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Nr. 213
Zweites Blatt.
Montag 11. September 1905
vichener Anzeiger
Wffchatnt WßliH tnü SnSnahm« dr» Sonntag«.
Li« „•ieftentt Kamilienblätter- werden dem ^Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der «hessisch» Landwirt" erscheint monatlich einmal.
155. Jahrgang
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'sch« UawersitLtSdruckerei. 8L Sangt, Gieß«.
Redaktion, Expedition n. Druckerei: Schulstr.T,
Del. Rr. 6L Telegr.-Adr. i Anzeiger Gießen,
General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Woermann-Linie sie gechartert hat) mit Haferladung vor Swakopmund und konnten wegen der Brandung nicht entladen werden. Als der Haier schon längst verdorben mar, wurden für jedes Schiff noch täglich 17 00 Mark Liegegelder gejofilt, von denen 700 der Woermannlinie zuficlen. Endlich wurde die „Rostock* nach L ü d e r i tzch u ch t geschickt und die fast v ö l l i g w e r t l o s e Ladung dort lmigsam gelöscht. Hätte man sich dazu früher entschlossen oder den Hafer ins Wasser geschüttet, dann wären, ohne den allergeringsten Schaden für die Kolonie dem Reiche Hunderttausende erspart worden/
Wir fragen: Muß das sein? Kann die Woermann-Linie solche fabelhaften Summen fordern und bekommen? Vielmehr, sie kann es, denn sonst geschähe es ja nicht, und der Form nach geht gewiß alles in bester Ordnung zu, aber diese „Ordnung" mißfällt unS höchlichst, mißfallt gewiß jedem, der davon hört. Im Herbst 1904 erhielt die Firma W o e r m a n n für ihre auf Löschung wartenden Dampfer mehr als drei Millionen Mark Liegegelder! Wie soll dies Geld wieder hereinkommen? Wofür wird es ausgegeben? WaS ist der Sinn solcher Aufwendungen vorn Standpunkte der Reichsinteressen und denen der Kolonialpolitik aus? Wir fragen, aber eine befriedigende Antwort erwarten wir nicht. Leider nicht.
Das Kesseltreiben gegen Hendrik Witboi hat begonnen, bisher aber trotz ungeheurer Anstrengungen unserer Truppen nicht dazu geführt, den Feind zu stellen. Amtlich wird darüber gemeldet: Die zum Angriff gegen Hendrik Witboi versammelten Truppen haben am 25. August den Vormarsch angetreten. Die Abteilungen Estorfs und Lengerke erreichten nach Säuberung des Nananib- und Hanam- Plateaus die Linie Kleinfontein-Chamis. Der Marsch über die mit FelSgeröll bedeckte, von tief eingeschnittenen Schluchten durchzogene Hochfläche war außerordentlich schwierig. Die Truppen fanden tagelang kein Wasser. Sie mußten daher teilweise die Pferde zum Tränken nach dem Leberfluß zurücktreiben. Vor der Front wichen mehrere kleinere Hottentottenbanden nach Westen zurück. Eine stärkere, auf etwa 150 Reiter und 200 Fußgänger geschätzte Bande mit zahlreichem Vieh überschritt die Linie Gorab-Duwisib in nordwestlicher Richtung und wandte sich in Höhe von Nam nach Westen. Sie wird vom unteren Gorab aus durch die Abteilungen Maercker und Meister unter dem Befehl des Majors Meister verfolgt. Die Abteilung Koppy, verstärkt durch die 7. Batterie der Abteilung Lengerke, marschiert von NumiS über Namtob auf Sinclair-Mine zur Säuberung des Tiras- GebirgeS und der Aruab-Berge. Das Hauptquartier befindet sich unter Bedeckung der Kompagnie Ritter (2. Komp. RegtS. 1) in ChamiS. Hoffentlich gelingt trotz der fabelhaften Schwierigkeiten, mit denen unsere Truppen zu kämpfen haben, doch noch der erstrebte große Schlag.
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Kekamttmachung.
ES wird hiermit zur öffentlichen Kenntnis gebracht, daß die nach § 6 deS Reichsgesetzes vom 21. Juni 1887 über die Naturalleistungen für die bewaffnete Macht im Frieden .ermittelten Durchschnittsmarktpreise, einschließlich eines Aufschlages von Fünf vom Hundert, pro Monat August 1905 für den Lieferungsverband Gießen pro 100 Kg. betragen:
Hafer Mk. 17.60, Heu Mk. 7.90, Stroh Mk. 5.80. Gießen, den 8. September 1905.
Großherzoaliches Kreisamt Gießen- ___________I. V.: Dr. Kranzbühler.
Bekanntmachung.
B e t r.: Feldbereinigung in der Gemarkung Berstadt.
In der Zeit vom 9. bis einschließlich 23. September ck.J. liegen in dem Gastwirt Völbelschen Saale zu Berstadt die Arbeiten des III. Abschnittes obiger Feldbereinigung, nämlich
11 Hauptkarten,
2 Bände Zuteilungsverzeichnis,
2 Bände Gütergeschosse,
1 Band Zusammenstellung der Gütergeschoffe, das GeldauSgleichungSverzeichnis über zu viel und zu wenig empfangenen Geländewert,
2 Bände Abschätzungsverzeichnis der Obstbäume, die geschoßweise Zusammenstellung der Obstbäume, sowie das Protokollbuch^
'zur Einsicht der Beteiligten offen.
Tagfahrt zur Entgegennahme von Einwendungen hiergegen und event. Wahl eines Schiedsrichters nebst Stell- oertreter findet daselbst statt:
Montag, den 25. September l. Js., vormittags von 9—10 Uhr, wozu ich die Beteiligten mit dem Anfügen einlade, daß die Nichterscheinenden mit Einwendungen ausgeschlossen sind. Di« Einwendungen sind schriftlich abzufaffen und zu begründen.
Büdingen, den 6. September 1905.
Der Großherzogliche Feldbereinigu n oskommissär: Schnittspahn, RegierungSaffeffor.
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Unsere Kolonialpottlik.
Man hat nichts davon gehört, daß in der Wilhelrn- ftraße zu Berlin eine Untersuchung darüber angestellt worden sei, woher die „Zukunft" ihre Indiskretionen auS der Kolonialpolitik hat. Diese Wochenschrift brachte Intimitäten outS den Beziehungen des Herrn v. Trotha zur Berliner Zentralstelle, ganze lange Auszüge aus den Trothaschen Telegrammen wurden mttgeteilt, und man merkte hinlänglich, daß die »Zukunft* noch mehr Material in Händen habe, daß sie noch ganz andere Dinge auSplaudern könnte, wenn sie wollte. Das Blatt bringt in seiner Nr. 50 vom 9. d. M. (Berlin FriedrichSstr. 10, 50 Pfg. pro Heft) wieder Einiges aus seiner geheimen Mappe, was erneut bestätigt, daß fein Zufall diese Dinge gerade auf dem Arbeitstisch des Herrn Harden aufgehäuft haben Fann. Wir zweifeln auch gar nicht daran, daß er auf die natürlichste Weise von der Welt zur Kenntnis dieser Depeschen gelangt ist, nämlich dadurch, daß jemand, der ihre Benutzung nicht scheute, sie ihm einfach auSgehändigt hat. Im April 1905 bezeichnete nach den allem Anscheine nach sehr zuverlässigen Mitteilungen der „Zukunft" Herr v. Trotha den Bau einer Eisenbahn von Lüderitzbucht nach KeetmanShoop als „absolute Notwendig- teiP, und am 10. August wieder telegraphierte er:
»Sofortiger Bau Eisenbahn Lüderitzbucht-Kubub für Fortführung der Operationen dringend erforderlich. Troß Aufwendung von monatlich anderthalb Millionen Mark auf Strecke Lüderitzbucht- flubub ist Verpflegung und Materialnachschub nicht gesichert."
Dies Telegramm also, das doch selbstverständlich nicht für andere Augen als die des Reichskanzlers und seiner nächsten Umgebung bestimmt war, bekommen wir nun also jetzt frank und frei zu lesen. Ein Blatt, das auS der Bekämpfung der Reichsregierung ein Prinzip macht, wird in die Lage versetzt, das Telegramm abzudrucken, und das Wunderbarste daran ist, daß anscheinend niemand sich darum kümmert, daß Fürst Bülow nicht nachforschen läßt, wie das eigentlich mm alles möglich werden konnte. Herr v. Trotha, von dem eS kürzlich noch hieß, er sei der besondere Vertrauensmann des Kaisers, und der jetzt gekränkt den blutgetränkten Schauplatz des südafrikanischen Auf- standgebietes verläßt, auch ein anderer ihm vor- gezogen worden zu sein scheint, muß seine Depeschen sozusagen an zwei Adressen haben gehen laffen, an die amtliche und an die der öffentlichen Meinung. Prinz Aren- berg, der ebenfalls Bescheid weiß, und der soeben in der »Köln. Volks-Ztg." den Schleier von manchen Heimlichkeiten gelüftet hat, könnte wohl noch dies und das erzählen, was vielleicht auch so geschieht, was aber nicht zu geschehen braucht, da sich schon genügend erweist, daß in Sachen unserer Kolo- nialpolitik verschiedenes — um es ganz milde zu bezeichnen — reformbedürftig ist. So z. B. die befremdlich hohen Summen, die der Woermann-Linie für den Lösch, und Ladebetrieb in Swakopmund zu zahlen sind. Vor kurzem erschien eine Schrift .Wirtschaftliche und polftische Verhältniffe in Deulsch-Südwestafrifa" von dem badischen Amtsrichter Dr. Hammann, früherem Aezirksamtmann in jenem Gebiete. Man weiß nicht, was man zu manchen seiner ungeheuerlichen Mitteilungen sagen soll, man wird irre am gesunden Menschenverstand und noch 'inigen anderen Dingen. Der Verfaffer erzählt:
Sieben Monate lang, von Januar bis in den August, logen die Dampfer „Meißen" und „Rostock" (sie gehören der Deutsch. Australischen Dampfschiffahrtsgesellfchast^ von der die
VoMische Wochenschau.
Gießen, 11. Sept. 1905.
Die Cholera hat in den östlichen Provinzen Preußens sich weiter verbreitet. Nach dem „Neichsanz." Firmen vom 8. bis 9. Sept, mittags in Preußen 19 Erkrankungen und 7 Todesfälle an Cholera vor. Von den Erkrankungen entfallen auf die Kreise Rastenburg 1, Marienburg 1, Graudenz 5, Marienwerder 4, Stuhm 1, Rosenberg 1, Samter i, Wirsitz 1, Filehne 2, Cronebergland 1, Gnesen 1. Die Gesamtzahl der Erkrankungen und Todesfälle beträgt bisher 139 bezn>. 46. Es wurden wieder neue Ueberwachungsstellen errichtet. Unter dem Vorsitze des Kul- ttisministers Dr. Studt fand am Freitag in Berlin eine Sitzung statt. Als Ergebnis ist festzustellen: Es handele sich bisher mir um vereinzelte Cholerafälle und von einer Epidemie könne nicht gesprochen werden. Immerhin müßten die im weitesten Umfange getroffenen und bisher vortrefflich bewährten Bekämpfungsmaßregeln nachdrücklichst durchgeführt werden. Von besonderem Wert sei, daß das Publikum sich selbst mit dem Wesen und der Verhütung der Cholera vertraut mache; dadurch werde der Gefahr mtb der Furcht am besten begegnet. Die „Rordd. Mlg. Ztg." hat in ihrer zweiten Sonntagsausgabe den Wortlaut des Merkblattes über die gemeinverständliche Belehrung über die Cholera abgedruckt. — In Hamburg sind drei Erkrankungen bisher vorgekommen und eine weitere Ausdehnung ist dort kaum zu befürchten. — Auch in Rußland und in Galizien, in Portugal und Frankreich wurden Vorsichtsmaßnahmen getroffen.
Die Fleischnotfrage harrt noch ihrer Lösung! Der preußische Landwirtschaftsminister v. P o db i el s ki hatte am Freitag mit den Vorstandsmitgliedern des deutschen Fleischerverbandes eine längere Besprechung über die augenblicklich« Lage des Vieh- und Fleischmarktes, in welcher er erklärte, daß das Angebot hon Schweinen an den größeren preußischen Diehmärkten im Juli und August noch nicht um 10 Prozent zurückgegangen fei. Eine solche Produktionseinschränkung sei aber nicht zu vermeiden. Bezüglich der Möglichkeit, Schweine aus dem Auslande einzuführen, führte ein Geheimrat des Landwirtschaftsminifte- riums, der der Unterredung beiwohnte, aus, daß Dänemark ehren festen Export nach England habe, den es nicht aufgeben werde. Die Tuberkel-Impfung und Quarantäne bei den dänischen Rindern bezeichnete er als belanglos für die Einfuhr. Minister v. Podbielski betonte wiederholt, die Aufhebung des russischenSchweine-Kontingents und die 0 e f f- nung der holländischen Grenze „erwägen" (!!) zu wollen und dem Reichskanzler darüber Vortrag zu halten.
Die Abberufung des Generals v. Trotha vom Oberkommando in Deutsch-Südwestafrika steht f'ir Mitte November bevor. Zu diesem Termin ist das Eintreffen des Gouverneurs v. Lindeguist in der Kvlonie zu erwarten. Der neue Gouverneur hat durchgesetzt, dak der Truppenkonnnandant ihm imtevgeordnet wird. General v. Trotha weigerte sich, unter den Befehl des sehr viel jüngeren neuen Gouverneurs zu treten. Ein mit dem Range eines Drigadekommandeurs ausgestatteter Offizier wird das Truppenkommando in Südwestafrika erhalten. Die Entscheidung über diese Persönlichkeit ist noch 'nicht gefällt.
Der Auf st and in T eu t s ch - O st a fr i ka breitet sich weiter aus Auch der Wangoni-Stamm ist aufftändig geworden, und zugleich kommt die Nachricht, daß der auf der Fahrt nach Ostaftika befindliche deutsche Kreuzer Seeadler bei Singapore auf ein Felsenriff geriet. Hoffentlich ist der Schaden nicht allzu groß. Der Stamm der Wangoni aber, der sudlrch von den Matumbi, bei denen die Unruhen zuerst entstanden zu sein scheinen, ganz im Innern der Südweststrecke des Schutz
gebietes östlich vom Nyassa-See, wohnt, braucht bei uns keine sonderlichen Bedenken zu erregen. Er ist ein recht minderwertiger und schlcchtbewaffneter Gegner und mit den kriegstüchtigen Stämmen Dcutsch-Südwestafrikas nicht zu vergleichen, höchstens könnten diese Schwarzen durch ihre große Zahl den im Gebiet ansässigen wenigen Weißen und der farbigen Polizei- Schutztruppe Ungelegenheiten bereiten. Trotzdem wäre es sehr an der Zeit, daß die Regierung über die Vorgänge der Oeffentlich- keit etwas mehr bekannt gibt, als dürftige, mitunter nicht einmal aus amtlichen Quellen stammende Telegramme. Ob die Streitkräfte, über welche der Gouverneur Graf Götzen dort verfügt, genügen, scheint immerhin fraglich. Graf Götzen war übrigens kürzlich als Nachfolger des Kolonialdirektors Stübel genannt worden, während das „Leipz. Tagebl." darauf besteht, daß der Charlottenburger Hochschulprofessor Dr. Pciasche, der Vizepräsident des Reichstags, für diesen Posten bestimmt sei. Die Hauptsache ist aber nicht ein Wechsel der Person, sondern ein Wechsel des Systems. Seit wie langer Zeit wird nicht schon darauf gedrungen, gesunde Grundsätze in das deutsche Kolonialwesen einzufülnen. Es geschieht aber nichts, und obwohl der Reichskanzler bereits im vorigen Winter eine Reform zugesagt hat, ist heute noch alles so, wie es gewesen ist. Unlängst stellte die „Köln. Volksztg." fest, daß unter Zugrundelegung der letzten rechnerischen Aufmachungen von amtlicher Seite der letzte Trupt^nttansvort nach Südwestaftika eine Etatstiber- schreitung war. Seit Jahren habe man dem Reichstage eine unrichtige Bilanz über Südwestafrika dargeboten. Das sind Vorwürfe, die schwer ins Gewicht fallen und immer wieder dem System gelten.
Die Marokkofrage hatte sich zu einer bösen Kontroverse zugespitzt. Noch int allerletzten Augenblick wurde die verhängnisvolle Wendung abgewehrt. Anlaß zu dieser krisenartigen Gestaltung war die Äffaire des Algeriers Bu Mzian. Der Sultan weigerte sich lange, wegen der 6iefangennahme bei Frankreich sich zu entschuldigen und Entschädigung zu zahlen. Tas sprichwörtliche Glück des Fürsten Bülow hat sich aber aufs neue bewährt und die Aussichten bezüglich der Marokko-Konferenz dürfen gegemvärttg wieder als günstig bezeichnet werden, nachdem der Sultan das ftanzösische Ultimatum angenommen hat und die ftanzösische Presse ruhiger geworden ist. Der Ministerpräsident Rouvier erklärte ausdrücklich im französ. Ministerrate, die Verhandlungen über Marokko nähmen einen befriedigenden Fortgang; es sei zu hoffen, daß eine Einigung zwischen Deutschland und Frankreich in kurzem erzielt werde. Der nach Paris entfanbte Geh. Legationsrat Dr. Rosen wird wohl die letzten Mißverständnisse zwischen Frankreich mtb Deutschland aus dem Wege räumen. Raisnlis Banden richten indes in jenem unglücklichen Lande mit Feuer und Schwert viel Unheil cm.
Die ungarische Krisis schleppt sich von einer Woche in die andere. Die Krone will das Parlament auflösett, Neuwahlen ausschreiben und d>as allgemeine Wahlrecht zur Wahlparole machen. Die Koalition soll dadurch auseinander gesprengt werden. Die katholische Dolkspartei, die zur K'oalitton gehört, mag von dem allgemeinen Wahlrecht nichts wissen. Wie verläßlich verlautet, wird aber die Unabhängigkeitspartei für sich, ohne Rücksicht auf die Koalition, sich für die Einführung des allgemeinen Wahlrechtes aussprechen.
Der rnssisch-japanisch'e FriedenSs'chluß ist von den Bevollmächtigten beider Staaten am letzten Dienstag vollzogen worden. Das russische Volk nahm von dem Friedensschluß kaum Notiz. Vielmehr nahmen die Streiks und Empörungen ihren ungehinderten Fortgang. Mit einer ungeheuren Zerstörung von Eigentum war die Erhebung der Tataren gegen die Armenier im Kaukasus verbunden, wodieNaphthaguellenvonBaku in Brand gesetzt wurden, eine furchtbare Vergeudung von Na-- ttomilvermögen. Erst jetzt ist es möglich, die Verluste annähernd zu bestimmen. Von den dort befindlichen 3600 Fontänen sind sicherlich, 3000 ausgebrannt. Die Wiederherstellung dieser wird 30 Millionen erfordern, während der Bau neuer Arbeitskasernen, Maschinen usw. eine Ausgabe von annähernd 50 Millionen nötig machen würde. Da die Aufnahme des Betriebes erst nach sechs bis zwölf Monaten möglich ist, erleiden die Industriellen einen VeÄust von etwa 86 Millionen, während die Wolga- und Käspisflotte durch die Einstellung der Kerosin-- und Naphthatransporte einen Ausfall von 100 Millionen Pud Fracht int Betrage von sieben bis zehn Millionen Rubel zu verzeichnen haben wird. Die der Transkaukasischen Bahn drohenden Verluste dürften sich auf etwa sechs Millionen Rubel belaufen. Insgesamt erreichen die Verluste durch die Ereigniffe in Baku die Höhe von 193,7 Millioueu Rubel. Welche Verluste die russischen Industriezweige, die Naphtha als Heizmaterial benutzen, erleiden, entzieht sich der Beurteilung. Da die Naphtha-Industrie der englischen Firmen ebenfalls vernichtet ist, hat Premierminister Balfour sich an den Grafen Lambsdorff gewandt mit dem Ersuchen um Schutz für das Leben der englischen Untertanen in Baku. Die englischen Untertanen sind auf die bei Baku ftatienterten Schiffe geflüchtet. Vier Engländer werden vermißt und sind wahrscheinlich umgekommen. Die aus Baku und Tiflis ankommenden Züge sind überfüllt mit Flüchtlingen. Ueberhaupt lassen Privatnachrichten aus Tiflis fernen Zweifel darüber bestehen, daß die Lage im Kaukasus noch weit ernster ist, als aus den knappen und stark abgeschwächten Regiertingsberichten zu schließen war. So geht jetzt aus mehreren übereinstimmenden Meldungen hervor, daß verschiedene Gegenden des Kaukasus, welche von der aufrührerischen Bewegung bisher unberührt geblieben waren, sich diesem jetzt angeschloffen haben. Die Statthalterschaft in Tiflis hat mehreren Gouverneuren, welche nm sofortige Absendung von Truppeit-Verstärkungen nachsuchten, die Antwort gegeben, daß es augenblicklich unmöglich wäre, die Tifliser Garnison zu schwächen, da sonst em Ausbruch der allgemeinen Unzuftiedenhett sofort zu erwarten wäre. In der Umgegend von Schuscha dauern die blutigen Zusammenstöße zwischen Armeniern und Tataren fort und nehmen bedrohliche Dimensionen an. Der größte Teil der Stadt Schuscha ist völlig nicdergebrannt. In der Nähe der Station Schodschaly haben sich die Armenier in einer alten kaukasischen Festung verschanzt, die von den Soldaten belagert wird. Es kam zu einer regelmäßigen Schlacht, wobei es viele Tote und Verwundete gab.
Das englisch-japanische Bündnis aber, das in der Hauptsache den Engländern günstig ist, die überhaupt durch den Frieden von Portsmouth ohne fühlbare Opfer unendliche Vorteile erringen — man berücksichtige die ungeheure Schwäcknmg Rußlands in Asien, und im Stillen Ozean die ihnen ganze sichere Herrschaft, nur geteilt mit den von ihnen für lange bevormundeten Japanern — ist doch sehr dazu angetan, das asiatische Rassenbewußtsein zu steigern. Daß man mit dem asiatischen Volksbewußtsein immer mehr zu rechnen haben wird, lehren vor allem die Schreckenstage von Tokio, wo die durch die Bedingungen des Friedensschlusses enttäuschte Bevölkerung mit den Waffen in der Hand gegen die offizielle Diplomatenpolitik protestierte. Tie mifera Plebs der Japaner faßt den Abschluß ihres siegreichen Krieges beinahe als Niederlage auf, während umgekehrt der Zar die Welt mit dem Worte von der „ruhmreichen" russischen Armee in Erstaunen setzt, welche die an Zahl überlegenen japanischen Stteitkräste 19 Monate lang siegreich aufgehalten habe. Das ist indes ganz richtig, und darauf bat das offizielle Japan allerdings, da es unmöglich noch befonbere


