r> Gross-
CD.
5785
s aus.
II
;n!
egend,
hen.
1 crö Wotiw«
nber verkaufe ich zu
im Lade;
Eierte
»eräte "
50 nnb 00 W siel, Eimer, Masse, In, Oemüseschüssc! Reibeisen, Milchtöbi Mflityfe, Tasscr jum Verlauf foinmß-.
leiß'
r,
KoöZ
iellial‘“ |lfw I»»"-" hr M1<r’ F
Iffllflp*
brlorgt-
ulze»
Landgraf
BillardsP^ . „e Hefi'enU ■ 50 $'8' fiarlVML
Nr. 265
Zweites Blatt
Freitan 10. November 1905
Eichener Anzeiger
Erscheint Utglich mit Ausnahme deS Sonntags.
Eeneral-Anzeiger, Amts- und Anzeigedlatt für den Kreis Gießen
Notationsdruck und Verlag der Brübl'kck«, Unwersilätsdruckerei. 9L Lange. Gieß«.
Redaktion, Expedition u. Druckerei: Schulltr.A.
Tel. Nr. 5L retegr.-Adr. r SU^ciqu Gretzea.
Die „Gtetzrner ^amlllenblätter“ werden dem ,9lnAPiaet viermal wöchentlich beigelegt. Der taaOoUr erscheint monaUlch einmal.
155. Jahrgang
Die Fleischteuerung In der sächsischen Kammer.
Dresden, 9. Nov.
Auf der Tagesordnung der zweiten Kammer standen heute die ziemlich gleichlautenden Interpellationen der Abgg. Goldstein (kons.) und Bär sfreis.) betreffend die Fleischteuerung. Nach der Begründung der Interpellationen von Seiten der Interpellanten wurden diese von dem Staats- m int ft er v. Metzsch beantwortet. Derselbe gab das Vorhandensein einer erheb liehen Fleisch- teuerung zu und verspracy im Namen der Regierung, etwaige Vorschläge zu ihrer Behebung wohlwollend zu prüfen. Ter Minister stellte den Mangel an Schlachtvieh inAbrede.gab aber zu, daß das auf die S ch l a ch t- höfe gebrachte Vieh in qualitativer Hinsicht nicht voll genüge. Schuld an der Teuerung seien auch die Volksvermehrung, die aufsteigende bessere Lebenshaltung der Massen, die ungünstige Entwicklung des Zwischenhandels und der Einfluß der Spekulation auf die Preisbildung. Zur Linderung der Fleistcheuerung wolle die Regierung auf die verlangte Oe ffnung der östreichtschen Grenzen nicht eingehen wegen der drohenden Viehverseuchung. Uebrigens bestehe auch in Oe st erreich Mangel an Schlachtvieh. Tie Regierung sei nicht in der Lage, positive Vorschläge zur Beseitigung der Fleischteuerung zu machen, glaube aber, daß mit deren Ursache, der schlechten Futterernte des Jahres 1904, auch oie Teuerun g selbst bald schwinden werde.
Abg. Schubart (kons.) bezeichnet als Ursache der Fleischteuerung die allgemeinen großen Unkosten der Schlacht- und Verkaufseinrichtung; er erwartet von der Oeffnung der Grenzen keine Abhilfe.
Abg. Vogel (natl.) wünscht die Oeffnung anderer Grenzen, falls btc der östreichischcn nutzlos ober nicht angängig sei, und A n s n a h m e t a r i fe.
Abg. Audra (kons.) tritt fijr die Beibehaltung der Grenzsperre mit Rücksicht auf das Seuchenyesetz ein. Ter Redner vertritt mit Wärme den vegetarischen Standpunkt, von dessen Beachtung durch die Bevölkerung die wirksamste Abhilfe der Fleischteuerung zu erwarten sei.
Staatsministcr v. Metzsch bemerkt gegenüber der Behauptung des Abg. Vogel, daß Bayern den Antrag auf Oeffnung der Grenzen gestellt babe, daß die bayerische Regierung auf dem gleichen Stanopunkt stehe wie die sächs. Regierung.
Abg. Gün ther (Freisg^), der seine Meinung gegen den Vorredner verteidigt, wird fortgesetzt von höhnischen Zurufen des Dbg. Elrich unterbrochen, bis der Präsident dieses Benehmen rügt.
Nach weiterer unerheblicher Debatte, in deren Verlauf sich der Abg. Gold st ein (Soz.) einen Ordnungsruf deS Präsidenten zuzieht, verweist Staatsminister v. Metzsch zur Abwehr der gegen ihn gerichteten Angriffe aus seine vorherige Antwort auf die Interpellation.
Nach einer Reihe persönlicher Bemerkungen wird die Sitzung nach achtstündiger Tauer geschlossen._____________
Revolution in Brasilien?
Einem dem Londoner Rothschild zugegangenen Telegramm aus Rio de Janeiro zufolge hat sich die Garnison der brasilianischen Festung Santa Cruz, und zwar, soweit bis jetzt feststeht, ohne politischen Beweggrund empört. Tie Regierung habe energische Maßnahmen getroffen.
Nach Meldungen eines Genuaer Blattes kam es in Santa Cruz (am Eingang der Bucht von Rio de Janeiro) zu einem erbitterten Kampfe, wobei drei Offiziere unbCOHRann gefallen sein sollen. Ter Auf- ftanb scheine seit längerem vorbereitet zu sein und mit der revolutionären Beweaung zusammwzuhängen. Die
Kleines Feuilleton.
R. D. Darmstadt, 9. Nov. Der neue Schwank von Wilh. Wolters: „Sein Alib i", der gestern öbenb imHoftheater einen guten Lacherfolg erzielte, hat sich ein interessantes Thema zum Vorwurf genommen, die Geißelung des immer mehr Hertz ortrelenden Bestrebens in dec Justiz, auf Grund von klug zusamrnengetragenen Indizienbeweisen eine Verurteilung des Angeschuldigten herbeizusuhren. In diese Gefahr kommt auch ein junger Ehemann und Privatgelehrter, Dr. Klauben, der, von seiner Frau in liebevoller Tändelei gepeinigt, sein Alibi für alle Tage der Woche nachzuweisen, sich seines Auf- entheltes an einem Abend nickt mehr entsinnen kann und zur Beruhigung seiner von Eifersucht geplagten Frau ein bekanntes Weinlokal nennt, wo er den Llbend mit zwei Freunden beim Genuß von Austern verbracht habe. Diese Notlüge wird ihm aber zum Verhängnis. Ein fcbr geschäftseifriger Rechtsanwalt, der in der Familie Dr. Klaußens verkehrt, ist in einer Ehescheidungs- fadye auf der Suche nach dem Verführer und da sich das Rendez-vous der beiden in einem Chambre fcpatSe desselben Lokals am selben Abend vollzogen hat, so steht für ihn fest, daß Dr. Klaußcn der von ihm Gesuchte ist. Der Rechtsanwalt kennt nun auch keine Rücksichten mehr, er häuft Beweis auf Beweis und überzeugt anck^ die unglückliche junge Frau von der Schuld ihres Mannes. Sie willigt auch in die vom Rechtsanwalt vorgeschlagene Klage auf Eh?s5«idung ein, nur fürchtet sie den Skandal vor dem Gericht und überredet den Rechtsanwalt, eine Art Vorverbmdlung behufs Feststellung der Schuld ihres Gatten in der Wohnung mit den beteiligten Personen zu veranstalten. Hier sinken dann aber sehr bald alle Indizienbeweise des Rechtsanwalts in Nichts zusammen, die migeichuldigte Frau Kommerzienrätin Hopfner und Dr. Klaußen feiern nach einer Reihe komischer Situationen und Verwechselungen den Triumph der Unschuld und der übereifrige Advok't muß, nachdem alle seine sicheren Beweise sich als Trugschlüsse Herausstellen, mit seinem Aktenbündel schleunigst das Zimmer verlassen. Die Handlung des Stückes ist teilweise recht flott und originell, aber viel zu schleppend auf drei Akte ausgedehnt. Die beiden ersten Akte enthalten hübsche gesellschaftliche Szen-m und wirksame, amü- fente Situationen, aber der dritte Akt erfüllt nicht die gehegten Erwartungen. Wenn der Schwank trojchem sehr beifällig ausgenommen wurde, so fällt das Verdienst dafür hauptsächlich oer -Regie des Herrn Hacker und der vorzüglichen Darstellung iHer Akteure zu, vn:er denen sich besonders die Damen Fräulein Treitz (Frau Dr. Klaußner^ und Frl. Jüngling iFrau Höpfnerl und die Herren Locht (Rechtsanwalt) und Adolfi iDr. Klaußcn) auszcichneten.
Festung sei, wie weiter gemeldet wird, von Kriegsschiffen umzingelt, damit die Zöglinge der Militärs chule, die sich gleichzeitig empört haben, nicht mit den anderen Aufständischen sich vereinigen können. Tie Regierung übe eine Zensur über die ab gehenden Telegramme aus.
Nach anderer Londoner Meldung ist die Newvorker Nachricht von einer Revolution in Rio de Janeiro und der Tötung mehrerer hindert Personen unrichtig.___________
Südwestasrika.
Ein Telegramm ans Windhuk meldet: Am 29. Oktober im Patrouillengefecht am Chamsav ib-Revier verwundet: Leutnant Georg von Neese, geboren zu Hamburg, Streifschuß an der reckten Hand, und Sergeant Mois Bucha!. Am 2. Nov. im Gefecht bei Korns gefallen: Unteroffizier Josef Klapecki. Verwundet: Sanitäts-Sergeant Friedrich Ober- hoffer. Arn 28. Oktober auf Patrouille bei Aw'daob verwundet: Gefreiter Gustav Grundmann. Seit dem 3. Oktober auf Patrouille bei Persip vermißt: Unteroffizier Fritz Gärtner und Reiter Paul Franzke.
Als Nachfolger des Generals v. Trotha hat, wie sckon gemeldet, einstweilen Oberst Dame das Kommando der Sckutz- truvpen zu übernehmen. Dame ist erst seit etwa einem halben Jahre in Südafrika tätig. Im Februar trat et in die Sckntztrnppe ein, in der ihm der schwierige Etappendienst unterstellt wurde. Bevor er nach Südafrika ging, war er Stabsoffizier beim Infanterieregiment Nr. 14 in Dromberg. In dem Feldzug gegen die südwestafrikanischen Eingeborenen ist er bisher noch gar nickt hervor getreten. Daß ihm das Kvnimando des Expeditionskorps übertragen wird, liegt wohl daran, daß er dw älteste in der Kolonie befindliche Oberst ist. Deimling, dw zurzeit in der Heimat weilt, ist früher zum Obersten befördert als Dame: sollte er nach der Kvlonie zurückkehren, so würde er das Kommando über das Erpeditionskorvs übernehmen.
Ausst-che Aeuigkeitcn.
Tie offiziöse ^PeterSb. Telegr.-Ag." meldet:
General Trepotv ist seiner Stellungen als Eencrg'gonver- nenr, als Ches der Petersburger Garnison und als Gehilfe des Ministers des Innern, als Polizeickes und als G e n d a r,n e r i e ck e s eutbobcn und zum Palaistom- maudantcn ernannt worden.
Trepoiv ist also seiner politischen Remter verlustig gegangen. Wollte man aber glauben, daß er damit zugleich seine für Rußland so verderbliche Rolle ausgespielt habe, so würde man sich in einem argen Irrtum befinden. Ist er doch in die unmittelbare Umgebung des Zaren versetzt, auf den er nun seinen unheilvollen Einfluß durch nichts gestört aiiSüben kann. Er ist, das kann man wo bl sagen, die Treppe lünausgefallen, während Witte zwar nach außen hin seines Gegners entledigt ist, in Wirklichkeit aber wahrscheinlich bald wayrnehmen wird, das; der Geist Trepows nicht gewichen ist. Wittes politische Stellung wird deshalb in Zukunst wohl nicht viel mehr als ein Vegetieren sein, dem bet der ersten besten Gelegenheit, d. h. bei einer unter Trepows Einfluß künstlich in Szene gesetzten Revolte, ein Ziel gesetzt sein wird. Der Rücktritt Trepows ist allo nur ein leicht zu durchschauender Trick, der darauf berechnet ist, dem Zaren den Beweis zu erbringen, daß der Diktator für Rußland unerläßlich ist und daß dieser Diktator nicht ander? beißen kann als Trepow. Eine optimistische Beurteilung der durch den Rücktritt Trepows geschaffenen Sachlage ist also verfrüht, und weder den Befürchtungen der Liberalen noch den Forderungen der Ultras ist der Boden entzogen, solange Trepow überhaupt noch ein einflußreiches Amt bekleidet.
Tie Petersb. Tel.-Ag. bestätigt die Meldung, daß Groß- für ft Nikolaus Nikolajewitsch an Stelle des Großfürsten Wladimir zum Chef-Kommandanten der kaiserlichen Gardetruppen und der Truppen deS Militärbezirkes Petersburg (an Stelle Trepows) ernannt worden ist.
— Sine Ausstellung von I. V. Cissarz ist am 8. d. M. im Ernst-Lu.dwigSh.mse in oer Darmstädter Kllnitler- kolonie eröffnet worden. Tie Ausstellung gibt, so schreibt man uns aus Darmstadt, eine Uebersicht über die Tätigkeit des Künstlers im obgelausenen Jahre. Das Hauptinteresse verdienen die Chorfenfter für die Kirche in Groß-Zimmern. Die Kirche wird von dem Architekten I. Chr. Gewin restauriert und eine Anzahl Gemeindemitglieder haben Chorfenster dafür gestiftet. Sie sind von Eiss.:rz entworfen und von der Glasmalerei Fri drich Endner ausgefuhrt. Tie Fenster zeichnen sich durch prächtige Farbenkombinationen aus und da sie auch in einem entsprechend beleuchteten Raum ausgestellt sind, treten ihre Vorzüge sofort in den Vordergrund. Das mittlere Fenster zeigt den Erlöser, ihn beten zwei gepanzerte Ritter an, auf den beiden seitlichen Fenstern erblickt man die Apostel Petras und Paulus. Die geschickte Farbenzusammenstellung zeigt sick auch bei dem kleinen Fenster zur Tauflapelle, das in einem Nebenraum zu sehen ist. Auf diesem Fenster sind nach dem bekannten Wort des Psal- misten zwei Hirsche d'rgestcllt, die nach Wasser schreien, wie die Seele des wahren Christen nach Gott. Die ganze Auffassung und Ausführung der Motive verdient volle Anerkennung.
♦
— Ms Ergebnis einer Umfrage bet ©übermann, Hauptmann, Wildenbruch usw. veröffentlicht der „B. B. C." u. a. folgende Mitteilungen zur Beantwortung der interessanten Frage: Wie Dichter arbeiten.
Sudermann arbeitet grundsätzlich täglich, und zwar vormittags etwa drei Stunden und oft auch noch nachmittags zwei Stunden dichterisch. Tlbeuds dagegen schreibt er nie. Alle seine Werke schreibt er selbst, mehrfach selbst. Vom Diktieren hält er nickts. Er furchtet die „Schönheit" der Sprache, die sich beim Diktieren ergibt. Er arbeitet niemals an zwei Werken gleichzeitig. Dagegen kommt es vor, daß er eine Sache beiseite legt und erst etwas anderes fertigstellt. „Stein unter Steinen" erforderte vier Monate Arbeit, „D a s Blumen- boot" fünfviertel F'hre. Letzteres Werk wurde auf Ceylon und in Maren gesckrieben. Auf seine Arbeftsweise hat es keinen Einfluß, ob er in seinem Ch rlottenburger Studierzimmer gegenüber der Kaiser Wilchstm-Gedächtniskirche sitzt, oder ob er sich auf seinem Landsitze Blankensee bei Trebbin aufhält. Wohnt er in Blankensee, so „treibt er sich viel im Wald und auf dem See rum".
G-rh wt Hauptmann bot sich daran gewöhnt, bei der dichterischen Produktion zu diktieren. Diese Methode bringt es mit sich, daß sehr rasch gearbeitet wird. „Elga" entstand in zweiundeinh-'lb Tagen, der „Biberpelz" in acht bis zebn Tagen, „Kollege Crampton" in anderthalb Wochen. Täglich arbeitet er nid/t, denn, sagt er, würde ich täglich einige Stunden diktieren.
Wie die .Negierung" z. Zt. gesonnen ist, davon cuhäü man ein richtiges Bild, wenn man hört, daß sie in der Absicht, ein Exempel zu statuieren, den Gouverneur von Twer, welcher für die jüngsten Unruhen dort verantwortlich gemacht wird, in den Anklagezustand versetzte. Man glaubt in Petersburg, daß auch Fürst Obolenski, bet bisherige Gouverneur von Finnland, vor Gericht gestellt werden wird. Man wirft ihm Schwäche gegenüber den Finnländern vor, umsomehr, als er noch kürzlich einen Finnländer Bauer au8peitichen und hinrichten ließ.
Infolge her Abänderungen, welche für das Wahlgesetz geplant sind, ist es nicht wahrscheinlich, daß die Neichsduma lisch vor Ostern einberufen wird. Die russische Kons ftitution dürfte infolgedessen kaum vor September nächsten Ja hres fertig gestellt sein.
Ter „Daily Telegraph" meldet aus Petersburg: Gras Witte habe sein Ministerium auf eine unerwartete Art und Weise gebildet. Seine Kollegen seien weder Liberale noch Reaktionäre, sondern einfach farblose Beamte. Tie erste Aufgabe des neuen Ministeriums sei nicht die Einführung von Reformen, sondern die Unterdrückung der Gegenrevolution. Gras Witte habe sämtliche Beamte, welche irgendwie die Gegenrevolution begünstigt haben, oyne weiteres entlassen. — Graf Lambsdorff, der Minister des Aeußern, verläßt, nach andenveitigen Mitteilungen, sein Amt, um keine Stellung unter Witte zu bekleiden. Der jetzige russische Gesandte in Kopenhagen, Islowski, wird Minister des Aeußern.
Nach au§ Kronstadt eingegangencn Meldungen hol dort in der vergangenen Nacht ein erbitterter Kampf stattgesimden. Tie Infanterie feuerte, Maschinengewehre sollen in Tätigkeit gewesen sein. Tie Stadt steht in Flammen. Das Telephon nut Petersburg ist unterbrochen. Der Telegraph funktioniert noch. Der Marmeklub und mehrere Magazine wurden verw ü ft et. Eine Schaar von Meuterern und Matrosen durchzieht die Straßen, gibt Schüsse ab und terrorisiert die Bevölkerung. Die Geistlichkeit bat eine Prozession organisiert in der Hoffnung, der Plünderung Einhalt tun zu können. Es herrscht allgemeine Panik. Ucberall siebt man Blutlachen in den Straßen. Die Plünderung wird fortgesetzt. Tie Bürgerschaft fließt eilig aus der Stadt. Tie nach Petersburg und Oranienbaum gebenden Dampfer sind überfüllt von fliehenden Bewohnern. Zwei Bataillone des Infanterieregiments Irkutsk sind nach Kronstadt abgesandt worden.
Bei Now ominSk auf der Strecke Warschau-Brest- L itowsk (Polen) entgleiste ein Güterzug, da die Schienen aufgerissen waren. Ein Oberkondukteur ist tot; zwei Personen wurden verletzt, sechs Wagen zertrümmert. Die Direktion setzt die Expedition de§ Zuges gegen den Willen des Streikkomitees durch.
Ter Gcncrulgouverneur von Kiew veröffentlicht eint Erklärung, nach der er mehrere Mitteilungen erhielt, die bestätigen, daß von den Polizeibeamten während der letzten Unruhen Ucbergriffe und Verbrechen begangen wurden. Ter Gouverneur fordert die Personen auf, die Zeugen solcher Vorgänge gewesen sind, ihm ihre Mitteilungen darüber cinzusenoen.
Nachrichten aus Bessarabien zufolge find in Misilew fünf Juden getötet und viele verwundet worden. AuS Sifiirat) ist die gesamte jüdische Bevölkerung geflüchtet. Eisenbahnzüge werden geplündert und vieleReisende getötet.
Nach anderen Meldungen aus Bessarabien wurden in Kalarafch 75 Tote, 300 Verwundete und 170 niederge- so kämen in den 365 Tagen des Jahres alljährlich 50 Bänd« von mir heraus. Wer sollte denn das alles lesen? Auch Hauptmann arbeitet niemals abends.
Ernst von Wildenbruch schreibt nur vormittags an seinen Werken. Die Wen darbest ist vom Ucbcl. Nie würde er sich dazu verstehen, bst der dichterischen Arbeit zu diktieren. Er verlöre dabei die Feinfühligkeit Er ist der Meinung, daß Goethe von bem Zeitpunkte an. wo er begonnen habe zu diktieren, als Dichter verloren hätte. Tie selbstgeschriebenen Werke des jungen Goethe sind ihm lieber als die diktierten Werke des alten Goethe. Der alte Weimarer Schauspieler habe ganz recht gehabt, als er ausrief: Heute spiele ich das Werk eines Genies: den ersten Teil des „Faust", und morgen spiele ich das Werk eines alten Geheimrats: beit zweiten Teil des „Faust". Manche Werke werden viel umgeerbeitet. Soeben ist der Dichter mit einem Gotendrama fertig geworden. Wenn er keine dichterische Arbeit angefangen auf dem Schreibtische liegen hat, fehlt ihm bet Anker feiner Seele. T-ann ist er ein unglücklicher, unsteter Mensch. Erst wenn er sick) an einen neuen dichterischen Stoff hw..ngemacht, findet er Ruhe und Frieden und Gluck wieder. Man muß bedenken und sich trösten, daß das Urteil der Zeitgenossen nicht das Urteil der letzten Instanz ist. Diese Hoffnung hilft üb't vieles hinweg. Der Dichter will weder als komplizierte noch als simvle Natur aufgefa&t werden. Er ändert sich gegenüber jedem Stoffe. Wenn et dramatisch arbeite, sei er ein arrberer, als wenn er einen Roman schreibe. „Dann öffnen sich genz neue unb versteche Kammern in Seele und Herz, und in ihnen ist es oft barbarisch heiß."
— Die Aufführung des „Kaufmann von Venebig" im Deutschen Theater zu Berlin am 9. b. M. wurde mit lautem Beifall aufgenommen, darf ober in künstlerischer Hinsicht durchaus keinen Erfolg bedeuten. Sckon der Ton der Ausführung wat vergriffen, er schlug ins Possenhafte, absichtlich Lustige, Karikierte. Schildkraut ermangelte als Shylock aller Größe. Frau Sorna ersetzte die kluge Anmut der Porzia durch backfischäften Uebermut. Kaum einet der Darsteller wurde Shakespeares Gestaltung gerecht. Ausstattung entsprach nur eben dm üblicken Anforderungen ohne besondere Reize zu bieten. (Frkf. Ztg.) ,
— Der bekannte, das Feinwrbige liebende Maler imb Professor m der Knnsisckwle zu Weimar Ludwig v. Hofmann hat eine Berufung an die Stuttgarter Kunstakademie abgelebt.
— In N ewyork wird die Errichtung einer hochstehenden Prosabühne unter Eonrieds Leitung geplant. Drei Millionen Dollar sind bereits aufgebracht.


