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13.9.1905 Erstes Blatt
 
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155. Jahrgang

Erstes Blatt.

bruderei.

nge.

Redaktion, Expedition und Druckerei:

Schulstraße 7.

Adresse für Depeschen:

Anzeiger Gießen.

Fernsprkchan<cülußNr.b1

Mittwoch 13. September 1905

Bezugspret»: monaluch7bPs., viertel» A jährlich Mk. 2.20; durch

yK A Abhole- u. Zweigstellen

monatlich 65 Ps.; durch

Nr. 215

«rsch-tnt täglich außer Sonntag«.

Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem hesflschen Landwirt die Siebener ZamUien- HIStter viermal in der Woche beigelegt.

Rotationsdruck u. Ver­lag der Brühl'fchen Univors.-Buch-u. Stein-

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General-Anzeiger

v ** den poItL und allgem.

Amts- md Anzeigeblatt für den Kreis Gießen MW 9F zeigenteil: Hans Beck.

Are heutige Kummer umfaßt 10 Keilen.

Bekanntmachung.

Betr.: Feldbereinigung in der Gemarkung Langsdorf.

Freitag den 29. September 1905 findet die lieber» Weisung der Ersatzgrundstücke und die Versteigerung der Masse- grundstücke an Ort und Stelle statt.

Zusammenkunft vormittags 93/4 Uhr am Rathaus zu Langsdorf, woselbst auch die Versteigerungsbedingungen bekannt gegeben werden.

Die Ueberweisung erfolgt vorbehältlich der im Termin bekannt zu gebenden weiteren Bedingungen unter folgenden:

1. Meliorationsarbeiten können auf den überwiesenen Grundstücken auch fernerhin vorgenoinmen werden.

2. Eigentumsveränderungen, die infolge der Ausführung von Meliorationsarbeiten, der Anlage von Wegen und Gräben und dergleichen innerhalb der Zeit der Ausführung dieser Arbeiten notwendig werden, müsse., die neuen Eigentümer dulden. Ein hierdurch be­dingter Ab- und Zugang von Gelände wird dem neuen Eigentümer nach dem Bonitätswert vergütet, bezw. zugeschrieben.

Friedberg, den 12. September 1905.

Der Großlur'og icbe / "o reiniguugs'.ommissärr

Spamer, Kreisamtmann.

Are Kaisermanöver.

(Eigener Bericht des Gießener Anzeigers.)

Nastätten, 12. Sept.

Gestern nachmittag war in Coblenz auch einmal schön Wetter, warm und sonnig, und die satten Farben der Dekorationen präsentierten sich, wenn auch ein Kein wenig kopfhängerisch, doch noch recht wirksam. Viele Tausende von Paradebesuchern durchfluteten am Nachmittag die Fest­straßen und strömten überall da zusammen, wo absperrende Schutzmannschaft erwarten ließ, daß man Mitglieder der kaiserlichen Familie würde sehen können. Dazu war mehr­fach Gelegenheit. Kaiser und Kaiserin , diese im,Staub­mantel und Automobilschleier, machten eine Spazierfahrt int Kraftwagen am südlichen Moselufer, und auch der Kronprinz sauste noch sv..t durch die Straßen.

Die Hotels sind überfüllt, und manche Gastwirte suchen mit Gewalt ein Geschäft zu machen. Ms wir unsere Ver­wunderung über den abnormen Preis einer Flasche Mineralwasser in einem einfachen Lokal äußerten, meinte der biedereOber" mit dankenswerter Offenheit: Ja, jetzt ist auch die Zeit dazu. Die Dr o sch ken kut scher nehmen doppelte Taxe.

Das Paradediner.

wurde im königlichen Schlosse gegeben. Die, Haupttafel war im weißen Saal; das Gros der Majors speiste im dar­unter liegenden Gartensaal und einigen hieran anstoßenden Gemächern. Der Kaiser trug die Uniform seines 145. Regiments. Er plauderte auf das lebhafteste mit den geaen- übersitzenden Herren: dem Kommandierenden Deines, dem Reichskanzler General Fürsten Bülow, den Generalfeld­marschällen Hahnke und Graf Häseler, und trank diesen, sowie u. a. General Stötzer, General v. Lindeguist, General v. Einem und dem englischen General Grierson wiederholt zu.

Nach der kurzen Ansprache des Kaisers mit dem MottoFeldmarschmäßig" spielte die Musik den Yorkschen Marsch. Nach der Tafel hielten die Majestäten rm Kur­fürstensaal Eercle, jener sonst einem Museum gleichenden großen Halle, in der Erinnerungen an die Kaiserin Augusta vereinigt sind und gezeigt wurden. Jetzt schmückten ihn nur die Porträts der alten trierschen Kurfürsten in ihren roten, hermelinbesetzten Mänteln.

Kaum waren die letzten Klänge der abmarschierenden Musikermassen verhallt/als ein Gewitter niedergmg, wie wir es selten erlebt haben, und noch bis spat m die Nacht hinein rauschte der Regen.

DaS VtH. Korps

hat sich noch gestern in Marsch gesetzt. Die Bagageder Deutzer Kürassiere und anderer Reiterregimenter durchzog nachmittags die Stadt, die ganze Kavallerie folgte in der Nacht, hinüber auf die rechte Rheinseite, zunächst m öst­licher Richtung. Danach hat eine rote Armee (zu der das 18. Armeekorps gehört) von der Pfalz her vormarschiert, blaue Truppen bei Mainz über den Rhein gedrängt, die Festung ein geschlossen und oberhalb derselben am 9. Sep­tember den Fluß überschritten. Eine blaue Armee (zu der das 8. Korps gehört) sammelt sich in der Gegend von Marburg.

Tie marschierenden Truppen hatten böse Wege. Gegen morgen ließ der Regen zwar nach; aber der lehmige Boden war eine schlüpfrige, klebende Masse, in der Mann ,und Roß und Rad beinahe stecken blieben. Auch die schieds­richter gingen heute ins Gelände, zumeist in Mtomobilen, gesteuert von Herren des freiwilligen Automobil-- k o r p s in ihren schmucken Uniformen, ebenso wie General­leutnant v. Moltke und die Herren der Manöverleitung. Es ist zwar offiziell noch Marschtag heute, aber die Spitzen könnten, so nahm man allgemein an, doch schon rzuhmng gewinnen. Oberschiedsrichter ist der Kaiser, und an den Tagen, an denen er etwa die Führung übernimmt, Ge­neralfeldmarschall Prinz Mbrecht. Oberquartiermeiiter Ge­neralleutnant Frhr. v. Gay). ist dem Oberschiedsrichter zu- geteilt. Die Nachrichten-Ofjiziere find ausschließlich den Reihen des Großen Generalstabes entnommen.

Tas Gelände, auf dem sich die Kampfe der nächsten Tage abspielen werden, liegt ui dem Winkel, den

Rhein und Lahn bilden, eine Gegend, von Bergzügen und Hügelketten durchschnitten, von Wald bestanden. Einiger­maßen übersichtliche Flächen, wenn auch immer noch sehr eoupiert, bietet eigentlich nur das Hochplateau, das sich von Nordwest nach Südost zwischen Dachsenhausen und Na­stätten, eine gute Meile südlich von Nassau erstreckt. Hier scheint allein die Entfaltung größerer Kavalleriemassen möglich. An Naturschönheiten ist die Gegend überaus reich. Tas konnten wir heute morgen feststellen, trotz des trüben Wetters, als uns die Eisenbahn nach Braubach führte, dem freundlichen Städtchen im Schmuck des Tannengrüns und der Fahnen, überragt von der Marks bürg, die buntbewimpelt, den Besuch des Kaisers erwartete.

Wie wir hörten, war die Kavalleriedivision A und zwei Infanteriedivisionen bei Koblenz und bei Weißenthurm (rheinabwärts unweit Neuwied auf einer schon bei der gestrigen Parade benutzten Schiffbrücke) über den Strom gegangen und im scharfen Vormarsch ostwärts begriffen, eine harte Aufgabe bei den schlechten Wegen, zumal der größte Teil der Truppen sehr schwierige Divisionsmanöver im Hunsrück hinter sich hat. Bei Dachsenhausen stand die Korpstelegraphenobteilung des 8. Korps, der Korpsballon war gestiegen, und ein Funkenballon unweit davon auf­gelassen. Die ganze Kavalleriedivision A mit einer reitenden Abteilung Feldartillerie und Maschinengewehren passierte Miehlen in der Richtung auf Nastätten und Buch, süd­ostwärts. Die Endlichhofer Höhe bot, in der Mitte von Micheln und Nastätten gelegen, einen guten Beobachtungs­punkt. Kavalleriepatrouillen des 18., von Südosten über den Taunus heranrückenden Korps wurden mehrfach be­merkt. Ihrerseits konnten sie die Bewegungen der blauen Kavallerie grü beobachten. In früherer Morgenstunde soll es sogar schon zu Attacken einiger Schwadronen gegen ein­ander gekommen sein. Aber auch Jnfanterieposten mit dem feindlichen Helmbezug konnten wir bereits feststellen; größere Mengen roter Kavallerie sollten von Osten her gemeldet sein, rote Kavalleriepatrouillen auch im Rheintal. Die Regimenter waren im Walde von Nastätten verschwunden, und es war still um unseren Monarchenhügel geworden, als von der anderen Seite her ein eigenartig heller lang­gezogener Trompetenton zu uns herüber drang. Kurz dar­auf sahen wir das ka i s e r l i ch e Au t o m o b i l in schnell­ster Fahrt, von vier p.der fünf anderen Kraftwagen mit den Herren des kaiserlichen Hauptquartiers gefolgt, auf der Ehaussee vorüberfliegen. Ter Kaiser war linksrheinisch bis St. Goar gefahren und hatte dort mit der Fähre über- gesetzt. Nun beobachtete er den Anmarsch der Kavallerie- bivision A., begrüßte später das auf dem Marsch befindliche Königsregiment 145 und ist dann über Braubach, Nieder­lahnstein und Ehrenbreitensl-'in nach Koblenz zurückgekehrt.

Der Kaiser auf der Marlsburg.

Der Kaiser erschien im Manövergclände in der Gegend von Nastätten, nro die Kavallericdivision des 8. Armeekorps (blau mit der Kavallerie des von Sudost heranrückenden 18. Korps (rot Mhlung gewinnt. Ans dem Rückwege besuchte er die Marksbura. Er besichtigte die in dem Musenm der Burg ausgestellten künst­lerisch vollendeten Zeichnungen der Feste Koburg und ließ fick von dem Konservator der Kunstdenkmäler Thüringens, Prof. Voß, Bericht erstatten über die vom Landtage des Herzogtums Kvburg geplante Wiederherstellung der Burgkapelle der Feste Koburg. Der Kaiser sprach lebhaft seine Freude über die ge­plante Wiederherstellung auS.

Nach cinstündigem Verweilen auf der Burg kehrte der Kaiser gegen i/2l Uhr auf daS Schloß nach Koblenz zurück.

Um 1 Uhr fand im Schloß zu Koblenz großes G a b e l f r ü h- stück statt, zu dem viele Einladungen ergangen waren.

Bei St. Goarshausen tvurde heute mittag vom 8. Kvrps eine Brücke über den Rhein geschlagen. Die Höhen des rechten Rhein­ufers sind vom 8. Kvrps besetzt. Eine Lustschifferabteilung befindet sich bei Bogen.

Eine Kaiserrede

über die Eintracht der religiösen Bekenntnisse.

Am Abend fand im Schloß zu Koblenz das Festmahl für die Nheinprovinz statt. Mährend der Tafel hielt der Kaiser folgende Höch st bedeutsame Rede:

Wiederum im schönen Rheinland eingctroffcn, umbrandet von dem begeisterten Jubel der patriotischen Volksmengen, der aus leuchtenden Augen und durch begeisterten Zuruf uns ent­gegengetragen ist, empfanden Ihre M a j e stä t u n d ich den ganzen Zauber des hiesigen Landes, den es auf jeden ausübt, fei er nun Deutscher oder herbeigereist aus fremden Landen. Welch' mächtiges Leben pulsiert doch 'hier in der Rheinprovinz in Handel, Wandel, Wissenschaft und Technik, und selbst die altenRuinen, die noch zumeinerStudienzeitödc und tot dalagen, ein Zeugnis derSchmachund Ernie­drigung unseres Vaterlandes, als fremde Eroberer in dasselbe eingedrungen waren, werden jetzt ausgebaut und bewohnt von ftöhlichen Menschen. Wem haben wir das zu danken? Durch Gottes Gnade Kaiser Wilhelm dem Großen, dem großen Einiger unseres Vaterlandes und Volkes und demnächst seinem Sohne und seinen treuen Paladinen! Fürwahr, in unserem Deutschen Reiche hinter ließ uns der hohe Herr ein herrlich prächtiges Gebäude, ein stattlich Haus, und da erinnert es mich im Bilde gleichsam an die hochragende Burg meiner Ahnen, die ich jüngst besuchen konnte, als ich heimkehrte vom Sarge des mir so nahe stehenden dahingeschiedenen Fürsten von Hohenzollern. Hoch und hehr, mächtig und fest, so st e ht d a s d e u t sch e H a u s , und ebenso, wie auf imferer Stammburg, emgeteut tn kleine Ge mächer und Kemenaten und große Säle, je nach Bedarf, je nach Ueberlieferung in verschiedenen Farben: grün-wecn, chwarz-rot, blau-weiß, schwarz-weiß, und in diesem Hause ind gleich wie in unserer Stammburg zwei Kapellen, eine ür Protestanten, die andere fiir Katholiken, auf daß beide in Eintracht nebeneinander Gottesdienst ver­richten mögen. Und über dem besttimwehrten, zi.:nengekrönten Dach weht in den Lüften das Reichsbanner, der alte deutsche Adler zu dem alle Deutschen stolz hinausschauen, und in diesem Hause das s ch a ffen s fre u di g e , fr isch a u fb l ü hen d e deutscheVolk, welches treu zu seinen angestammten Fürsten hält, darunter nicht zum geringsten meine Rheinländer, st'ir deren katholische Glieder neulich 'm so herrlicher Weise der Erzbischof von Köln das Treugelübde erneuert hat.

das iw mit herzlichem Dank entgegcngenomnien habe. Und diesem Volk, dem wünsche ich von Herzen, daß es in froher Eintracht mit einander in dm cm Dause leben möge, vor allen Dingen in Achtung der Persönlichkeit und Würdigung derselben in jedem Mensckicn, emporblickeiw zum Firmament da droben, welches über unserem Hause sich wölbt, aufschauend zum gemeinsamen Erlöser und Heiland, von dem wir hoffen und erwarten, daß er unS von unseren Sünden erlöst, und zu unserem allerhöchsten Gort und Vater, vor dem wir in Ehrfurcht das Knie beugen. Wenn so das deutsche Volk in sich gefestigt und Gott vertrauend in die Welt hinauStritt, dann wird cs auch befähigt fein, die großen Ku l t u r au f g a b en zu lösen, die ihm die Vorsehung in der Welt bestimmt hat. Nach innen geschlossen, nach außen entschlossen! Und daß diese Anschauung in meinem Volke sich verbreiten und Verständnis und Würdigung finden, und daß es ihm beschieden sein möge, unter Gotte- Schutz in fv.cbhrfar Schaffensfreude seine Arbeit zu fördern dieser Wunsch wird vor allen Dingen m der hiesigen Provinz Verständnis und Würdigung finden. Ich erwarte von meinen Rheinländern, daß sie bei dieser Arbeit mir trnr zur Seite stehen. So erhebe ich mein Glas auf das Wohl und Gedeihen der schönen Provinz. Die Rheinländer Hurra! Hurra! Hurra!

Auszeichnungen.

DerReickisanz." veröffentlicht eine außergewöhnlich große Anzahl von Ordensverleihungen und anderen Auszeichnungen aus Anlaß der Anwesenlteit des Kaisers in der Rhemprovinz. Den Wilhelms-Orden erhielt die verw. Geh. Kvmmerzien- rntin Anna Schöller in Düren, den Kronenorden 1. Klasse der Kardinal Erzbischof von Köln Dr. Fischer. Dem Schloß- Hauptmann von Düsseldorf Kammerherrn Graf v. Spee wurde dis Prädikat Erzellenz verliehen. Unter den Dekorierten befinden sich auch die Zentn-mS-Wgg. Fritzen, Dr. Opfergelt und Dr. Am Zehnhoff.

Milttärfonderzüge.

Eine sehr große Anzahl von Militärsonderzügen für den Rücktransport der Truppen aus dem Manö v e r - gelände nach den Garnisonen wird auf den betr. Bahn­linien eingelegt. Für den Bahnhof Gießen kommen nicht weniger als 18 Militärzüge am 15. September und 12 Militärzüge; am 16 Sevtembev in Beluacht- ____

Politische Tagesschau.

Beschwerderecht und Anzeigepflicht bei Soldatenmißhaudlungea.

In einer Polemik über den apokryphen Mißhandlungs- erlaß des Kriegsministers erklärt sich dieKreuzztg." von dem gegenwärtigen Zustande völlig befriedigt. Tie Bestimm« ungen über das Beschwerderecht reichten völlig ans und die Strafen würden rücksichtslos zur Anwendung gebracht; die trostlosen Folgen der Einführung der Anzergepflichl seien kaumauszudenken".

Nun, uns meldete gestern ein Telegramm aus Berlin, daß ein Unteroffizier eines Garderegiments, also^ einer Elitetruppe, wegen Mißhandlung in 345 Fällen bestraft worden sei. Er hat die^e Mißhandlungen monatelang fortgesetzt und sie kamen schließlich ans Tcrgeslicht, nicht weil das Beschwerderecht ausgeübt wurde, sondern weil ein von ihm gepeinigter Soldat einen Selbstmord­versuch machte und dann nach den Ursachen zu diesem unglücklichen Schritte geforscht tonrbc. Wenn es möglich ist, daß ein junger kräftiger Mensch sich lieber durch den Selbst­mord seinen Peiniger vom Halse schaffen will als durch die Ausübung des Beschwerderechts, dann ist es eine nn* erhörte Dreistigkeit, zu sagen, daß die Bestimnvi ungen über das Beschwerderecht völlig ausreichten. Wir sehen auch durchaus nicht ein, warum die AnzeiAepflicht trostlose Folgen für unser Heerwesen zeitigen müsse. Wir glauben, daß die Disziplin und die Lust am Soldatenstande mehr erschüttert werden, wenn ein Unhold monatelang allen Vorschriften entgegen die Soldaten peinigen kann, als wenn Anzeigen sofort ohne jeden Justanzenw^k an den Hauptmann erstattet und dadurch fortgesetzte Mißhandlung unmöglich gemacht wird. Wenn schließlich dieKreuzztg." sagt, 'die Strafen wegen Mißhandlungen würden mit rück­sichtsloser Strenge zur Anwendung gebracht, so fft in dem erwähnten Falle allerdings der Peiniger zu iVe Jahren Gefängnis und Degradation verurteilt worden; int all­gemeinen aber hat die Milde der kriegsgerichfc« lichen Urteile nur zu oft schon Erstaunen hervov« gerufen und den Sozialdemokraten willkommenen Stoff für ihre Agitation geliefert. Es ist darum geradezu die Pflicht der bürgerlichen Parteien, den Sozialdemokraten den Kampf gegen den bestehenden ^tstand nicht zu überlassen, nicht aber diesen Zustand nt der Weise zu verteidigen, Witz es dieKreuzztg." tut.

Japan nach dem Kriege.

Tokio, 12. Sept. Eine Massenversammlung, die gestern in Osaka stattfand, nahm eine Resolution an, in der verlangt wird, daß der FriedenSoertrag ge­brochen werde und das Kab inet zurücktrete. Bei einer Ruhestörung, die sich gelegentlich dieser Versammlung er­eignete, wurden 40 Personen leicht und eine schwer ver­letzt. Es bestätigt sich, daß die De Mission desMinisterS des Innern Poshikama nicht angenommen worden ist. Dem Brauche gemäß haben sämtliche Minister dem Kaiser ein Schriftstück überreicht, in welchem sie offiziell ihre Unzulänglichkeit anerkennen und um seine Entscheidung bitten, ob sie im Amte bleiben oder zurücktreten sollen; sie hoben aber gleichzeitig die Notwendigkeit des Belagerungs­zustandes hervor. Der Kaiser erteilte heute die Antwort, daß die Minister auf ihren Posten verbleiben sollen.

London, 12. Sept. Da die Unruhen in Tokio dem guten Ruf Japans schädlich waren, vereinigten sich die Regierungspartei und die Opposition, um die Ord­nung wieder herzustellen. Die Wiederkehr geordneter Zu­stände ist nicht durch die Polizei bewirkt worden, sondern