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12.9.1905 Erstes Blatt
 
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Erstes Blatt.

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Die heutige Kummer umfaßt 8 Seiten.

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155. Jahrgang

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Wahlreform in Ungarn.

Eine sehr bedeutsame Rede zu Gunsten des all- q e m e i n e n u n d g e h e i m e n W a h l r e ch t s hat der ungarische Minister des Innern, Kcistoffy, in seiner Eigenschaft als Kandidat für das Abgeordnetenhaus im Bogsaner Wahlkreis

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Gießen-

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Nr. 214

Frschetnt täglich außer Sonntags.

Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem hessischen Landwirt die Siebener Zamilien- blätter viermal in der Woche beigelegt.

Rotationsdruck u. Ver­lag der Arühl'schen Univers.-Buch-u. Stein­druckerei. R. Lange. Redaktion, Expedition und Druckerei:

Schul st raße 7.

Adresse für Depeschen: Anzeiger Gießen.

SernsprechanschlußNr.51.

GietzenerAmeiger

M General-Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Sietzen

300 sozialistischen Stimmen diesmal sämtlich dem national- liberalen Bewerber zugefallen waren, eine Annahme, für die nichts spricht, denn die Sozialdemokraten sind im all­gemeinen gerade für Bankdireklorcn nicht zu haben, so würde immer noch ein Ucberschuß von 900 Stimmen ver­bleiben. Und wo kommen diese her? Das Exempel ist doch recht einfach: Wenn in einem zu 55 Proz. katholischen Wahl­kreise der polnisch-katholisiye Bewerber 1300 Stimmen weniger erhält, als der nationallib. Kandidat und wenn dies obenorein bei einer außerordentlich starken Wahlbeteilig­ung geschieht, so müssen zahlreiche deutsche Katho­liken für den Nationalliberalen gestimmt haben. Dafür wird ihnen von derKöln. Volksztg." das Prädikat alszielbewußte" Zentrumsleute entzogen; sie werden sich hoffentlich aber damit trösten, daß sie dafür? Vas Prädikat alsgute Deutsche" eintauschen.

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B er jeden Tichier in jeiiH den der Wege der 3Hwtc 1 ^rrungenschaiien der 9torp h>e psiegen. Peim direkic onercdjaulpielbQii? werde mittelbarem Zusammeuhms edurie für Nichlschachck aeranstaltcn, um die .Kur­et Akademie wirken: Jei::. er, Luiie Tnniont, CI;: . Pank Ernst, Dr. Herder

vezugSpretsr monatlich 75Pf., viertel­jährlich Mk. 2.20; durch Abhole- u. Zweigstellen monatlich 65 Pf.; durch diePost 2J1L2. viertel- jährl. ausschl. Beslellg. Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis vormittags 10 Uhr. ZeilenpreiS: lokal 12 Pf* auswärts 20 Pfg.

Verantwortlich für den polit. und allgem. Teil: P. Wittko: für Stadt und Land" und Gerichtssaal": August Goetz; für den An­zeigenteil: Hans Beck.

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erste der vorbeizieheuden Regimenter führte unter den Klängen des Pariser Einzugsmarsches der Fürst von Hohen- zollern, eines der letzten, das Königs-Infanterieregiment 145, der Kaiser; ein Bataillon dieses Regiments trug die neue probeweise eingeführte Uniform, Waffenrock und Bein­kleid aus hellgrauem Tuch- Vorzüglich paradierten die neun Kavallerieregimenter: grüne und blaue Husaren, rote, earmoisinrote und gelbe Ulanen, weiße und rosafarbene Dragoner und die stattlichen grünen Deutzer Kürassiere Bei vier Regimentern konnten die Kesselpauker ihre Kunst beim Reiten der großen Volte zeigen, und eine -Abwechslung boten noch die neunten Dragoner, die der Korpsbefehl beute morgen nicht mehr erreicht hatte und die daher im Haar- busch erschienen waren- Lustige Melodien im Rheinländer­takt, auch solche aus Stradella und den Lustigen Weibern, hallten herüber. Der Statthalter von Elsaß-Lokhringen und Prinz Leopold von Bayern gingen mit ihren Regimentern vorüber, Prinz Adolf zu Schaumburg und Fürst Bülow eotopierten bei den Bonner Husaren der Reichskanzler wohl zum ersten Male und der alte Graf Häsel"r führte seine 11. Ulanen. Wie populär dieser alte Reiterführer und Feldherr auch hier ist, bewies die Tribüne, die den Vorbei- reitenden mit Hurra und Händeklatschen begrüßte. Der Kaiser reichte ihm, als er ein geschwenkt war, die Hand. Bei der Kritik sprach der Kaiser lange und eifrig. Die Kavallerie soll alsbald ins Manövergelände abrücken und dürfte schon morgen Fühlung mit der aufklärenden Reiterei des 18. Korps gewinnen.

Der Kaiser verlieh anläßlich der Koblenzer Parade dem Reichskanzler Fürsten von Bulow den Charakter als General­major unter Belassung der Uniform des Husaren-Negiments König Wilhelm I. Rheinisches Nr. 7.

Bei der heutigen Paradetafel brachte der Kaiser einen Trinkspruch aus, der folgenden Wortlaut hatte:

Nicht im lichten Paradekleide, sondern zum ernsten Waffengange standen die Söhne des Nheinlandes heute vor mir.Feldmarschmäßig!" war die Ueberschrift über dem heutigen Tage. Die Marine nennt dasKlar zum Gefecht!" Tie s ch o n st e W e h r , die der preußische Soldat tragen kann, ist das Kleid, in dem er feinem Gegner im Felde siegreich entgegentritt, das schönste Gewand, das ein Gr-rnzkorp»' tragen kann, wann es vor seinem Kaiser sich zeigt. Daß dieses Grenzkorps die Wacht am Rhein'gut halten wird, darauf vertraue ich in Ruhe nach dem, was ich heute gesehen habe. Tas achte Armeekorps Hurra! Hurra! Hurra!"

Ter heutige Zapfenstreich, bei dessen Vorbeimarsch am Schloß das Kaiserpaar auf den Balkon trat und laut begrüßt wurde, endete mit einem schweren Gewitterregen- Die Manöverwege werden grundlos werden.

Die von der Manöverleitung angenommene allge­meine Kriegslage ist folgende: Eine rote Armee hat, von der Pfalz vormarschiert, blaue Truppen bei Mainz über den Rhein gedrängt, die Festung eingeschlossen und oberhalb davon am 9. September den Fluß überschritten. Eine blaue Armee sammelt sich in der Gegend von Mar­burg. Das achte Korps gehört zur blauen, das achtzehnte zur roten Armee.

Der Kaiser wird am Freitag wieder in Homburg v- d. H. eintreffen und dort bis zum 27. d. M. verbleiben.

Aie Kaisermanöver.

(Eigener Bericht des Gießener Anzeigers.)

_. Urmitz, 11. Sept.

Tie gestrigen Regengüsse hatten Feld und 'Acker, Weg and Steg des hiesigen fetten Bodens so zu einem lehmigen Brei aufgeweicht, daß der Befehl, die Truppen des 18. Korps sollten feldmarschmäßig, also in weniger guter Montur, Hosen in den Stiefeln und ohne Haarbusch, zur Parade antreten, allseitig dankbar begrüßt wurde. Wir legten die Strecke zum Paradefeld, das etwa eine Meile nordwärts von Coblenz liegt, auf einem der großen Rheindampfer zurück. Man patte uns zwar vor diesem Beförderungsmittel getoarnt, da die Septembernebe. häufig die Rheinschiffahrt in früher Morgenstunde unmöglich machen, aber der Regen hatte die Luft gellärt, der Himmel war bedeckt, doch Der Ehrenbreitstein und die nordwärts flacher werdenden Ufer lagen klar vor uns. So war die etwa einstündige Fahrt trotz der Fülle der Passagiere, die die Tausend weit über­stieg, recht amüsant, zumal bei der guten Verpflegung an Bord. Tas Paradefeld zwischen Urmitz. Weisenturm, Kettig und Mülheim war von einer malerischen Hügelkette, an die sich freundliche Ortschaften lehnten, begrenzt.

Tas 18. manövermäßig verstärkte Korps stand unter dem Befehl des Generaladjutanten General der Kavallerie v. Deines, als Chef des Stabes fungierte Kgl. Württern- bergischer Oberstleutnant v. Derr er. Mm rechten Flügel des ersten Treffens hielt die Leibgendarmerie und die Leib­garde der Kaiserin, es folgten die'drei Infanteriedivisionen: die 15. Division unter Generalleutnant v. Plötz (29. In­fanteriebrigade und Füsitierregiment Karl Anton von Hohenzollern 40, 5. Rhein. Jüf.-Regt. 65; 30. Brigade: Inf.-Regt. von Goeben 28, 6. Rhein. Inf.-Regt. 68, die 16. Division unter Gen.-Lt. b. Collant (31. Brigade: In­fanterie-Regiment v. Horn 29, 7. Rhein. Jüf.-Regt. 69: 32. Brigade: Inf.-Regt. Graf Werder 30, 8. Rhein. Jnf -Regt. 70), die 41. (zusammengestellte) Division unter Gen.-Lt. b- Uslar, dem Kommandeur der 34. Division in Metz (68. Brigade: 3. Lothr. Inf.-Regt. 135, Königs-Ins.-Regt. 145; 80. Brigade: 9. Rhein. Inj.-Regt. 160, 10. Rhein. Inf.- Regt. 161). Den Schluß bildeten die Unterof'izierschule Jülich, die Maschinengewehrabteilungen 10 und 11, das schleswig-holsteinische Fußartillerieregiment Nr. 9, die 8. Pioniere und die Korps-Telegrapheuabteilung. Im zweiten Treffen stand die Kavalleriedivision A unter Gene­ralmajor v. Katzler (14. Knv.-Brigade: 2. Wests. Husaren­regiment 11, Westf. Ulanen-Regt. 5; 15. Kav.-Brigade: Kürassier-Regt. Graf Geßler 8, Husaren-Regt. König Wil­helm I. 7; 34. Kav.-Brigade: 1. Hannov. Dragoner-Regt. 9, 2. Hannov. Ulanen-Regt. 14; zusammen gestellte Kavallerie- Brigade : Wests. Dragoner-Regt. 7, Ulanen-Regt. Großherzog Friedrich von Baden 7, Ulanen-Regt- Graf Häseler 11). Hieran schlossen sich die 15-, 16. und 34. Feldartillerie- Brigade (Regimenter 23 und 29 dieses mit Haubitzen- Batterie 8 und 44, 34 und 69, sowie die reitende M- teilung des 15. Feld-Artillerie-Regts. Den Schluß machte das 8. Tram-Bataillon.

Die Kaiserin erschien im sechsspännigen Wagen mit der Prinzessin Adolf zu Schaumburg-Lippe. Ms Ordonnanzoffizier beim Kaiser tat Oberltnt. Frhr. Waitz v. Eschen von den Deutzer Kürassieren Dienst. Tie dreiSöhne des Kaisers, Prinz Heinrich und die schon in Homburg gewesenen fremden Fürstlichkeiten er­schienen auch hier, ferner der Fürst von Hohenzol­lern, der Prinz Adolf zu Schaumburg-Lippe und der Statthalter Fürst Hohenlohe-Langenburg. Der schon namhaft gemachten Generalität gesellten sich noch hinzu Generalseldmarfchall Graf Häseler, General Der Ka­vallerie Gras W artensleb en, Generalmajor Fluegge, Komm- der 3. Fuß-Art.-Brigade, Generalmajor Haack, In­spekteur der 3. Pionier-iJnspektion, Gen. der Inf. Stoeher vom 16. Korps und als Bonner Husar Reichs­kanzler Fürst v. Bülow. Ten sremdländischen Offizieren traten hinzu der schweizerische Oberst und KorpSkom- ttiaiibant Wille, der belgische Generalmajor Lanwick, der österreichische Hauptmann Höfer und der englische Major Quentin Agnew, sowie die Militärattachees: sächs. Militärbevollmächtigter Oberstleutn- Frhr. v. Salza und Lichtenau, württembergischer Militärbevollmächtigter Oberst­leutnant v. Dorrer, amerikanischer Hauptmann W.S. Biddle, argentinischer Oberstlt. Enrigue Rostague, französischer Major Marquis Laguiche, großbritt. Oberstlt- Graf Gleichen, japanischer Oberst K. Oi, italienischer Oberst Flügeladjutant Gastaldello, öfter r. Major Flügeladjutant Ritter Klepsch-K'loth von Koden, russischer Oberst Flügeladjutant v. Schlebeko, spani­scher Oberst Graf del Penon de la Vega und Rittmeister Herzog von Victoria, türkischer Oberst Nazis Bey- Führer der fremdherrlichen Offiziere waren Major v- Wunsch (116. 9teg.) und Oberlt. Meyer (Ulanen-Regt. 7).

Der Kaiser führte auch heute die Fahnenkompagnie auf das Feld, übergab mit einer Ansprache die neuen Fahnen den Obersten, sprengte an den Krieger- Vereinen entlang und ritt, begleitet von der Kaiserin und der beinahe endlosen Suite die Fronten ab. 'Auch heute gab es nur einen Vorbeimarsch, die Infanterie in Regiments­kolonnen, die berittenen Truppen im Trabe. Das Tribünen­publikum übte besonders an der Richtung der Kolonnen eine scharfe Kritik. Unweit von dem Standpunkte des Kaisers bildete das Terrain eine kleine Mulde, und hier blieben die Mitten meistens ein wenig zurück. Dies erregte den lebhaften Unwillen derSachverständigen", die freilich nicht sehen konnten, daß die Glieder bis zum ersten Point saft immer schon wieder gut gerichtet waren. Dafür wurden Kavallerie und Train mit kräftigem Hurra belobt. Das

Der Kronprinz Georg von Serbien

ist am 9. d. M. für volljährig erklärt worden. In einer Proklamation an das serbische Volk erklärt König Peter, er sei voll überzeugt, daß sein Sohn als Verweser der Königs- würde beim Eintritt von Fällen, die durch die Verfassung vor­gesehen seien, ebenso wie er, der König selbst, das Volk lieben, seine konstitutionellen Rechte hüten und für sein Glück und seinen Fortschritt Sorge tragen werde, und daß der Kronprinz alS militärischer BefeblsHaber dieselbe Liebe für das Heer hegen werde, wie sein Vater.

Bei einem am Sonntag von den Offizieren des 16. Regi­ments. dessen Ehef der Kronprinz ist, veranstalteten Tiner hielt der Ministerpräsident eine Rede auf den König, der Regiments^ komniandenr eine solche auf den Kronprinzen. Letzterer ant­wortete kurz. Nach dem Diner fand ein Ball statt. Bei einem Offiziers rennen im Militärlager von Danjica stürzte der Leutnant Gardic und erlitt lebensgefährliche Verletzamgen. Ebenso stürzte der Leutnant Lacarevic, der gleichfalls schwer ver­letzt wurde, während drei andere Offiziere, welche über das! Pferd des letzteren stürzten, leichtere Verletzungen erlitten.

In einer Besprechung der Großjährigkeit des Kronprinzen meint die BelgraderSchtampa", der Kronprinz könne nur ein guter Herrscher werden, wenn er seine Ausbildung im Aus- l a n d vervollständige. Wie in aut unterrichteten Kteisen be­hauptet wird. soll der Wunsch des Königs sein, ihn nach Frank-, reich zu senden.

Im Lande will von demwiderwärtigen" Georg niemand besonders viel wissen. Er ist zwar körperlich hoch ge­wachsen. sckön gebaut, aber er benimmt sich nicht wie der Sohn u'nes Fitrsten, sondern etwa wie der einesZiegelstreichers". Ter Prinz ist in der Petersburger Kädettenschule unter Aufsicht seiner Tante Anastasia erzogen worden; immerhin paßte ihm! die strenge soldatische Zucht nicht, auch der Einfluß des Zaren vermochte ihn nicht zu beugen. In Belgrad ließ ihm nnn fein Vater fast allen Willen, und im Lande wird alles nervös, wenn es daran denkt, wie er mit seiner unbändigen Natur die Königs- gewalt dereinst anwenden wird.

Der Prinz hat seineFolgsamkeit am ersten Tage feinet. Mündigkeit damit bewiesen, daß er gegen den Wunsch seines Vaters einen 100pferdigen Motorwagen bestellt hat. DaS entspricht seiner Natur, wie er denn auch ein geradezu wahn­sinnig schonungsloser Reiter ist. Als Gouverneur hat ihm der König den französischen Major Levasseur beigegeben, der einett Mann, einen Soldaten, einen König aus ihm machen sollte. Hohle Worte, da für die Bemühungen des Majors der väter­liche Nachdruck fehlte. Mit offenem Hohn behandelte er ihn gleich am ersten Tage, indem er ihn zu einem Wettrittdurch sumpfiges Terrain und Urwaldsdickicht zwang. Ein ander­mal nahm der Prinz eine zwei Meter hohe Steinmauer, während der Major stürzte und sich schwer verletzte: schon am nächsten Tage suchte ihn sein Zöglingzu einem neuen Ritt" zu ermun­tern. Er selbst setzte an diesem selben Tage über ein ViSrgespann Ochsen, das Pferd blieb aber mit den Hinterhufen hängen; der Ochs ging zu Grunde, Roß und Mann kamen unverletzt davon.

Diese Unbändigkeit könnte vielleicht den Serben noch ge­fallen, aber seine sittliche Schamlosigkeit schlägt dem Faß °dett Boden aus. Schon als 16 jähriger machte er einer verrufenen Tingeltangelleuse, gegen welche die Draga eineKeuschheit" war, Fensterpromenaden und dann Besuche, ging selbst während der Vorstellung die Treppe zur Bühne hinauf, und betastete sie un­anständig, und mußte schließlich, weil er dem Kapellmeister eine Sektflasche auf dem Kopf zerschlagen hatte, zum Tempel hinaus geworfen werden. Solche Suiten hat er zu hunderten gemacht. Von irgend welcher persönlichen Reserve, vonAchtung vor dem Gesetz", ja vor Ächtung vor den religiösen Gefühlen der Serben ist keine Rede. Noch kürzlich hat er mit drei trunkenen vornehmen Rowdies einen Sturm auf ein Kloster gemacht, den Wachthund erschossen, und es bedurfte der ganzen Ueberlegen- heit der greisen Aebtissin, um ihn vor direkter Heiligtums, schändung zu bewahren. In persönliche Raufereien ist er häufig verwickelt gewesen.

Daß man ihn für die Thronfolge nicht geeignet hält, ist auch einmal in einem Toast zur Geburtstagsfeier seines Vaters ausgesprochen worden, wo der Wunsch zum Ausdruck kam, daß der fähigste von Peters Söhnen sein Erbe sein möge eine deut­liche Ablehnung des Kronprinzen. Und trotzdem ist er jetzt afö solcherintronisiert". Jedes Land bekonrmt schließlich den König- ben es verdient, wer weiß, was wird: Schon mimkeln die An- hänger der Obrenovitsch's im stillen mit einander, vielleicht werden die ©(batten Alexanders und Draga später wieder einmal im Kvnak erscheinen.

Es ist denn auch bereits eine Volkserhebung gegen die Off iziere der Garnison der Grenzstadt Pirvt ausgebrochen. Die Offiziere werden mit Ermordung bedroht, verteidigen sich aber gegen die Angriffe des Volkes. Der Aufruhr wurde durch einen betrunkenen Offizier provoziert, der einen wehr- losen Bürger der Stadt tötete. Man glaubt, dieser Aus­bruch sei der LInfang einer allgemeinen Auflehnung gegen die militärische Tyrannei, die in Serbien seit der Thronbesteigung des Königs Peter herrscht. (Die serbische offizielle Telegraphenagentur bestreitet die Vorfälle von Pirvt.)

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Einen schlauenTrickbeider Kaiserparade leistete sich ein biederer Landwirt aus Niedereschbach. Durch ein am Anfang seiner Wiese angebrachtes Schild lockte er die Ma- növerzuschauer auf einen direkten Weg über diese Wiese. Kam man an das andere Ende der Wiese, so stand man vor einem Bach, der nicht zu überspringen war. Es mußte mm jeder­mann, wenn er nicht zurückkehren Nwllte, über ein von dem Landwirt über den Bach gelegtes Brett gehen, gegen Entrichtung von 5 Pf.; gab man 10 Pf., so genügte das auch, denn das Herausgeben vergaß der gute Mann. Nachdem wohl Tausende diese Brücke benutzt hatten, kam ein Gendarm vorbeigeritten, dem dieses Manöver mißfiel und der dem Bauers­mann zurief:Warten Sie nur, Sie bekommen mal keinen Flurschaden!" Auch jetzt war unser Landmann Herr der Situation, er nahm fein Brett, ging davon und ließ die un­geduldig harrende Menge wieder umkehren, indem er dieser sagte: Ihr hobts jo gehört, eich darf mt mee". Er hatte sein Schäfchen im Trocknen und wollte sich auch nicht um den Flurschaden bringen.

Aie AeichstagswaAl in Hyorn.

Bei der am 7. September im Wahlkreise Thorn-Kulm abyehaltenen Reichstagserfatzwahl sind insgesamt 28811 Stimmen abgegeben worden. Hiervon erhielt Ortet n atl.), Reichsbankdirektor in Thorn, 14 832, Breijski (Pole), Redakteur in Thorn, 13 519 und Sremski (Soz.) 458 Stimmen; zersplittert sind zwei Stinrmen. Ge­wählt ist somit gleich im erst enWahlgange Orte l-

DieKöln- Volksztg." bezeichnet nun Den Sieger von Tborn nicht als Kandidaten der deutschen Parteien, sondern lediglich als nationalliberal, sie will also nicht gern wahr haben, daß die deutschen Katholiken für Ortet ein­getreten sind- Sie schreibt nämlich:

Wir wissen nicht, wie die deutschen Katholiken im Wahlkreise gestimmt haben . . . J>m allgemeinen wird keinzielbewußterdeutscherZentrumsmann für einen Nationalliberalen stimmen- Der Sieg Des nationalliberalen Kandidaten erllärt sich übrigens zum Teil auch durch den Mckgany der sozialdemokrati­schen Stimmen."

Es wird derKöln- Volksztg." bei ihren polnischen Freunden wenig nützen, wenn sie sich hinter Diesen Rückgang versteckt, denn er beträgt nur- 500 Stimmen, während die Zunahme der nationallib. Stimmen gegenüber der Wahl von 1903 sich auf 14 00 beläuft- Selbst wenn man aber annehmen wollte, daß die damals mehr abgegebenen

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