ttng brauchbarer Bewerber um die Stellen des männlichen und weiblichen Wartepersonals in den Irrenanstalten. In den Beiträgen tag von jeher die Tatsache vor, daß das r.and den Städten gegenüber vorbildlich erscheint in dem lebendigen Interesse und dem opferwilligen Mitleid für die Geisteskranken. Tiefe nicht erfreuliche Wahrnehmung trifft nicht allein in Hessen zu, sie wird beispielsweise auch benagt rn dem neuesten Jahresbericht des Hitfsvercins für Geisteskranke in der preußischen Rhcinprovinz, wo die Hauptstadt Köln nur 36 Geber stellt, dagegen die UnMrsitats- stadt Bonn 750; ähnlich verhält sich die Stadt Gießen zu den übrigen Städten. Ter hessische Hilfsverein legt da. Hauptgewicht auf die wachsende Zahl der Geber, nicht aus die Höhe der Gabe und glaubt, mit Hilfe der fortwährenden Zunahme der Geber in den weniger bemittelten Volk.- klassen eine dauernde Bewegung cinzuleiten, die mit Sicherheit auch die oberen Schichten der Gesellschaft wehr und mehr ergreift. Eine neue Hilsstruppe ist dem Verein in den letzten Jahren aus den Gewerbcvereinen des Landes erwachsen, von denen 19 bis jctz. die Mitgliedschaft erworben haben. Neben den zahlreichen Vertrauensmännern^ hat der Verein noch besondere Helfer und Helferinnen bestellt zur Unterstützung für bedürftige, aus den Anstalten entlassene Genesene, oder für notleidende Angehörige der Kranken. Auch für die gesteigerte Ausbildung oer Vertrauensmänner in der Kenntnis der Irrensürsorge leistet der Verein Großes und ermöglicht hierdurch deren Mitwirkung bei der Beschaffung brauchbaren Wartepersonals für die Heilanstalten Zurzeit sind 280 Wärter und Wärterinnen vorhanden, und mit der Eröffnung der beiden neuen Anstalten zu Gießen und Alzey weichst die Zahl auf mindestens 400. Ter Verein hat im abgelaufenen Jahr 25 000 Mk. Unterstützungen an entlassene Kranke und an Familien von Kranken gewährt; die Gesamteinnahme betrug 35 500 Mk. bei 64 000 Gebern; das Vereinsvermögen beziffert sich auf 69 000 Mk. Der vorzüglich geleitete und vorbildlich organisierte Hilfsverern hat seinen Sitz in Heppenheim a. d. B. und steht unter der Aufsicht der Provinzialdirektion Starkenburg.
- Verspätete Schwalben. Die späte Anwesenheit oer Schwalben in diesem Jahre ist wohl schon manchem ausgefallen. Gestern verirrte sich sogar ein Schwälbchen in unser NedaktionSzimmer. Es ließ sich leicht fangen und war augenscheinlich recht froh, als wir ihm einen recht behaglichen Käfig im warmen Zimmer schufen. Andere Schwalben tummelten sich dieser Tage noch, munter nach Beute haschend, unter unseren Fenstern. Öb die Tierchen wohl durch das Erdbeben in Italien wieder nach Deutschland verschlagen sind? Jedenfalls ftisteten sie bei der nassen Witterung der letzten Tage hier ein elendes Dasein. Gewiß suchten sie oft vergeblich nach Nahrung. Vielleicht sind es auch ganz alte und ganz junge Schwalben, die die weite Reise nach dem fernen Süden nicht mitmachen konnten und deswegen zurückblieben. Sobald es kälter wird, ziehen wohl auch sie südlich, gehen aber unterwegs zweifellos elendiglich zu Grunde.
— Das Theaterbau-Komitee bringt soeben eine größere Anzahl von Zeichnungsscheinen zur Versendung. Das Komitee ist der wohlbegründeten Ansicht, daß es trotz der bereits großen Zahl von Spendern doch noch sehr viele Einwohner gibt, die auch gern ihr Scherflein zu einem würdigen Theaterbau beitragen möchten. Mancher von den jetzt zur Zeichnung Eingeladenen wird ja nicht tn der Lage sein, eine größere Summe zur Verfügung zu stellen; darum braucht er sich aber nicht ganz von der Zeichnung auszuschließen. Es gebe nur ein Jeder nach seinen Kräften, auch kleine Gaben werden gern angenommen. DaS Komitee hofft, daß fein Streben, unsere Stadt bis zum Universitätsjubiläum mit einem neuen Stadttheater zu zieren, noch von zahlreichen Bürgern durch Zusage von Spenden anerkannt wird.
•* Zur Landtagswahl. Im Bezirk Homberg- Grünberg-Ulrichstein hat der Bund der Landwirte, wie die „Volksmacht" meldet, den bisherigen Abg. Brauer in einer zu Nieder-Gemünden abgehaltenen Vertrauens- männer-Versammlung einstimmig wieder als Kandidaten ausgestellt. Brauer wurde 1899 mit 22 gegen 12 Wahlmännerstimmen gewählt. — Für den Bezirk Bad-Nauheim- Friedberg-Land hat sich in Bad-Nauheim eine „freie Vereinigung" gebildet, die nach der „Kl. Pr." die Wahl eines Nauheimers als Abg. des Bezirks anstrebt.
•• Vom landwirtschaftlichen Jnstit ut an der Großh. Landesuniversität. Die Aufnahme neuer Studierender der Landwirtschaft beginnt für das Wintersemester 1905/06 am 16. Oktober und dauert bis zum 13. November 1905. Spätere Aufnahmen kann, wenn die Verspätung genügend gerechtfertigt erscheint, mit besonderer Erlaubnis des Rektors der Landesuniversität erfolgen. Die Immatrikulation erfolgt für Herren, welche das Reifezeugnis von einem Gymnasium, einem Realgymnasium oder einer Oberrealschule beibringen, ohne weiteres; Herren, welche das Einjährig-Freiwilligen-Zeuguis beibringen, werden mit Genehmigung des Rektors der Landesuniversität immatrikuliert. Im übrigen können Herren ohne Immatrikulation als Hospitanten Vorlesungen hören und an Hebungen teilnehmen.
M Der hessische Landesverband des deutschen FlottenvereinS hatte am 31. Dezember v. Js. in 89 Gruppen 8560 Mitglieder, die durchschnittlich 1,78 Mk. Jahresbeitrag bezahlten. Der Verband nahm 1904 um 23 Ortsgruppen und 1898 Mitglieder zu. In 51 Städten und Orten fanden kinematographische Vorführungen und Vorträge statt. Die vom 24.—28. Mai veranstaltete Schülerfahrt nach Bremen, Bremerhaven und Wilhelmshaven hatte eine Beteiligung von 16 Lehrern und 118 Schülern der höheren Lehranstalten gefunden, während für die diesjährige Schülerfahrt 168 Schüler angemeldet wurden. Von den am 30. April d. I. vorhandenen 9076 Einzelmitgliedern und 9 körperschaftlichen Mitgliedern (mit 14 146 Angehörigen) entfallen auf die Provinz Oberhessen 3444 Einzel- und 14 körperschaftliche Mitglieder. ES bestehen in Oberhessen 38 Ortsgruppen und 24 kleine Stellen, die Kreisgruppe Gießen hat 579 Mitglieder (Gießen selbst 489, außerdem 6 körperschaftliche).
" An die Turner bc5 Mi ttelrheinkreiseS ergeht eine Einladung des KreiSturmvarts Volke-Frankftirt zu dem am 22. Oktober d. IS. in dem Gelände Franksiwt— Darmstadt—Dieburg—Bieber—Offenbach um Messel herum stattflndenden Kriegsspiel, welche? in seinen Grundideen den militärischen Mannövern entlehnt ist. Die Marschzeit wird etwa 8 Stunden betragen. Nach Beendigung deS Spiels ist ein gemeinsamer Marsch nach Darmstadt und ein Beisammensein in der Sxtte der iurngenieinbe geplant.
~ In Am erika verstorbene Hessen. Frau Sophie Brandenburger aus Michelstadt, 79 Jahre alt, zu Belleville, Jll.; Fräulein Katharine Schellhaas aus Brandau, 44 Jahre alt, zu Arlington, O.
Bad-Nauheim, i. Okt. Tie soweit ab gelaufene Saison hat uns eine Fremdenzahl gebracht, wie sie seit Bestellen des Bades noch nie erreicht wurde. Man kann also sagen, das Jahr 1905 war für Nauheim Mt -^cr B. Nauh. Anz. wirft im Hinblick hierauf einen Rückblick au; die vergangene Saison. In den Monaten Mai und war ziemlich alles beseht, dann trat im Juli, wie jedes Jahr eine kleine Stockung ein, welche mit Beginn der Gerichts- und Schulferien wieder behoben wurde. Ter Besuch an Sonntagen von unseren Nachbarstädten Friedberg, Gießen, Frankfurt, Hanau usw., sowie auS der näheren Umgebung war mitunter so stark, daß die Bahnverwaltung die größte Mühe hatte, nJen Anforderungen gerecht zu werden. Auch an die hiesigen Restauration en_ wurden die größten Anforderungen gestellt und man muß sagen, daß die Wirte in jeder Beziehung bemüht waren, die Ansprüche der Gäste zu befriedigen. Tie Dadeverwaltung, welche an manchen Tagen über 3000 Bäder ab gab, hat bewiesen, daß ie mit tüchtigen Beamten und geschultem Personal imstande ist, noch mehr zu leisten, wenn die Freauenz auch fortwährend steigt. Daß es nicht leicht ist, den Badebetrieb unter den jetzigen Verhältnissen auf der Höhe zu erhalten, weiß jeder nur einigermaßen Informierte. Sieht man, doch im Sommer früh 4 Uhr morgens Beamte und Personal schon überall in Tätigkeit, hier Anordnungen, dort Vorbereitungen zu treffen, um allen Wünschen nachzukommen.
)-( Friedberg, 10. Okt. Der Bezirk Oberhessen vom Gabelsbergerschen S te n o gra p h en b u n d für Hessen und Heffen-Naffau hält am 29. Okt. hier seine Herbst- vertreterversammlung ab. Cand. phil. Döpf er-Gießen hält einen Vortrag über „Die Entwicklung der Stenographie in Deutschland". Auch findet ein PreiSwettschreiben statt.
□ Unter-Seibertenrod, 11. Oktober. Unsere Gemeinde beabsichtigt im Verein mit Ober-Seibertenrod die Anlage einer Wasserleitung. Gegenwärtig ist man damit beschäftigt, in der Nähe befindliche Quellen aufzusuchen und aufzuschließen. Das bisherige Ergebnis dieser Quellensuche ist für die genannte Nachbargemeinde günstiger als für uns. Da aber Brunnenquellen in unserer Gemeinde leicht zu finden sind, hofft man doch auf ein Gelingen de§ Unternehmens.
§ Ruppertenrod, 10. Okt. Die ersten Vorboten des Winters, die Kraniche, haben sich eingestellt. Heute zog der erste Schwarm in starker Anzahl über unsere Gemarkung dem Süden zu. Mitte Oktober ist die normale Zeit des Rückstriches dieser Zugvögel. Nicht selten haben wir sie allerdings auch Ende des Oktobers zurückziehen ge- ehen.
Offenbach, 11. Oktober. Heute früh ist, wie die „Off. 3tg/ meldet, der Ehren bürger der Stabt Offenbach, Johann Martin Kappus, 85 Jahre alt, gestorben. Der Verstorbene grün bete eine ber ersten Seifen- unb Parfümerie-Fabriken Offenbachs unb hat an dem inbustriellen Auflchwung Offenbachs erheblichen Anteil. Die von ihm ins Leben gerufene Fabrik ist heute in ihrer Branche eine ber ersten. Daneben roibmete sich Kappus unermüdlich dem öffentlichen Wohl unb hat sich um seine Vaterstadt große Verdienste erworben. Die von ihm 1845 gegründete Freiwillige Feuerwehr leitete er mit größtem Erfolg 43 Jahre ang und im Turnverein, zu deffen Mitbegründern er gehörte, führte er über 50 Jahre den Vorsitz. Lange Jahre gehörte Kappus ber Stadtverordneten-Versammlung an und auch als Vorsteher der fteireligiösen Gemeinde war er lange Zeit mit Erfolg tätig. Mit den unzähligen Armen unb Bedrückten, die von seiner stillen, selbstlosen Wohltätigkeit und Hilfsbereitschaft zu erzählen wiffen, trauert die ganze Stabt Offenbach an ber Bahre des Entschlafenen.
Worms, 11. Okt. In ber gestrigen Sitzung ber Stabt- verorbneten-Versammlung würbe eine Erhöhung bes Wasserpreises von 15 auf 24 Pfg. für ben Kubikmeter beschlossen. Für bie städtischen Arbeiter und die im Arbeitsverhältnis stehenden Bediensteten der Stadt wurde eine Urlaubsordnung eingeführt, wonach ihnen jährlich ein fortlaufender Urlaub von 6 Tagen gewährt werden soll. Die Uebernahme anderer Arbeiten ist ben Beurlaubten untersagt. Der Anspruch auf Urlaub beginnt nach fünfjähriger Arbeitszeit in ben stäbtischen Betrieben.
Mainz, 10. Okt. Im vorigen Jahre trieb sich hier eine Schwinblerin umher, bie sich Erna von Pitor nannte unb verschiedene hiesige Geschäftsinhaber grünblich betrog; auch in anberen ©täbten, in Halle, Leipzig, DreSben, Gera re., hat baS Frauenzimmer ähnliche Schwindeleien verübt. Zuletzt hat sie in Weimar ein Weiß- und Modewarengeschäft um Waren im Betrage von 100 Mark betrogen unb sich dabei als „Erna von Pitor, Schiffsinge- nicurSgattin aus Dresden", in das Fremdenbuch eingetragen. Von Weimar aus konnte man die Spur der Betrügerin bis nach Erfurt verfolgen, wo nunmehr bie Verhaftung erfolgt ist. Die Verhaftete ist eine Kleibermacherin Koch aus Frankfurt a. M. — Von unterrichteter Seite wirb ba§ „M. Tgbl." ersucht, die Nachricht eines dortigen Blattes zu dementieren, wonach Provinzialdirektor Geheimrat Frhr. von Gageru ein großes Gut in Bayern gekauft habe, daS er selbst zu bewirtschaften gedenke.
Usingen, 10. Okt. Von heute ab haben die Landwirte hier daS Liter Milch von 15 Pfg. aus 18 Pfg. erhöht. — Aus Anlaß des 45jährigen Bestehens der Usinger Feuerwehr wurde dem langjährigen Hauptmann und Vorsitzenden des 13. Bezirks deS Verbandes der freiwilligen Feuerwehren deS Regierungsbezirks Wiesbaden, Zimmer- meister Georg Schweig Höfer, da§ allgemeine Ehrenzeichen verliehen. (Kl. Pr.).
Kassel, 10. Okt. Ter Kaufmann Adolf Schmidt, der ehemalige vielZebietende Generaldireklor der ber« krachten Aktiengesellschaft für Tr e b er tr o ckn un g und bereit Tochtergesellschaften, der Holzverkoblungsetablisse- mentS in Bosnien, Rußland, Finnland, Italien, Frankreich, Oesterreich, Schlesien usw. ist, wie bereits gemeldet, nach verbüßter zweijährige^- Zuchti uSstrafe aus ber Strafanstalt an der Hulda entlasten wvrden. Treberschmidt hätte durch das Urteil deS Kasseler Schwurgerichts vom 7. Juli 1903 wegen betrügerischen Bankerott? und Betrug? in mehreren Fallen, unter ausdrücklicher Versagung der mil- bernden lUnftänbc, eine Gesamtstrafe von «r>ei Khren und acht M»n«ten Zuchthaus, sowie eine Geldstrafe von 3000
Mark oder im Nichtbeitrelbungsfalle weitere 200, Tage Zuchthausstrafe (für je 15 Mk. ein Tag Zuchthausstrafe) zuerkannt erhalten. Hierauf waren jedoch acht Monate als durch die erlittene Untersuchungshaft als verbüßt angesehen worden. Gegen dieses Urteil le^e Treberschknidt Revision an das Reichsgericht ein. Dre 'evision wurde aber verworfen und sodann das Urteil vom 9. Oktober 1903 rechtskräftig. Tie Tochter Schmidts hat die erkannte Geldstrafe von 3000 Mk bezahlt; infolgedessen konnte Schmidt gestern entlassen werden. Es war kurz nach 1 Uhr, als die Korten des Zuchthauses sich für den ehemaligen Generaldirektor, welcher früher über mehr als ein Dutzend Equipagen, Sportwagen, eine ansehnliche Zab' der edelsten und teuersten Reit- und Wagenpferde besaß, öffneten und er zu Fuß durch die Essiggasse bis zum Zuchtberge schritt, wo die bestellte Troschke ihn erwartete. «Bdimibt sah in seinem schwarzen langen Gehrock, hohen steifen Hut, braunen Glacees und wohlgepflegten Schnurrbart noch gerade so elegant und schneidig aus wie früher, umsomehr, als er sich auch bezüglich Körperfülle und Gesichtsfarbe usw. im Zuchthaus gut konserviert hat. Er hatte die Schneiderei in der Strafanstalt gelernt (Hand- und Maschinennähen) und ist hauptsächlich mit ber Anfertigung von Militärgarderobe (Uniformstücke, Achselabzeichen usw.) beschäftigt worden. Ten Arbeitsverdienst hat er teilweise dazu verwenden dürfen, ab und zu etwas Zngebrote zu taufen. Der erste Weg des auf freiem Fuße Befindlichen ging zum Friedhöfe, um das Grab feiner Gattin zu besuchen, die inzwischen gestorben ist.
* Kleine Mitteilungen aus Hessen u.nd ben Nachbarstaaten. Zu Bad-Nauheim ist der Kgl. preuß. Hoibildgießer Wilhelm Piltzing einem Herzleiden erlegen. Ter Verstorbene war Mitinhaber der Bildgießerei Martin und Piltzmg. — An den Amtsgerichten in F r a n k s u r t a. M. ist vom 1. Oktober an die ungeteilte siebenstün^ige Arbeitszeit eingesührt worden. Sämtliche Beamten gehen morgens um 8 Uhr aus ihre tocschästszimmer und arbeiten da ununterbrochen bis mittags 3 Uhr.
18. Generalversammlung des Evangelischen Bundes.
Hamburg, 10. Okt.
Mit einer stark besuchten öffentlichen Volksversammlung wurde gestern abend die Generalversammlung des Evangelischen Bundes eröffnet. Der Vorsitzende des hamburgischen Haupt- vcvcins, Hauptpastor D. Rode, führte aus, der Bund wolle ,nicht gegen andersgläubige Christen kämpfen, sondern nur die heiligen Güter der Reformation wahren und abwehren alle Schmähungen und Verdächtigungen gegen das, was ihnen als heilig ins Herz geschrieben ist.
Mit stürmischen Hoch- und Heilrufen begrüßt,^nahm sodann Kirchenrat Superintendent D. Meyer (Zwickqu i. S.) das Wort, um sich zu verbreiten über:
Die Lage deS Protestantismus im Deutschen Reiche.
Der ProtestaMismus befindet sich im Winkel, er ist im Reiche jetzt nicht obenauf. Die Folge davon ist, daß heute der Ultramontanismus „von des Reichstags Zinnen schaut mit vergnügten Sinnen auf das beherrschte Deutschland hin". Deutscher Michel erwache! Bekenne eS: das ist die Wirkung deiner Schlappheit und Trägheit, wir waren allzu sicher. Man sah in der katholischen Kirche den Abendschatten, den die Sonne einer überwundenen Kultur zurückwarf. Man hatte die Möglichkeit, daß ein Volk auf eine überwundene Kulturstufe zurückgeworfen werden könnte, nicht erwogen. Alle großen Männer waren romftei, alle großen Geistestaten sind von protestantischen Männern vollbracht. Unser Volk fühlt« sich sicher, allzusehr sicher. Aber nun geschah, wie es im Sprichwort heißt: „Gut geht's, sagte die Katharin, da lag sie in der Pfütze!" Es gelang, die Laien, die skeptisch zu Rom standen, mit Sllavenketten an Rom zu ketten. Der Evangelische Bund stieß in sein Wächterhorn. Ader da hieß es: Geh', schlafe wie wir und stäre uns nicht in unserer süßen Nachtruhe. Schnarche Michel! Man verlleincrte dem katholischen Volke unsere Geistesheroen, unsere Dichter und Denker, und | schliff dagegen das Vergrößerungsglas, durch Has die Zwerge römischer Literatur als Riesen erschienen. Wie wurde Luther in den Koth gezogen, nicht bloß von Kapläncn, deren Geistes- same in der Welt des Syllabus nicht untergeht, sondern auch von dem römischen Oberhaupt, das in seiner Kanckiusenzhklika nicht vor der Behauptung zurückschreckte, daß die Reformation unheilvolles Gift der Sittenverderbnis verbreitet habe. Man sagte, Rom verfolge nur dogmatische Intoleranz, aber bürgerliche Toleranz führt Rom nur im Munde, so lange es nicht die Macht hat. Wenn man das nicht einsieht, so läßt sich nur sagen: Deutscher Michel, dein Name ist harmlose, ehrliche doktrinäre Gutmütigkeit des Germanentums, überschattet von einer mächtigen Schlafmütze. Auf den Stimmzettel der Kätholiken baut sich heute die Macht des Zentrums auf, dessen Glocken lauter tönen als alle Glocken Berlins. Gewiß, Tausende Katholiken emvsinden im Herzen patriotisch, aber Deutschtum kann der Katholizismus nicht pflegen. Das Zentrum schreibt mit großen Lettern über sich „Deutsche Partei", aber es ist welsch, cs benft welsch und handelt welsch; in Elsaß-Lolhr'.ngen wird es ftanzösisch, in Posen polnisch, da der Papst ja das polnische Volk liebt, dessen Sprache der liebe Gott spricht.
Wir haben auch in politischer Beziehung einen Geschäfts» -katholizismuS. Sie benutzen stets die Ungunst der Reichstage, um vatikanischen Zwecken zu dienen, sie handeln am Reich wie Shyloa. Im Tvleranzantrag mögen manche gute Dinge enthalten sein, das ist aber nur die Gelatine, damit man die Pille herunterschluckt. Der Landwirt sieht auf seiner Wiese die schwarzen Maulwurfshügel nicht gern, er weiß, daß darunter schwarze Gesellen wühlen und die Wurzeln untergraben. Viele Klöster sind unter der Sonne Studt entstanden, allerhand Kuttenträger sind am Werke, die Zeit vorzubereiten, wo Luther im deutschen Volk vergessen ist, und Rom herrscht. Sind wir gerüstet zum Kampfe gegen den alten Feind? Aeußerlich noch nicht, Innerlich ja und abermals ja! Der Evangelische Bund ist erst die Schützenlinie: wir warten noch auf den Anmarsch der Armee. Es würden viele zu uns kommen, wenn nicht Männer, die zu uns gehörten und zu uns stehen müßten, gegen uns sind, weil viele unter uns nicht ganz genau dieselbe dogmatische Uniform tragen wie sie. Die Papistische Luft in Deutsch land müßte unsere Brüder auf der Rechten von jeder Freund' schäft mit Rom zurückhalten. Oder erwartet man vom Zentrum eine Stütze konservativer Interessen? Da sollte doch das Wahlbündnis in Bayern mit der Sozialdemokratie von solchem Aberglauben abbringen. Tas Zentrum ist konservativ, liberal, sozial- drnnckratisch, je nachdem es Rom förderlich ist. Wir streiten nicht ,bloß aus nationalen und kulturellen, foitbern auch aus rehgioieit Gründen, nicht bloß unseretwegen, sondern auch unserer katholischen Brüder wegen. Tie Einigkeit des Protestantismus wurde dem evangelischen Glauben auch unter den deutschen Katho- < verheißungsvollem Fwrtschreiten verhelfen Wir wollen als Mehrheit laut protestieren, daß wir um einer Minorität willen m den Schatten gestellt werden, so laut, das; es auch im Reichs- kan-lerhans und im Kultusministerium gehört wird. (Stürmischer minutenlanger Beifall.s
Hamb u r g, 11. Okt. Die heutige Hauptversammlung wurde nach einem Gesang und Gebet vom Ehrenvorsitzenden Grafen ^^"9erode eröffnet und im Auftrag des Senates vom Senats- Kfvctar Hagedorn, sowie im Auftrage deS Kirchenrats der Ham- burger evang. Kirche und deren Geistlichkeit von dem Senior ^ chrnwnn begrüßt Ter von Professor Nippold-Jena gehaltene Hauptvortrag behandelte die internationale Lage des Protestantismus.^ Hieraus gelangte eine von Professor Dr. Scholz-Berlin begründete Resolution, die sich gegen den Toleranz- an trag des Zentrums richtet, und eine andere von dem Superintendenten Dr. Meper begründete Resolution zur Annahme, welche stand Hatz bCT evangelischen Kirche in Oesterreich zum Gegen-


