Ausgabe 
16.5.1905 Zweites Blatt
 
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größten Folgerichtigkeit geschieht, ist nur natürlich und eine der Segnungen des Militarismris. Dem Gesundheitssport verdankt England seine Kriegsersolge. Man muß in einem der englisch'redenden Länder gelebt haben, um den Sinn des dortigen .Halb feier tag ?s qan; zu begreifen. Der Sonntag gilt da wirklich der unbedingten Ruhe, der .Halbfeiertag der Vorbereitung darauf. Es ist die Zeit, welche beut Ar­beiter im Wocheuplane für die Erledigung seiner Privat­angelegenheiten, für seine häuslichen Pflichten, also nament­lich für seine Sorgen als Familienvater, zur Verfügung gestellt ist. Es ist, daher begreiflich, daß die Nationen im Besitze der absoluten Sonntagsruhe und des vorbereitenden Halbfeiertages diesen als eine stolze Kulturerrungenschaft betrachten. Die Jugend und der nicht mit Familie gesegnete Teil der Bevölkerung widmet den Halbfeiertag dem Frei­luftleben. )lmerika und England mit ihren kolossalen Groß- und Jndustriestadtbevölkerungcu haben bewunderungswür­dige Beispiele geliefert, was der Freiluftfeiertag für die Frischerhaltung der Nasse leistet. Auch die deutsche Sonn­tagsruhe wird ihren vollen Wert erst durch die Halbseier- tagsfreiheit erhalten. Es darf aber eines nicht übersehen werden. Unsere deutschen Städte sind für den Halbfeiertag noch nicht genügend vorbereitet. Es fehlt unseren Groß­städten an Parks und, wo sie vorhanden sind, an der Frei­heit, sie in Spiel und Erholung auszunuhen, durch nichts gegängelt, als durch das allgemeine Empfinden für Ord­nung und gegenseitige Rücksichtnahme. Weniger schon fehlt es an Wald, und die fortschreitende Ausbeutung elektrischer Fahrgelegenheiten wird mit der Zeit rasch genug das ihrige beitragen, um den Städtebewohner wieder zu einem Frei­luftmenschen zu machen. 2lber die Einsicht muß in der Kommunalpolitik sich erst noch zu einem maßgebenden Faktor entwickeln, daß jeder für Parkanlagen und Walderhaltung ansgegebene Pfennig eine Mark am Budget für Kranken­häuser, Lungenheilanstalten und Getränkepolizei erspart.

Delcassös Erbe.

Minister Delcasse muß den Rückhalt au der öffentlichen Meinung seines Landes bereits in beträchtlichem Maße verloren haben. Rennt man doch schon freimütig die Namen der für seine Nachfolgerschaft in Betracht kommenden Männer, der Botschafter tn Rom, London und Konstan­tinopel: Barröre, Gambon und Constans. Auf Grund einer zwischen dem Ministerpräsidenten Rouvier und Barrere stattgehabten Unterredung werden einstweilen diesem die meisten Chancen Anerkannt. Er ist der Träger eines durch die große Revolution berühmt gewordenen Namens und gilt als tüchtiger Diplomat. Eine Hinneigung zu England ist bei ihm bisher nicht bemerkbar gewesen. Wohl aber bei Mr. Gambon, der sich in Downing Street hohen Ansehens erfreut, und wohl auch als Minister des Auswärtigen in Fühlung mit den Staatsmännern an der Themse bleiben würde. Mr. Constans ist durch seine Betätigung am Gol­denen Horn alsDraufgänger" bekannt geworden, dem der Weg zum Ultimatum nicht kurz genug sein kann. Er hätte danach wohl am wenigsten Aussicht, die Erbschaft Delcasses anzutreten. Noch ist dieser aber vom Schauplatze nicht verschwunden, vielleicht hält er sich länger, als die um das Prestige der Republik besorgten Bürger wünschen.

Aus Stadt uud Land.

Gießen, 16. Mai 1905.

** Personalien. S. K. H. der Großherzog haben hem Schullehrer Beith zu Ockstadt, im Kreise Friedberg, auS Anlaß seines am 15. Mai stattgehabten 50jährigen Dienstjubiläums die Krone zum Silbernen Kreuz des Ver­dienstordens Philipps des Großmütigen verliehen.

Volksbildungskonserenz in Gießen. Bereits am 1. März und am 1. April hatten sich in Gießen Freunde des Volksbildungswesens und der Volkswohlfahrtspstege ver­sammelt, um die Gründung von Volksbildungsvereinen, Volksbibliotheken usw. in der weiteren Umgegend von Gießen zu besprechen. Das Ergebnis der letzten Versammlung war der Entschluß einer Reihe von Herren, an ihren Wohnorten geeignete Schritte zur Verwirklichung der besprochenen Pläne zu unternehmen und in einer weiteren Versammlung über die Ergebnisse ihrer Bemühungen zu berichten. Diese Versamm­lung wird nächsten Samstag, den 20. Mai, nachm. 4 Uhr, im Cafe Ebel in Gießen stattfinden. Besondere Behandlung wird in dieser Versammlung das Volksbibliothekswesen finden. Die Versammlung ist öffentlich und es werden hiermit alle Freunde der Volkswohlfahrtsbestrebungen und insbesondere des Volksbildungswesens zur Teilnahme eingeladen. Wer sich im voraus über Zweck, Aufgaben und Methode der neueren Volksbildungsbewegung unterrichten will, wolle auf­klärende Druckschriften von der Geschäftsstelle des Rhein- Mainischen Verbandes für Volksvorlesungen und verwandte Bestrebungen in Frankfurt a. M., an der Schmidtstube Nr. 7, verlangen.

Eine ungarische Geigertruppe wird lt. Inserat auf ihrer Weltreise auch hier am Montag, den 22. Mai, im neuen Saalbau gastieren. Große Abwechselung in Musik, Solo- und Chorgesang, außerdem choreographische Genüsse werden geboten. Reich an Lichteffekten und Verwandlungen ist die Aufführung: Ein Märchen aus 1000 und eine Nacht. Die Landestrachten, besonders die der Damen, sind schmuck­

voll und volkstümlich. Die Truppe hielt, wie sie mitteilt, einen wahren Triumphzug durch die Schweiz, die Nieder­lande, Frankreich re.

- Der Taunus-Klub Frankfurt a. M. passierte xm Sonntag vormittag gegen 7 Uhr in einer Stärke von etwa 200 Mitgliedern per Extra zu g unsere Stadt. In Caldern verließ man die Eisenbahn, um nach Biedenkopf zu wandern. Die Mitglieder der Oberhessischen Touristcnvereinc Marburg und Biedenkopf hatten sich der Wanderung ange­schloffen.

Das mißverstandene Glockengeläute. Ein heiterer Zwischenfall hat sich, wie man derOff. Ztg." schreibt, am letzten Dienstag gelegentlich der Schiller- feier in einem Dorfe des Kreises Offenbach ereignet. Als nämlich um 5 Uhr die Glocken der Dorfkirche die Sterbestunde des großen Dichters verkündeten, befand sich die Mehrzahl der Einwohner auf dem Felde. Da man den Sachverhalt nicht sofort erkannte, bemächtigte sich der Leute zuerst großes Erstaunen und dann jäher Schreck.Hört ihr's wimmern hoch vom Turm, das ist Sturm", so zog es wohl unbewußt durch die Seelen der Geängstigten, und mit dem Schreckensrufe:Es brennt!" stürzte alles dem Dorse zu. Dort eilte man zum Spritzenhause, holte die Löschgeräte hervor und jaate damit durck die Dorsstraßen, eifrig nach der

Brandstelle suchend. Einer brachte den anderen tn Ver­wirrung, bis endlich ein ausgeschickter Feuerwehrmann von der Kirche her, wo noch immer der Ton der Glocken erklang, zurückkam mit der Meldung, daß das Geläute dem vor hundert Jahren verstorbenen Dichter Schiller gelte. Nun beruhigte man sich endlich und ging wieder an die Arbeit. (Das Hess. Oberkonsistorium hatte allerdings ihre Anordnung etwas spät der Oeffentlichkeit angekündigt. Die Red. d. Gieß. Anz.)

(:) Krofdorf, 13. Mai. An Stelle des im Laufe des Winters so jählings aus dem Leben geschiedenen Försters Lukas ist der Forstaspirant Möller vom hiesigen Gemeinde­rat zum Gemeindeförster für Krofdorf-Gleiberg gewählt und von der Kgl. Regierung bestätigt worden.

§ Friedberg, 15. Mai. Das hiesige Postgebäude, das vor kaum 10 Jahren in der Nähe des Bahnhofs erbaut wurde, hat sich schon seit längerer Zeit als zu klein gezeigt; es genügt nicht mehr den Bedürfnissen unseres stets wachsen­den Verkehrs. Die Postbehörde beabsichtigt nun, entweder das jetzige Gebäude durch ein weiteres Stockwerk zu ver­größern oder einen Neubau in einem anderen Stadtviertel zu errichten. Da die alte Kaserne an das Postgebäude grenzt und sonst kein freies Gelände vorhanden ist, so muß nach 'achkundiger Ansicht entweder ein Ankauf benachbarter Ge­bäude erfolgen oder es ist ein Neubau erforderlich. Da die Angelegenheit sehr wichtig ist, so bat sich auch der Stadt­vorstand bereits mit der Frage beschäftigt. Im hohen Alter von 91 Jahren starb dieser Tage unser ältester Einwohner Josef Rumpf.

y. Büdingen, 14. Mai. Der Gesangverein Liederkranz tritt auf dem Gesangswettstreit in Vilbel mit zwei Gießener Vereinen (Bauerscher und Maschinen­bauer-Gesangverein) in Konkurrenz.

** Kleine Mitteil nnqen aus Hesse n und den N a ch b a r st a a t e n. Der MännerchorFrohsinn" zu Assen- heim, einer der ältesten Gesangvereine in der Wetterau, feiert am 9. Juli sein 60 jähriges Jubiläum. Aus diesem Anlaß findet ein G e s a n g s w e t t st r e i t statt, zu dem sich bereit 22 Vereine mit fast 1000 Sängern gemeldet haben. Auch Vereine aus Frankfurt, Gießen, Darmstadt re. nehmen teil. In Petterweil begeht nächsten Donnerstag Bürgermeister Berge? fein 30 jähriges Jubiläum als Oberhaupt. Die Vereine und Einwohnerschaft wollen bent Jubilar eine besondere Ehrung zu teil werden lassen. Die Gemeinde E ck a r t s h a u s e n bat die Erbauung eines neuen Schulhauses beschlossen. Nach dessen Fertigstellung wird eine neue Schulstelle errichtet Einen eigenartigen Unfall erlitt der Land­wirt Meininger. Er befand sich bei seinem kranken Pferd im Stalle, als dies plötzlich umfiel und M. unter sich begrub, der einen Schenkelbruch erlitt.

Verrutschtes.

Der Deutsche als Gatte. Eine Engländerin nahm jüngst das Wort über obiges Thema und führte etwa aus: Ich glaube, es ist nunmehr bestimmt erwiesen, daß im großen und ganzen der Teutone bei entsprechender Anleitung zu einem zweckmäßigen und fleißigen Gatten erzogen werden kann. (Nicht übel!) Der durchschnittliche Teutone ist eine häusliche, treue und lenksame Kreatur, die, wenn einmal verheiratet, der Gattin ergeben ist. Was die deutsche Haus­frau angeht, so ist sie gewiß so gescheit und erfahren wie die englische, die zwischen dem Frühstück und der Mittagsmahl- zei't nahezu nichts zu tun hat. Die deutschen Bürgerfamilien lieben die Frauen im geselligen Kreise, die englischen schließen sie nicht selten aus, wo die Gelegenheit günstig ist. Gute Musik spielt eine wichtige Rolle im Leben de8 Teutonen, und er scheut sich nicht, zwanzig bis dreißig Meilen zu reisen, um ein gutes Werk Shakespeares zu sehen. (Wohl etwas über­trieben!?) Es ist wahr, daß der Deutsche aber auch seine Schattenseiten als Gatte hat. Der Teutone hat ein Talent für Einzelheiten im Haushalt, das zuweilen zur Verzweiflung treiben kann. Ich erinnere mich eines Falles, wo ein wunder­schönes englisches Mädchen, das im Elternhause im Luxus ausgewachsen war, einen Deutschen heiratete und gleich in den ersten Tagen der Ehe ein Zerwürfnis dadurch herbei­führte, daß sie versäumte, die Schotenhülsen zu benutzen. Ihr Gatte wollte keineVerschwendung" dulden. Es ist dem Deutschen in gewisser Beziehung anzurechnen, daß er selten eine hastige und unvorsichtige Ehe schließt. Er sucht sich seine Gattin mit Sorgfalt aus, läßt sie ost die Probe einer sieben­jährigen Verlobung bestehen, aber ist ihr dann für das Leben ein treuer und bequemer Gefährte. Uns will es scheinen, daß die Stürme in einer Heirat zwischen einem Deutschen und einer Engländerin ziemlich häufig sind und in der mangelhaften häuslichen Erziehung des englischen Mädchens ihre Erklärung finden. Zu seinem Erstaunen wird der deutsche Ehemann gewahr, daß seine junge Gattin von den Pflichten der Ehe keinen oder einen nur unge­nügenden Begriff hat. Ihre Kochkunst ist durchschnittlich be­schränkt, das Mädchen des Mittelstandes empfindet eg als eine Erniedrigung, waschen zu müffen, es kann weder stopfen, noch nähen ober gar die Handarbeiten verrichten, deren Kennt­nis die deutsche Hausfrau als einen Stolz empfindet. Die allgemeinen Kenntnisse der Engländer in der Mittelklasse sind mangelhaft, der geistige Verkehr der Gatten ist mit Schwierig­keiten verknüpft, die Ansichten weichen auseinander, und die Musik, die sonst den deutschen Haushalt verschönert, ist, auf englische Verhältnisse angewandt, kaum mehr als das Herunter­leiern von bekannteren Gassenhauern." Die Eingangsworte der Verfasserin besagen das übrige. In ihrem Versuche, den Gatten zu beherrschen, schlägt die an einen Deutschen ver­heiratete Engländerin gefährliche Wege em. Es bedarf aller Festigkeit des Mannes, um seiner besseren Hälfte das Törichte ihres Bestrebens klar zu machen. Wir übertreiben nicht, wenn wir sagen, daß viele Engländerinnen die schätzens­werteste Eigenschaft ihres Ehemannes in der Erwerbstätigkeit erblicken. . . .

* Wie es pommerschen Landlehrern ergehen kann, erzählt dieOstsee-Ztg.": Der Rittergutsbe­sitzer in einem Dorfe des Regierungsbezirks Köslin hatte eine Treibjagd veranstaltet, als Treiber sollten auch Schulkinder fungieren und diese erschienen bei dem Lehrer, um Urlaub zu erbitten, der ihnen jedoch verweigert wurde, da von der Regierung die Urlaubserteilung zwecks Teilnahme als Treiber bei Jagden verboten ist. Am nächsten Tage erschien der Gutssörster, auch jetzt mußte der Urlaub ver­weigert werden. Darauf schrieb der Rittergutsbesitzer persön­lich an den Lehrer und verlangte Urlaub für die Kinder zu landwirtschaftlichen Arbeiten". Der Lehrer antwortete in

einem Schreiben, daß er in diesem Falle die Benutzung zui Treibjagd mit der landwirtschaftlichen Arbeit identifizieren müsse, und verweigerte den Urlaub. Darauf kündigte der Rittergutsbesitzer dem Lehrer den Mittagstisch, den er bis dahin mit dem Inspektor zusammen erhalten hatte, bei den anderen Beamten erhielt er auch nichts, und selbst die Tagelöhner würden ihm schwerlich etwas verabfolgt haben. Nachdem der Lehrer in drei Tagen kein Mittag erhalten hatte, wandte er sich an die königliche Negierung mit dem Ersuchen, ihn zu versetzen, welchem Wunsche auch ent­sprochen worden ist.

* Seltener Besuch in der SiegeSalle. Zög­linge der Kgl. Blindenschule in Steglitz zogen, wie wir derVoss. Ztg." entnehmen, am Mittwoch nachmittag unter Führung zweier Lehrer und einer Lehrerin in der Siegesallee von einer Denkmalsgruppe zur anderen, um die Standbilder, soweit dies den unglücklichen Kindern möglich war, kennen zu fernen. Es war rührend, zu sehen, wie die vom Schicksal so schwer heimgesuchten Mädchen und Knaben die Sockel der Statuen, sowie die Büsten der Nebenfiguren mit lebhaftem Interesse betasteten und die Fragen der Lehrer beantworteten. Bei der Statue des Großen Kaisers war die in deutlichen Antiqua-Lettern ausgeführte Inschrift im Nu entziffert, aber das Standbild selbst konnte, da es für die Kleinen nicht erreichbar war, natürlich nicht zum Gegenstand der Wahr­nehmungen gemacht werden. Um so besser gelang dies bei den Büsten Bismarcks und Moltkes. Ein Kind nach dem andern bestieg die Marmorbank und fuhr mit den Finger­spitzen leise über Scheitel, Stirn, Brauen, Nase, Mund, Kinn, über Kragen, Nock und Hände. Die Lehrer stellten dabei ent­sprechende Fragen, die von ihren blinden Zöglingen prompt und rlchtig beantwortet wurden.Hat er am Kinn einen Bart?" fragte der Lehrer bei der Büste Bismarcks.Er hat dort feinen Bart," antwortete der kleine Junge, der auf der Bank neben dem Marmorkopf des ersten Reichskanzlers stand. Was hat er für einen Bart?" fragte der Lehrer weiter. Flugs tastete der Kleine nach der Oberlippe der Büste und antwortete:Einen Schnurrbart."Wo sind die Brauen?" war die weitere Frage.Hier," erwiderte das Kind, auf die betreffende Stelle an der Büste zeigend, und fügte hinzu:Die Brauen sind stark." Man merkte es den Kindern an, mit welcher Aufmerksamkeit und mit welchem Eifer sie mit den feinfühlenden Spitzen ihrer kleinen Finger über das Gesicht btc Büste langsam, gleichsam prüfend, fuhren, um von dem Marmorbild einen Eindruck zu erhalten. Dann zog die kleine Schar fröhlich wieder heim. Sie wird jedenfalls diese für sie neue historisch-patriotische Exkursion noch lange in der Er­innerung behalten.

* Der Kampf gegen den Alkohol in England. Der Kampf, der in England gegenwärtig gegen alle alkohol­haltigen Getränke geführt wird, hat durch den Vortrag, den Sir Frederic Treves, der bekannte Leibarzt deS Königs, diese Woche vor der Londoner Temperenzgesellschaft gehalten hat, eine neue starke Unterstützung gefunden. Sir Frederic sprach sich allerdings mit außerordentlicher Schärfe gegen den Alkohol aus, er sagte, es sei eben ein Gift, und wenn man es gebrauche, müffe man ebenso vorsichtig damit umgehen, wie mit jedem anderen Gift auch. Ja, man könne sogar sagen, es sei schlimmer als die meisten anderen Gifte; denn, wenn man vom Alkohol vergiftet sei, verlange man natur­gemäß nach dem Gegengift, das wieder Alkohol sei. Alle Reservekräfte des Körpers würden in Aktion gebracht, mit dem Resultat, daß, wenn der Körper einmal wirklich an­gestrengt werde, keine Reservekräfte mehr vorhanden seien. Er habe auf dem Marsch nach Ladysmith beobachtet, wie diejenigen Soldaten, die an Alkohol gewöhnt waren, aus der Marschkolonne ausgefallen seien, als seien sie besonders be­zeichnet gewesen. Jede Arbeit, die einen schnellen Entschluß und Geistesgegenwart verlange, müsse von vornherein den Gebrauch von Alkohol vollkommen ausschließen. Von anderer Seite wird diese Darstellung der Verhältnisse und Gebot der gänzlichen Enthaltsamkeit mit Recht als übertrieben angegriffen, aber es steht außer aller Frage, daß die Temperenzler ein gut Stück Kapital für ihre Sache aus dieser Rede ziehen werden. Die Fortschritte, welche die vollkommene Abstinenz hier in England macht, sind in den letzten Jahren überhaupt viel größer geworden, besonders auf dem Lande, und es scheint, daß je mehr man in entlegenere Distrikte kommt, desto größer die Zahl der Wirtshäuser wird, an denen mit großen, weithin lesbaren Buchstaben angeschrieben steht, daß dort keine geistigen Getränke verschänkt werden. Manchmal kann man bei Rad­partien Meilen und Meilen durch Dörfer und größere Ort­schaften fahren, ohne auch nur ein einziges Bierhaus anzu- treffen. Meistens werden die Besucher in witzigen Versen darauf aufmerksam gemacht, daß keine alkoholhaltigen Getränke verschänkt werden. Oder man kann es gleich auS dem Namen erseh n. Da ist z. V. eines der berühmtesten Gasthäuser in Hertfordshire, das schon Jahrhunderte bestanden hat und unter dem NamenDer Fuchs" weit und breit bekannt war. Jetzt, seitdem eS dort kein Bier und keinen Schnaps mehr giebt, heißt das GasthausDer alte Fuchs, dem die gefährlichen Zähne auSgezogen sind". Jeder weiß dann, was das be­deutet, und wenn er dann noch immer ein Verehrer deS Alkohols ist, dann muß er eben eins weitergehen. Manche Wirte schlagen auch die goldene Mittelstraße ein. So ein anderer in Hertfordshire, der an feinem Wirtshause ein großes Schild angebracht hat, auf welchem die folgenden Worte stehen:Zur Kenntnisnahme und Richtschnur für diejenigen Gäste, die mit einem bescheidenen Maße von flüssigem Stoff nicht zufrieden sind, weist der Besitzer auf unbegrenzte und ununterbrochene Lieferung seitens zweier in der Nähe befind­lichen Flüßchen hin."

* Die Geschichte der Butter. Der Ursprung der Butter ist zwar unbekannt, scheint aber bis in sehr frühe Zeiten hinaufzureichen. In der Bibel findet sich die erste Erwähnung dieses Nahrungsmittels schon im 18. Kapitel der Genesis, wo Abraham den drei Engeln, die ihm die Geburt des Sohnes verheißen, unter anderem Butter und Milch aufträgt. Später sagt Prophet Jesaias (Kapitel 7) vom Sohne Davids, daß er Butter und Honig essen werde, und weiterhin:und wird so viel zu melken haben, daß er Butter essen wird." Die heiligen Bücher der Inder, die Veden, die etwa 1500 Jahre vor unserer Zeitrechnung ent­standen sind, sprechen auch bereits von der Benutzung der Butter bei gewißen religiösen Zeremonien. Es hat danach