Ausgabe 
8.12.1905 Drittes Blatt
 
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155. Jahrg

Nr. 289

General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'sch« Universitätsdruckerei. R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition ».Druckerei: Schulstr.7«

Tel. Nr. 5L Telegr.-Adr.: Anzeiger Gieß«.

Strafverfahrens gegen t o m m e n.

Parlamentarische Perhandlungen.

vachdruck ohne Vereinbarung nicht gestattet.

Deutscher Reichstag.

7. Sitzung vom 7. Dezember.

1 Uhr. Das HauS ist g u t besetzt.

Am Bundesratstisch: b. Tirpitz, Frhr. v. Rheinbaben,

Erscheint Nigllch mit Ausnahme deS Sonntag«.

DieLietzener Lamilienblätter" werden dem ^Anzeiger viermal wöchentlich beigeleqt. Ter Reifliche Landwirt' erschemt monatlich einmal.

Wurden dadurch nicht ganz unsinnige Hoffnungen bei den Buren erweckt? Vielleicht hat gerade diese Depesche erst den Burenkrieg, die Unterjochung Transvaals bewirkt. Und vielleicht geschieht jetzt ähnliche?. Durch die Reise nach Tanger werden Hoffnungen in dem Scherif erweckt, die dann doch nie realisiert werden können. Denkt man denn gar nicht an die unberechenbaren Folgen solcher unüberlegten Schritte? Ich möchte vor allem wissen, ob die Mit­teilung Dclcasi6s von dem englischen Angebot, 100 000 Mann nach Schleswig zu werfen, auf Wahrheit beruht. Die Angelegenheit muß unter allen Umständen aufgeklärt werden. Und wie steht es mit der Anfrage deS Reichskanzlers an den Generalstab, ob unsere Armee zu einem .Kriege mit Frankreich kriegsbereit sei? (Lachen rechts.) Von jenem Augenblick an, von der Reise nach Tanger, sind England und Frankreich zusammengeschweißt. Das ist die erste Folge dieser Provokationspolitik für unsl Ich betone: Deutschland hatte daS Recht und die Pflicht, seine Interessen in Marokko zu wahren. Aber ich kann nicht glauben, daß dies nur auf jene Art geschehen konnte!

Als alle jene Vorgänge publik wurden, da bemächtigte irch unserer Parteigenossen eine begreifliche Erregung. Unb ba tvar es mein Parteifreunb JauröS, ber sein Wort tn die Wagschale warf, um den Frieden zwischen Frankreich und Deutschland auf- rcchtzuerhalten. Damals forderten meine Parteigenossen JaureS auf, in Berlin darüber zu sprechen. Diese Friedens- und Freund- sckaftsdemonstration sollte doch unserer Regierung willkommen sein. WaS tat sie aber? Fürst Bülow forderte den deutschen Botsck)after Fürsten Radolin auf, JaureS von der Reise nach Deutschland ab- zuhalten! Er (Bülow) schätze saures und seine Politik sehr, ccher er solle hier von der deutschen Sozialdemokratie zu parteipolüi^chcn Zwecken ausgenuht werden. Und das müsse verhindert werden. In dem Erlaß wird die »patriotische" französische Sozialdemokratie der vaterlandsfeindlichen deutschen gegenübergestellt. Nun, diese Er­fahrung haben wir ja Dutzende von Malen gemacht. Haben tote nicht in ber französischen Presse alle Augenblicke gelesen: »Seht nur auf bie deutsche Sozialdemokratie! Der Bebel, der ist ein patrio­tischer Mann (große Heiterkeit), der toill sein Vaterland verteidtgen. Ihr aber, Ihr Jcmres und Genossen, gebt Euer Vaterland pretsl Ich sage das nur, um die ganze Lächerlichkeit dieser Gegenüber­stellung darzutun. Das eine steht fest: Fürst Bülow hat bte Friedens- und Freundschaftsdemonstration IaurLs' verhindert. Er hat sich noch niemals so bloßgestellt, wie gerade in diesem Falle Ich bedauere nur, daß gerade Deutschland sich eine solche internatio­nale Blamage geholt hat! (Reichskanzler Fürst Bülow betritt den Saal.) Heute kann sich Deutschland de§ Ruhmes freuen, bet reaktionärste Staat ber Welt zu sein, nachbem der russtsche Absolutismus seinem Ende entgegengeht.

Und wie ist die Stellung Deutschlands sonst in der Welt? In Ostasien hat sich die Situation total geändert. Der Friede m Portsmouth hat die ostasiatischen Dinge von Grund aus umgestaltet. Und besonders für Deutschland steht die Sache schlimm, da Deutich­lorst) wegen seiner Einmischung beim Frieden von Schirnonoien in Japan ^sonders verhaßt ist. Der Friede in Portsmouth bedeutet die Stabilisierung der japanisch-englischen Herrschaft im fernen Osten. Da hat die Nemesis gewaltet, das ist die Folge, unserer Po­litik von 1895. Meines Erachtens ist es das beste, wir zogen letzt die Konseguenzen und gäben das ganze Kiautschou auf.. Die 13 Millionen, die die Besatzung unS dort kostet, können totr iparen; ober sollen wir ne für Afrika auftoenben? Der Traum, au9 Kiau- tschou ein deutsches Port Arthur zu machen, ist ausgeträumt. Stau« tscho'l ist uns nur noch eine Kugel am Sein, die uns hindert, un­seren europäischen Aufgaben nachzukommen. Ueberhaupt: unsere

an? dem Unterseeboot im ganzen werden wird, weiß ich nicht und ich maße wir auch kein Zukunftsurteil hierüber an. aber soviel kann ich sagen, daß, wenn solche Schiffe überhaupt verwendet werden sollen, man entsprechend mebr aiisoeben muß. Wir beziffern den Bedarf auf jährlich etwa fünf Millionen.

Diejenige Forderung der verbündeten (Regierungen, welche am meisten besprochen ist, ist die Deplacements-Vergrötze- r u n g unferer Linienschiffe. Die Mar: neverwaltung hat mit der Steigerung der Deplacements gewartet, bis eine größere, Klarheit hierüber und über daS Vorgehen der anderen Nationen eingetreten ist. Nachdem aber namerttl-b unter dem Eindruck der Schlacht von Tsushima andere Nationen sprunghaft vorgegangen sind, wäre ein weiteres Warten msi . 'ck nicht verantwortlich. Bei ber größeren Bebeutung, welche bie Frage der Deplacements für bie Entwicklung her Flotte überhaupt bat, glaube ich nicht unterlaßen zu dürfen, hier wenigsten? kurz auf die inneren Ursachen unserer Forderung einzugehen. Die Ursachen liegen hauptsächlich in der größeren Sebeutung, welche das Ferngefeckst auf See in jüngster Zeit erlangt hat. Daß man von jeher stch bemüht bat, die Gegner von weitem zu treffen und möglichst früfiieitig, ist ja nichts neues: aber abgesehen von ber Tragweite ber Geschütze fanb das Fern- gefeck't durch eine Reihe v"n technischen Unvollkommenheiten tmb vor allem durch da? menschliche Auge bisher eine natürliche Grenze. Nachdem nun aber Fortschritte inbezug auf die Distanzmessimg ge­macht und am Fernrohr eine Reihe von technischen Errungenschaften zu verzeichnen sind, ist diese Grenze erheblich hinauSgerückt. Das Ferngefecht auf See hat jetzt eine höhere Bedeutung als früher. Dazu kommt, daß die durch den russisch-japanischen Krieg bewiesene tatsächliche Leistung der Torpedoflofte den Wunsch allgemein hat hervortreten lallen, die Unterwasserkonstruftionen noch in größerem Maße als bisher gegen Untersecervlosionen zu schützen. Das bie beiben Hauptgründe. Ich möchte nun noch bemerken, daß die Am'icht, baß wir unsere Schiffe nicht vergrößern können mit Rück­sicht auf die Befahrbarkeit unserer Gewässer, für die

von den verbündeten Regie-ungen geplanten Bauten nicht zutrifft. (Hört, hört!) Wohl aber können die ge­

planten Schiffe die Schleusen des Kaiser-Wilhelm-Kanals nickst mehr passieren, und es sind ja atich entsprechende Vorarbeiten angeordnet. Ohne den Atisführungen des Staatssekretärs des In­nern vorzugreifen, möchte ich meiner Ansicht dahin Ausdruck geben, daß die steigende Freguenz des Kaiser-Wilhelm-Kanals eine solche Vergrößerung auf jeden Fall notwendig macht.

' Nun zu der Frage deS Personals I Wenn man die Per- fonalauote auf den Jahresdurchschnitt berechnet, so werden wir in den nächsten 12 Jahren nicht erheblich mehr verlangen, als in den letzten 6 Jahren vom Hause bereits bewilligt sind. Es wird also auch da? Rekerutenkontingcnt, daß die Marine beansprucht, nicht in höherem Maße steigen. Nach unseren Erfahrungen wird eg feine Schwierigkeiten machen, daS Personal zu beschaffen und die Aus­bildung zu bewirken. Die Marineverwaltung hat sich bemüht. Ihnen in der Vorlage eine Uebersicht zu geben, auf welche Posten sich die geplante Personalvermehrung verteilt. Für bie AuslandS- kreuzer regelt sich ja die Personalfrage nach dem Flottengesetz. Was die Torpedoflotte betrifft, so hat ja eine gewiße Vermehrung der Torpedoboote auch eine Vermehrung des Personals zur Folge. Den Löwenanteil haben auch hier die Deplacementsvergrößerungen. Wenn eS aber wahr ist, daß man um diese DeplacernentSbergroße - rung nicht herumkommt, bann wird man auch um bie Konsequenz der Vermehrung des Personals dafür nicht herumkommen.

fertigstellen?

Die Thronrede führt diesmal eine Sprache, wie noch nie zu­vor. Es wird in auffälliger Weise unterschieden zwischen Mächten, zu denen wir in »freundschaftlichen" und solchen, zu denen wir in »korrekten" Beziehungen stehen! Das ist sehr bezeichnend. Auch der Reichskanzler hat gestern in feiner Rede den Ernst der aus­wärtigen Lage stark betont. Auch der Toast deS Kaisers bei der Enthüllung des Moltke-Denkmals lautete schon ähnlich. Da haben wir ein Recht zu fragen: Was ist los? Welchen Dingen treiben wir entgegen? Der Reichskanzler sagte, wir hätten mit einer tief­gehenden Abneigung des englischen Volkes gegen daS deutsche zu rechnen. Diese Behaupttmg wird wohl jenseits des Kanals auf Widerspruch stoßen. Zweifells sind gewisse Antipathien vorhanden. 9Tber gerade deshalb muß man fragen, ob Reden wie die am 26. Oktober an der richtigen Stelle gehalten sind. Als im Vorjahr der Abg. Paasche von der Kriegsgefahr mit England sprach, glaubte ich: er wolle sich nur ein wenig bemerkbar machen (Heiterkeit), er tue nur so, als ob er etwas wisse. Als aber im Januar Prinz Ludwig von Bayern dem Kaiser dafür dankte, daß er die gefähr- liche Situation überwunden habe, da wurde ich denn doch etwaS stutzig. Mittlerweile haben sich bie bebenklichen Anzeichen gehäufti llnb bie Marokkoaffäre hat bie Lage blitzartig erleuchtet. Ich habe schon, bevor ber Konflikt offen ausbrach, auf den für Deutsch­land unangenehmen Eharakter der englisch-französischen Entente hingewiesen. Ich habe damals, im März, ausgeführt, es wäre besser gewesen, Deutschland hätte sich sofort bei Abschluß deS fran­zösisch-englischen Abkommens mit den übrigen Mächten der Madrider Konferenz in Verbindung gesetzt zum Zweck eines ge­meinsamen Vorgehens. Das ist nicht geschehen. Statt dessen ging ber beutsche Kaiser nach Marokko. Dieser Vorgang stellt birelt ein biplomatikches Unikum dar. ES war nicht nur eine DemonstrationS-, cs war eine Provokationsreise (Unruhe rechts), sie mußte Mihfallen unb Mißtrauen erregen. Wenn Deutschland jetzt isoliert ist, so ist da? ein Fehler seiner eigenen Politik. Wir lassen uns nicht beirren, das offen zu erflären, denn hier stehen bie Lebensinteressen deS beutschen Volkes auf dem Spiel. Was ist bie Folge solcher Provo- fationen? Denken Sie an bie Krüger-Depesche im Januar 1896!

mit unseren eigenen Erwägungen und Erfahrungen, daß das Tor, peboboot nur dann die daran geknüpften Erwartungen erfüllen kann, wenn sich die Flotte auf einem sehr hohen Stand der Aus­bildung befindet. Dem werden die Maßnahmen der verbündeten Regierunoen gerecht, wir wollen die Ausbildung unserer Torpedo- boote erhöhen und sie namentlich gleichmäßig über daS ganze Jahr gestalten, toir wollen die sofortige Kriegsbereiffchaft erhöhen.

lieber Einzelheiten werde ich in der Kommission Rede unb Antwort zu sieben haben, ich glaube, mich hier auf die allgemeine Bemerkung beschränken zu sollen, daß es in unserer Absicht liegt, die Ausbildung der Mannschaften, Unteroffiziere und Offiziere der Torpedoboote zu fördern, um sie zu einem festen, sofort verwend­baren militärischen Körper zusammen zu schweißen. Dazu bc- nötigen wir auf den einzelnen Torpedobooten die sofortige volle Be- atzung. Wir benötigen also aktives Personal und daS ist der bringende Punkt. Mit Rücksicht darauf, daß ein Torpedoboot durchschnitlich alle drei Jahre repariert werden muß, werden wir immer auf drei vorhandene Flottillen eine rechnen können, die sich in der Reparatur befindet. Wir brauchen also 12 Flottillen oder 144 Boote.

Nun zum Unterseeboot. Die Herren werden ja auB meinen früheren Erklärungen wissen, daß ich kein begeisterter An- hänger der Unterseeboote bin, aber es ist anzuerkennen, daß ei,-e Reihe von Vervollkommnungen eingetreten sind, daß bas Untersee­boot für gewisse, eng begrenzte Zwecke eine Be-beutung hat, unb diese Bedeutung könnte gelegentlich eines Krieges birrtfi einen ein­zigen Erfolg namentlich nach der moralischen Seite bin erheblich gesteigert werden Dani kommt, daß andere Staaten in größerem Maße mit der Beschaffung der Unterseeboote vorgegangen sind. Was

Eine größere Bedeutung hat der Posten zur besseren Aus­rüstung ber Schiffsartillerie. Die Seeschlachten werben durch die Artillerie entfliehen. Alle Nationen strengen sich aufs äußerste an, ihre Artillerie zu vergrößern, und die Marineverwal- tung wirb sich bcS Einbrucks nicht erwehren können, daß nach btefer Richtung hin noch manches zu tun ist. Aus diesem Grunde fordern wir auch eine Verstärkung ber einzelnen Schiffsrnannichaften, bet Mannschaften, bie bie einzelnen Schiffe bedienen sollen. Dadurch wird erreicht, daß die FeuergesLwindigkett ber Scknffe steigt, baß namentlich burch bie physische Entlastung bes einzelnen Mannes eine längere Ausbauer ber Geschützmannschaft stattftndet und baß bemenffprechenb auch bie Treffficherheft wächst . Die Mari^ver- toalhing hat sich bemüht. Ihnen einen Ueberblick über bte Junten zu geben, welche aus den geplanten Maßregeln voraussichtlich ent­stehen werben. Die Schätzung hn einzelnen ist ja schwierig, totr werben uns aber die größte Mühe geben, die Kosten mnerhaw de- Rahmens der gesamten Schätzung zu halten, unb daS tft doch ber fprtngenbe Punkt.

Ich habe nach dem, was ich gehört unb in ber Presse gelesen habe, ben Einbruck, baß bie Marinevorlage allgemein nicht un- srcunblich ausgenommen wird. Allerdings bube ich auch stimmen gelesen, daß bie Ausgaben zu groß sind. Stimmen, bie sich über­haupt gegen bie Vorlage wandten, und anbererftttsStimmen, bentn bie Vorlage noch nicht weit genug geht. Ich bente, bafc bie Se» ratung des Hauses dazu beitragen wird, biejemgen, ine sich bisher

ablehnend verhalten Baben, zur Zustimmung zu bewegen und die- jenigen, welche eine größere Vorlage gewünscht hätten, zu über­zeugen, daß bo3 Vorgehen ber verbündeten Regierungen bal richstige ist. Ich hoffe unb wünsche, daß eine möglichst große Majorität her Vorlage zustimmen möge, damit jedweder sehen kann, daß bie erwählten Vertreter beB beutschen Volkes in dieser Frage geschlossen hinter der deutschen Flotte stehen. (SeifaH.)

Abg. Bebel (Soz.):

Bis heute unaufgeklärt ist ber plötzliche Schluß des Reichstags in voriger Session. Man meint: c3 sollte vermieden werben, daß der Reichstag sich mit dem Marokko-Konflikt beschäftigte. Sei dem nun, wie ihm wolle, es war ein Verfahren von äußerster Rücksichts­losigkeit. Unb jetzt wieder bie späte Einberufung! Glaubt jemand, wir könnten jetzt noch bis April den Etat unb die Steuervorlagen

ßrhr. v. Stengel, Graf Posadowsky u. a.

Zunächst wird ein schleuniger Antrag auf Einstellung eines Den Abg. Str öf eil (Antis.) ange -

Haupt nicht.

Wen diese Erwägungen nicht überzeugen sollten, dem mochte iafi doch zu bedenken neben, daß die Kosten für die Auslandsver- tretung nicht ausschließlich auf daS Friedenskonto zu sehen sind, bnbern bis zu einem entsprechenden Grade auch auf das KriegS- honto. Wie unsere großen Kreuzer verwendet werden, ist ja nickt csit Sickerheit zu bestimmen, das hängt von den Umständen ab, von !cm Verhalten des Gegners, von dem geographischen Ort, wo sich ^er große Kreuzer gerade befindet. Ick kann hier nur allgemein (lagen, daß die großen Kreuzer, welche sich bei uns in der ©ctmat lrfinden, die Schlachtflotte zu unterstützen haben und daß die sich gerade im Ausland befindenden sich bemühen toerden, soviel Inter­essen des Gegners zu schädigen, wie ihnen nur möglich ist. Ich mochte (ritten, im Interesse einer richtigen Auffassung von der Verwendung tter Kreuzer, die ich hier nickt in ganz ausreichendem Maße geben dann, den Unterschied zwischen Auslandskreuzer und JnlandSkreuzer - twas zurücktreten zu lassen. Mit Bestimmtheit kann gesagt werden, i) eine Flotte als Ganzes betrachtet die an sie gestellten Er- itrarhingen nicht erfüllen kann, wenn nickt ein einigermaßen auS- iccichendes Verhältnis zwischen den vorhandenen Typen besteht, be- (sonders zwischen den Haupttypen, den Kreuzern und den Limen- sschiffen. Da möchte ich auf das Mißverhältnis Hinweisen, das ge- uadc bei uns in ber geringen Anzahl der Kreuzer im Vergleich zu Bienen anderer Länder beruht. Die anderen großen seefahrenden Nationen England, Amerika, Frankreich, Japan haben richtige 'Kreuzergeschwader als Verwendungsgeschwader jederzeit bereit. Das Verhältnis zwiscken Linienschiffen und ihren großen Kreuzern -ist etwa wie 1 : 1, b. h. es kommt auf jebes Linienschiff ein ffcoßer (Kreuzer, manchmal mehr. Für unsere Flotte ist dieses Verhältnis wie 3:1, b. h. eS kommt auf 3 Linienschiffe etwa ein großer Kreuzer. Nun ist cs gemäß den politischen und geographischen Ver­hältnissen Deutschlands nicht erforderlich, daß wir ein gleiches Ver­hältnis anftreben wie die anderen seefahrenden Nationen, aber da.» kann mit Sicherheit gesagt werden, daß das augenblickliche Ver­hältnis, wie es nack Mstrich her großen Kreuzer durch ben NeickS- tag emgetreten ist, ein ungesundes ist. (Sehr richtig! rechts.) Wir müssen mindestens das Verhältnis 1 zu 2 haben, auf 2 Linier^ schiffe einen großen Kreuzer, und das etatsmäßig festzusiellen t)t ibie Absicht der Novelle. Wir werden nach ihrer Annahme 38 Linien­schiffen 20 Kreuzer gegenüber haben. Damit haben hur her deut­schen Flotte in ihrer Gesamtheit eine richtigere Formation gegeben als bisher. Dieser allgemeine Gesichtspunkt könnte wohl auck wioer, strebende Herren bestimmen, der Novelle zuzustimmen. (Sehr rich­tig! rechts.)

Ich komme zu denjenigen Forderungen, welche die Denkschrift zum Etat zmn Ausdruck bringt. Es handelt sich zunackst um eine nicht unerhebliche Vermehrung unserer T o r p e d o b o o t - b e st ä n d e. Das Torpedoboot hat ja in dem rMisck-mpanncuen Krieg seine Feuertaufe erhalten. ES liegt mir natürlich fern, vcm dieser Stelle aus irgend eine Kritik an den Leistungen der rup siscken oder der japanischen Torpedoboote zu üben, aber das vaven doch nunmehr die historischen Tatsachen gezeigt, und das deckt Va)

Freitag, 8, Dezember 1905

Giehener Anzeiger

Dann wird die erste Lesung des Etats der Flotten- Vorlage und der Reichsfinanzreform fortgesetzt.

Staatssekretär v. Tirpitz:

Ich möchte die Marinevorlage, welche die verbündeten Regie­r', ingen dem hohen Hause vorgelcat haben, meinerseits auch mit e: nigen erläuternden Worten begleiten. Wie die Herren gesehen haben werden, besteht sie in der Novelle zum Flottengesetz und in einer Denkschrift zum Etat. Diese Teilung war nötig, um klar zum ? nsdruck zu bringen, waS einer besonderen gesetzlichen Festlegung bedarf, und was vr. dem JahreSetat angefordert ist. Die Novelle enthält die taffächdche Vermehrung unseres KreuzerbcstandeS um ßchs große Kreuzer. Die Begründung liegt sowohl tn der FriedenS- vsic in ber Kriegsverwendung. Der ersteren Zweckbestimmung ber» dünken sie ihren Namen Auslandslreuzer. Sie sind bestimmt, überall da verwendet zu werden, wo es die Seeinteressen des Deut­schen Reiches erfordern, um unseren Handel im Ausland einen Äückhalt zu geben und die Flagge dort zu zeigen und zu repräsen- »eren, wo cs erforderlich ist. Die Marineverwaltung hat sich be­müht, ebenso wie in früheren Jahren, dem Hause eine Uebersicht zu (teilen über das, was unsere See-Interessen eigentlich sind. Diese t ockenen Zahlen sprechen, wenn man sich nur etwas darin vertieft, me gewaltige Sprache. Ich glaube, man wird erstaunt sein, welche ungeheure Anhäufung solcher Interessen durch die See stattfindet, tmb diese Jitteressen sind fett 1-900, dem Jahre der letzten Zu- snmmcnstellung, erheblich gewachsen. Diesen gewaltigen Inter­essen entspricht eine steigende Vertretung. Das, WaS die verbün- > ten Regierungen für bte Auslandsvertretung planen, ist im Ver- - eich zu Dem, WaS andere Nationen dafür tun. sehr mäßig. Es ist nicht angängig, daß diese Interessen nur auf kleinen, schtvacken kckiffen vertreten sind. Man kamt ja bei dem Nutzen, ben bie {iu3lanb8bcrtretung gewährt, nickt in jebem einzelnen Falle ab- t-ägen zwischen den Interessen, bie borliegen unb zwischen den Kosten, die oerursacht werden. Man wird btelmehr stets die allge- t eine Wirkung berücksichtigen müssen, welche eine gelegentliche ein» vmcksbolle Vertretung durch eine Flottenmacht herborruft. Dazu t mmf daß auch das Ausland in dieser Hinsicht uns borangegangen .in. Ich weiß sehr Wohl, daß meine Ansicht nicht überall geteilt wird, ich fürchte auch, daß in diesem hohen Hause Herren sein werden, f c den Aufwand an Kosten für diese Vertretung nicht glauben in Einklang bringen zu können mit dem Nutzen, ber daraus entsteht. Riefen Herren gegenüber möchte ick dock sagen, baß noch eine Reihe embertr Faktoren in Betracht kommt. Das werben alle biejenigen zugtben, welche praktisch ber Vertretung unserer Interessen durch Schiffe im Ausland nahe aestanden haben. Unserer politischen Lcitung, sowohl im Auswärtigen Amt, wie draußen hat bie Marine- t:. rtrnltung nie genug Schiffe stellen können, unb unsere deutschen Lmdsletttc im Ausland sind sich bollkommen bewußt, daß auch ihre g-sckäftlicke Position durch eine solche Vertretung gestärkt wird. Unseren Nackbarnationen. di», ja bezüglich ber Seeinteressen auf eine ßmgere Trabition zurückblicken können, kommen solche Zweifel über»