Ausgabe 
12.5.1905 Erstes Blatt
 
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Erstes Blatt.

155. Jahrgang

Freitag 12. MailVOF

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gichen

außer Sonntags.

Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem hessischen Landwirt die Gießener Kamillen, dtttter viermal in der Woche beigelegt.

Rotationsdruck u. Ver­lag der Brühl'ichen Univers^Buch-u. 6tein- druckerei. 8L Lang«. Redaktion, Expedition und Druckerei:

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Ze^envreiS: ...MZLPfv arfswärtS L- Wz.

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GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger ® '**

Ile Heutige Kummer umfaßt 10 Seiten.

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Are Aeise des Kaisers.

. Kaiser traf, wie aus Saargemünd gemeldet wird, um 12 Uhr auf Schloß Nemelfingeu ein, wo er von dem Präsidenten des Landesausschusses von Jaunez, dem Reichstagsabgeordneten Dr. Jaunez begrüßt wurde. Nachdem drei Mädchen in Lothringer Tracht dem Kaiser ein Blumenbouquett überreicht hatten, bewillkomm­nete auch der Bürgermeister von Nemelfingeu den Kaiser. Der Kaiser schritt dann die Front des .Kriegervereins ab, und begrüßte Frau v. Jaunez aufs herzlichste. Er reichte ihr seinen Mm und führte sie ins Schloß. Hier fand ein Frühstück statt, an welchem noch der Bezirkspräsident Graf Zeppelin-Asch Haus en und der Kreisdirektor Böh­mer teilnahmen. Nach dem Frühstück begaben sich die .Herr­schaften auf die Veranda des Schlosses, der Kaiser in leb­haftester Unterhaltung mit Jaunez. Der Kaiser überreichte dem Präsidenten v. Jaunez den Stern zum Kronenorden zweiter Klasse. Um 2 Uhr fu.hr der Kaiser nach Metz weiter.

Der Statthalter von Elsaß-Lothringen Fürst zu H o h e n- lohe- Langenburg und der Staatssekretär v. Köller trafen schon vormittags dort ein. Ter Bezirkspräsident Graf Zeppelin fuhr dem Kaiser nach Saargemünd ent­gegen.

Der Kaiser traf im Sonderzuge um 3 Uhr 55 Min. üt Moulins ein und fuhr von hier im Automobil zur FesteKaiserin". Hier stieg der Kaiser mit den Herren des Gefolges zu Pferde und ritt in kurzem Galopp nach Gravelotte; ihm zur Seite ritten der Kommandierende des Hauptquartiers General v. Plessen und der kom­mandierende General v. Stoeher. Die Truppen der Gar­nison Metz bildeten Spalier. Das zahlreich versammelte Publikum brachte dem Kaiser lebhafte Ovationen dar. An der Gedenkhalle aus dem Friedhöfe von Gra­ve l o t t e empfingen den Kaiser der Statthalter Fürst von Hohenlohe, Staatssekretär v. Köller und Be­zirkspräsident Graf Zeppelin. Der Halle gegenüber hatte eine Kompagnie des 67. Regiments mit sämtlichen Fahnen und eine Eskadron der 13. Dragoner mit sämtlichen Stan­darten der Garnison Aufstellung genommen. Zur Seite hatten sich die Bürgermeister aus dem Kreise Metz und die Kriegervereine von Lothringen, diese mit ihren Fahnen, versammelt. Der Kaiser stieg vom Pferde und begab sich in die Gedenkhalle, wo der Metzer Liederkranz, von einem Bläserchor begleitet, eine Hymne anstimmte. Die Fahnen und Standarten wurden in die. Halle gebracht. Der Statt­halter dankte in einer kurzen Ansprache dem Kaiser für sein Erscheinen, sowie für das Geschenk der in der Halle aufgestellten Engelsstatuen und erbat die Erlaubnis zur Einweihung der Halle. Die Feldzeichen senkten sich. Der protestantische Militäroberpfarrer Friedrich sprach das Weihegebet; nach ihm sprach der katholische Garnisons­pfarrer Monsignore Umpsenbach ebenfalls ein Gebet. Der Kaiser unternahm hieraus einen Rundgang durch die Halle, unterhielt sich mit den ausführenden Künstlern und zeichnete viele der Anwesenden durch Ansprachen aus. Nach­dem er sich noch in das aufliegende Goldene Buch ein­getragen hatte, ritt er "nter Hurrarufen der Versammelten zur FesteKaiserin" zurück und fuhr nach kurzem Aufent- halte von da über Moulins und Longevilte durch die Mosel­promenade im Automobil n a ch M e tz. Unter Glockenläuten und unter lebhaften Ovationen des Publikums traf der Kaiser um 6i/2 Uhr in der reich geschmückten Stadt Metz ein. Vor dem Generalkommando stand eine Ehrenkompagnie des 145. Regiments, deren Front der Kaiser abschritt. Der Kaiser nahm darauf Wohnung in dem Generalkommando, an dessen Portal er von Frau General v. Stoetzer em­pfangen wurde.

Der Kaiser hat dem Bezirkspräsidenten Gras." Zeppe­lin - Aschhausen den Kronenorden 2. Kl. unter anerkennen- den Worten selbst überreicht.

Eine Aeußerung des Kaisers?

Der Kaiser soll bei der Kritik über die Parade in Straßburg auch eine Aeußerung über den russisch-java­nischen Krieg haben fallen lassen, an die wir nicht glauben können. Die Aeußerung soll nach der dortigen Bürgerztg."

gelautet haben:

Das russische Seer, welches bei Mulden gefochten, fct durch Unsittlichen und Alkoholgenuß die betr. Aeußerung habe noch 'drastischer gelautet entncrbt. Nur so könne man sich die russische Niederlage her Muk^d en er­klären. Deutschland habe, nachdem Rußland seine Schwache gegenüber der gelben Gefahr gezeigt, unter Umstanden die Aufgabe, der Ausbreitung dieser Gefahr cnt- »egenzu treten. Tie Offiziere und Mannschaften des deut­schen Heeres sollten streng darauf halten, daß ihre Zett gut aus- geftillt sei, damit sie nicht auf Ünitttttchkert und Vollerer ber- sallen. Man solle die M a n n s « a f t e n s ch a r f a n st r e n g c n, damit sie kein- Zeit hätten, an derartiges zu denken

DieBürqerztq." scheint das geträumt zu haben.

Der Zar und die Unruhen.

TieFrkf äta." laßt sich aus Kopenhagen schreiben: Me aus bestunterrichteter Quelle mitgtieitt wird hat der Kaiser von Rußland sich nunmehr gegen den.bestimmten Rat seiner Umgebung dazu entschlossen, jede -doche we­nigstens zweimal nach St. Petersburg zu gehen Seit dem 21. Januar hat der Kaiser von der Hauptstadt sich ferngehalten. Der Kaiser hat während der letzten drei Monate zu wiederholten Malen nach Petersburg übersiedeln wollen, ist aber jedesmal geradezu verhindert worden, von Zarskoje Selo abzureisen, indem die höchste Polizeibehörde ihm zu verstehen gab, daß die Lage dermaßen gefahrdrohend [ei, daß die Polizei keine Verantwortung würde übernehmen können.

Der Krieg.

Eine Kundgebung des japanischen auswärtigen Amts.

Das Auswärtige Amt veröffentlicht folgende Mitteilung: Seit dem Kamranh-Zwischensall wies die französische Regier­ung sowohl die Zivil- als auch die Militärbehörden Jndochinas an, an den Kästen des französischen Gebietes genaue Wache zu halten und die Schiffe der krieg führende:: Parteien aufzufordern, nicht in den französischen Gewässern zu fahren. Als berichtet wurde, daß das dritte russische Geschwader sich 'den franzö­sischen Gewässern nähere, wies die französische Regierung dw Marinebehörden Jndochinas nochmals an, genaue Wache zu halten und mit allen in ihrer Macht stehenden Mitteln wirk­same Maßnahmen zu ergreifen, unr eine Verletzung der fran­zösischen Neutralität zu verhindern. Gleichzeitig gab sre der russischen Negierung von diesem Befehl Kenntnis. Die fran­zösische Regierung unterrichtete auch die japanische .Gesandt­schaft in Paris, daß sie telegraphische Nachricht erhielt, daß russische Schliffe nicht bei Nacht in der Honkohebucht gesehen wurden.

Dns japanische BlattN i t s ch i N i t s ch i S ch i m b u n" sagt: Japan hat das Recht zu fordern, daß England die Bestimm­ungen der Allianz zur praktischen Anwendung bringe, da die französische Duplizität Anlaß dazu gebe. Japan sei be­rechtigt anzunehmen, daß Frankreich die Unterstützung Rußlands beabsichtige.

Der AvisoK e r s a i n t" mit Soldaten der französischen G esaindtsch aftsw ach e in Söul an Bord ist von Tsch e- mulpo hier wieder cingetroffen. nachdem schon mehrere fran­zösische Truppenabteilungen von Söul zurückgezogen worden sind. Der Polizeidienst in Söul wird durch die Koreaner unter Aufsicht der japanischen Behörden gesickert.

In der Mandschurei.

Ein Telegramm des Generals L i n e w i t s ch an den Kaiser vom 10. d. M. meldet: Am 7. Mai wurden unsere Vorposten auf der Linie P o dy su v ch e-S ch i h u y von feindlicher Kavallerie angegriffen. Die Japaner wurden unter Kreuzfeuer zurückgeschlagen. Am 8. Mai erneuerte der Feind den Versuch, unsere Vorposten im Norden zurückzuschlagen, ohne Erfolg. Eine russische Kavallerie -Abteilung, drang am 9. Mai bis zu den von den Japanern besetzten Minen von Schahetz t; vor. Durch Artilleriefeucr und eine llmgehungs- bewegung der Japaner wurde sie gezwungen, sich auf das Dorf Schianzu zurückzuziehen. Nachdem sie aus diesem Dorfe vertrieben wurden, gingen sic bis zu dem Dorfe Madkopa zurück.

Das Wladiwostok-Geschwader.

In Tokio verlautet, wie Reuter meldet, zwei Schiffe des Wladiwostok Geschwaders seien am Dienstag auf der Höhe von Aomori gesehen worden.

Spionage.

Der Franzose Bougoui"., der m Tokio als Spion verhaftet wurde, hält sich seit 30 Jahren in Japan auf. Er ist Korrespon ­dent mehrerer Zeitungen und hielt sich in dieser Eigenschaft über die Kriegsercignisse genau auf dem Laufenden.

Der frühere Schiffs in gen ienr der japanischen Marine Jwasaki wurde in Zusammenhang mit der Bougonin-Affäre verhaftet. Jwasaki, der in den letzten Jahren wegen anerkannt schlechter Führung aus der Marine entlassen wurde, wurde seines Ranges verlustig erklärt und schon seit langer Zeit von der Polizei beobachtet.

Aeutsch-Südwestasrika.

Berlin, 11. Mai. (Amtlich.) Der nördlich von Otjim- binde stehende Hauptmann Wilhelmi schob die Postierung nach E p a t a vor. Von dort soll am 18. Mai ein Detachement unter Hauptmann Rembe den Eiseb abwärts bis in die Gegend von Blaubuschpfanne an der englischen Grenze Vor­stotzen. In Süden hatte Oberleutnant v. Bülow am 27. April bei Huams ein siegreiches Gefecht gegen eine fünf­fach überlegene Bethanierbande unter Cornelius. Der Gegner hatte 6 Tote: diesseits fielen Oberleutnant von Bülow, früher Dragonerregiment 18, und zwei Reiter; schwer verwundet 4 Reiter. Cornelius wurde daran anschließend am 1. Mai bei Kümakams am oberen Kutip geschlagen, wie bereits gemeldet. Major v. Estorfs verbleibt zunächst am Anob in der Gegend von Kowes-Gochas und klärt erneut bis zur Grenze auf, um beit derzeitigen Aufenthaltsort Hendrik Witbois fest- zustellen. Ueber die Operationen an den K a r a s b e r g e n liegen neue Nachrichten nicht vor.

Ein Telegramm aus Windhuk meldet: Auf Patrouille bei HuamS am 27. April 1905 gefallen: Oberleutnant Siegfried v. Bülow, geb. 10. April 1871 in Schwerin i. M., früher Dragoncr-Negt. 18 (zwei' Bauch- und drei Oberschenkclschüsse); Gefreiter Josef Kopitzki, geb. 3. März 1882 in Ostrosnktz, früher im 6irenadier-Regt. 11 (Kopfschuß): Reiter Hermann Wendt, geb. 24. April 1883 in Balz, früher 3. Garde-Regt. zu Fuß (Schuß 'durch Kopf, Brust und rechten Oberschenkel). Schwerverwundet: Unteroffizier Aug. Petoren, geb. 21. März 1881 in Pahlen, früher Dragoner-Regt. 13 (Schuß in linke Schulter und linken Oberschenkel^: Unteroffizier Heinrich Pell, geb. 5. Febr. 1882 in Rotthalmünster, früher bayerisches 1. Jnf-Regt. (Sckuß in linken Oberschenkel': Gefreiter Gustav Pohl, geb. 24. März 1878 in Großnig, früher Kommando der ostasiatischen Besatzungsbrigade (Streifschuß am Rücken und linken Oberarm); Reiter Otto Reinke, geb. 17. April 1883 in Caro- linental, früher Husaren-Regt. 16 (Schuß in die rechte Hüfte). Leichtverwundet: Leutnant Hans Fischbach, geb. 4. März 1879 in Amborg. ftüher bayer. 9. Inf.-Regt. (Schuß durch linkes Ohr.) Am Tvphns gestorben: Reiter Eugen Stamm, geb. 16. Okt. 1881 in Hausen, früher bayerisches 2. Ulanen-R'egt., am 9. Ma: im Lazarett Kalkfontein: Reiter Heinrich Seiler, geb. 2. November 1883 in Pfeddersheim, früher Jnf.-Negt. 25. am 3. Ma: aus Si'gnalstation 86.

deutsches Reich.

Berlin, 11. Mai. Der Bundesrat stimmte in seiner heutigen Sitzung dem Gesetzentwürfe über die Bildung deutscher Kommunalverbände in den Konsular- gerichtsbezirken und dem NicderlassungLvertrage zwischen Deutschland und den Niederlanden zu.

Der Aufenthalt des Prinzen Eitel Friedrich in Esher, einen: Landsitz der englischen Königsfamilie nahe bei Kingston, hat lautElb. Zig." den Zweck, die Prinzessinnen Viktoria und Margarete mit dem Prinzen Eitel be­kannt zu machen. Eine Verlobung, die noch vor der Hoch­

zeit des Kronprinzen publiziert werden dürfte, wird angeblich das Ergebnis dieser Zusammenkunft sein. (?)

DerNeichsanzeiger" veröffentlicht die Bekannt-» machungen des Reichskanzlers betreffend den Schutz von von Erfindungen, Mustern und Warenzeichen auf der Wanderausstellung der Deutschen Landwirtschaftsgesell­schaft in Münch en 1905 und betreffend die Außerkraftsetzung von Bestimmungen des Unfallversicherungsgesetzes zu Gunsten des Groß Herzog tu ms Luxemburg.

DerBerliner Korrespondenz" zufolge geht dem Reichstag nächster Tage eine Vorlage zu, durch die die ReichSbank zur Ausgabe kleiner Banknoten von 50 und 20 Mk. ermächtigt wird. Der Entwurf trägt im wesentlichen dem Bedürfnis nach Vermehrung der kleinen Wertzeichen Rechnung. Die neuen Noten werden in den im Bankgesetze bezeichneten Betrag der in: Umlaufe befind­lichen Banknoten eingerechnet, so daß die bankgesetzlich vor­geschriebene Deckung sich auf sie mit erstreckt, und der metallische Grundcharakter deS deutschen Geldumlaufes durch die Notenausgabe in keiner Weise berührt wird. Die fünfzig und zwanzig Mark-Noten werden im Verkehr die Stelle der entsprechenden Reichskassenscheine vertreten; es ist daher in Aussicht genommen, die Kassenscheine über 50 und 20 Mk. einzuziehen und an ihre Stelle solche von 6 und 10 Mk. treten zu lassen.

Ausland.

Paris, 11. Mai. Der japanische Gesandte Dk. M o t o n o wird von Varis Ende dieser Woche nach 'dem Haag reisen, um an der Schied sgerichtssitznng vom 15. Mai teilznnchmen, die sich mit der Regelung der Mischen Japan einerseits und England, Deutschland und Frankreich andererseits entstandenen Streitfrage wegen der von feiten der japanst« scheu Staatsbehörden von den Ausländern erhobenen Steuern auf die von der Regierung eingeräumten Grundstücke befassen soll.

Rom, 11. Mai. (Kammer.) Der Marineminister Jegt einen Entwurf betr. die N a ch t r a g s k r e d i t e für die Marine vor, in dem das Budget für 1904-05 auf 125 Millionen, das für 1905-06 auf 126, für 1906-07 und 1907-03 auf 133 und das für 1908-09 bis 1916-17 auf 134 Millionen festgesetzt wiiH>. Nach dem Flottenprogramm, wie es nach dem Entwürfe bis ein­schließlich 1908-09 vorgesehen ist, wird die Flotte, was die Zahl der Schiffe und ihre Stärke anbetrifft, verdoppelt werden. In den aktiven Dienst werden eingestellt 4 Linienschiffe: vom TypVittorio Emanuele", 4 gepanzerte Kreuzer vom Tttp Sau Giorgio", ein Küstenpanzer, 14 Torvedobootszerstörer, 12 Unterseeboote und 42 Torpedoboote. Die Kammer beginnt darauf die Beratung des Etats des Auswärtigen und vertagt sich sodann.

In der K a m m e r flohen heute kurz nach 'Beginn der Sitzung Plötzlich die Abgeordneten aus der Aula. Auf der Pressetribüne konnte man sich diese Flucht nicht erklären; nachher erfuhr man, daß durch den Bruch eines Kloaken­rohrs der Aufenthalt in der Aula unmöglich 'geworden war.

In der Deputiertenkammer brachte der Post­minister eine Vorlage ein betr. Herstellung einer neuen Te­legraph en Verbindung zwischen GenuaundFrattk- furt a. M. :

Wien, 11. Mai. Das Abgeordnetenhaus nahm nach kurzer Debatte die zweite Gruppe des Zolltarifs (Holz und Papier) an.

Budapest, 11. Mai. Das Abgeordnetenhaus nahm mit großer Mehrheit den von der koalierten Linken eingebrachteN Adreßentwurf an. Die Adresse wird durch das Präsidium der Kabinettskanzlei des Königs übermittelt.

Petersburg, 11. Mai. Der Prozeß gegen den Mörder des G r o ß f ü r st e n S e r g i u s wird bereits in b-en allernächsten Tagen vor dem Kassationshofe des Senats ver- handelt werden.________________________________________________

AAßerorderrtl. Werbarrdsiag deutscher Kochschuken. in.

S. u. H. Wei m a r, 11. Mai.

Heute wurden die Verhandlungen fortgesetzt. Zunächst tourbt die gestern begonnene Debatte über die neuen Verb and s'sa tz- u n g e n zu Cmde geführt. In den Grundsätzen wurde hervor- gehobnr, die Ausbildung des Charakters, d. h. das Streben, sich durch Selbsterziehuing zu einer geistigen wie sittlich freien Persönlichkeit zu entwickeln. Dies ist nur möglich, wenn der Student die ihm von der Hochschule gebotene Gelegenheit benutzt, in Bertihrung mit Kommilitone:: der verschiedensten AnschaurmgeN und Kreise zu treten und im unbefangenen Verehr mit ihnen die eigenen Anschauungen zu bilden und zu entwickeln. Aus dem Bewußtsein, ein Lernender zu sein, und aus dem Prinzip der Selosterziehung folgert ftir den Studenten die Pflicht, jede Ab­sonderung nach parteipolitischen oder konfessionelleir Gesichtspunk­ten selbst zu vern:eiden und ihr_ gegebenenfalls ßei seinen! Kommilitonen entgegenzutreten. Die wirksame Betätigung des Prinzips der Selbsterziehung wird dem Sttchenten gewährleistet durch die akademiscyeFreiheit.

Diese schließt vor allem in sich 11 die Lernfreiheit, 2) die Freiheit, sich zu Vereinigungen zum Zwecke der Selbsterzrehung zusammenzuschlicßen und allgemeine sn'.dentische Angelegenheiten sowohl innerhalb der eigenen Hochschule, als auch zwischen ver­schiedene:: Hochschulen frei -n besprechen.

Tie akademische Freiheit, die der Student genießt, legt ihm m:dj die Pflicht auf, sie nicht zu mißbrauch en. Mißbrauch der Freiheit aber ist eS, wenn man die oben ausgesprochenen Pflichten des Studenten verletzt und sich insbesondere zu ge­schlossenen Korporationen rein politischer oder konfessicmeller Na­tur von der übrigen Studentenschaft absondert.

Tann wurden die Statuten beraten und festgesetzt. Nach Er­ledigung der Verbandlungssatzungen ging man'zur Besprechung der Frage der tonfcssionellen Verbindungen über.

Am Abend fand unter überaus zahlreicher Beteiligr:::g der akademischen Kreise von Weimar und Umgebung und unter An- Wesenheit der Delegierten aller deutsche:: Universitäten und tech­nischen Hochschulen der Festkommers statt. Dazu hatten sich ü. a. der Oberbürgermeister der Stadt Weimar-, Geh. Rcgicrungsrat Pabst, sowie Pros. Tr. Encken-Iena eingefunden.