkung auf die unteren Ve- amtenklassen. Wegen der Erhöhung des Wohnungsgeldzuschusses stehe ich in Verhandlungen mit dem preußischen Finanzminister. Wir müsien bei der Neuregelung konform mit Preußen vorgehen und müssen uns daher auf die unteren Klassen beschränken, wenn Preußen trotz seiner guten Finanzlage das tut. Die Erhöhung soll dann gleichzeitig mit der Neuregelung der Klaffeneinteilung am 1 April 1906 in Kraft treten.
Abg. Blell (freif. Volksp.s: Es hat sich herausgestellt, daß der Verkehr des Talers nicht bedarf. Es wäre daher verfehlt, ihn neu auszuprägen.
Abg. Jtschert (Zenir.): Die Zuwendungen an die .Kriegsteilnehmer erregen vielfach Unzufriedenheit, weil die Beamten, die damit betraut sind, die Verhältnisse zum Teil gar nicht kennen.
Abg. Dr. Müller (Sagan, freif. Vpt.): Sehr richtig! Es ist sehr zu begrüßen, daß jetzt wenigstens die Grundsätze für die Verteilung vereinheitlicht sind. Auf diese Art wird wenigstens der sonst nicht abzuweisende Verdacht beseitigt, es werde nach Gunst und Gesinnung verfahren. Der Anregung des Abg. Kirsch, noch häufiger Denkmünzen auszuprägen, könnte er nicht folgen, wir hätten schon eine Denkmalsseuche, da brauchte man nicht auch noch eine Denkmünzenseuche. Dagegen müßten mehr Zehnmarkstücke ausgeprägt werden, an denen ein Mangel herrsche.
Abg. Singer lSoz.) hofft, daß das Zentrum, das eine Schillermünze fordere, jetzt auch in Zukunft mehr im Geiste Schillers für die Volksfreiheit eintreten würde. In letzter Zeit seien wieder vielfach Klagen laut geworden, daß die Veteranen-Bei- bilfe aus politischen Motiven verweigert werde; dies sei doch eine Ungerechtigkeit ersten Ranges, die politische Gesinnung eines Veteranen gehe die Behörden gar nichts an. Tie Sozialdemokraten würden für die Resolution stimmen, obwohl sie sehr unbestimmt gefaßt sei und keine bestimmten Forderungen aufstelle.
Schatzsekretär Frhr. v. Stengel bestreitet es aufs entschiedenste, daß bei der Verteilung der Velerayenbeihilfe politische Momente mitspielten. Davon könne schon nach den vom Bundesrat aus* gegebenen Bestimmungen absolut nicht die Rede sein.
Abg. Frhr. v. Richthosen (fonf.) bestätigt au5 eigener Erfahrung die Darstellung des Schatzsekretärs. Niemals habe er bei der Zuteilung der Beihilfe nach der politischen Gesinnung gefragt. Die Berechtigung der Zentrumsresolution würde auch von seinen Parteifreunden anerkannt. Ehe man aber an eine Reform des Wohnungsgeldzuschusses herangehe, müßte durch eine umfassende Enquete der Wert der Wohnung festgestellt und eine neue gerechte Einteilung der Orte borgenommen werden. Zweifelhaft sei es ihm, ob es möglich sei, allein nach den persönlichen Verhältnissen den WvhnungSgeld- zuschuß zu bemessen, die Frage bedürfe jedenfalls noch der eingehenden Erwägung.
Abg. Hug (Zentr.) tritt lebhaft für eine Aufbesserung des Wohnungsgeldzuschusses für die Unterbcamteu ein.
Abg. Dr. Arendt meint, von der Zustimmung des Abg. Singer würden die Unterbcamtcn nichts haben, da die Sozialdemokraten doch die Mittel zur Durchführung der Resolution verweigern würden. Jedenfalls könnte man die Aufbesserung der Beamten nicht vornehme.!, ehe man die nötigen Mittel dazu habe. Herr Singer habe heute wieder, als er von der Pe.teranenbeihilfe sprach, verhetzend eüigcgriffcn, ohne den Beweis für seine Behauptung zu erbringen.
Abg. Goihein (freif. Vgg) verlang! eine vermehrte Ausprägung von Zehnmarkstücken, obgleich sie sich teurer stellten als die Zwanzigmarkstücke. Ties kleine Opfer müßte das Reich seinem Verkehrsbl'dürfnis bringen. Erfreulich sei es, daß der Schatz- l'efretär beute eine Bundesralsverorcmung verlesen habe, nach der bei Verteilung der Veteranenbeihilfe nicht nach der politischen Gesinnung gefragt werden dürfe. Trotzdem seien auch ihm auS feinem Wahlkreise viele Klagen zugegangen. So habe ein siebzig- jähriger Veteran in Greifswald die Beihilfe nicht bekommen, weil er vor Jahren einmal wegen Beleidigung bestraft sei, ein anderer habe sie nicht bekommen, weil er Vereinsbote des liberalen Bürgervereins in Wolgast fei. Angesichts solcher Tatsachen dürfe man doch nicht schweigen, und es sei nicht „verhetzend", wenn man so etwas hier vorbringe.
Abg. Patnq (natl.) führt au?, daß seine Partei einmütig daS Gehalt des Schahsekretärs bewilligen würde. (Heiterkeit.) Die Frage der Veteranenbeihilfe gehöre wohl mehr vor daS Kriegs- minnterimn. Natürlich seien auch seine Freunde dafür, daß bei der Verteilung keine Gesinnungsschnüffelei getrieben werden dürfe. Tie Zentrnmsresoluticn sei so nichtssagend, daß man sie, ohn» sich Schaden zu tun, ruhig annehmen könnte.
Abg. Dr. Arendt erklärt, Herr Gothein habe sich zum Wortführer für Herrn S'nger gemacht. Doch sei ihm der Beweis für seine Behauptung mißglückt. Nach den Bestimmungen des Gesetzes hätte in dem Greifswalder Falle gar keine Beihilfe gezahlt werden können, da dieselbe nur unbescholtenen Leuten gezahlt werden könne. Auch im Wolgaster Fall sei nach dem Gesetze verfahren, da Voraussetzung für die Zahlung der Beihilfe „Erwerbsunfähigkeit" und „Hilfsbedürftigkeit" sei, beides treffe aber doch bei einem Boten deS liberalen Vereins nicht zu.
Abg. Dr. Müllcr-Sagan erwidert, wenn Herr Dr. Arendt schon jemand, der wegen Beleidigung bestraft sei, von den Wohltaten des Gesetzes ausschlicßen wolle, so könne man nur sagen:
„Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage, Weh Dir, daß Du chi Enkel bist!"
Abg. Singer (Soz.) meint, er könne es ruhig bejn Urteil deS Hauses überlasten, ob er verhetzend gesprochen habe.
Abg. Grünberg (Soz.): Solange die Verteilung in den Händen der Gemeinden liegt, werde man es nie verhindern können, daß auch politifcte Rücksichten mitsprechen.
Abg. Graf Lriola (nl.J: Ich kann bei diesem Punkt wirklich »sicht in eine Polemik über diese Materie eintreten. In dem Gesetz steht ausdrücklich: „Ausgeschlosten sind Personen, die nach ihrer ganzen Lebensführung als unwürdig anzusehen sind." Das Wort „unbescholten" findet sich also nicht in dem Gesetz. Wir haben uns vor allem auf den Standpunkt gestellt, daß die politische Gesinnung unter feinen Umständen mitsprechen dürfe. Dagegen wäre e§ ein Fehler, wenn jener Absatz überhaupt nicht vorhanden wäre. Man fann doch nicht Gewohnheitstrinker, Zuchthäusler usw. noch mit einer Veteranenbeihilfe bedenken! Doch wollen wir die ganze Sache erst bei der Revision des Veteranengesetzes behandeln. (Seb* haftet Beifall.)
Abg. Jtschert (Ztr.) legt gleichfalls Verwahrung ein gegen die von Dr. Arendt beliebte Auslegung jener Gesetzesbestimmung.
Abg. Gothein (freif. Vgg.) gleichfalls. Er hofft, daß Herr Arendt selbst jetzt wohl schon einsehe, daß er mit seiner Interpellation bereinaefallen sei.
Abg. Werner (Antis.) bat einen Mann in seinem Wahlkreis, ser vollständig erwerbsunfähig ist sRheumatiSmus usw.s, trotzdem aber feine Unterstützung bekommt, weil er crfTärt haben soll, er sei nicht vollständig erwerbsunfähig. Derartige Anomalien müßten beseitigt werden. Man könnte genügend Geld haben, um alle zu befriedigen, toenn man sich endlich zu einer Reichseinkommensteuer entschließen wollte.
Abg. Dr. Arendt (Np.): WaS man mir zum Vorwurf macht, bericht ja nur auf einem Mißverständnis. Ich mißbillige ja jene Bestimmung, das habe ich durch zahlreiche Reden bewiesen. Aber solange die Gesetze bestehen, muffen sie auch befolgt werden.
Abg. Prinz zu Schönaich-Earolath snl.s: Das Krieasministerium bat mit der ganzen Sache gar nichts zu schaffen, sondern lediglich das Reichsschatzamt. (Sehr richtig!) Und dieses hat ja in der Tat seinen guten Willen gezeigt. Ich möchte darauf Hinweisen, daff in den letzten drei Jahren diese Veteranenbeihilfe allsährlich er* böht worden ist. Das bedeutet insgesamt eine erfreuliche Steigerung.
Der Krebsschaden des Gesetzes vom 22. Mai 1895 liegt in der unglückseliaen Bestimmung von bet „dauernden und gänzlichen" Er- werbSunrähigkeit. So lange diese Bestimmung nicht beseitigt ist, so lange w"rden alle die zahlreichen Wünsche und Beschwerden, die wir jahraus, jahrein vernehmen, nickst verstummen. Jemand, der heute noch im stände ist, irgend eine kleine Verrichtnna, irgend eine Handreichung oder was weiß ich zu leisten, fann wegen dieser un- alückseligen Bestimmung eine Unterstützung nicht erhalten. DaS ist höchst traurig und führt zu den allerunangenehmsten Komplifationen. Und es ist dringend zu wünschen, daß endlich das Gesetz nach dieser Rickstuna hin verbeffert werde. Hoffen !vir, daß dies bald geschieht. (Lebhafter Beifall.)
Hiennit schließt die DiSfussion.
Der Titel „Staatssefretär" wird bewilligt, desgleichen dec Rest des Etats des ReichsschatzamtS.
Die Zentrums-Resolution wird nahezu einstimmig angenommen.
DaS HauS vertagt sich auf Mittwoch, 1 Uhr. schäftsordnungSkommissionS-Be richte über Verweigerung von Strafanträgen gegen vier Mitglieder des Hauses. Etats des R e i ch s e i s e n b a h n a rn t s und deS R c ch n u n g §- h o s e S. P o st e t a L)j
Schluß 5% Uhr. ' .
Serichtssaal.
ft). Darwftadt, 16. Jan. In der letzteir Sitzung des Gerichts wurde gegen den disher unbestraften Gardisten Fr. Peter Gasterer aus Bad-Nauheim von der L Komp, des Jnf.-Regts. Nr. 115 hier wegen Betrugs und Urkundenfälschung veryandelt. Er mar seit September vorigen Jahres als Ordonnanz auf das Wach-- und Arbeils- rommanbo auf dem Uebungsplatz Griesheim tommanbiert und hatte als folcfer auch die Besorgung der Postgeschäfte auf dem Hauptpostamt hier. Am 4. November hatte er nun auch verschiedene Anweisungen gebracht und wurde vom Feldwebel beauftragt, eine Anweisung von 5 Aik., welche für den Kanonier Jöhte bestimmt war, diesem zu überbringen und sich 'den Betrag in das dazu vorgeschriebene Postlbuch quittieren zu lassen; statt dessen behielt er oerr Betrag für sich, nachdem er den 3tamcn des richtigen Empfängers im Postbuch gefälscht hatte. Da ihm sowohl vom Kom- pagnicchef, wie von oem Befehlshaber des Kommandos in Bezug aus seine Ehrlichkeit das beste Zeugnis ausgestellt wird unb er .sonst noch feine Strafen erlitten hat, werden ihm mildernde Unt- stänbc zugebUligt und er in eine Gesamtstrafe von 4 Wochen st r e n g e n Arrest verurteilt. Bon einer weiteren Gljrcnftrafc püH vorerst abgesehen.
— E in Seite n st.st ck z u m D ro e s; Berge r.. Ein neuer großer S en s a t i o n s p r oz e ß, der mehrere Tage anbauern wird und zu bem eine große Anzahl Zeugen unb Sachverständige geladen sind, beginnt am Mittwoch vor dem Schvnrgericht. des Landgerichts I Berlin. Angeklagt ist der Masseur Äiartm Kühler, der die bei ihm in Behandlung gewesene Frau Nada t u s in seiner Wohnung zerstückelt und die Lcichenteile in alle Winde zerstreut hat. 9?cben dem Angeklagten werden noch mehrere Männer und Frauen -auf der Anklagebank Platz nehmen, die bei dem dem Angettagten zur Last sagenden Verbrechen gegen die 88 218 unb 219 (Verbrechen wider das keimende Leben) des St.-G.-B. mit in Frage kommen. Die geaufigen Einzelheiten ,die in der Verhandlung zur Erörterung kommen werden, sind folgende: Am Freitag, den 1. Juni vorigen Jahres, gegen 8 Uhr nwrgens, sahen Arbeiter auf Charlottenburger Gebiet in einem VerbindnirgS-Schisfahrskanal der Spree, etwa 100 Meter von der Plötzenseer Brücke entfernt, den R n m p s einer wcib - lichen Leiche treiben. Tse angesdellte ärztlich-gerichtliche Untersuchung stellte fest, daß die Abtrennung des Kopfes, der Arme unb der Beine höchstwahrscheinlich cr)i nach 'Eintritt des Todes vorgcirommcn worden war. Die Getötete befand sich im dritten Monate der SchMrngerscltzift. Für einen Lustnwrd hatte die Ob Auktion keinerlei 9lnhalb"^nkte ergeben. Sonnabcilds wurden die
Arme unb Beine im schrecklichen Zustande unter MÄlHaufen auf- gelesen. Nach der ganzen Sachlage war anzunehmen, daß die Frau in einem geschlossenen Räume abgeschlachtet wurde. Alles wurde aufs sorgfältigste geprüft, aber die Getötete war und blieb unbekannt. Aus dem großen Wust der Anzeigen blieb enblidj nur die über eine Frau Radatus übrig, die seit einem Zahrc von ihrem Manne getrennt lebte Ein Dienstmädchen zeigte nach langem Befragen den richtigen Weg. Es hatte sich selblt einmal an den M a s seur Köhler gervandt unb ihn auch der vermißten J-ran empfohlen. Da nun Kühler auch noch veneiit war nnü seine Frau im Stich gelassen batte, so wußte man genug. Für die Beamten ,die die Ermittelungen leiteten, Itanb bald fest, daß sie, die mit einem mittlerweile verstorbenen Musiker ein Verhältnis gehabt hatte, jetzt zu ihrem Manne zurückkehren, aber erst gewisse Folgen beseitigen wollte, unter den .Händen Köhlers ihr Leben gelassen hatte. Am 9. Juni kehrte der Erwartete zurück. 9tach anfänglidKm Leugnen bekannte er sich zu der Tat. Er 'lx'dculptcte, durch seine Notlage auf den Weg deS Verbrechens getrieben worden zu sein. — lieber die Verhandlung werden lvir berichten.


