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13.11.1905 Erstes Blatt
 
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Dem siebener Anzeiger werben im Wechtel mit bem hessischen Landwirt Me Lietzener Zamilien» Witter viermal in der

Woche beigelegt.

IRotatumSbrud u. Ver­lag bet Vrü h l'sehen Univerf.-Buch-u. Stein- b ruderet. R. Lange. Nebaltion. (irvcbuioe und Druckerei:

Lchulsl ratze 7.

fRebatnon e=S-) 112 Verlag u.Exped.e-^öl Jlbrefie für Deoeichen:

-lnzetqer Gießen.

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Erstes Blatt.

Montag 13. November 1905

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er i twortttch Hit oe. oolit. und aflaem.

General-Anzeiger

155. Jahrgang

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Eietzen

Die Keutiqe Kummer umfaßt 10 Seiten.

Polnische Wochenschau.

Gießen, 13. Nov. 1905.

In seinem grasten sozialen RomanK lein D o r r i t", von fam uns der Gießener Theaterverein am nächsten Freitag (in paar bramatisierte Ktetiitel vorzufetzen beabsichtigt, spottet Tickens, brr geniale britische Humorist, über gar viele Dinge: über schwerfällige nnb unkluge Gerichtsbarkeit, über teils schlappe unb teils inhumane Gefängnisverwaltung, über brr Reickwn f'^rtbrrjigfeit, über verknöcherten Dureaukratismus, Aemtcrver- efbiing, verkehrte Afndererziebung, und vielerlei anderes, was uns nicht angeht, aber auch über manches, was ganz speziell für rns geschrieben zu sein scheint, so z. B über städtische Straßenreinigung, über die unabsehbare Lang­wierigkeit von Zivilprozessen, über die Kunst der Parlamente,bei allem, hxi5 zu tun notwendig ist, zu aller- erft zu ergründen, wie es nicht zu tun sei." Der mit schiefen Spötteraugen um sich schmtende Dichter er-ähst von einem Amt, dem er den Namencircumlocution-office, Amt der Um- srlmrife ober Umstänblichkcitsamt, gibt, daß es der n ichtigste Zweig der Verwaltung sei. Die T^ronrefa bei Eröffnung brr Sitzungen besage im wesentlichen:Meine Herren, Sic haben eine wichtige Arbeit vor sich, indem Sie sich b.iTÜber verständigen müssen, wie es nicht zu tun sei". Ebenso besage am Schluß brr Schlingen die Abschiedsrede:Sie haben mit großer Selbst- rrleugnung und anerkennenswerter Vaterlandsliebe in diesen erbeitsvollen Monaten mit treuem Fleiße herausgcfunden, wie (s nicht zu tun fei". Wenn sich aber eigensinnige Wühler er­leben, um ihre Behauptung zu verfechten, daß die Kunst brr Parlamente darin beste hm wüste, etwas zu tim, dann beweisi bem ehrenwerten Mitglied von brr Gegenpartei ein edler Peer haarklein, das; seine der rückschrittlichen Negation Ijutbü i -nde Ansicht niemals so fest auf breitem Rechtsboden gestanden l» be, als in der angeregten Frage; wer daran zweifele, sei schlimmer als ein Atheist. Haben wir in Hessen nickst auch so ein NmständlichkeitSamt? Wem anderes haben wir cs zu verdenken, als far ersten Kammer, diesemVarl am ent her Umschweif e", die in keinem anderen Bundesstaate so sehr ntm der Göttlichkeit ihrer Sendung durckbrnngcn ist, als gerade fai uns, daß die Wahl- und die Steuerreform in die Rumpel- !immer geworfen wurden, daß wir nach Baden mit neidischen -lugen blicken, selber aber immer noch nach altem abgestandenem Wehlunrecht wählen müssen? Neben unscrm Wahlgesetz bedarf »ar allem die erste Stemmer einer Reform von Grund auf. Diese Reform durchzusetzen muß eine der obersten Aufgaben unserer dem­nächst neu aufzufrischenden zweiten Kammer sein.

Die hessischen Sozialdemokraten haben beschlossen, bei den LandtagSwehlen überall da, wo sie selbst ferne Aussicht us Erfolg bnben, des linksstehende Bürgertum zu unterstützen Man kann sich nur sehr schwer vorstellen, daß solche Entschließ­ungen für die künftige Politik der sozialdemokratischen Gc- ssamlvartei bedeutungslos bleiben sollten.

DerV o r w ä r t s"-S k o n d g l lehrt, daß die Parteimoral herGenossen" zu einer sehr kritischen Stelle gelangt ist. Eisners "!iemÜbung, die Reinheit der Grundsätze zu wahren gegenüber der Gewalt, die sie verletzt, kann nur mißglücken. Die Literaten hieben in der Parteibewegung zu isoliert: gegen die brutale Wirk­ung der Mittel, welche gegen sie ausgesviclt werden und noch :werden können, besitzen sie keinen Rückhalt, nicht jeder sozial- idemokratische Literat ist ein Lassalle.

In Bayern bat die zweite Kammer zur Wahl- .g e s e tz v o r l a g e dierelative Mehrheit" und auch in erster .Lesung das ganze Gesetz angenommen.

König Alfons weilt zum Besuche einiger deutscher Mon- areben in Deutschland Neun Tage dauert der Besuch, imb bem G'ste werden Zerstreuungen und Unterbaltunnen mannigfacher Art geboten. Die Madrider Zeittrngen haben sich darüber auf­geregt, daß dieNorfa. ANg. Ztg." abfällige Bemerkungen über die cng"blich bevorstehende Verlobung des jungen spa­nischen Königs mit einer deutschen Prinzessin gebracht habe und sie h'ben daran politische Betrackstungen geknüpft, die auf einen engeren Anschluß an England und Frankreich hinmislaufen. Nun htt ab.r die ..Nordd. Mg. Ztg." tatsächlich über d'e angeblichen Verlobungsabsichten des Königs kein Dort geschrieben und auch in anderen deutschen Blättern haben verletzende Aeußerungen der ermähnten Art nicht gestanden. Die Madr-far Presse ist also getäuscht worden. Man braucht diesen Zwischei ll nicht sehr tragisch z". nehmen, aber er ist ein kleine? und nicht uninter­essantes Svmvtom zu vielen anderen und größeren, die man beobachten kann faffrr, daß in der internationalen Presse, nicht nur in der englischen und amerikanischen, eine planvolle Verhetzung gegen Deutschland besteht, die mit un­geheuerlichen Gerüchten und gelegentlich auch mit direkten Fälsch­ungen arbeitet. In diesem Falle scheint es Leute zu geben, die sich sogar übet den freundlichen Verlauf des Besuches des Königs von Spanien am Berliner Hofe aufregen und die. um die Stimmung in Spanien zu beeinffussen, einfach eine Kränk­ung fa5 Königs durch das offiziöse Blatt der deutschen Reichs- tegierrng erfunden haben.

Die Fleischteuerungsdebatte wurde auch in der ver­gangenen Doch? ohne Ergebnis weiter geführt. Eine in Gie­ßen abgefaltene landwirtschaftliche Versammlung brachte nick's als die aus vielen anderen deutschen Orten bekann­ten Resolu-ionen, im übrigen aber zwischen Produzenten und Händlern keinerlei Ausgleich. Bayern und Sachsen faben beim BundeSvat die Frage der Oeffnung der Grenzen in Anregung gebracht. Gegen den Vorschlag d-s Reickzskanzlers, die deutschen Städte möchten den Fleisck>ereibetrieb. bezw. Fleisckwerkauf organi» fieren unter Ausschaltung der Fleischer und Händler, regte sich vielf'cher Widerspruch.

Im rhein.-westf. Kohlenrevier ist die Beruhigung der Gemüter, die durch das neue preuß. Bergarbeiterschutzgesetz ge­bracht werden sosite, nicht eiugetreten. Die Bergleute klagen über die illoyale Anwendung der gesetzlichen Bestimmungen fas Berg- arbeitersckmtzgesetzeS, über die einseitige Diktierung einer Normal- arbeitsordw.ing, über die Beschränkung der Freizügigkeit und über die Votikottierung mißliebiger Arbeiter durch 'das Stiftern der Ucberweisrngsscheine. An den Fürsten Bülow hat die alte Siebencr- Kommission eine Petition gerichtet, die der Reichskanzler an den Handels'.ninister weitergegeben hat. Die Zechenverwaltungen sehen die erneut drohende Streikgefahr und forderten den Eisenbahn­fiskus drin^nd auf, dem Wagenmangel abzuhelfen, da dadurch ein weiter Moment der Schürung des Konflikts gegeben werde Dem Weg angel habe man es zu verdanken, wenn gegenrcärip die Mehrz .>( der Zechen ohne Kvhlenvsrräte sind. Durch den Wagenmangel mache sich der Eisenbahnf.Skus indirekt zum Mit fefodbigen, da der Kvhlenvorratsmangel bei der heute bis auf den

letzten Nerv angespannten Eisenindustrie von fanGenossen" als Streikstimulns ersten Ranges oufgcfafct wird. Außerdem habe der Wagenwcmgel unzählige Feierschichten hervorgerufen, wodurch der Boden zum gewaltsamen Ausbruch einer Bewegung sich vorbereitet und eine Stimmung erzeugt fabe, die gewöhnlich derartigen Streiks voransgefa. Auch im sächsischen Ko h l e n revier gilt die Lage für ernst. Gerade die unorganisierten Grubenarbeiter drangen dort zum Lohnkampf. Der Bergarbeiter­verband warnt vor voreiligen Schritten.

Oesterreich hat sein neuestes politisches Stadium, das derpassiven Resistenz", erreicht. Die Eisenbahnarbeiter streiken. Am SomStag empfing Min^stmpräsidcnt Baron von Gautsch eine Deputation der industriellen Verbände, die angesichts der Verkel/rsstörungen auf den Eisenbahnen die in fan Kreisen der Industrie herrschende Auffassung darlegte. Der Minister- Präsident bedauerte, daß mit dem Verlangen nach Crhähung der Löhne der Eisenbalmbediensteten eine Agitation für die Wahl - reformen verknüpft wurde. Die Regierung sei mit fan Arbeiten für eine Wahlreform beschäftigt, die auf moderner Grundlage beruhen und den Aa.svrückwn der Zeit genügen wird. Sacfa fas Reick>srates wird es fein, die Reform noch in dieser Wahlperiefa zum Abschluß zu bringen. Betreffs der ^fynfrage der Eisen- bahnbedicnsteten ist die Regierung enlschlo's.n, eine beträchtliche Summe für die Aufbesserung fas Personals sofort zu verwenden Unerläfififbc Voraussetzung sei die Rückkehr zur srengste" loyalen Pflichterfüllung. Selsten sich die V-dimsteten dieser Forfaw'na verschliesten, fei die Regierung entschlossen, ohne weiteren Auf- schi-b alle Mittel anzuwenden, um den Verkehr sickerzu stell en. Die Wirkung dieser Zusicherungen ist nicht cmSgeblieben. Führte doch in fan Wiener Staatsbahnhöfen das Rangierpersonal fan neugeregelten Dienst bereits in korrekter.Weise aus, alle Züge werden jetzt dort und auf mehreren niefarasterr. Stationen wieder ol/ne jede Verspätung glatt faföichert. Im Eifenbahnwinisteriuw fanden ferner <rm Samstag Verfandlungen mit den Vertretern der noch obüruiercnfan Eifmbahnbediensteten stolt. Es ist Aus fickst vorl'-nden, faß der gesamte Konflikt damnächst,völlig bei- gr(egt wird. Tie Regierung ist jedenfalls entschlossen, ihren ganzen Einfluß aufzubieten, um die von breiten Volksmasien gewünschten Reformen in dieser Saison durck^usctzen, und hofsl auf Erfolg. Wünscknm wir ihr mehr Glück als den vergeblichen Bemülstingen der hessischen Regierung in der Erfüllung farechtigter Volkswünsche. <

In Ungarn zeigt der alte tapfere und ehrlich liberale General und Ministerpräsifant Baron F-eiervarv große Entfckstosien- heit. daß von dem weitblickenden Minister fas Innern Kristoffv ausgearbeitete volkstümliche Wahlreckstsvrogramm vollständig durchzuftihren. TiSzas Opposition gegen ihn ist nicht mehr ganz gefestigt. . .

Frankreich hatte wieder einmal eme M i n i st e r kr i s e. Der Kriegsminister Brrteaur reichte seine Demission ein, und ihm folgten einige and-re Minister. Am Samstag besckstoh der Kabinettsrat. den Radikalen Trouillot, der Dizepräsifant der radikalen Linken ist, zum Beitritt in fas Ministerium cinzuladen. Trouillot übernimmt fas Ministerium fas Handels. D^r Han­delsminister Dobies übernimmt die Marine, während far Marine­minister Thomson fas Innere und dar bi5bmge Minister des Innern Etienne das Portefeuille d's Kriegs erhalt. Das Ministe­rium unter dem bisherigen Präsidium von Rouvior ist somit wieder vollständig. Ein Ausstaaü) der ftanzös. Hafenarbeiter nimmt an Bedeutung zu.

Rußland hat eine äußerst schwere Wocfa hinter sich. Sie brachte Finnland die Wioderfarstellung far Autonomie. Auch Russisch-Polen bemüht sich heiß um die B-willigung einer Autono­mie. General Trepow wurde in die nächste Umgebung des Zaren berufen und Witte zum Efaf d's neuen Ministeriums ernannt, dessen Bildung ihm gelungen ist. Eine Reihe von Gouverneuren unb höheren Polizeiheamten wurde entlassen. Greuelvofle Ju­denverfolgungen fanden in mehreren Städten statt. Eine furchtbare Meuterei der Matrosen und Soldaten verwüstete die Festung Kronstadt. Doch wurde die Empörung unterdrückt. Das Petersburger revolutionäre Arbeiter-Komitee hat be­schlossen, den achtstündigen Arbeitstag in ganz Ruß­land durck>zuführen. Man machte in einer Fabrik den Anfang und forfarte von der Direktion die (Einführung fas Achtstunden­tages. ?lls die Arbeiter eine abschlägige Antwort erhielten, führten sie ihren Beschluß aus. Das gleiche steht in vielen anderen Fabriken bevor. So wird denn die Erhebung möglicherweise von neuem erfolgen.

PaMiscke Uageyschan.

Die Ansprache des Kaisers an die Nekrnten bei deren Vereidigung am 7. d. 9)1. halte, wie nachträglich bekannt wird, folgenden Wortlaut:

Rekruten 1 Nachdem Ihr mir soeben den Schwur der Treue geleistet habt, gehört Ihr nicht ntehr Euch allem an. Ihr seid durch Eueren Eid ausgenommen worden in die große Familie, welche dazu berufen ist, dos Vaterland zu beschützen, wenn es in Geiahr ist, Ihr seid durch den Eid, den Ihr an­gesichts dieser glorreichen Feldzeichen abgelegt habt, mein ge­worden. Durch den Fahneneid habt Ihr eine große Verant­wortung vor dem höchsten Herrn übernommen, ich erwarte von Euch, daß Ihr Euch besten bewußt^ seid. Ich begrüße Euch als meine Soldaten. Mo es auch fein möge, gedenkt des Vorzuges, daß Ihr meinem Gardekorvs mit feinen großen und herr­lichen Erinnerungen aus Eurer Väter Zeit angehören dürst. Darum beneiden Euch viele, und Ihr könnt mit Recht stolz daraus sein, und deshalb seid stets Eures Fahneneides eingedenk! Bleibt ihm treu wie Eure Kameraden, welche im lernen Lande, weit von der Heimat, nun schon seit zwöls fDlonaten unter Ent­behrungen aller Art ihre P i l i ch t tun und einen schweren Kamps für das Vaterland und für deutsche Kultur kämpfen. Tas ist die Eigenart des deutschen S o l d a t e n , daß er w i 111 g dem Rufe seines Königs folgt, ohne Murren und Zagen, nur tm Vertrauen auf seinen König unb im Vertrauen auf seinen Gott, der den Rechtschaffenen nicht verläßt. Darum haltet auch s e ft am Gebet, denn der Ruf zu Gott gibt die Kraft, auch in schwerster Stunde, wenn man glaubt, es ginge nicht mehr, nicht zu verzweifeln, sondern mutig vorwärts zu schauen. Co tut Euere Pflicht in Gehorsam, dann wird auch der Dank und die An- erfenunng Euerer Vorgesetzten nicht ausbleibe Uebet euch in Selbstzucht unb seid nimmer müde tu Eurem heutigen Versprechen. Ter heutige Tag möge Euch allen in ernster und erhebender Erinne­rung fürs ganze Leben bleiben, zumal Seine Majestät der König von Spanien durch seine Anwesenheit bei Eurer Vereidigung das Gardekorvs, dem Ihr nun angchört, so hoch geehrt unb au5= I gezeichnet hat. Seine Majestät der König von Spanien Hurra 1 Hurra I Hurra!

Ein politischer Ckandalprozcß eigener Art scheint sich vorzubereiten. Bekanntlich besteht seit längerer Zeit ein scharfer Kampf zwischen der Münchener satirischen Wochenschrift ,SimpliztssimuS* iVerlag Alb. Langen) und den .Cittlichkeittzvereinen^, namentlich bereit Hauptvertretern Lic. 28eder»M.»Gladbach und Lic. Bohn in Elberfeld. Vor wenigen Tagen hat nun der zuletztgenannte in Bremen gelegentlich einer Versammlung gesagt, daß durch die Inserate im SimplizisnmuS .Schmutz ins Land ge­tragen werdet Daraus erklärt jetzt Albert Langen in eine? Beilage desSimplizissimusi:

Der Simplizifstmus hat, wie ich nachweisen kann, seit Jahren jedes auch nur anstößig erscheinende Inserat strenger zurüdge- ivicfcn, als selbst konservative Farnilienblatter. Richt etwa aus Prüoerie, sondern weil er als politisches und soziales Kampfblatt oerlogcncn Muckern nicht ein billiges Agitations- mittel tu die Hände geben wollte. Wenn der Licentiiat Bohn trotzdem dieses Tiittel gebraucht, so lügt er. Wenn er den Mut hat, mich zu verklagen, so rociic ich ihm die Lüge nach und be­richte an dieser Stelle über den Ausgang des Prozesses."

Der angegriffene Generalsekretär der Stttlichkeitsvereine wird kaum anders können, als die angebotene Klage anzu» nehmen.

Kirche und Schute.

Frankfurt, 11. November. Die Magistratswahl- Kommission beschloß der Stadtverordnetenversammlung zur Wahl als besoldetes Magistratsmitglied den Oberstudien. bireftor Tr. Iuliu 8 Ziehen aus Berlin zu empfehlen unter Bewilligung eines, seinem jetzigen Tiensteinkommen ent­sprechenden Änfangsgebaltes von jährlich 9)?. 10,600. Dr. Ziehen war früher Oberlehrer am Goethe-Gymnasium und wurde 1899 Direktor des Wöhler-Nealgymnasiums. In letzterer Stellung war er nur breiunbeinhalbes Jahr tätig; am 1. Oktober 1902 trat er sein Amt als Oderstudiendtrektor beim Kommando des Kadettenkorps in Berlin an. Ihm fiel namentlich die Aufgabe zu, den Lehrplan der preußischen Kadetlenanstalten nach dem Frankfurter System umzuwandeln.E TaS ist jetzt soweit zu Ende geführt, daß nach dieser Rich* tting der Annahme der Wahl nichts im Wege steht. Dr^ Ziehen ist geborener Frankfurter. Er hat soeben Dr. OppelSj vortreffliches »Buch der Gltern* in neuer Auflage heran gegeben, (fßerlag von Moritz Diesterweg in Frankfurt.)

Hiflwcihulig des Schill rgedenksteins.

Gießens 13. November.

Trailßen vor der Stadt, am Trieb, stehen auf einet. Anhöhe, von der man weit hinausschaut in die hessischen Lande, drei Bätune, von Gießens Bürgerschaft, die allezrik freien Sinn und freies Wort als beste Bürgertugend zu schätzen wußte, drei Vorkämpfern der deutschen Freiheit zum. ehrenden Gedächtnis gepflanzt: Tie Lutherciche, die Schiller* eiche und die Blumlinde. Gepflanzt wurden die Bäume in den Tagen hochgehender Begeisterung für die Männer, deren Namen sie tragen, und vielen der älteren Mitbürger sind sie eine liebe Erinnerung geblieben. Aber die Tage der Be­geisterung wichen Jahren rastlos hastender Arbeit und so tonnte es geschehen, daß diese Wahrzeichen allmählich mehr und mehr in Vergessenheit gerieten und immer seltener ge* nannt wurden. DaS gilt leider auch von der Schillereiche, die in dem Schillerjahr 1859, als sich unsere Väter nach langer Zeit dumpfen Druckes wieder darauf besannen, daß der Begriff Deutschland mehr sei als ein rein geographischer Begriff, von den Gießener Burgern den Manen des deutichesten Dichters geweiht wurde. Wie überall in deutschen Landen, wurde auch in Heffen und nicht zuletzt in Gießen jene Schillerfeier der Ausgangspunkt eines immer mächtiger werdenden Sehnens zur Wiedererlangung eines einigen deutschen und freien Vaterlandes und nach wenig mehr al8 einem Jahrzehnt wurde dieses Sehnen gestillt. Das neue deutsche Reich brachte den ungeheueren Aufschwung der materiellen Kultur, besten Früchte wir jetzt genießen dürfen, aber auch, da jedem Lichtbild auch seine Schatten nicht fehlen, den scheinbaren Rückgang des idealen Sinnes im deutschen Volk, der es bis dahin in allen Irrungen und Wirrungen begleitet hatte als fein guter Geist, als der Jungbrunnen^ aus der das Edelvolk der Erde die Kräfte geschöpft hatte, di« seine Wiedergeburt berbeiführte. Aber nur scheinbar war dieses Schwinden der deutschen Ideale der geistigen, politischen und religiösen Freiheit und wie das Schillerjahr 1859 der Ausgangs­punkt der nationalen Begeisterung wurde, so wurde das Schiller* jahr 1905 Anlaß zum lauten Bekenntnis, daß die Ideale, die ec dem deutschen Volke in begeisterten Worten verkündigt hatte, ihre lebendige Kraft erhalten haben. Und so beging denn unser. Vaterland und nut ihm unsere Vaterstadt vor wenigen Monaten abermals seine Schillen'eier, und überall konnte man mit dem Wiedererwachen der Schilleroerehrung auch baS GebachtniS an bie erste Schillen'eier ausleben sehen. So auch in Gießen. So siel benn ber im Mai b. I. im Gieß. Anz. ausgesprochene Gebanke, bas Andenken an bie Schillerfeier von 1859 burch Errichtung eines bleibenben GedenkzeichenS wach zu halten und damit ber Nachwelt zu zeigen, daß Schillers Gedächtnis auch im Schillerjahre 1905 hier würdig begangen wurde, auf guten Boden. Der rührige Verkehrs- verein stellte bereitwillig die Mittel zur Verfügung zur Ver­wirklichung dieses Gedankens und bie Gießener Turner- schäft unternahm -s. biefe bürgerliche Echillerfeier würdig