Erstes Blatt
Montag L6. Jannar 1905?
155. Jahrgang
Nr. 13
Erscheint täglich außer Sonntags.
Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem hessischen Landwirt die Siehener Famtlien- hlätter viermal in der Woche beigelegt.
Rotationsdruck u. Verlag der Brüh l'schen Univeri.-Buch-u.Stein- druckerei. 9L Lange.
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Gießener Anzeiger
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Amts- *» Anzeigebla« für den Kreis Sich« WU
__ ___ __________________________ zeigenteil: Hans Beck.
KelranntmachMg.
Betr.: Den Ausbau der Verbindunqsstraße von der Frankfurterstraße nach dem Wetzlarer Weg, entlang dem veterinärmedizinischen Institut in Gießen; hier: Enteignung von Gelände.
Die Gemeinde Gießen hat gemäß Art. 22 des Enteignungsgesetzes vom 26. Juli 1884 (in der durch Art. 279 des Ausführungsgesetzes zum Bürgerlichen Gesetzbuch gegebenen Fassung) Antrag auf Enteignung der zum Ausbau der obengenannten Straße benötigten, nachstehend näher bezeichneten Grundstücke der Gemarkung Gießen gestellt:
Flächen-
Bezeichnung des gehalt Grundbuchmäßiger Grundstückes der ganzen Eigentümer Parzelle
1) Flur 8 Nr. 63/10 375 qm Spies, Joh. Louis, und Ehefrau, geb. Zinnkann, Gießen,
2) Flur 8 Nr. 20,1 1983 qm 1) Gail, Minna, Ehefrau des Dr. Otto Prinz in Nidda. 2) Gail, Marie, Ehefrau des Friedr. v. Röder in Gießen, 3) Gail, Auguste, Ehefrau des Ed. Haberkorn in Alsfeld, 4) Gail, Georg Ferdinand, in Chicago, 5) Bücking, Erika und Fritz, Carl, Kinder der verstorbenen Ehefrau des Friedrich Bücking, geborene Gail, in Büdingen.
Der Plan, aus dem die Lage der zu enteignenden Grundstücke ersehen werden kann, sowie der Antrag und die übrigen nach Artikel 23 des Enteignungsgesetzes erforderlichen Nachweisungen liegen in der Zeit vom 13.—27. Februar incl. l. Fs auf dem Amtszimmer der Großh. Bürgermeisterei Gießen während der üblichen Geschäftsstunden zu jedermanns Einsicht offen. Zur Verhandlung über den Plan und die Entschädigung wird Tagfahrt vor der Lokalkommission ans
Dienstag den 14. März 1905, nachmittags 4% Uhr,
auf Zimmer Nr. 10 des Negierungsgebäudes zu Gießen anberaumt. Vorher, und zwar um 4 Uhr beginnend, findet eine Besihstigung des zu enteignenden Geländes durch die Lokalkommission statt.
Tie Beteiligten, insbesondere die Eigentümer, Pächter, Mieter oder sonstigen ait den zu enteignenden Grundstücken Berechtigten 'werden hiermit aufgefordert
a) Einwendungen gegen den Plan bei Meidung des Ausschlusses und Annahme der Einwilligung in die beanspruchte Abtretung oder Beschränkung,
b) Erklärung auf die angebotene Entschädigungssumme bei Meidung der Unterstellung der Annahme des Angebots,
c) Anträge auf Ausdehnung der Enteignung bei Meidung des Ausschlusses mit solchen,
d) Anträge auf Aufrechterhaltung bestehender Lasten (Artikel 19 des Enteignungsgesetzes) bei Meidung des Ausschlusses mit solchen,
e) Anträge auf Einrichtung oder Unterhaltung von Anlagen, die für die benachbarten Grundstücke zur Sicherung gegen Gefahren notwendig sind oder notwendig werden, bei Meidung des Ausschlusses mit solchen,
f) etwaige noch unbekannte Ansprüche und Rechte an dre zu enteignenden Grundstücke bei Meidung des Ausschlusses mit solchen
m dem genannten Termin vorzubringen.
Zugleich werden die Eigentümer, öezw. deren Rechts- nachsolger oder gesetzliche Vertreter aufgefordert, die Namen dritter Personen, welche als dinglich berechtigte oder wegen sonstiger Rechtsverhältnisse bei der Enteignung beteiligt sind, jofort nach Zustellung der Bekanntmachung dem Unterzeichneten mitzuteilen, widrigenfalls sie für deren Ansprüche gemäß Artikel 27 Abs. 2 des Enteignungsgesetzes verantwortlich werden.
Die Unternehmerin wird zu dem Dermin unter dem Rechtsnachteil vorgeladen, daß im Falle ihres Ausbleibens Verzichtleistung auf Fortsetzung des Enteignungsversahrens unterstellt, und sie mit den bis dahin entstandenen Kosten belastet wird.
Die Eigentümer der abzutretenden Grundstücke müssen von der Zustellung dieser Bekanntmachung an zu netten Anlagen oder zu einer von der bisherigen bezw. der gewöhnlichen abweichenden Art der Bewirtschaftung die Genehmigung der Unternehmerin einholen, widrigenfalls eine Entschädigung demnächst nur insoweit verlangt werden kann, als durch die Veränderung auch für den öffentlichen Ziveck, für welchen die Enteignung geschieht, der Wert des Geländes erhöht worden ist.
Räumt ein Eigentümer einem anderen von dem Zeit punkt der Zustellung an ein dingliches Recht an den zu enteignenden Grundstücken oder ein persönliches Recht auf dessen Benutzung ohne Genehmigung der Unternehmerin ein, so steht jenem anderen eine besondere Entschädigung nicht zu.
Gießen, den 13. Januar 1905.
Grohyerzogliches Kreisamt Gießen.
I. D.: Hechler.
SelrlinntmachlUlg.
Die unterm 5. November 1904 angeordnete Sperre der Bleichstraße, zwischen Löber- und Ludwigstraße, wird hiermit aufgehoben.
Gießen, den 14. Januar 1905.
Großyerzoqli - 'Boliv’iamt Gießen. Herberg.
Bekanntmachung.
Die unterm 5. November 1904 angeordnete Sperre der Löber st raße, zwischen Goethe- und Bleichstraße, wird hiermit aufgehoben.
Gießen, den 14. Januar 1905.
Großherzoglie «1 ohr-'iamt Gießen. Herberg.
Ans dem preußiichen Landtaa.
Im Berliner Abgeordnetenhause gab am Samstag der Reichskanzler bei der Etatsberatung eine Erklärung ab, in der es u. a. heißt: mit Oesterreich-Ungarn seien die Handelsverträge so weit gefördert worden, daß es sich in den allernächsten Tagen entscheiden müsse, ob wir auch mit diesem Lande zu dem gewünschten Abschluß kommen werden. Wären die Handelsverträge dem Reichstage zugegangen, bevor die Situation mit Oesterreich-Ungarn in der einen oder anderen Richtung vollständig geklärt worden sei, so würden die Verhandlungen mit diesem Lande in hobem Grade erschwert worden seien. Wenn man Handelsverträge zustande bringen wolle, mit denen unsere Landwirtschaft und unsere Exportindustrie leben können, so müsse das Terrain Schritt für Schritt erobert werden. Der erhöhte Schutz für die Landwirtschaft solle nach der Ansicht der Staatsregierung die Signatur der neuen Handelsverträge pin.
Ueber den Streik im Ruhrrevier gab der Handelsminister eingehende Erklärungen ab. Nach seiner Ansicht haben die Behörden bei Streiks eine doppelte Pflicht. Vor allein haben sie dafür einzustehen, daß unter allen Umständen die Ruhe und Ordnung aufrecht zu erhalten sei, sie haben aber auch alles zu tun, was in ihren Kräften steht, um eine Einigung anzustreben zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern im Interesse des sozialen Friedens, im Interesse der Industrie und im Jntereffe des Wohles der Arbeiter. Deshalb sei er gern bereit gewesen, die Behörden zu einer vermittelnden Tätigkeit zu veranlassen und er hoffe, daß alle Beamten dieser seiner Weisung mit Eifer und Unparteilichkeit nachkommen werden. Er erwarte von den Arbeitgebern, daß sie den Beschwerden und Wünschen der Arbeiter Verständnis entgegenbringen. Ein allgemeiner Ausstand würde für unsere deutsche Kohlenindustrie von schweren Nachtetlen begleitet sein.
Auch Justizminister Schönstedt und Kultusminister Dr. Studt ergriffen hierzu das Wort.
Der Kochtopf im Parlament.
Herrn Eombes Ende.
(Ein französischer Kammerskandal.)
Tas Ministerium Eombes hat am Samstag noch einmal einen Sieg errungen. Mer es war kaum ein Pyrrhussieg. Der Sozialistenführer J'aurös lieh ihm Krücken, auf die es sich stützen konnte, aber diese Krücken werden wohl schon in den allernächsten Taget: von Herrn Eombes sortgeworfen werden nnd er wird sich mit seinen Kollegen ins Privatleben zttrückziehen müssen.
Als am Samstag Jaurös die Tribüne des Parlaments bestieg, begann die Rechte zu heulen und mit Pultdeckeln zu klappen und die Sozialisten verließen ihre Plätze auf der Linken, um nach rechts zu stürzen. Der Präsident bedeckte sich und es trat eine neue Pause ein, nach welcher Jaures endlich zu Wort kam. Er erledigte die Regierung nicht ganz ohne Wärme. Nach kurzer weiterer Debatte wurde die von der Regierung verworfene einfache Tagesordnung mit 291 gegen 277 Stimmen ab gelehnt. Die Regierung hat also 14 Stimmen Mehrheit.
Während einer nun folgenden Rede des Dissidenten Klotz schwingt der Monarchist Baudry d'Assou einen Kochtopf über seinem Haupt und stürzt damit plötzlich auf den Platz des Ministerpräsidenten Eombes in der Mitte des Saales zu. Man bezeichnet im Französischen mit dem Wort „casserole" einen Polizeispitzel. Baudry d'Assou scheint seinen Topf auf den Kolpf des Ministerpräsidenten st ü l p c m z u wollen, jedock erreicht er sein Ziel nicht; die Hussiers, gefolgt von htmoert Abgeordneten der Linken, eilen herbei und drängen Baudry d'Ässon nach der rechten Seite. (Großer Lärm.) Eombes steigt langsam durch das Spalier der Sozialisten nach der Tribüne und erklärt: Weitn die Gewalttaten fortgesetzt werden, ohne daß die Mitglieder der Regiertmg Schutz dagegen finden, so müsse er das Haus verlassen. Die einfache Zensur wird gegeit Baudry d'Assou beschlossen.
Tie Kammer nimmt alsdann mit 289 gegen 281 Stimmen die Priorität für die Tagesordnung Äienvnm-Martin an. Man stimmt nunntel-r über die Tagesordnung Bien- venu-Martin selbst ab, welche lautet: Die Kammer billigt die Erklärungen und das Programm der Regierung und weist jede O b st r u k t i o n z tt r ü ck. Ter erste Satz der Tagesordnung Bienvenu Martin wird mit 287^ gegen 281 Stimmen angenommen. Der Satz, welcher das Proaramm der Regierung billigt, wird mit 380 gegen
55 Stimmen angenommen. Das Zentrum enthält sich der Abstimmung. Der Rest der Tagesordnung! Bienvenu-Martin wird mit Händeaufheben angenommen und schließlich die gesamte Tagesordnung mit 289 gegen 279 Stimmen ange-^ noinnten.
UMische Tagesschau.
Nach rechts oder nach links?
Eine äußerst wichtige Entdeckung glaubt das „Bayk: Vaterland" gemacht zu haben. Es berichtet nämlich, daß auf den deutschen Reichs.münFen bis zum Jabre 1888 sowohl!d»er alte Kaiser Wilhelm, wie auch wohl die meisten deutschen Bundesfürsteu von links nach rechts schauten, speziell König Ludwig II., während auf den Münzen in und nach 1888 nur derKaiser nach rechts blickt, die übrigen deutschen Fürsten aber ihn anzuschaueuj haben! Jetzt erst sei wieder eine Aenderung insofern ein getreten, als auf ganz neuen Zweimarkstücken mit Prägung 1904 König Otto von Bayern" immer noch nach links blickt, während der Großherzog von Baden seinen früheren Standpunkt — von links nach rechts — wieder einzunehmen geruht hat.
Der Gewährsmann des „Vaterland" ist aber vollständig auf d^ em Holzwege, wenn er meint, feit 1888 schaue nur Kaiser Wilhelm II. nach rechts, während die Bundesfürsten ihn anpublicken hätten, und daß in letzter Zeit einzig der Großherzog von Baden gegen diese Vorschrift rebelliert habe. Auf den Zwei- und FünfmarkstückeN des Deutschen Reiches blicken alle drei Kaiser nach rechts. Außer ihnen aber bis zu den letzten Prägungen die Könige Albert und Georg von Sachsen, Ludwig von Bayern und Karl und Wilhelm II. von Württemberg. Außer ihnen schauen die Großherzöge von Hessen bis 1891 nach rechts, erst der Gr o ß herzo g Ern st Ludwig wandte sein Haupt nach links ; während der Großherzog von Mecklenburg-Schwerin nach 1901 nach rechts zu blicken' wagte, sah der von Strehlitz schon 1877 nach links, welche Kopfstellung auch, vielleicht um die Verwandten in Berlin besser sehen zu können, Großherzog Friedrich von Baden bis; 1902 innehielt, tun sich dann von ihnen ab und nncht rechts' zu wenden. Großherzog Peter von Oldenburg blickt nach rechts, sein Sohn dagegen nach links, und die Beherrscher von Weimar blicken beide nach der linken Seite. Unter den Herzögen blickte Friedrich von Anhalt 1876 und 1896 nach rechts: sein Nachfolger muß wohl, nach Meinung des „Vaterland", einen Wink ans Berlin erhalten haben, denn er hält es für besser, nach der linken Seite zu schauen. Dieselbe Kopfstellung nimmt neuerdings auch Georg II. von! Meiningen ein, der noch im Jahre 1901 mutig nach rechts zu blicken wagte, gerade so, wie seine Kollegen Alfred von Koburg-Gotha 1895 und Ernst von Menburg 1901 und 1903. Unter den Beherrschern der deutschen Fürstentümer- sehen nach links Georg von Schaumburg-Lippe, Friedrich von Waldeck, Günther von Schwarzburg-Rudolstadt und Heinrichs XIV. rvon Reuß jüngerer Linie; daß Heinrich XXII. von Reuß älterer Linie noch 1901 konsequent nach rechtsi blickte, kann bei der Gesinnung des alten Frondeurs niemanden wundertt.
Von der weltbewegenden Entdeckung des „Vaterland"/ die unter den gekrönten Häuptern gewiß die größte Beunruhigung Hervorrufen dürfte, bleibt nur übrig, daß König Otto von Bayern stets nach links blickt. Weshalb er das tut, müßte man in Bayern eigentlich wohl wissen, denn die „bayerischen" Reichsmünzen werden in München geprägt. Oder sollte vielleicht der dortige Münzmeister gar so em verflixter „Malefizpreuße" sein?
Der Kri-a.
Reue Niederlagen der Rusten in der Mandschurei.
Tokio, 14. Jan. (Reuter.) Von der Garnison von Liau- tung wird gemeldet, daß am Donnerstag die Russen in der Nähe von Jinkau gescklagen wurden und sich tit Unordnung nach Nord-Tataokan südlich von Niutschwang zurück- -ogen unter Zurücklassung von 62 Toten rtnd 6 Verwundeten^ Man glaulck, daß ihre Verluste über 20 0 Mann betragen. Am Freitag w u r d e n die Russen v o n d c u Japanern bei Niutschwang geschlagen. — Die Verluste der Japaner in der Nähe von Niutschwang belaufen sich auf einen Toten und 15 Verwundete. Die Verluste der Russen werden auf über 300 Mann geschätzt. Das japanische Munitionslager ist nicht beschädigt.
Ein Tagesbefehl des Zaren an Armee und Flotte.
Folgender Tagesbefehl erging an die Armee und die Flotte: „Port Arthttr ging in die Hände des Feindes über. ■ Elf Monate währte der Verteidigungskampf: über sieben Monats !var die ruhmreiche Garirison von der Außenwelr abgeschnitten,^ der Hilfe beraubt. Ohne Murren wurden die Gutbffcriutpen der Belagerung und moralischen Qualen während der Erttwickelung der Erfolge des Gegners ertragen; Lehen und Blut nickst schonend, hielt eine Hand voll russischer Leute in der festen Hofmung auf Entsatz die wütenden Angriffe des Gegners aus. Mit Stolzverfolgte Rußland ihre Heldentaten, die ^anze Welt beugte s i ch vor ihrem heldenhaften S r n n. Die Kampfmittel gingen ,'lynru unter deut Andringen stets neuer feindlicher Kräfte aus: sie mußten, ihre Heldentat twllendend, der Nebermacht erliegen. Friede der Asche, enüges Andenken den unvergeßlichen Russen, welche ivi der Verteidigung von Port Arthur umkamen. Fern von Rußland, starbt Ihr für Rußlands Sackte, erfüllt von Liebe zu M[er und Vaterland. Euch Lebenden sei Ruhm! Gott heile Eure Wunden! Er schenke Euch Kraft und Geduld, die neue fdrwrc Prüfung zu ertragen! Unser Gegner ist kühn und stark. U n s ä g 1 i ch s ch w e r ist der Kampf mit ihm, zehntausend Werst fern von bat Quellen unserer Kraft. A b e r 9? uß 1 and i ft m a ch t v o l l. Ist feinem tausendjährigen Leihen gab es noch schwerere Prüfungen, noch drohendere Gefahren, aber ie de sm al ging cs ans den, Kampfe gestärkt und m i t neuer Machther - vor. Unsere Mißerfolge sind schwer. Jnpcm wir ’Utfcvc Slerluste tgtn, wollen wir uns u^cht 6er«*


