Samstag 11. Marz 1905
General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gießen.
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st, mit den Schnnerbaladen zu
Rotationsdruck und Verlag bet vrühlflch« UntDerftiotSbructereL 9t Lange, Gieße«.
Redaktion, Expedition u. Druckerei: Schulst?.«.
Tel. Nr. 6L Teiegr^Adr. i Anzeiger Gieß«,
ist eine, und der Poeten sind nicht viele in unserer Zeit, von denen sich das scr§en läßt. Er unterstreicht oft zu dick, er läßt, um mich eines zeitungstechnischen Ausdruckes zu bedienen, zu viel gesperrt drucken. Aber er hat vor vielen seiner Zeitgenossen die Tugend voraus, daß er fast immer Neues in seinen Werken gibt. Er ist ein philosophischi- historischer Grübler, dem es der Zauber des Unheimlichen antat.
Ter Präsident will nun zur Erledigung des Nestes der Tagesordnung eine Nachmittagssitzung anberaumen, wogegen jedoch die Mehrheit des Hauses Widerspruch erhebt. Daraus vertagt der Präsident die Kammer ans unbestimmte Zeit. Sie wird aber im Laufe des Moncps jedenfalls noch einmal zusammenzukommen, um die zu erwartenden Rückäußerungen und Beschlüsse der erftett Kammer über den Staatshaushalt zu erledigen.
Schluß der Sitzung s/42 Uhr.
jen. Eine solche Schauerballade ist der ganze erste Akt des Dramas „Wehe den Besiegten." Historische Stücke erfahren ja bei uns bereits seit etlichen Lustren stiefmütterliche Behandlung. Nur die wenigen enragierten Literaturfleunde nehmen sie en passant auf. Auf die weltbedeutenden Bretter aber schwingen sW nur ganz vereinzelte, und die andern machen den großen Geistes- schlaf mit, der so vieles und so viele gefangen hält. Dem Dramatiker Voß ist die Weltgeschichte ein unbehauener Stein, er schlägt ihn sich zurecht, ttne er ihn braucht. Er wählte hier a»us Napoleons Geschichte die dunklen Punkte Elba und Helena, ihm behagte die Größe im Unglück mehr für dramatische Bearbeitung, als die Größe im Zenith desGlücks. Aber die freie Erfindung, die romantische Menteuer-
überlegen und handle nach dem Grundsatz: „Wie's trefft!" (Heiterkeit.)
Abg. Windecker wendet sich gegen die Behauptung Ulrichs, als ob es sich hier um nrriftiscke Tifteleien handle. Wenn derselbe auch jetzt den Rückzug antrete, so ändere das nichts an der Tatsache, daß Tr. Tavid als Führer der Sozialdemokratie an die Regierung das Verlangen nach Ausübung der Kabine ttsjustiz gerichtet habe.
Nach einigen weiteren Bemerkungen der Mbgg. Tr. Schmitt (welcher auf die originelle Tatsache hinweist, daß der Frhr. v. Zucca-Coccagna seine Zulassung in den Schulvorstand beantragt, weil er angestellter Geistlicher sei, aber bei der Mainzer Stadtverordnetenwahl erklärte, daß er kein angestellter Geistlicher im Sinne des Gesetzes sei) und Adelung ist die Besprechung erledigt.
Jnbetreff der Rückänßerung der 1. Kammer über den Gesetzentwurf,
Sitzung der Stadtverordneten.
Gießen, 10. März.
Anwesend: Oberbürgermeister Mecum, die Beigeordneten Georgi und Curschmann und sämtliche anderen Mitglieder der Versammlung mit Ausnahme der Herren Heyligenstaedt, Heichelheim, Krumm, Orbig und Wimmenauer.
Oberbgm. Mecum teilt zunächst mit, daß Stadt». Dr. Gutfleisch bei der Ergänzungswahl zur Stadt-» verordneten-Versammlung mit überwältigender Mehrheit wiedergewählt worden sei, und daß er glaube, namens aller Anwesenden zu sprechen, wenn er konstatiere, daß Dr. Gutfleisch dieses Vertrauen durch seine seitherige Tätigkeit voll und ganz verdient habe. (Bravo.) Es liege ihm noch ob, den Wiedergewählten in Eid und Pficht zu nehmen. Nachdem dies geschehen mar, teilte Oberbgm. Mecum noch mit, daß am Donnerstag die Abnahme der Drehleiter für die städt. Feuerwehr erfolgt sei rmd daß sich dabei keine Mängel ergeben hätten. Branddirektor Traber werde noch eine eingehende Prüfung vornehmen; es sei aber zu erwarten, daß die Leiter den an sie gestellten Anforderungen genügen werde.
Zur Aufnahme des neuen 3Millionen-An- lehens der Stadt Gießen sind 8 Angebote eingelaufen, von denen auf Vorschlag der Finanzdeputation das günstigste mit 98,41 Prozent der Bank für Handel und Industrie gemeinsam mit Kommerz- und Diskonto, dem Bankhaus I. Dreyfus u. Cie. und Feit L. Homburger- Karlsruhe, akzeptiert wird.
Ein Baugesuch des Georg Gwünig für die Hensel- straße wurde genehmigt.
Der Ausbau der Goethe st raße zwischen Stephan- straße und Henselstraße wird 3 500 Mark Ausgaben verursachen und 2 400 Mark Einnahmen aus Straßenkosten ergeben, womit die Versammlung einverstanden ist.
Der nächste Punkt der Tagesordnung betraf die Errichtung eines Theater- und SaalbaueS. Oberbürgermeister Mecum erinnerte dabei zunächst an die Vorverhandlungen, daß die Versammlung s. Zt. Schülers Garten als Bauplatz in Aussicht gestellt habe und daß danach das Komitee die bekannten Pläne des Theaters mit 800 Sitzen und des Saalbaues mit 1 200 Sitzen aufgestellt habe. Was die vom Komitee veranstalteten Sammlungen freiwilliger Beiträge anlange, so habe er angenommen, daß eine ziem- licheSumme zusammengebracht werde, seine Erwartungen seien aber glänzend übertroffen worden. Eine so große Beteiligung bei fteiwilligen Spenden für eine gemeinnützige Sache stehe wohl in ganz Deutschland beispiellos da, und umso erfteulicher sei dies, als alle Kreise der Bürgerschaft an dieser Betätigung des Gemein- sinnes Anteil hätten. Es seien bis jetzt gezeichnet worden:
doch die Interessanteste des Trcrmas. Er schuf wieder,wie in Birts „Anna von Hessen", eine sehr sympathische Jünglingsgestalt, einen edelmütigen Enthusiasten, dessen zwan- zig Jahre es verständlich machen, daß er binnen zehn Minuten aus einem glühenden Royalisten ein begeisterter Imperialist wird. In der großen Szene des zweiten Aktes gibt es sirr ihn eine zuckende, fiebernde, flammende Entladung hochgespannter Nerven. Ta zeigte er namentlich, daß er nicht nur M reden, sondern auch zu hören versteht. Tie verschiedenen Phasen seiner großen Anklagerede waren klug durchdacht und gegliedert, aber während der Rede Napoleons gab er mehr; er lauschte mit voller Hingabe, ganz, Ohr und doch auch ganz Auge, ganz gefangen von der überwältigenden Wucht der grandiosen Persönlichkeit des Korsen. Tas Publikum, das in respektabler Anzahl sich eingefunden hatte, spendete dem jungen, verheißungsvollen Künstler waremn Beifall und reichen Lorbeer.
Den Kaiser gab Herr de Giorgi. Die Rolle ist be» sonders schwierig und nicht gerade dankbar wegen der unendlich langen Tiraden, die d i e s e r Napoleon vom Stapel läßt. Voß legt ihm eine Unmenge banaler Redensarten in den kaiserlichen Mrmd. Bald renornmiert er lang und breit von seiner ruhmvollen, tyrannischen, absolutistischen Vergangenheit, bald phantasiert er von konstitutionellen Volksbeglückungsplänen; bald salbadert er wie ein Winkkel- feuilletonist und ergeht fidj* in süßlichen, blumenreichen Redensarten. Dann aber steigt in Momenten wahre Größe auf. Herr de Giorgi machte sich die Sache möglichst bequem. Er hielt unentwegt einen Imperatoren- und Kommandantenton aufrecht, und hätte doch reichste Gelegenheit gehabt, seine Reden aufs vielfältigste zu variieren: wenn? er mit behaglicher Selbstbeweihräucherung von feinen' Schlachten erzählt, wenn er sich sentimental der kurzen Liebesepisode in seinen Jugendjahren erinnert, wenn er in warmem Mitgefühl mit der Weltvorstellung seines Äihnes das Herz des Jünglings sich gewinnt usw. usw. Tie- Maske war gut, und ein hübscher Regiescherz die Familien-- Aehnlichkeit zwischen Vater und Sohn.
Frl. Gartner gab die ohne hin überladene Sprache der Gräfin mit einem dreifach unterstrichenen TeklarnationK- ton wieder, dessen Unnatur gegen die Echtheit der Sprache des Herrn Lüttjohann merkwürdig abstach. Tie Tarstellerinj hatte übrigens offenbar unter einer Erkältung zu leiden, die wohl den Ton anders als beabsichtigt, bildete. Alle übrigen/ Rollen sind so farblos gezeichnet, daß sie ihren Tarstellern nur undankbare und den Zuschauern ermüdeirde Aufgaben bieten. P. W.
Doch wie Mv,r hat er auch zahlreiche wächserne Figuren in die Welt gesetzt und Schauertragödien gedichtet, die man fast versucht ist ~*:j- ------*-**-«■-
Kirmeßbildem zu vergleich
*Ne staatliche Schlachtviehverficherung
betreffend, beschließt das Hans dem Ausschußantrag entsprechend, bei seinem früheren Beschluß zu beharren (wonach die Grenze der Versicherung auf 15 anstatt 25 Mk. festgesetzt wird).
Geh. Rat Braun erklärt, daß er bemüht sein werde, die 1. Kammer zur Zustimmung dieses Beschlusses zu bewegen.
Zum nächsten Punkt der Tagesordnung, bett, den Antrag S chönberger über die Entschädigung für cm Maul- und K l a u e n s e u ch e gefallenes Rindvieh bringt
Abg. Stöpler seine schon früher geäußerten Wünsche zum Vortrag.
Abg. Schönberger legt in ausführlicher Weise dar, daß die jetzigen Schutzmaßregeln gegen die Einschleppung der Seuche ungenügend seien, und ersucht um energische T-urchführung der Maßnahmen zum Schutze der deutschen Viehzucht.
Geh Rat Braun präzisiert in längerem Vortrag die Stellung der Regierung und widerlegt dann die einzelnen Ausführungen der beiden Vorredner. Schon längst seien die Reichsgrenzen gegen die Einführung fremden Viehes soweit wie nur möglich abgeschlossen, ein Mehr könne hier kaum noch geschehen. Durch die Einfuhr fremden Viehes könne demnach die Einschleppung der Seuche weniger erfolgen, als vielleicht durch einzelne Futtermittel oder auch durch den Personenverkehr. Es sei dock absolut nicht angängig, auch die einzelnen.Bundesstaaten gegenseitig einander abzuschließen. Redner, gibt dann eine ausführliche Uebersicht über die von der Regierung angestellten Erhebungen und über die schwierige Foaae der Entschädigung für gefallenes Vieh mit rückwirkender Kraft. Tas einzige, was vielleicht in dieser Sache jetzt getan werden könne, fei, den Antrag Schönberger der Regierung zur Berücksichtigung zu überweisen.
Abg. Präs. Haas tritt in längeren Ausführungen für den Antrag Schönberger ein und bittet, den Ausfchußantrag abzulehnen.
Ein Antrag Stöpler wünscht, daß die Rückwirkungsgrenze der Entschädigung für gefallenes Vieh auf den 1. Oll. 1901 festgesetzt werde.
Geh. Rat Braun bemerll, das Finanzministerium würde mit diesem Antrag einverstanden sein, vorausgesetzt, daß die Ausgaben aus dem im Etat festgesetzten Fonds bestritten werden könnten.
_ Ank einigen weiteren Ausführungen der Dbgg. Korell, Wolf, Seelinger, Haas und Köhler, die bei der herrschenden Unruhe im Hause auf der Journalistentribüne zumeist unverständlich bleiben, rmd einem längeren Schlußwort des Berichterstatters Freu a y schließt die Debatte. Tie nun folgende Abstimmung ist eine ziemlich komplizierte. Ter Ausschuß beantragt, die Kammer wolle die Regierung ersuchen, die im vorigen Landtag nicht zustande gekommene Regierungsvorlage mit einer Anzahl näher präzisierter Aenderungen wieder der Kammer vorzulegen und den, Antrag Schönberger für erledigt zu erklären. Ein Antrag Haas will dagegen wieder mehrere der vom Ausschuß aufgestellten Aenderungen gestrichen wissen. Schließlich wird der An- ttag Stöpler auf Festsetzung der Entschädigungsgrenze auf den 1. Okt. 1901 mit allen gegen fünf Stimmen angenommen, der Antrag Haas dagegen abgelehnt und dann der Ausschußantrag mit großer Mehrheit angenonnnen.
Kessischer Landtag.
Am Ministerttsch: Staatsminister Rothe, Geh. Rat Braun, Ministerialräte Weber, Tr. Best, Tr. Eisenhuth.
Nach Eröffnung der Siüimg um 9V4 Uhr kommt zunächst die Auflage der Abgg. Adelung und David
-nr Beratung: *
Staatsminister Rothe gibt Hierzit die Erklärung ab, daß die Regierung es ablehnen müsse, der hier in Form einer Interpellation eingebrachten^ Angelegenheit näherzutreten, da die höchste Verwaltungsbehörde bereits ihre Entscheidung darüber getroffen hat. (Zustimmung.)
2lbg. Adelung erllärt, er müsse diese Antwort bedauern. Wenn die vom Provinzialausschuß getroffene Entscheidung aufrecht erhalten bleibe, könne es auch Vorkommen, daß auch ein Kandidat, der die höchste Stimmerrzahl der Minderheit mrr dadurch erhielt, daß er sich selbst wählte, in den Stadtrat zu kommen.
Abg. Tr. Schmitt gibt zunächst eine kurze Darstellung des ganzen Sachverhalts. Bei der letzten Stadtverordnetenwahl war auch der freireligiöse Pfarrer Frhr. v. Zucca-Coecagna gewählt worden. T>er Provinzialausschuß hat aber die Wahl desselben für ungiltig erklärt, da der Gewählte als angestellter Geistlicher nach den Bestimmungen der Städteordnung nicht wählbar ist. Ter Provinzialausschuß entschied, daß der Kandidat, der die nächsthöchste Stimmenzahl erhielt, als gewählt zu betrachten sei. Tas sei, wie der Redner ausführt, in ordnungsmäßiger Weise geschehen, und es sei daher ganz unbegreiflich, was die Herren mit ihrer Interpellation bezwecken wollten. Entweder sei dieselbe ein Zeichen der völligen Unkenntnis der einschlägigen Gesetzgebung oder ein Zeichen polittsch-er Verirrung, wie sie bisher noch nicht dagewesen sei. Es müsse festgestellt werden, daß die Sozialdemokraten hier öffentlich das Verlangen stellen, die Regierung solle der Justiz in die Arme fallen und verhindern, daß die Ausführung eines rechtskräftigen Urteils erfolge. Wenn das geschähe, würden wir in die Zeit der schlimmsten Reaktion zurückversetzt werden. Tie Sozialdemokraten hätten sich mit dieser Auflage hte unglaub- sick-er Weise bloßgestellt (Abg. Ulrich hat den Redner wiederholt durch laute Zwischenrufe unterbrochen.)
Abg. Windecker hält es gleichfalls für ganz unverständlich,, wie man dazu komme, hier der Rechtsprechung einfach in die Arme zu fallen. Tas Urteil des Mainzer Provinzialausschusses sei durchaus recht- und gesetzmäßig und die Aufforderung an die Regierung, die Ausführung einer gesetzmäßigen Entscheidung einfach zu verhindern, sei das ärgste, was von den Sozialdemokraten geleistet werden konnte Tie Regierung habe auf dieses Vertangerr die einzig richttge Antwort gegeben, sie hat es rundweg abgelehnt, Kabinettsjustiz auszuüben. Für den Abg. Adelung 15nuten ja mildernde Umstände in Betracht gezogen werden, aber unbegreiflich sei, daß Abg. Tr. Tavid seine Unterschrift unter die Anfrage gesetzt habe. Da sei Herr Ulrich doch schlauer gewesen (Heiterkeft). Man könne die Herren zu dem neuen Erfolge, den sie mit dieser unglaublichen Interpellation den übrigen hinzu- fügen, nur beglückwünschen (Heiterkeck und Zustinrmung.)
Abg. Ulrich bemerkt, der Aufwand an Kraft fettens der deiden Vorredner mnüsiere ihn wirklich. Die Auflage bezweckte nur, die Regierung zu einer Erklärung zu veranlaffen, ob sie zu einer Aenderung der ein geschlagenen Gesetzgebung bereit sei, durch welche ähnliche Vorkommniffe verhindert werden. Es komme nicht auf den Wortlaut, sondern auf den Sinn der Auflage an. Eine solche Wirkung, wie sie die Vorredner daraus resultterten, sei nicht beobsichitigt gewesen. (Zuruf: Tas glauben wir! Heiterkett.) Es sollte durch die Auflage verhindert werden, daß eine so große Anzahl von Wählern einfach durch eine formelle Auslegung des 'Provinzialausschusses um ihr Wahlrecht gebracht werde. Ter Provinzialausschuß von Oberhefsen habe in einem ähnllchen Fall gerade entgegengesetzt entschieden, als jetzt der Mainzer. Tiefer Zwiespalt müsse beseittgt werden und das könne geschehen, wenn der Oberverwaltungsgerichtshof als letzte Instanz zu entscheiden habe. Man könne doch nicht einfach an die Stelle eines wirllich Gewählten einen anderen Kandidaten setzen.
Abg. Tr. Schmitt bemerkt, die Interpellation sei llar, Rt bedürfe ferner Auslegung durch den Vorredner. Ulrichs Aus- legung sei eine Unterlegung, er sei darin den Juristen bedeutend
gesckichte von der einst von Napoleon flüchtig geliebtem Gräfin ist geradezu absurd, und dazu kommt ein papiemes, geschraubtes Deutsch, das die Hohlheit der Erfindung und die Unwahrheit der Geschehnisse nur allzu bloß stellt.
Doch daran knüpfen sich ein paar große Szenen: der Versuch des jungen Mario (des Sohnes der Gräsin und, ohne daß er und der Vater es wiffen, Napoleons) den Kaiser zu töten, seine Bekehrung und Wandlung, und am Schluß die Verurteilung des eidbrüchigen royalisttschen Offiziers, der der Fahne des Kaisers nach Waterloo gefolgt ist, zum Tode. Tie romanhafte Haupthandlung drängt sich fast allenthalben zu sehr in den Vordergrund, aber der Dichter wird doch dem zäsarischen Aufschwung des heimkehrenden Welteroberers und vollends seinem persönlichen imponierenden Eindruck in der großen Szene des 2. Aktes gerecht. Was da Napoleon spricht, hat einen großen Zug. Wie in des tollgenialen Grabbe Napoleon^Trama blickt die Zuneigung des Dichters zu dem Sieger von Austerlitz und das Mitleid mit dem Unterlegenen von Waterloo lebhaften Auges hervor. Diese raffinierte Mitleidserweckung ist auch eine Eigenschaft, die Nich^ Voß mit Gabriel Max gemein hat.
Die Rolle des Mario, die sich Herr Lüttjohann für seinen Ebrenabend erwählt hatte, ist nicht die bedeutendste.
Gießener Stadttßealer.
Wehe den Besiegten.
Drama in 3 Aufzügen von Richard Voß.
Es ist noch nicht lange her, daß in den Gießener Familien blättern der Roman „Villa Falconieri" von Rich,. Voß ab gedruckt wurde. Mucker im Vogelsberge und großmäulige Banausen in der Wetterau inszenierten damals deswegen einen künstlichen Entrüstungsrummel gegen den „Gieß. Anz." Der aber hatte seine gesamte litterarisch gebildete Leserschaft auf feiner Seite, die dieses Werk eines der fähigsten deutschen Schriftsteller nach Gebühr würdigte. Der tüchtige und längst anerkannte deutsche Literaturhistoriker Paul Heinze nennt in der unlängst erschienenen 2. Auflage feiner „Geschichte der deutschen Literatur von Goethes Tode bis zur Gegenwart" (Leipzig, F. 'A. Berger) Rich. Voß „ein großes und starkes Talent, dem üppige Einbildungskraft und leidenschaftliche Glut der Empfindung, wie blendende Schilderungsgabe in hohem Maße zu Gebote stehen". Er rühmt „Schwelgen in blendenden Formen und Farben" u. a. auch den: Roman „Villa Falconieri" nach, in dem Voß „ein in Glut und Leidenschaft getauchtes Sitten- gemälde der modernen römischen Gesellschaft entwirft.
Aehnliches ist auch von den Dramen des Dichters zu sagen.
Freilich kann sich an künstlerischem Werte mit feinen Romanen kaum eines der zahlreichen Schauspiele von Voß messen. Als Ende der 80er Jahre „Wehe den Besiegten" erschien, ha gab es Rezensenten, die Voß ein „Genie" nannten. Wir Heutigen halten weise Maß mit dieser Bezeichnung.
Rich. Voß, den übrigens der Großherzog von Sachsen zmn Bibliothekar der Wartburg gemacht hat, könnte man den Gabriel Max der deutschen Literatur nennen. Wie dieser hochbegabte Maler ist er im Grunde doch ein gei- ouältes, berechnendes Talent. In Beider Art liegt sehr viel Spekulation und Grübelei, sehr viel süß-schmerzlich Berückendes. Wie Max taucht Voß seine dichterischen Gestalten gern in graues Licht, gibt er ihnen gern etwas Geisterhaftes. Wie Max ist er das Gegenteil von Na:ve- tät, weiß er raffiniert den Effekt auf d:e Nerven zu bet- rechnen. Oft fcheint er haben zu wollen, daß sich das Herz krampfhaft zusammenschnüre. Daun wieder zeigt er sich wie auch Max bisweilen, als zarter Poet, als em Natur- fchwärmer von subsiler Delikatesse. Und es singt die Natur einen Hymnus in seiner Seele. In den msersten feiner Werke aber zeigt er eine koloristische Noblesse, die in der deutschen Dichtkunst unserer Zeit ganz einzig dasteht. Rich. Eoß ist eine Individualität, nickt ersten Ranges, aber er
Nr. 60 Zweit-8 Blatt. 155. Jahrgang (
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