Ausgabe 
13.7.1905 Erstes Blatt
 
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tatg, einen Teil der Verpfle gnngsgelder unter­schlagen zu haben.

Das ganze -Andreiviertel in Kielce (Polen) steht in Flammen. Das Dorf Bukaus^aja wurde eingeäschert. Desgleichen vier Militärdepots in Nossow. In Kobryn wurden 104 Häuser, das Polizeiamt und viele Geschästs- lokale nieder gebrannt.

Aus Minsk wird berichtet: Der Ausstand der Fabrik­arbeiter ist allgemein, alle Läden sind geschlossen, der Be­trieb der Straßenbahn ist unterbrochen. Tausende von Aufständischen durchziehen die Straßen.

Das provisorische Kriegsgericht in Kiew verurteilte den Kosaken Kasakow zum Tode. Er hatte in Krement- schug mit zwei Kameraden den Kosaken ob erst Kulow auf offener Straße ermordet. Kasakows Mitschuldige wurden zu lebenslänglicher Zwangsarbeit in den Berg­werken von Sibirien verurteilt.

In Kobryn im Gouvernement Grodno hat eine Ver­sammlung christlicher Gutsbesitzer beschlossen, eine Petition behufs Gewährung der Gleichberechtigung an die Juden einzureichen.

Die revolutionäreBewegungin Tiflis dehnt sich mit außerordentlicher Schnelligkeit aus; blutige Un­ruhen stehen für diese Tage allem Anschein nach bevor. In der Vorstadt Awlabar wurden auf einen Polizeileut­nant drei Schüsse abgefeuert, die diesen tödlich verwun­deten. Bald darauf wurde aus einem Wagen im belebtesten Viertel der Stadt von einem als Studenten gekleideten In­dividuum eine Bombe geworfen. 15 Personen, darunter einige Polizeibeamte, Frauen, Kinder, wurden getötet. Der Täter ist verhaftet worden.

Aus Tiflis wird berichtet: Am Dienstag abend wurde ein Arbeiter verhaftet, bei dem 52 Bomben gefunden wurden, ebenso ein junges Mädchen, welches sich im Be­sitze von drei Bomben befand. Weitere 57 Bomben wurden bei einem Arsenalarbeiter aufgestmden.____________

Der Krieg.

Vom Kriegsschauplätze in der Mandschurei.

Petersburg, 12. Juli. (W. 23.) General Line­rn i t s ch meldet in einem Bericht vom 10. Juli folgendes: Am 9. Juli näherten sich zwei japanische Kompagnien, aus der Gegend von Aarlungchen kommend, unseren bei Schi- miaotse stehenden Vorposten. Nachdem diese Verstärkungen erhalten hatten, zwangen sie den Gegner durch Gewehr­feuer zum Rückzug.

Sachalin.

Laut weiteren Meldungen des Generals Linwitfch ^vurde die Militärstation Korsakows k (auf Sachalin), nachdem sämtliche vomNovit" herstammenden Patronen verschossen waren, aufgegeben. Die feindliche Flotte eröffnete das Feuer auf die Station. Die Küsten­geschütze wurden gesprengt, alle Vorratshäuser verbrannt. 2luch in den befestigten Stellungen von Sol- wienke wurde eine Abteilung durch japanische Torpedoboote beschossen. Sie zog sich nordwärts zurück.

Rußland rüstet wieder?

DemStandard" zufolge ist Rußland fest entschlossen, was auch kommen möge, jeine Rüstungen wieder aufzu- nehmen. Es finden augenblicklich Versuche statt über die Widerstandsfähigkeit von Panzerplatten sowie über die Wirkung eines neuen Explosiv st offes, den die russischen Ingenieure Popow und Nakhimow erfunden haben. 20 Kreuzer und 8 Panzerschiffe sollen neu ge­baut werben, die Ausgaben hierfür werden 2 6 0 Mill. Mark betragen. Schwierigkeiten werden hinsichtlich der Mannschaften bestehen. Es heißt aber, Rußland werde ausländische Matrosen anwerben. Das Blatt fügt hinzu, daß, wenn die Revolution in Rußland fortdauere, Rußland versuchen Werde, wenigstens seine Macht zur See wieder zurückzuerobern.

Die Friedens-Verhandlungen.

In den russischen leitenden Kreisen herrscht immer noch große Unentschiedenheit über das Maß dessen, was bei den Friedensverhandlungen den Japanern zugestanden werden dürfe. Es machen 'sich von neuem' Stimmen bemerkbar, die an jedem positiven Ergebnis verzweifeln. Nach einer Petersburger Meldung, die über Paris kommt, erreichte Lamsdorff beim Zaren, daß anstatt des auf höhere Weisung krank gemeldeten Botschafters M u r a w i e w der vertrante Freund Wittes P o k o t i l o w mit Baron Rosen nach Washington gesandt wird. Dazu wird bemerkt, daß die sehr umfangreichen Instruktionen für Murawiew so unbestimmt lauteten, daß der genannte Di­plomat an dem Gelingen seiner Aufgabe verzweifeln müßte. In diesen Instruktionen heißt es beispielsweise:Niemand hat das Recht, von einem besiegten Rußland zu sprechen. Wir haben noch unerschöpfliche Hilfsmittel, niemals werden wir in die Schleifung der Befestigungen von Wladi- w o sto k mittigen." Und doch glaubt man zu wissen, daß dies eine unerläßliche Friedensbedingung Japans ist. Der Petersburger Korrespondent desEcho de Paris" zitiert folgende bezeichnende Aeußernng einer hohen Persönlich­keit:Was wollen Sie? Bei uns kann man feinen Krieg führen und vom Friedenwachen versteht man auch nichts."

Nach einer anderen Meldung, die W. T.-B. aus Peters­burg bringt, soll Witte selbst als Friedensbevollmächtigter in Vorschlag gebracht worden sein; die Entscheidung hier­über sei jedoch erst in einigen Tagen zu erwarten.

Wie man auch ans Washingtoner Meldungen deutlich erkennen kann, ist die japanische Regierung noch immer sehr mißtrauisch gegenüber den Absichten der russischen Regierung in der Friedensangelegenheit. Die Japaner sind noch nicht überzeugt, daß die Russen den Frieden wirklich herbeiführen wollen. Amerika hatte einen Waffenstillstand während der Dauer der Friedensverhand­lungen vorgeschlagen, damit überflüssiges 23lntvergießen vermieden werden sollte. Die japanische Regierung hat nun der amerikanischen bekannt gegeben, daß der Kaiser von Japan in keinen Waffenstillstand einwilligt.

Der Newyorker Berichterstatter desStandard" meldet itnterm 11. Juli: Während der letzten 24 Stunden erneuerte Rußland die Vorstellungen zu gunsten einer Waffenruhe. Ich verletze fein Geheimnis, so sagt der Korrespondent des Blattes, wenn ich sage, Rußland wünscht, daß mehrere Brigaden u nverzüglich die Heimkehr antreten. Die stereotype Antwort Japans war, daß die Waffenruhe nach der ersten Lesung der Friedensbedingungen sofort von den Bevollmächtigten angenommen werden würde.

China.

Die Forderung der chinesischen Regierung, bei den Varhand- fintgcn in Washington zugelassen zu werden, stößt, wie schon ge­meldet, bei Japan auf Widerspruch. Die Gründe dieser önftung werden in einem Kabeltelegramm aus Shanghai wie folgt dar­gelegt: Der japanische Gesandte in Peking hat gegen das Ver­zügen Chinas, daß es bei der Entscheidung über die Mandschurei gehört werde, darauf hingewiesen, China habe beim Ausbruch

der Feindseligkeiten anerkannt, daß die Mandschurei innerhalb der Operationszvne liege. Aus diesem Grunde feien weder das neutrale China, noch das-geschlagene Rußland berechtigt, betreffs der Mandschurei Arrangements zu treffen. Die chinesische Re­gierung ist sehr erbittert, daß Japan darauf besteht, daß die Friedensbedingungen festgesetzt werden, ohne China zu beftagen, das infolge dessen ganz der Gnade des siegreichen Japan aus- geliefert ist.

Die japanische Anleihe.

Berlin, 12. Juli. Die Zeichnungen auf die 4P° Proz. japa­nische Anleihe von 1905 (zweite Serie) sind wie verlautet, in Deutschland in so starkem Maße eingegangen, daß selbst tnif die Stücke mit längerer Sperrverpflichtung nur mäßige Be- träge zugeteilt, freie Stücke aber in noch geringerem Maße be­rücksichtigt toerben können.

Wien, 12. Juli. Bei der Anglo-östreichischen Bank sind hier und in den Filialen auf die neue japanische Anleihe 3 141 840 Psund Sterling gezeichnet worden.

Valiüsche Tagesschau.

Der Wahlerfolg des Zentrums in Bayern verspricht einen geräuschvollen Verlauf des diesjährigen Katholikentages. Pflegt doch ohnehin in den Berichten über diese Generalversammlungen die Bemerkung:Brausender, nicht enden wollender Beifall" häufig wiederzukehren. Dies­mal dürfte der gefeiertste Versammlungsredner des Zentrums, der derbe Bajuvare Dr. Schä dler, seinen größten Triumph erleben. Ist er es doch gewesen, der es soll sich sogar im Dom zu Bamberg ereignet haben das Wahlbünd­nis mit den Sozialdemokraten schloß, durch das die bayer. Liberalen jetzt an die Wand gedrückt wurden. Die Sozialdemokratie ist bei diesem Pakt nicht auf ihre Rechnung gekommen. DerVorwärts" setzt sich darüber mit der Bemerkung hinweg, die Genossen hätten sich nur widerwillig auf das Abkommen mit dem Zentrum ein­gelassen, und in Zukunft, nach der jetzt gesicherten Durch- ührung des allgemeinen gleichen direkten Wahlrechts würden ähnliche Wahlbündnisse nicht mehr nötig werden.

In Wirklichkeit liegt die Sache einfach so, daß die Sozialdemokratie vom Zentrum übertrumpft worden ist, daß sie der Partei des Herrn Schädler zu einem recht sicheren Sitz im Sattel verhalfen hat und selbst ver­urteilt ist, zu Fuß hinterdrein zu trotten. Auch Herr v. Vollmar, der Führer der bayrischen Sozialdemokratie, sindet, obwohl an Klugheit den Berliner Parteigenerälen weit überlegen, am Zentrum seinen Meister. Mit einem der­artigen Wahlerfolg der Klerikalen, der Entfesselung einer wahren Zentrums-Hochflut, hat Herr v. Dollmar schwerlich gerechnet. Und wenn auch die sozialistischen Blätter schreiben, dieverräterische" Politik der bayrischen Liberalen habe ihren Lohn erhalten, so erscheint es doch gerade vom Standpunkte der alleräußersten Linken fraglich, ob nicht die Politik der Liberalen sich für sie als das kleinere liebet erwiesen hätte gegenüber der nahezu unumschränkten Machtfülle, zu der das bayrische Zentrum mit Unterstützung der Sozialdemokraten jetzt aufgestiegen ist. Wir leben in einer Zeit des Kampfes um die Schule, und gerade Dr. Schädler ist, wie seine temperamentvolle Rede auf dem vorjährigen Katholikentage beweist, ein scharfer Gegner der von den Sozialdemokraten protegierten Simultanschule. Vielleicht läßt es schon der Ver­lauf des diesjährigen Katholikentages Herrn v. Vollmar be­reuen, dem Zentrum Schildknappendienste geleistet zu haben.

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Wechsel im Kriegßminister'mm?

Nach einer Meldung derHamb. Nachr." aus Berlin wird an zuständiger Stelle erklärt, daß die ungünstigen Nach­richten eines Berliner Blattes über den Gesundheitszustand des Kriegsministers jeder Begründung entbehren. Zu­treffend sei nur, daß sich der Minister wie im vorigen Jahre zur Kur in Kissingen aufhält. Nach von dort eingegangenen Nachrichten befinde sich der Minister so wohl wie irgend möglich.

Unser Berliner ^-Korrespondent bemerkt indes:

Richtig ist, daß General v. Einern seit geraumer Zeit voller Gesundheit ermangelt. Er hat, dem Vernehmen nach, die Folger: cineS' schweren Influenza-Anfalls, dem er im vergangenen Winter ausgesetzt war, noch immer nicht überwunden. Der Rück­tritt des Ministers dürste gleichwohl jetzt nicht in Frage kommen. Sollte aber der Kürgebrauch die erwartete Wirkung nicht haben, sodaß General v. Einem genötigt sein würde, im Herbst sein Amt niederzulegen, dann wäre das Bedauern wohl all­gemein. Denn Preußen hat seit den Tagen V e r d y s und Bron- sarts keinen sympathischeren Kriegsminister gehabt als Herrn v. Einem.

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Eine Reichstagsnachwahl.

In dem seit anno 1848 interessanten märkischen Wahl­kreise Oberbarnim, wo zum ersten deutschen Parlament in Frankfurt gegen den konservativen Generalstabsoffizier Julius Hartmann, den späteren geadelten General der Kavallerie und Gouverneur von Straßburg, der junge deutsche Dichter Wilhelm Jordan nach kecker Wahlrede in Freienwalde ge­wählt wurde, findet heute die Nachwahl für den durch Kassierung seineI Mandats aus dem Parlament unfreiwillig ausgeschiedenen Professor Pauli (Rp.) statt. Der originelle alte Herr kandidiert wiederum, und die Entscheidung zwischen ihm und dem sozialdemokratischen Bewerber wird wohl auch diesmal in der Stichwahl liegen. Die Nationalliberalen geben den Ausschlag. In Anbetracht dessen, daß z. Zt. im Wahlkreise Frankfurt a. O. ihr Kandidat, Abg. Bassermann, nur mit konservativer Hilfe gewählt wurde, werden sie wohl Mann für Mann für Professor Pauli eintreten, der überdies keineswegs extremer Agrarier ist._____________________________

Deutsches Reich.

Berlin, 12. Juli. Die PachtHohenzollern" mit dem Kaiser an Bord, sowie die Begleitschiffe sind, wie aus der schwedischen Hafenstadt Gefle (nördlich von Stockholm) gemeldet wird, heute abend Uhr bei Graberget vor Anker gegangen.

Köln, 12. Juli. Die Stadtverordneten ernannten in einer außerordentlichen Sitzung den Ob erb ärgern: eist er Becker anläßlich seines 70. Geburtstages zum Ehren­bürger. Sie stifteten ein silbernes Prunkgerät zmn Rats- silber, 10 silberne und 100 bronzene Plaketten mit dem Bildnis Becker.

Stuttgart, 12. Juli. Die Verfassungskommissi on der Abgeordnetenkammer beriet heute Artikel 4 der Re­gierungsvorlage , der die Zusammensetzung der 2. Kammer betrifft Die Bestimmungen des Entwurfes,

wonach die 2. Kammer bestehen soll aus 63 Abgeordnete» der Oberämter, 6 Abgeordneten der Stadt Stuttgart unb je einem Abgeordneten der Städte Tübingen, Ludwigsburg, Ellwangen, Ulm, Heilbronn und Reutlingen wurden ange­nommen. Abgelehnt wurde der Antrag Keil, 9 3 Ab­geordnete durch das ganze Land im Wege des Proporze» zu wählen. Dagegen fand ein Antrag Haußmann-Gerabronn, der neben den 75 in der Regierungsvorlage vorgesehene» Abgeordneten 17 Abgeordnete auf Grund der Ver h ältn is° wähl in den vier Kreisen des Landes vorsieht, an­genommen, nachdem ein Eventual-Antrag Hieber, diese 17 Abgeordnete auf dem Wege der Verhältniswahl für daZ ganze Land (Lan d esp r op or z) zu wählen, Stimmengleich- heit erzielt hatte. _________

Entwicklung und Ordnung des Notenwesens in Deutschland.

Arn 11. Mai d. I. ging dem Reichstage ein Gesetzentwurf zu, in dem die Neichsbank ermächtigt wird, Banknoten im Werte von 20 und 50 Mark auszugeben und den Nennwert der Neichs- kassenscheine allgemein auf 5 und 10 Mark herabzusetzen. Um die Bedeutung dieser Vorlage, die in der Kommission stecken ge­blieben ist, in der kommenden Session aber sicher aufs neue den Reichstag beschäftigen wird, zu verstehen, erscheint uns ein kurzer Blick auf die Entwickelung und die Ordnung des Noten­wesens in Deutschland am, Platze.

Es gibt bei uns zweierlei Arten papierner Umlaufsmittel:

1. Banknoten. Sie dürfen nur in Stücken von mindestens 100 Mark ausgegeben werden und sind jederzeit durch die Bank, die sie ausgegeben hat, einlösbar; ein Drittel des um» laufenden Betrages muß in Gold gedeckt sein. Die deutschen Bank­noten sind kein gesetzliches Zahlungsmittel, fein Privater ist gezwungen, sie in Zahlung zu nehmen. Der Gesamtbetrag, in dessen Höhe Noten in Deutschland steuerftei umlaufen dürfen, ist auf 541,6 Millionen Mar? festgesetzt, die unter die einzelnen Notenbanken verteilt sind; für das, was die Notenbanken über diesen Betrag ungedeckt in Noten ausgeben, müssen sie eine Neichssteuer von 5 Prozent zahlen. Es ist dies die fogenannte Kontingentierung der Noten.

2. Reichskassmscheine. Diese dürfen nur im Gesamtbeträge von 120 Mill. Mk. und in Stücken von 5, 20 und 50 Mk. umlaufen. Für sie ist im Gegensatz zu den Banknoten keine Deckung in Gold vorhanden: die im Jnliusturm zu Spandau aufgespeicherten 120 Mill. Mk. haben damit, wie häufig irrtümlich angenommen wird, nicht das geringste zu tun. Sie müssen bei allen Kassen des Reichs und der Bundesstaaten zu ihrem Nenn­wert eingelöst werden. Die Neichskassenscheine wurden nach 1871 geschaffen, um an stelle des verschiedenen Staatspapiergeldes, das damals noch in den einzelnen Bundesstaaten umlief, ein ein­heitliches Papiergeld zu setzen. Mit Gründung der Reichsbank ging dann die Verpflichtung, die Reichskassenscheine einzulösen, an diese über, obwohl in dem Metallbestande der Bank fein Fonds für diesen Zweck vorgesehen war.

Ziel der Reichsbank muß es sein, für einen möglichst großen Teil der umlaufenden Noten Deckung in Gold zu haben. Diesem Zweck .dient hauptsächlich ihre Diskontpolitik, indem jede Er­höhung des Diskonts den Abfluß von Gold ans den Kellern der Reichsbank mindert und auf eine Goldeinfuhr aus dem Auslande hinwirkt.

Welche Absicht verfolgt nun der dem Reichstag vorgelegte Gesetzentwurf? Im allgemeinen eine doppelte: Einmal Null er dem schon feit langem von Gewerbe und Harrdel ausgesprochenem Wunsche, den Mangel an kleineren Umlaufsmitteln zu beseitigen, Nachkommen. Inwieweit dieser Zweck mit der geplanten Maß­nahme, Reichskassenscheine nur im Betrag von 5 und 10 Mark auszugeben und Banknoten zu 20 und 50 Mark, erreicht wird, steht dahin. Jedenfalls aber verdient hervorgehoben zu werden, daß die Wünsche der Handelskammern sich saft durchweg auf eine Vermehrung der Zehnmarkstücke (Kronen), nicht der papiernen Umlaufsmittel bezogen, und es hätte noch andere Wege und Mittel gegeben, um dies zu erreichen. Cs sei nur an eine weitere Ver­billigung des Postanweisungsverkehrs und vor allem an eine weitere Ausbreitung des Scheckverkehrs erinnert.

Man scheint aber mit der geplanten Reform noch einen an­deren Zweck im Auge zu haben, der auf das engste mit unserer Währung zusammenhängt; einen Zweck, der weit tiefer liegt und von der einschneidendsten Bedeutung für unser ganzes Geldwesen sein kann. Man ist anscheinend der Ansicht, daß die Neuschaffung der kleinen Noten und deren Vermehrung nicht nur dem Mangel an Umlaufsmitteln abhelfen werd?, sondern glaubt auch, einen Teil des in der Zirkulation befindlichen Goldes dadurch im Ver­kehr ersetzen zu können. In dem Maße, in dem diese Absicht er­reicht würde, würde das im Verkehr auf diese. Weise überflüssig gewordene Gold in die Reichsbank zurückströmen und so deren Metallvorrat vergrößern. Diese Absicht ging aus den Aeußer- ungen der Negierungsvertreter bei den Verhandlungen im Reichs­tag deutlich hervor. Aber es ist ftaglich, ob dieser Zweck er­reicht wird. Man hat mit Recht darauf hingewiesen, daß eine Ver­stärkung der Goldreserven der Reichsbank schließlich doch einmal zu einer Herabsetzung des Diskontsatzes führen wird, wenn die Bank die Ms'.cht hat, ihre Mittel besser zu verwerten. Die Folge davon wird ab - dann wieder eine Verminderung der dort liegenden Goldbestände f

Wir haben . reits hervorgehoben, daß für die Reichskassen-- scheine, als unfunbiertem Paviergeld, kein für die Einlösung be­stimmter Fonds vorhanden ist. Zweifellos ist dies, eine der be­denklichsten Seiten unseres Geldwesens und es ist an der neuen Vorlage bedauerlich, daß sie diesen Zustand zu einem1 dauernden machen will. Es kann nur getvünscht toerben, daß die Kvm- missionsberatungen, die dem Entwurf in der kommenden Tagung gewidmet werden, nach manchen Seiten verbessernd eingreifen, denn in seiner jetziges Gestalt bedeutet er keinerlei Fortschritt für die Entwicklung unseres Geldwesens.

Aus Stadt und Land.

Gießen, 13. Juli 1905.

* * Personalien. Se. Kgl. Hoh. der Großherzog haben den evangel. Dekan des Dekanats Rodheim, Pfarrer Sartorius zu Groß-Karben, auf sein Nachsuchen, unter Anerkennung seiner treuen Geschäftsführung, von diesem Amte enthoben. Ernannt wurde der Gerichtsvollzieher-Aspirant Saintonges in Gießen zum Registrator bei dem Amts­gericht Gießen.

* * Die Handschrist der Aerzte. Aus Darmstadt wird uns heute drahtlich gemeldet: Das Amtsblatt des Ministeriums des Innern, Abteilung für öffentliche Gesund­heitspflege, hat ein Ausschreiben an die Kreisgesundheits­ämter gerichtet, worin ersucht wird, den Apothekern folgendes mitzuteilen:

Da wir noch immer die Erfahrung machen müssen, daß Rezepte mit kaum leserlicher Schrift zur Anfertigung in die Apotheken gebracht werden, weifen wir die Avo- t h e k e r an, sich für die Folge solchen Rezepten gegenüber in keinen: Fall auf deren mehr oder minder mühe- v o l l e E n t r ä ts e l u n g e i nz u l a s s e n, vielmehr stets von dem ordinierenden Arzt eine deutliche Inhaltsangabe zu verlangen.

Dies Vorgehen kann nur gebilligt werden. Dem An- sehen der Wissenschaft wird durch die Vermeidung unleser­licher Handschriften kein Abbruch geschehen.

* * Alpines Rettungswesen des D. und Oe. Alpenvereins. Im Jahre 1904 hat der Zentralausschuß des D. u. Oe. A.-V. das gesammte alpine Rettungswesen in umfassendster Weise neu geregelt. Das ausgedehnte Arbeits­gebiet des Vereins, die deutschen und österreichischen Alpen