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General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
Parteitag der preußischen Sozialdemokratie
Ein bet
Urjchetnt tSgNch mÜ Ausnahme bei Sonntags.
Die „Siebener LamilienblStter" werden dem ^Anzecgei viermal wöchentlich beigelegt. Der ^helstlche LanvVtN" erlchetnt monatlich einmal
Der Kriegsminister Berteaux erhielt eine Depesche des russischen Kr i e g s m in i st e r s Ssacharow, welcher anläßlich des Jahreswechsels die ausrichtigsten Wünsche sür den Minister und die französische Armee übermittelte. Berteaux dankte Ssacharow telegraphisch; er sende von Herzen namens der ganzen französischen Armee Glückwünsche für Ssacharow und die Mhmreiche befreundete und Verbündete Armee.
Rotationsdruck und Verlag bet Brühl'lche« UnwerfttülSdruckeret. R. Lange. Gtetzen.
Redaktion, Expedition ».Druckerei: Schulftr.I, Xel Nr. 5L Tel egr.-Adr. i Anzeiger Dieben
Polltische Wochenschau.
Das ereignisreiche Jahr 1904 ist zu Ende gegangen; aber das blutige Ringen zweier mächtiger Völkerschaften im Osten der Welt, das fast das ganze Jahr hindurch gewährt hat, steht noch immer vor keinem Abschluß. Tie gewaltigen Rüstungen, die auf beiden Seiten mit ungeschwächter Energie imb Ausdauer fortgesetzt werden, lassen mich erkennen, daß an keinen Waffenstillstand zu denken ist, daß vielmehr noch große Ereignisse b-evorstehen, sodaß das Jahr 1904 vielleicht nur das Vorspiel für weit schwerere Kämpfe im kommenden Jahr gewesen ist Den ersten Zusammenstoß von Bedeutung wird Wohl der Januar bringen, wenn die baltische Ersatzflotte und das G e sch w a d t r Admiral Togos sich begegnen werden und von neuem die wichtige Frage um die Seeherrschaft in den Gewässern des fernen Ostens aus- gefochten werden wird. Mit vollem Recki sieht man allenthalben in der Welt diesem .Ereignis mit großer Spannung entgegen, berrn der Sieg oder die Niederlage der im Anmarsche befindlichen russischen Flotte kann den Vorgängen zu Lande eine ganz neue Wendung geben und namentlich für Port Arthur von entscheidender Bedeutung werden.
Die Situation für die Russen in Dort Arthur hat sich ohnehin aber erheblich verschlimmert. Durch die Einnahme des Vorwerks Erlungfchan beherrschen die Japaner ziemlich die ganze Nordfront, und die letzten Berichte auch 'aus russischer Quellebestätigen, daß die heldenmütigen Verteidiger kaum mehr über Munition verfügen. Die Japaner haben aber in diesen furchtbaren Kämpfen schreckliche Verluste erlitten. Immer neue Verstärkungen werden herongefübrt und dem Todesstnrm auf die Festung geopfert. Schließlich wird Port Arthur fallen, aber die Geschichte seiner Belagerung und seines Falles wird eine der blutigsten Kapitel , der Weltgeschichte sein. Wie trostlos sah es dort irm die Weihnachtszeit aus. Eine letzte Meldung lautete, die neue Stadt von Port Arthur sei durch 'das Bombardement verwüstet und von den Russen geräumt worden, die Javaner hätten sie aber noch nicht besetzt, in der Befürchtung. sie könne unterminiert sein., Das große Hosvital ist wegen der Beschießung verlegt worden. Tie Straßen der Stadt liegen unter einer Schneedecke. —
Reichstagsabg. Zubei 1 - Berlin poleinisiert flegelt dieStraßendemonstrationen. Das sei der Wunsch unserer Gegner. Wenn die Sozialdemokratie auf die Sttntze gehe, werde sie niedergeschossen werden. Redakteur Dv. Adler-Kiel meint, der Antrag Bernstein sei ein schwerer; Fehler gewesen, der nur dadurch beglichen werden könnte^ daß er möglichst scharf bekämpft werde. Er sage wie der Berliner: „Auf den Kalmus piepen wir nich!" (Große .y eiter feit) Wenn man Siraßendemonstrationen, wenn man eine Revolution wolle, dann müsse auch das Obiekt des Streites wert sein. Bismarck habe einmal gesagt: „Was ist uns Hekuba!" Was sei uns der preußische Landtag! (Stürm. Widerspruch.) Wegen einer Karikatur von Volksvertretung, wegen der preußischen Junker gehe man nicht auf die Straße! (Erneuter stürm. Widerspruch.) Man müsse die Axt an die Wurzel legen. (Stürmische Zurufe: Das wollen wir ja!) — Paech - Schwiebus erklärt, er könne öen Mund nicht so voll nehmen wie die groß- st ä d t i s ch e n V e r t r,2 t e r (Große ^iterTeit) und schildert eine Landtagswahl auf dem Lande. — Frau Ottilie;' Baader-Berlin, die Vertrauensperson der Genossinnen Deutschlands, begründet folgenden Antrag:
Der, sozialdemokratische Parteitag Preußens erhebt Protest gegen, die Art, in welcher der Minister v. Hammerstein die Forderungen der Frauen bezüglich des vo litis chen Vereinig ungerechtes und des preußischen V^ersammlungsrechtes im Landatge behandelt. Die von Herrn v. Hammerstein geäußerte Meinung, daß sich in den letzten 50 Jahren die wirtschaftliche Stellung der Frauen nicht geändert habe, zeigt, wie wenig preußische Minister von der wirtschaftlichen'Entwickelung des eigenen Landes unterrichtet sind, daß ihnen unbekannt blieb, wie die Zahl der in Industrie imd Landwirtschaft tätigen Arbeiterinnen von Jahr zu Jahr anwächst, welche der politischen Organisation genau so bedürfen wie die« die männlichen Staatsbürger. Auf Grund solcher im preußischen Abgeordnetenhause wiederholt unwidersprochen kund- gegebenen Anschauungen ist es eine hervorragende Pflicht der Vertreter der Sozialdemokratie, mit ganz besonderem Nachdruck immer wieder die Forderungen des allgemeinen Wablr echts für die Frauen auch für daS preußische Parlament zu betonen.
Löbe-Breslau meint, es berühre komisch, daß bet radikale Antrag Bernsteins gerade von den Radikalen bekämpft werde. Parvus und Rosa Luxemburg würden an ihrem Mer keine große Freude gehabt haben. (Heiterkeit und Zustimmung.) Man müsse dem preußischen Proletariat neue Waffen in die Hand geben. Ohne den Bernsteinschew Zusatz verbuffe Ledebours Resolution in der Luft.
Nach einigen weniger wichtigen Reden kommt nochmals Eduard B e r n st e i n zum Wort und die Debatte über seinen Antrag seht sich fort.
Bei der dann folgenden Abstimmung wurde die Resolution des Referenten mit dem erften Teil der Resolution Bernstein (energische Preßagitation) einstimmig angenommen, der zweite Teil der Resolution Bernstein (Massendemonstrationen) wurde gegen etwa 40 Stimmen ab» gelehnt.
Es gelangten dann die im Laufe des Parteitags äußerst zahlreich eingelaufenen Anträge zur Erledigung.
Nachdem dann noch beschloßen war, den nächsten Parteitag im Jahre 1906 wieder in Bettln abzuhalten, folgte btt
Aus Frankreich.
Präsident Loubet empfing am 1. Januar nachmittags das diplomatische Korps und die Doyen desselben. T« italienische Botschafter Graf Tornielli hielt eine Ansprache, in welcher er ausführte, das moralische Wirken Frankreichs zu gunsten des Friedens habe sich auch während des so unruhevoll verflossenen Jahres nicht verlangsamt, das die Menschheit unter dem Drucke so schwerer Erregungen lasse. Der Botschafter hob den be- trächtlichen Anteil hervor, den Frankreich in den Fragen der Schiedsverträge genommen habe. Hierdurch sowie durch die Beilegung internationaler Streitigkeiten und den warmen Empfang hoher ausländischer Gäste habe die Lage noch an Bedeutung gewonnen, wegen der an Tagen wie heute Frankreich immer beglückwünscht worden sei. Ter Redner hob ferner hervor, Frankreich gehe mit klarer Voraussicht daran, ein Beispiel der Feststellung der für die neue soziale Entwickelung nötigen Gesetze zu geben. Der Botschafter sagte schließlich, die heute zum Llusdruck gelangenden Wünsche könnten sich von den in früheren Jahren 'tets ausgesprochenen darum nichit unterscheiden, weil sie sich an eine Nation richten, die in edlem Streben nach Frieden. und Fortschritt die hervorragende Rolle behalten wird, die ihr durch die Höhe ihrer geistigen Entwickelung und Größe des Volksgeistes gesichert sei. Loubet erwiderte, daß die Worte des Botschafters ihn tief belegten, zumal sie von dem Vertreter des Volkes kämen, das in so edler Weise zu dem Werke der Menschlichkeit beigetragen habe. Trotz der Anlässe zur Besorgnis habe )as verflossene Jahr die Ideen des Friedens und Handlungen internationaler Eintracht sich ausbreiten sehen. Es freue ihn, den Anteil, der daran Frankreich zufalle, verkündet zu hören. Der Schiedsgerichtsgedanke habe nicht ausgehört, im Geiste der Völ-ker und Re-
Die heutige letzte Sitzung setzt die Debatte über daS Landtngs-Wahlrecht und das gestrige Referat Ledebours fort. Erster Webner ist Eduard Bernstein, der sich scharf gegen Ledebour wendet. Die persönlichen Ausfälle hätten nicht in das Referat hineingehört. (Bors. Singer: Das zu bestimmen hat allein der Vorsitzende!) Der Referent habe den von ihm (Bernstein) eingebrachten Antrag (auf Veranstaltung von Massenversammlungen) bekämpft, ehe er die Begründung gehört habe. Das sei bisher nicht üblich gewesen und werde hoffentlich auch nicht üblich werden. Ter Referent sei aber noch weiter gegangen; er habe ihm (Bernstein) Motive unterschoben, zu beiten er nicht das Recht hatte. Er hat davon gesprochen, er (Redner) wolle den Radikalen spielen. Einen solchen Vorwurf müsse er zurückweisen. Er habe keinerlei Veranlassung, irgend welche Schauspielerei zu treiben und
n.^ud eine Ansicht zu vertreten, die er nicht habe und nicht jederzeit vertreten habe. Ter Referent habe auch gesagt, Bemerkungen darüber zu machen, wie die Resolution vorher ausgesehen habe. Das sei ein ganz unae- höriges Verhallten. Jede Resolutton sei vor ihren Einbringung Änderungen unterworfen. Tas gehe nie» etwas Mi. Das habe er prinzipiell zu erklären.
Persönlich neyme er keinen Anstand zu erklären, daß ursprünglich an Stelle des Wortes „Massenversammlungen^ das Wort „Straßendemonstrationen" gestanden habe. Der Referent habe darauf bingewiesen, daß wir zur Erkämpf ung des Reichstagswahlrechts für den Landtag auf unsere eigene Kraft angewiesen seien. Wie stelle er (Ledebour) NZ) nun den Kampf vor? Durch mehr ober minder gute 2-1 v; E Hohenzollern oder die Siegesallee werde kein Wahlrecht g«eftürzt. (Zuruf Ledebours: Das hat ja auch niemand behauptet!) Gewöhnliche Protesttesolutionen wür- den einfach ignoriert wie die Protestbewegung beim Zolltarif beweise. Darüber müssen wir uns Rechenschaft ablegen und die Massen für schärfere Formen bot* bereiten, denn Demonstrationen mache man eben nicht ohne die proßen Massen. Tas könne nicht im Augenblick geschehen, die Massen ließen sich nicht kommam- r-Lri1 en' habe man oft genug erfahren, am deutlichsten in Sachsen, wo ein Wahlrechtsraub auf dem Spiele stand und durchging, ohne daß eindrucksvolle Massendemonstrationen zu stände kamen. Es sei ja schwer bei uns in Preußen, wv die Bevölkerung in einem ganz anderen Duf- faffung erzogen sei als anderswo. Man sei in Preußenj u n g e h e u e r p o l i z e i f r o m m. Man betone zu stark die Behauptung: „Arbeiter laßt Euch nicht provozieren, die Reaktwn will schießen!" Das heuttge Landtaaswahlrecht sei em Ausnahmegesetz gegen ba§ preußische Proletariat, ba§ es sich nicht länger gefallen zu lassen brauche. Es müsse aufgestachelt werden. Das sei nicht radikal gespielt 7-r br sei stolz darauf, ein Gemäßigter zu sein — und kein hysterisches Gekreische. (Ledebour ruft: Tas habe lch ja gar nicht gesagt!) In den großen Industriezentren und besonders hier in Berlin müsse man dasselbe hnt; was die Arbeiter in Wien und Mailand schon mit so großem Erfolge getan haben. Bernstein schließt: Genossen, wenn Ihr die Reaktton in Preußen stürzen und beseittgen wullt, dann macht Euch auf stärkere Demonstrationen gefaßt! (Beifall und Händeklatschen.) /
Reichstagsabg. M ei st-Lennep donnert gegen den Li- beralismus und ergeht sich in breiten hist 0 ris chen Ausführungen über den preußischen Landtag. Tie he»
Redezeit läßt ihn jedoch nur bis zum Iahte 16 70 kommen, wo er mit einem bombastischem Schlußsatz abbricht.
Aus Südwestasrika
Wie bekannt, ist so schreibt man aus Missionskreisen, Oberst r. ent wein der seithettge Gouverneur in T-e^tsch-Südwest- 0^1^, ber^icbet und befindet sich aus der Rückreise nach Deutschland. Zweifellos vtrliett Teutsch-Südwestafttka in ihm einen lnmianen und gerechten Beamten. Tie „Kölnische Volks-.
'ärrieb : „Bedauerlich bleibt es auf jeden Fall, daß der Kolonie in einem so kttttschen Augenblick eine Kraft wie Leutweiu entzogen wird. Es ist zu ftirchten, daß jetzt die stimmen derer vollständig durchdringen, die den Eingeborenen gegenüber die schö.rftste Tonatt angeschlagen haben wollen" Leutwems Gegner suchen es jetzt in der Oeffentlichkeit so dar- Ul^llen, als ob die traurigen politischen Ereignisse in Teutsch- Lmdwestafrika durch sein und seiner Beamten Verhalten heraus- deschworen worden seien, während es umgekebrt so war, daß diese Manner das von den Händlern und Kolonisten herbei- gefuhrte Verhängnis nickt aufhalten konnten. Leutwein fiel die schwierige Ausgabe zu, die gegeneinander wütenden Eingeborenen- jtamme zur Ruhe zu bringen und sie hernach zum Untertanen- gehorsam gegen die deutsche Herrschaft zu zwingen. Er konnte es! bei Verfolgung dieser Aufgabe vielfach nicht vermeiden, mit Waffengewalt einzuschreiten. Daß ihm dabei die militättsche Lchneidigkeit, wo sie angebracht war, nicht gemangelt hat, zeigt
Register der niedergeworftneu kleinen Aufstände, wofiir ihm meist nur sehr schwache Abteilungen der Schutz- Verfügung standen. Was sein Verständnis für das "00" nnd dessen Interessen betrifft, so schreibt Missionar Fenchel von Keetmamishoov, Leutweins menschenfreundlickst Att habe ihm das Herz des Volkes und der Christengemeinde gewonnen, so daß man nie anders als mit Ehrerbietung vom obersten Herrn des Landes sprechen höre. Ein anderer Berichterstatter erwähnt, daß der Gouverneur, der die Station und auch ihre Schule bewcht hatte, von den Schulkindern mit dem Liede: „Harre meine Seele" verabschiedet wordm sei, und daß die Erwachsenen lelbst Frauen, in Scharen herbeigeeilt wären, um ihn noch einmal zu grüßen.
Ter zum definitiven Nachfolger Leutweins ersehene Generalkonsul von Lin de gui st aus Kapstadt ist auch in Missionskreisen nickst unbekannt. Er war schon 1894—1900 in Teutfch- Lmdwestafrika. Aus dieser Zeit tt'ibmt Missionar Bernsmann das gewinnende Wesen und weise Benehmen des damaligen Assessors bei den Verhandlungen mit dem Häuptling Manasse in Omaruru. Während seines Aufenthaltes in der Kavkolonie hat er den deutschen Missionaren vielfach geholfen, die im Burenkrieg erlittenen Schäden zu überstehen. Das Komitee der Mistionsgesellschaft I in Berlin hat ihm Ende 1901 für sein tatkräftiges und erfolgreiches (Eintreten zu Gunsten ihrer Missionare seinen Tank ausgesprochen. Tas ist ermutigend für die viel geprüfte evangelische Mission in Dmtscki-Südwestafrira.
gierungen an Autorität zu - gewinnen.
klarer Beweis hierfür liege in dem Zusammentritt __ internationalen Kommission, welcher Frankreich gegenwärtigi die Ehre habe Gastfreundschaft zu bieten. Der 'Präsident chloß mit Wünschen für die Wohlfahrt der Mitglieder des diplomatischen Korps und der von ihnen verttetenen Länder.
In Rußland haben die trüben Nachrichtest vom Kriegsschauplatz jene Stimmung gewaltig verstärkt, die seit einiger Zeit, deut Tode Plehwes, mehr und mehr nach einer Reorganisation her Reichsverfassung verlangt. In den letzten Tagen ist nun tatsächlich Ver erste, zweifellos sehr bedeutsame Schritt zu einer Umwandlung der Dinge geschehen. Nach langem Sträuben hat sich der Zar doch endlich bewogen gefunden, mit einer reform- freundlicken Kundgebnng vor sein Volk zu treten. Dürftig genug ist sie ausgefallen. Was mit der einen Hand gegeben wird, wird mit der anderen wieder genommen. Wohlweislich fvricht sie von einer „Vervollkommnung" des Staatswesens, nicht 'von einer Neuordnung der Tinge. VoUkommen ist also schon alles im heiligen Rußland, es sollen nur noch einige kleine Verbesserungen vorgenommen weichen, damit das Reich des weißen Zaren unerreicht und vorbildlich in der Welt dastehen möge. Daß die russischen Macktbaber ttotz allem notgedrungen Entgegenkommen frtioen mußten, beweist, daß auch das große Zarenreich von seinem Geschicke beherrscht wird. Ziemlich kleinmütig gehen der Zar und sttne Berater an baS. Unumgängliche heran. In Rußland macht fick denn auch schon eine immer mehr um fich greifende allgemeine Enttäuschirng bemrrfbar, zumal von der naheliegendsten Reform, her Einführung einer Konstitution, und dementsprechend einer Volksvertretung nirgends die Rede ist. Die Hoffnung der gebildeten Kreise Rußlands bleibt nach wie vor der Krieg anl Japan. Bleibt er auch fernerhin für die Russen ungünstig, so steigen die Hoffnungen der Refonnsreimde, werden die Japaner ober endgiltig besie-tt, so können die freiheitlich Gesinnten ihre Hoffnungen nur ruhig auf unbestimmte Zeit begraben, da dann me Reaktion ihr Haupt nur umso mächtiger erheben wird.
Deutschlands kriegerische Unternehmung in Südwestet pi k a hat, wenn auch leine entscheidenden Erfolge, so dock wenigstens keine Mißerfolge in den letzten Tagen gehabt. sHteilich will die Erbeuttkng von Viehherden nicht viel bedeuten, und die Aussicht auf einen allenfallsigen Ovambo-Feldzug kann nicht rosig 9^oimt werden. Tie Hereros haben sich zu Hunderten ins Ovambo- land fiuckten können, und erst dann wird man von einer völligen Unterwerfung reden können, wenn sie in ihrem (eilten Zufluchtsort Uw ergeben und als überftunben erkennen. Dabei grassiert nock immer der T p p h u s in schrecken erregen der Weise unter den Truppen, durch den verhältnismäßig mehr Opfer hinweggerafft werden als durch bie Kugeln der rebellierenden Neger.
Sonst ist es im großen und ganzen in Deutschland in den leüten Tagen ziemlich ruhig gewesen, nur die Sozialdemokraten haben auf ihrem preußischen Parteitag etwas lautere Reden geführt. die aber zu nichts geführt haben. Die Ergebnisse des Wohnungskongresses wurden einer scharfen Kckitik unterzogen, man sckalt darüber, daß nichts durch den Kongreß erreicht worden sei, aber ob man selbst positive Erfolge auf dem eigenen Kongreß ober Parteitag in der Wohnungsfrage oder auch in irgend einer anderen Sache erzielt, darüber wird kein Wott gesprochen.
In der ersten hessischen Kammer hat in der Sitzung 00m 29. Dezember unsere kürzliche Klage über die langsame Arbeit der zweiten^ Kammer Widerhall gefimben, und es wurde auch an dieser Stelle wieder einmal das Bedauern ausgesprochen, daß die zweite Kammer so spät ihre Beschlüsse fasse und der ersten Kammer keine Zeit mehr übttg taffe, diese mit der nötigen Sorgfalt zu pn'ifen.
Das Jahr 1904 ist zu Ende gegangen, ohne daß etwas Genaueres über den Stand rer Handelsvertragsverhand- • UVzwischen Deutschland und Oesterreich-Ungarn in Erfahrung zu bringen war. Nachdem durch b;e vorübergehende Anwesenheit der östreichischen Unterhändler in Berlin die abgebrochenen Verhandlungen wieder aufgenommen waren, ist die Angelegenheit neuerdings wieder ins Stocken geraten. Verlautbar wurden nur vage Andeutungen und schüchtern vorgetragene „Meinungen", die angeblich stets ^us „zuverlässigsten Ouellen" stammen. Durch die ganz unerwartet eingetretene Demission des östreichischen Ministerpräsidenten v. Körber ist die Sachlage noch unklarer geworden. Hoffentlich gelingt es seinem Nachfolger, den Vettrag nock im Laufe des nächsten Monats zum ?lbschluß zu bringen. Oesterreich-Ungarn würde in diesem Falle der letzte der acht, Vertragsstaaten sein, mit denen daS Deuttche Reich im verflossenen Jahre Handelsverträge abgeschlossen hat.
Der Ministerpräsident Tr. v. K ö r b e r hat d e m i s s i 0 n i e r t, weil er leidend und regierungsmilde ist. Die große Frage freilich ist, ob Oesterreich jetzt einen Mann bereit hat, der den öffentlichen Angelegenheiten mit größerer Geschicklichkeit vorzustehen vermag als Tr. v. Köicker. Nicht an dem Ministerpräsidenten lag es, wenn die Tinge nicht vorwärts wollen, sondern an den Ver- hältniss n. An dem nationalen Zwist krankt Oesterreich nickt seit gestern ober vorgestern, fonbern seit dem Regierungs- I an tritt des Kaisers Franz Josef. Tie tschechische Frag'' ist seit
1 kapet '1 hatten
eS dem scheidenden Ministerpräsidenten nicht vergessen,! Ktn sein ( Name unter jenem Schriftstück figurierte, durch das die ihrem ;
Ehrgeiz so günstigen Sprachenverordnungen Badems 1 nntett wurden. Vom ersten Tage der Negierung Körber- ' hatten sie demgemäß diesem den Kpicg erklärt. Sein Nackü^ner j wird d ni^t leichter ha n. '
Zweites Blatt., 155. Jahrgang MoatnqJanuar 1005
Gießener Anzeiger


