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13/06/1905 Zweites Blatt
 
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Nr. 130

Zweites Blatt.

155. Jahrgang

Dienstag 13. Juni 1905

Grfchrtttt D-lltz mit VuSnahm« btl Sonntag».

Die .Sletzev« LmaMendlStter- werden dem ^Anzeiger viermal wSchenlltch betgelegt Der Greift!-* taaöo)trt* «icheint monatUch einmal.

Gießener Anzeiger

Notattansdruck and Verlag bet Srüht'lcheW UniverfttLLLdruckerei. 9t Lange. Dietzen,

Redaktion,Expedition ».Druckerei: Schulstr.K, Del. Nr. 6L Leiegr^LUrr. i Anzeiger Dietzen.

General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gießen.

Völkische Wochenschau.

DteHochzeit des deutschen Kronprinzen wurde in der Woche vor Pfingsten mit einer Reihe von großen Festlichkeiten gefeiert. Wie immer bei festlichen Ge­legenheiten, hielt der Kaiser eine sehr eindrucksvolle Rede, und am Samstag richtete er an den Berliner Oberbürger­meister Kirschner folgende KabinetLSordre:

Nachdem der Festjubel verrauscht ist, der die Feierlichkeiten M Vermählung meines SohneS, des Kronprinzen, und insbeson­dere der Einzug feiner erlauchten Braut in meine Haupte und Residenzstadt Berlin begleitet hat, drängt es mich, meinem auf­richtigen. Danke Ausdruck zu geben für die freudige Teilnahme, welche die Stadt Berlin und ihre Bürgerschaft in den verflossenen Tagen in so erhabener Weise bekundet haben. Ich habe mich außerordentlich gefreut über die ebenso großartige wie ge­schmackvolle Gestaltung der historischen EinzugS- und Feststraße, die prächtige Ausschmückung der öffentlichen und pri­vaten Gebäude, sowie die musterhafte Haltung des Publikums. Das herzliche Willkommen, mit dem meine geliebte Schwiegertochter begrüßt wurde, die sympathische Aufnahme meiner hohen Fest­gäste in Berlin und die mannigfachen freudigen Zurufe haben mich von neuem erkennen lassen, welch begeisterten Widerhall daS Glück meines Hauses in den Herren der Berliner Bürger­schaft findet. Ich ersuche Sie, den städtischen Behörden und der gesamten Einwohnerschaft Berlins meinen wärmsten Dank für alle Kundgebungen treuer Anhänglichkeit bekannt zu geben. Berlin, 10. Juni 1905. gez. Wilhel m."

Der Kronprinz und die Kronprinzessin er­ließen folgende Danksagung:

Aus Anlaß unserer Vermählung sind uns aus ollen Teilen deS deutschen Vaterlandes, auS allen Kreisen der Bevölkerung eine Fülle herzlicher Glückwünsche dargebracht worden. Die­selben haben unS wahrhaft erfreut, und danken wir hier­mit aufrichtigst allen Denen, welche unserer so freundlich gedacht haben."

lieber die Ausschmückung der Stadt Berlin an den Fest­tagen haben die hervorragendsten Kunstkritiker Berlins sehr wenig Rühmliches zu melden gewußt. Die kurzen Worte des Kronprinzenpaares aber hätten wahrlich besser stilisiert wer­den können.

Kardinalerzbischos Kopp, der ein HochzeitSgeschenk des Papstes in Berlin überreichte, spann in einer Ansprache an den Kaiser den Faden geschickt fort, den er in seiner Straßburger Rede ausgenommen hatte. Roms Haupt reckt sich allenthalben hinter und Über dem Thron deS Kaisertums hervor. Wer aus Anlaß deS Festes eine Amnestie erwartet hatte, wurde in seiner Hoffnung getäuscht. Da­gegen erhielten zahlreiche Persönlichkeiten des Jn^ und Auslandes glänzende Auszeichnungen. AuZ dem Grasen Bülow wurde ein Fürst Bülow. Die aufrichtigsten Freunde des vierten Kanzlers des neuen deutschen Reiches unterließen es, Vergleiche zu ziehen zwischen den Leistungen eines Bismarck, Blücher und Hardenberg um Preußen und die großdeutsche Sache mit denen des verantwortlichen Staatsmannes unserer Tage. T^eNorddeutsche" weiß jetzt zu melden, daß dem jüngsten Fürsten sehr zahlreiche Glück­wünsche zugingen. Kaiser Franz Josef, der Prinzregent von Bayern, der Großherzog von Baden, König Eduard, der König von Sachsen, der König von Serbien, oie Groß­herzöge von Mecklenburg-Str elitz und von Sachsen-Weimar- Eisenach ic. ic. sandten Glückwünsche. Von freundlichen Kundgebungen ausländischer Staatsmänner verzeichnet das reichsoffiziöse Blatt die oes Grafen Goluchowski, des Grafen ^amsd^rff, des rumänischen Ministerpräsidenten Canta- cuzene, der Minister Jonescu, Tittoni, Sturdza, Kolo­man Szell. Es fällt auf, daß der Name des Großherzogs Ern st Ludwig nicht genannt wird.

Während der Berliner Hosfeste nahm die Marokko- fr a g e eine Wendung. Der Sultan erließ an die Vertreter der Mächte in Tanger ein Rundschreiben, worin er die einseitige Lösung der marokkanischen Frage durch Frankreich als unmöglich und den Verträgen zuwiderlaufend darstellte und alle Signatarmächte der Madrider Konferenz von 1880 zu einer neuen Marokko-Konferenz nach Tanger einlud. Hiermit war Delcassä und mit ihm Frankreich vor die Frage gestellt, ob sie mit den Waffen in der Hand ihren Willen dem Sultan aufzwingen sollten oder nicht. Wie die Stimmung in Frankreich zurzeit ist, geht daraus hervor, daß Delcasss zum Rücktritt vom Ministerium des Auswär­tigen gezwungen wurde, und Rouvier übernahm selbst die dauernde Leitung der auswärtigen Geschäfte Frankreichs. Wie Rouvier in der Marokko-Frage weiter zu verfahren gedenkt, ist noch keineswegs sicher. Im letzten Ministerrat trat eine nur sehr geringe Neigung für die Marokko-Kon­ferenz zutage. Auch Rouvier wünscht doch sehr, diese Kon­ferenz vermieden zu sehen; man ist dafür zu anderen, ziem­lich weitgehenden Zugeständnissen bereit und hofft daß Deutschland auf der Konferenz nicht allzu schroff bestehen

werde. _____

Der Empfang der französischen Sonderge- sandtschaft am Berliner Hofe mußte zu allerhand Gerüchten herhalten. Kaiser Wilhelm soll den General de Lacroir zunächst äußerst kühl empfangen haben In den letzten Tagen aber wurde die französische Sondergesandtschast vom Kaiser mit ausgesuchter Zuvorkommenheit behandelt und wiederholt nach Döberitz eingeladen. Jetzt hat die Ge­sandtschaft Berlin verlassen und ist nach Paris zuruckgekehrt cy~ einer Depesche des Berliner Korrespondenten desPetit Parisien" die die Resultate der Sondergesandtschast sehr günstig beurteilt, heißt es, die höchste politische Persönlich­keit nach dem Kaiser habe ihrem Sekretär folgenden Satz diktiert:Die Aussöhnung scheint^gesichert, und sie wird herbeigeführt werden." DemFigaro aber wird aus Berlin gemeldet: _ t ö x .

Di- französisch- Offiz-r^MAnung 6t trotz d-r Li-bmswiirdigkett, womit man sie überhäuft-, wahrgenommen, iroB der Kaiser und seine militärische Umgebung über die Ursachen der Schwächen unseres Heeres und unserer Flotte genau unterrichtet sind. Vielleicht darf man dieser genauen Kenntnis die saft unversöhnliche Haltung Deutschland m der letzten Zeit zuschreiben. Seit Deleasses Sturz hat die Spannung nachgelassen. Trotzdem haben Berufene» aus ihrem Berliner Besuch diese Folgerungen abgeleitet. Wir müsse n u m 1 e d e n P reis unser Heer stärken und unseren Oberbefehl um- 9CrtftänLn'2Itfon8 XIII. von Spanien hat in Paris zwei Attentate glücklich überstanden und ist in Frankreich recht

gefeiert worden. In England langte der junge König bei strömendem Regen an. Auch dort wurden die üblichen Trink- sprüche gewechselt und bei jeder offiziellen Gelegenheit be­merkte man auch den Herzog von Eonnaught mit seinen Töchtern, von denen eine als die »ukünftige Braut des jungen Königs galt. Doch der König ist inzwischen von England abgereist und die Verlobung ist nicht zur Wirklichkeit ge­worden; daS ist um so ausfallender, als der König noch kurz vor seiner Abreise von Spanien einem ihm gegenüber offen ausgesprochenen Wunsche, daß er sich bald vermählen möge, nahe Verwirklichung verheißen hatte.

Die Innere Politik des deutschen Reiches ruhte während der letzten Woche und des Pfingstfestes vollständig. Nur bei uns in Hess en beginnt sich das politische Leben wieder zu regen, wie stets zur schönen Sommerzeit, wenn sonst über allen politischen Wipfeln Ruh ist. Tie zweite Kam­mer tritt bereits morgen, die erste Kammer am 21. Juni zu einer Tagung zusammen, hauptsächlich zur Be­ratung und Beschlußfassung über die Wahlrechtsvor­lage und die in Verbindung mit der Revision des Wahl­rechts von 21 Mitgliedern der ersten Kammer beantragte Vermehrung der Budgetrechte dieses Hauses. Wir hoffen noch immer auf eine günstige Lösung der Wahlrechtsfrage.

Die Hamburger Wahlrechtsvorlage hat in der Hamburger Bürgerschaft eine größere Mehrheit gefun­den, als man hätte glauben sollen. Der erste Teil, die Einführung einer Klassenwahl, fand sofortige Zustimmung; der zweite Teil, die Art der Klassenwahl, wurde in Kom­missionsberatung genommen. Die Vorlage zeigt, wie wenig weit die politische Bildung im neuen deutschen Reiche vor­geschritten ist, und wie sehr Jnteressenwirtschaft, der Aus­fluß eines kalten Materialismus, über die Forderungen der Gerechtigkeit und Humanität, der Wissenschaft und stÄr- nunst triumphiert.

Die Wahl in Hameln-Springe brachte den Sieg des Nationalliberalen HauSMann, der 4000 Stimmen mehr erhielt als sein sozialdemokratischer Gegner. Die Welfen haben sich bei dieser Wahl ganz eigenartig aufgeführt. Ihre Parole, Wahlenthaltung zu üben, motivierten sie damit, daß sie keiner der beiden konkurrierendenrevolutionären" Parteien ihre Stimmen geben könnten. Daß die Natio- na lliberalen zur Abwechslung einmal alsrevolu­tionäre" Partei bezeichnet wurden, pmßte als ge­lungener Witz gelten.

Bezüglich der Reichsfinanzreform verlautete letzter Tage, daß keine Tabaksteuer in Aussicht genommen sei, daß dagegen eine ReichS-Biersteuer unbedingt kommen werde. Man wird gespannt sein zu erfahren, ob man sich in Bayern neuerdings zu diesem Projekte anders gestellt hat als früher.

Von den Beschlüsien deS Welt-Agrarkongresses in Rom ist nicht viel bekannt geworden, dagegen verlautete viel von der Feier deS eucharistischen Kongresses, bei dem die römische Kirche großen Pomp zur Entfaltung brachte.

Große« Interefle erregte daS Akutwerden der Krisis auf der standinavischen Halbinsel, die mit der Absetzung deS Königs von Norwegen endete. Unbefangene Beurteiler erklären, die Erregung in Schweden sei in den letzten Tagen gewachsen. Schweden fühle sich in seiner nationalen Ehre gekränkt durch den schroffen Bruch, während eine gütliche Trennung bei der Verhandlung von Parlament zu Parlament möglich gewesen sei. Gleichwohl glaubt niemand an einen Versuch, Gewalt anzuwenden. Schweden werde sich daraus beschränken, dem Staatsstreich die Anerkennung zu verweigern, was für Norwegen so viel internationale Schwierigkeiten zur Folge haben werde, daß eS bald gezwungen sei, aus korrekte Weise die Trennung zu verlangen. Auch im Auslande, wie z. B. in Wien, machen sich einige ofsiziöse Stimmen in diesem Sinne geltend. Dem gegenüber erklärte aber der Präsident des norwegischen StorthingS, Berner, Norwegen würde seine vollständige Neutralität bewahren und sich allen grobpolitischen Kombinationen sernhalten. Wenn die Verhältnisse auf der Halbinsel zur Ruhe gekommen wären, bestehe die Hoffnung, daß Norwegen zusammen mit Schweden und Dänemark die Mittel erwägen könne, um die Neutralität der nordischen Reiche zu sichern. Diese gemeinschaftliche Erwägung würde dadurch erleichtert, daß durch die Auflösung der Union auch jeder Grund zu Reibungen mit Schweden aus­gehört hat. In demselben Sinne sprach sich der neue nor­wegische Minister deS Aeußeren, Loevland, aus, der noch hinzufügte, daß jede großpolitische Verbindung mit der einen oder anderen Großmacht für Norwegen die größten Gefahren durch Komplikationen, die daraus entstehen könnten, in sich tragen würde. In Ehristiania ist man von der Einberufung des schwedischen Reichstages zu einer außerordentlichen Session nicht überrascht. Leitende Kreise sehen darin keine Drohung mit der Absicht, die Union wiederherzustellen. Im Gegenteil hofft man vielmehr allgemein, daß König Oskar bald seine Erregung verlieren und einem Mitgliede seines Hauses erlauben werde, die norwegische Krone anzunehmen. Als Ibsen die Nachricht von der Trennung Norwegens von Schweden hörte, sagte er: »Ich bin glücklich; endlich werde ich einem absolut freien Lande angehüren."

Präsident Roosevelt hat die Initiative ergriffen, den Frieden zwischen Rußland und Japan wiederherzu­stellen. Er hat in einer Note der russischen und japanischen Regierung am Donnerstag empfohlen, sich mit einander direkt zu verständigen, ohne die Intervention einer anderen Macht als Vermittlerin. Sollten jedoch direkte Verhandlungen schwierig sein, bietet Roosevelt seine eigenen Dienste als Ver­mittler an. Die Note wurde abgesandt, nachdem, was für viele doch überraschend kommt, von Tokio und Peters­burg die Zusicherung gegeben worden war, daß der Vorschlag, Unterhandlungen zu führen, willkommen sei. Sie wurde auf Roosevelts Veranlassung nach Petersburg und Tokio telegraphiert und dort durch den amerikaruschen Bot­

schafter Lengerke-Meyer bezw. den Gesandten Griscom über­reicht. Die Note ist als erster entscheidender Schritt zumFrieden zu betrachten. Das Reutersche Bureau meldet aus Washington, eS werde dort als wahrscheinlich angesehen, daß Washington, daS den Einflüffen von außen her weniger zugänglich sei als Paris, zum Orte derFriedenS- verhandlugen der Bevollmächtigten Rußlands und Japans auserwählt werde. Nach Mitteilungen auS Diplomatenkreisen werde wahrscheinlich Baron von Rosen, der frühere ruffische Gesandte in Tokio, zum Vertreter Rußlands bei den bevor­stehenden Verhandlungen ernannt werden. Der deutsche Botschafter Freiherr Speck von Sternburg unterstützte, wie Reuter ferner zu melden weiß, Roosevelt bei seiner Note an Rußland jtnb Japan und den voraufgegangenen Ver­handlungen durchaus. Er versicherte dem Präsidenten, daß auch der deutsche Kaiser seine Bestrebungen aufs herz­lichste unterstütze. Es verlautet ferner, Kaiser Wilhelm ergänzte die Bemühungen Roosevelts dadurch, indem er sich mit dem Zaren zu Gunsten des Friedens­schlusses in Verbindung setzte. So sind denn z. Z. die Friedensaussichten die besten.

UMische Tagesschau.

DerFeminismus" in unserer Zeit.

Eine sehr scharfe Kritik derweiblichen" Richtung unserer heutigen Zeitverhältnisse bringt dieDtsch. volksw. Korr." Viel­leicht klingt manches davon allzu pessimistisch: immerhin ist die Nichtigkeit deS Grundgedankens nicht von der Hand zu weisen. Die Korrespondenz schreibt:

Wenn man die heutige Politik vieler Staaten, ja Teile bet gesamtenmodernen" Kültur mit einem einzigen Worte bezeichnen will, so hat man dafür kein besseres Wort alsFeminismus". Diese Politik, - diese Kultur, diese Kunst, diese Wissenschaft wendet sich saft auf allen Gebieten von großen Gegenständen, hohen! Idealen, bedeutenden Persönlichkeiten, vollen, ganzen Männern ab und begünstigt auf jede Weise das Unbedeutende, Nebensäch­liche, diekleinen ßente", dasgeringe Volk", diegroße Malle", dieMinderwertigen" siebe Plötzensee vor Gericht über­haupt das wirtschaftlich und moralisch Schwache, daS Halb« schlächtige, die halben Weiber und die halben Männer. Frauen- oder Massenemanzipation, Weiber-, Priester- oder Pöbelherrschast, sie ftnb alle miteinander nur verschiedene Erscheinungsformen ein und desselben Entartungsvorganges, nur verschiedene Symptome ein und derselben Krankheit. Wo Männer, wirkliche Männer, sei es überhaupt oder an rechter Stelle, fehlen, da macht eben nur zu bald das Weib, gleichviel, in welchen Kleidern, sich breit. An stelle schnellen Entfchließens und raschen energi­schen Handelns treten dann endlose Reden, an stelle markiger Worte wüstes Geschrei oder leeres Geschwätz. Die neueste Ent­wickelungsphase des europäischen Parlamentarismus lehrt daS mehr als zur Genüge. Was man hier nicht .erschmeicheln" kann, das versucht man, durch Toben oder sentimentale Redensarten (Krämpfe oder Tränen) zuertrotzen". Um deshäuslichen Friedens willen, gibt man dann nach und noch einmal nach und noch einmal nach; aber der häusliche Friede wird dadurch nicht nur nicht gesichert, sondern immer mehr gestört.

Es ist das kein Wunder. Der wahre, echte Mann frfigfc daS Korrektiv seiner Ucbermacht in sich. Er ist gegen daS echte, zartfühlende Weib und gegen den im männlichen Kampfe Unter­legenen in der Regel großmütig, ritterlich, zum mindesten maß­voll. Dem herrschsüchtigen Mannweib oder Weidmann fehlen dagegen die natürlichen Antagonismen. Beide sind, wenn man ihnen keinen festen Willen entgegensetzt, gewöhnlich maßloS in ihren Ansprüchen und grausam, unritterlich gegen den Unter­legenen. DaS Weib, der Kleriker und der Pöbel sind wie der Teufel: gibt man ihnen den kleinen Finger, so greifen sie nach der ganzen Hand.

Unsere Regierungspolitik der beständigen Nachgiebigkest gegen llerikale oder sozialdemokratische Ansprüche wird über kurz odep lang auf einem Punkte anlangen, wo man nur noch die Wahl haben wird, sich entweder der klerikalen oder der sozialen Demo­kratie auf Gnade und Ungnade zu ergeben, beim weder die eine noch die andere ist jemals ohne völlige Preisgabe der Regier- ungsgewalt zu befriedigen, ebensowenig, wie ein herrschsüchtigeS Weib niemals den Pantoffel freiwillig aus der Hand geben wird. Es wäre schon schlimm, wenn unsere Negierung nur mit einer von diesen beiden um die Gunst der Massen wettlaufenden! Parteien zu tun hätte: ober mit beiden dieseZwickmühle", die sich aus Beauemlichkeit und Scheu vor inneren Kvnfliktenj hat aufmachen lassen, die muß notwendigerweise zum Verlust der Partie ober zur Aufgabe des Spiels führen, tertium non bohrt. Jedenfalls gibt es dabei nichts, bei dem wirklich etwas Großes für die politische Macht und wirtschaftliche Wohlfahrt des Deutschen Reiches und Volkes herauskäme. Wird unsere Regierung trotzdem so weiterfortwurfteln", oder wird sie sich in Zukunft mehr auf die männlichen Elemente und männlichen Instinkte unseres Volkes stützens

Eine Besteuerung

der großen staatlichen Wirtschaft?« und Verkehrsbetriebe zur Beseitigung der Finanznot im R'iche hat der nationalliderok dlbg. Patzig auf dem Thüringischen Parteitag der nationallibe­ralen Partei empfohlen. Da sich Herr Patzig mit dem Gedanken einer Reichserbschaftssteuer nicht befreunden kann, so ist er auf den Gedanken einer solchen Reichssteuer auf den Verkehr ge­kommen. Wenn von den Ueberschüssen der preußisch- hessischen Eisenbahngemeinschaft, so meinte der Reimer wörtlich, das sechste Prozent zugunsten des Reiches ge­nommen wird, so haben wir mtt einem Schlage 80 bis 90 Mill. Mark in der Reichskasse.

Das wäre noch besser, toenn auf diese Weise den Plänen zu einer Erfchrverung des Verkehrs durch Erhöhung der Eisen­bahntarife Vorschub geleistet würde! Denn darüber darf man sich keinem Zweifel lftngeben, falls wirllich dieser von Patzig entwickelte seltsame Plan Gesetzeskraft erlangen sollte, dann würde es das erste sein, daß die Eisenbalmverwaltungen die ihnen zn- gemuteten Ausgaben auf das Publikum in E^eftalt von Ver­teuerung der Fahrpreise abwälzen würden. Uebrigens meint dje ,Areie Deutsche Presst, daß schon aus dem Grunde auch dieses Steuerprojekt nicht ernsthaft genommen werden darf, weil sicherlich die Finanzminister der Einzelstaaten ihm auf- heftigste entgegentreten werden.

' J_. in........ b,

Lcer und gflotte.

Zur Kaiserparade de8 18. Armeekorps» die am 8. September auf derselben Hochebene bei Nieder- Eschbach, vier Kilometer von Homburg vor der Höhe wie im Jahre 1897 stattfindet, wird eine weitere Infanterie-