Drittes Blatt
Mittwoch 1. November 1905
Nr. 257
General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
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Redaktton, Expedition u. Druckerei: Schnlstr.V. Del. Ne. bl. LeIegr.-21dr.L Slj^eiQCi «Sieb«.
1.
2.
155. Jahrgang
bie Bc- 'i’.ger s-ccen".
Gegen stände der Verhandlung werden Erstattung des Jahresberichtes,
Erscheint tßgllch mit Ausnahme des Sonntags.
Die „Gießener Lamlllenblätter" werden dem ^Anzeiger viermal wöchentlich betgelegt. Der Landw tri"' erscheint monaUich einmal.
„lieber die Winterfütterung des Rindviehs*, Referent: Herr Professor Dr. Hansen-Bonn-Poppelsdorf;
Stellungnahme des landw. Provinzialoereins zur Frage der Fleischteuerung; Referent: Herr Oekonomierat Schade- Altenburg, Korreferent: Herr Kreisoeterinärarzt Dr. Schmidt-Gießen;
Wahl deS Prästdenlen und Vizepräsidenten.
Friedberg, den 30. Oktober 1905.
abgegeben, Peter Bitter)
Ter Präsident des landw. Verein« für die Provinz Oberhessen: S ch l en ke.
“Iiotlitg *
DiS dahin überlassen wir der hessischen Vevölkernng das Urteil beruhigt darüber, ob die Metzger, welche gezwungen sind für das Schlachtvieh unerschwinglich hehe Preise zu zahlen, „Nutzen von der gegenwärtigen ^ot haben", oder diejenigen, ivelche diese Preise sich zahlen lassen."
Capes
in iÄ größter Au-wh. Iw Herren qM fleti vorrätig. Bersaitd nach auswärts.
Zur LZiehteucrunq.
Die Vorstände der hessischen Metzger- Znnungen hielten dieser Tage in Darmstadt eine Ver- fiinmhmq ab, in welcher die Resolution des Hess. Land- wirtschaftstats in Sachen der Viehteuerung besprochen und einstimmig folgende Gegen re solution beschlossen wurde:
„Tie hessischen Metzger-Innungen b'bcn im Hinblick auf die r. gntiven Erfolge des allgemeinen beutjdhm Fle ischerv erbandcs, drs deutschen Städtetages, sowie der vielen sonstigen bedeutenden Körperschaften in Sacken der Viehteuerung davon Abstand j-noinmcn, zu den bereits längere Zeit bestehenden, die Sig- natur d e s Notstandes unverkennbar tragenden, hohen
Kclnulntmachnng.
Die unterul 28. August 1905 angeordnete Sperre der Ltephanstraße von der Bleichstraße bis Goethestraße wird hiermit aufgehoben.
Gießen, den 1. November 1905.
Großh. Pntl'- i-amt Gießen.
Herberg.
Kaum ist d as Manifest erlassen, da taucht schon* die eben erst vertagte neue russische Anleihe wieder auf. Wie der „Verl. Lokalanz." mitteilt, befinden sich die ausländischen Fi- nanzvertreter noch in Petersburg imb dürsten auch vorläufig hort verbleiben. Eine weitere Klärung der inneren Verhältnisse Rußlands solle abgewartet werden. Es sei darum aber nicht ausgeschlossen, daß die Wiaß-rausnahme der Verhandlungen in nächster Zeit erfolge. I n nächster Zeit: das ist des Pudels Kern. Zn vierzehn Tagen wird die russische Regierung wohl den Zeitpunkt für gekommen erachten — wenn bis dahin nicht aber* mals die Enttäuschung sich geltend gemacht hat.
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Lauploersammlimq des tandw. Vereins für die Höeröeffen.
Zur diesjährigen ordentlichen Hauptversammlung beehre tch mich die Vereinßmitqlieder auf
Dourrerstag, den 9. November d. IS., nachmittags 2 Uhr, in den .Neuen Saalbau* in Gießen ergebenst einzuladen.
auf zehn angegeben. . ...
ein Professor und ein Rechtsanwalt gefährlich verwundet. — Zn Riga, Lelsingfors ufw. dauert der Streik fort und wächst sogar fortwährend. , „ , _ ,
Odessa, 31. CfL Das Aussehen der Stadt zeigt, daß die Lage etwas ruhiger geworden ist. Tie Stimmung ist aber sehr ängstlich, da nach der Begeisterung Einzelner- stündlich neue Greultaten gleich den gestrigen und vorgestrigen befilrchtet werden, wo vielfach die die Bolksmafien, auch F r a u en und Mädchen, von Kosaken und Polizeibeamten geprügelt und mit Gewehrkolben gestoßen wurden, sowie auf Dagen des Roten Kreuzes, die Verwundete fortschafiten, und sogar auf Leiche nzüge geschossen wurde. Tie Stadtverwaltung hat zur Unterstützung. der Familien der Getöteten und Verwundeten 5000 Rubel bewilligt. .
Darscha u, 31. Okt. Die radikalen und sozialistischen Elemente suchen die Arbeiter zur Fortsetzung des Ausstandes zu veranlassen Zwei gut gekleidete Männer überfielen und erschossen den Miercr der Fabrik Vulkan und raubten
chellfischc ltsrisch in (ri^nduu;
Aus Berlin wird uns heute geschrieben:
lieber das neue Zarenmanifeft ist die Börse außer sich vor Entzücken. Mit einem Mole stehen die russ. Papiere wieder obenan als erstklassig und hoch vertrauenswert, denn, so glaubt man, nun muß sich alles, alles wenden! Ter Sieg des Grafen Ditte, die Einsicht des Zaren werden überschwänglich gefeiert. Es fehlt nicht viel, daß man sich umarmte, beiläufig uch aus Frchgefvhl herüber, daß man an den rasch gestiegenen Papieren im Handumdrehen sehr erklecklich verdiente. Ein Börsenbericht schildert die Situation treffend wie folgt:
„Tie Börsenmitglieder hatten sich bereits vor dem offiziellen Beginn der Börse zahlreich eingefunden. Ms dann der Verkehr eröffnet wurde, Überboten einander die Kauflustigen in so stürmischer Weise, daß lanac Zeit hindurch weder ein KurS festgestellt noch ein Ab schi im getätigt werden konnte. Der Staatskommissar, der sich aus dem Ruffenmarkt einfand, hatte die größte Mühe, des allgemeinen Trubels Herr zu werden. Erst gegen >-l Uhr löste sich aus dem Lärm die amtliche Kurs- ansage los. Es ergab sich, ba» die russische Anleihe von 1902 einen Sprung von ea. 4 Prozent gemacht hatte, die von 1905 einen solchen von 8 Prozent, und die Aktien der Russischen Bank für Auswärtigen Landet um nicht weniger als zehn Prozent gestiegen waren . .
Vorkehrungen getroffen.
Petersburg, 31. Okt. (Petersb. Tel.-Ag.) Außer Telegrammen über einen günstigen Eindruck des Manifestes in der Provinz laufen auch Nackricksten über Unruhen i d Zusammenstöße mit den Truppen ein, die feuerten, C-i- T ul» tawa, wie auch in Bialhstok versuchte die Mene.- das Gefängnis einzndringen, wobei es T o t e und Derwu--^ g b. Lier in der Hauptstadt kam es auch beim Technolog. Justin' ' einem Z u s a m m en stoß mit Militär das feuerte, die Volksmenge bei den Samenowkasermn berzog, wurde diesen geschossen. Mehrere Personen roi: .i hier, wie bei dem Technologischen Institut verwundet. Am Newski-Prospekt ent- stand ein Handgemenge zwischen zwei Gruppen, von denen die eine die Nationalfiagge, die andere eine rote Fahne trug. Im ganzen wird die Zahl der im Laufe des Tages Getöteten Beim Technologischen Institut wurden
5>ad 3 rrcumlinikest.
feine Aufnahme und fiinc Aotgen.
Tas Manifest des Zaren besagt, daß der Zar mit Trauer die Unruhen, welche das Volksgleichgen-icktt erschüttern können, vernommen und daß er im Hinblick auf sein Gelübde, welches er bei Uebernahme der Regierung geleistet, mit allen Kräften dahin streben werde, daß die Wirren im Reiche anfhören. Infolgedessen habe er befohlen, Maßregeln zn ergreifen, um Kundgebungen ber Unordnung und Gewalttätigkeiten zu deseitioen und die -zu schützen, die bestrebt sind, ihre Pflichten erfüllen. Er Vyat ferner angeordnet, daß die Tätigkeit aller höheren Behörden der- einl)eitlicht wird. Ferner dem Volke unerschütterliche Grundlagen der bürgerlichen Freiheit auf Grund der persönlichen Unantastbarkeit, der Gewisseussrr.iheit, der Redefreiheit und der Versammlungs- und Koalitionsfreiheit. Ohne die bereits an geordneten Walffen zur Reichsduma zu unterbrechen, sollen sofort zur Teilnahme an derselben die Volksklassen herangezog"n werden, welche bisher noch kein Wahlrecht hatten. Später soll das allgemeine Wahlrecht gemäß den voraus gesehen en neuen Gesetznormen geregelt werden. Endlich soll als unumstößliche Regel feststehen, daß kein Gesetz Kratt erlangt, das nicht durch die Reichsduma gutgeheißen st. Tie vom Volke Erwählten sollen die Möglichkeit cüv'r wirklichen Teilnahme an der Kontrolle der gesetzlichen Tätiak-.üt der vom Zaren eingesetzten Behörden haben. Zum Schluß fordert das Manifest alle treuen Untertanen auf, mit allen Kräften dahin zn wirken, daß die Wirren nn VAerlande unterbunden und Ruhe und Frieden wiederhergestellt werden.
Es ist indes zweifelhaft ob diese Zugeständnisse die revolutionäre Partei befriedigen werden. Tie Umstürzler verlangen viel mehr als bürgerliche Freiheiten, beschränktes Wahlrecht und eine gesetzgebende R-ichsduma. Sie Per- langen nichts weniger als allgemeines Wahlrecht und die Einführung einer beschränkten Monarchie, sodaß die souveräne Gewalt in den Händen des Parlaments wäre. Es ist selbst zweifelhaft, ob bie revolutionäre Partei überhaupt Zugestäuduisse von bem Zaren annehmen iverbe. Tie Nachgiebigkeit wirb natürlich als Schnxichc gebeutet unb bie Revolutionäre ermutigen, ihre Agitation forlzusetzen unb ihre Forbernngen zu erhöhen.
lieber bie Aufnahme bes Manifestes in Rußland wird folgendes offiziös gedrahtet:
Petersburg, 31. Okt Wie ein Lauffeuer verbreitet^ sich die Naclwicht, von dem Ersck^ii-en bc3 Manifestes imhT der Bevölkerung der Residenz, die sich ben Tag über scheinbar vuhig verhüten hatte, obwohl die Kosaken gegen Abend an dem Technologischen Institute gefeuert Hutten. Tie Menge b-> mrtzte des Erscheinen des Manifestes zu einer Temonstra t i o n. Tie ganze Nacht durchzog eine große Volksmenge unter Absmgung der Marseillaise die Straß.m. Vor dem Unlersuchungs gesänanis wurden revolutionäre Lieder gesungen. Es bestand die Absicht, bie politiscksen Gk-fangenen geivaltsam zu befreien An einem Punkte bes Newski wurde Halt gemacht, um einen Nebner onzuhören, ber das Manifest einer Kritik unterzog und ans dessen Ansprache neben der Genugtuung über die Zugeständnisse ber Regierung bas Mißtrauen gegen deren Erfüllung herausklang. Ter Umzug bauerte bis in bie vierte Morgenstunde. An ber Spi".e bar Prozession fuhr eine Miets- droschkc, in der ein Stubent mit einer roten Fahne stand. Tie Straßen sind aufAnordnung berPolizei mit Flaggen geschmückt. , t
Petersburg, 31. Okt. Gestern abenb wurde bei dem Technologisä-cn Institut eine Bombe geworfen: zwei Privatpersonen unb zwei Kavalleristen wurden verwunbet. Später gaben bie Truppen vier Salven ab gegen bie Fenster eines Gk> bäubes, in dem 83 Studenten versammelt waren. — Heute erschien ein Manifest ber sozialdemokratischen Partei, in dem daraus hingewiesen wirb, daß durch das kaiserliche Manifest der K a m p s b e s P r o l e t a r i a t s n i ch t z u m Stillstand komme. Tie Taktik bes Proletariats habe zu bestehen in der Ausnützung der unter seinen Schlägen gewährten Rechte, ferner in der Veranstaltung von Arbeiterversammlungen zur Entscheidung der Dauer bes Ausstandes, sowie in ber Organisation ber Miliz zur Wahrung bet erkämpften Rechte unb in ber F-ordenmg einer Amnestie. — Dem Vernehmen nach finden zwischen Witte unb bem Juslizminifter Beziehungen über den Entwurf eines Amnestiemanifestes statt, durch das den in ber letzten Zeit verhafteten politischen Verbrechern Straffreiheit zngesichert wirb. — Der Zar kehrte gestern nach mehr- monatlicher Abwesenheit nach Petersburg zurück. Die Polizei batte feine Ankunft verheimlicht unb umfassende SicherheitS-
"Erregung sich befindet, derartig wahrheitswidrige Behaupttingen in bie Bevölkerung geschleudert werden gegen ein Gewerbe, welches noch nie in mißlicherer Lage sich befand, in welchem noch nie so viel BetriebSeinstellnngen unb Beschränkungen zu verzeichnen m'-ren, als gerabe jetzt unb welches außerdem bem hessischen Lanbwirtschaftsrat nicht ben geringsten Anlaß zu solch unverantwvrtlick^em Vorgeben gegeben hat. Wir erachten es als unmännlich, andere zu verdächtigen, um sich weiß zu waschen und iordern hierdurch ben hessischen Laubwirtschaftsrat öffentlich auf, !>en Beweis zu erbringen, baß „bie Metzger von ber Steigerung v.-r Viehpreffe ben größten Nutzen haben". Wir erwarten bei ber Schwere der Beschuldigung — ans ber Not ber Bevölkerung Vorteil zu sieben — bie Beweisführung für biese Behauptung durch 'Beibringung von ernstem Beweismaterial, nicht etwa in nichtssagenden Phrasen und Entschuldigungen, wie sie der Vor- fifwnbe des deutschen Landwirtschoftsrates, der Herr Graf von Schwerin-Löwitz erst kürzlich in ähnlichem Falle, auf wiederholte öffentliche Aufforderung gezwungen, beliebte, auch nicht durch irrefi'ihrenbe Vergleiche mit willkürlich gegenübergestellten latistischen Zahlen des Brutto-Zentnerpreises im Einkauf und Net tl^Pfunb Preises im Detailverkauf, ober durch sonstige ae- loHtfamc 3 a Mr «gegen über" cfbin gen, mit beiten man bekanntlich alles beweisen kann, wie cs gerade in ben Kram paßt. Dem Land- nürtschaftsrat empfehlen wir hierzu bie für ihn gewiß einwanb- ircien GeMftsbilanzen ber von seinen, im Gowinnbcreckmen rfehrcnsten Führern unter ben allergünstigsten Ein- unb Der- 'ufsr>erhältnisse seinerzeit in Mainz errichteten Genoffenschasts- luetzgerei Dort findet er keine flimmernden Zahlen, wohl aber bie nackte Wahrheit über bie wirklichen Verdienstvcrhältnisse in d-r Mec-gerei, unb nur mit solchem Material dürfen ernste Märmer in ernsten Fragen at die Ocffentlichkeit treten.
Schlachloiehvreisen, nisbesonbere ben exorbitanten, nochnic dagewesenen Schstreinepreisen Stellung zu nehmen.
Zn Ansclnmg der agrarischen Macht über bie Geschicke der deutschen Bevölkerung im allgemeinen unb des sichtbaren ge- )Dra(tigm Einflusses ber vielen höchstehenbep, . zum großen Teil >rsönlick bebei sehr interessierten Herren im befemberen, waren Hf lxs fischen Metzgerinnen gen von der absoluten Zwecklosig- t. it des Verlangens nach Ocffnmtg der Gftenzen zur Bekämpfung v >5 bek'eh?nden Schlachtviehmangels überzeugt. Sie sahen den Helen Betriebs instellungen und Vetriebsbesckwänkungen in ihren ' eiben mit Resignation zu, hoffend, bie Not bes Volkes würde -ch endlich die agrarisch Mach besiegen und die Negierungen -r'itlassen, diesen außergewöhnlichen Verhältitiffen in gleicher ' 'eise Rechnung zu tragen, wie es raschst unb bereitwilligft ge- jchiebt, trenn bie Lanbwirtschaft behauptet, in Not zu sein.
Bei dieser ihrer zurückhaltenden Stellung mußte es umso- cuehr befremden unb von ben hessischen Metzgerimtnngen gerabczn .i ls eine Derl^hnung unb Herausforderung betrachtet werden, • eemt der hessische Landwirtschastsrat in ber in seiner am O1 ’ attgehabten G>samtsitzung gefaßten Resolution glattweg fnuptung ausstellt, „baß ber Zwischnhanb-el unb bie L>en größten Nutzen ans her Steigerung bet Preise
Was den ,,Z w i s ch e n h a n b e l" angcht, so kann es nicht unsere Aufgabe sein, für denselben das Wort zu nehmen: das dürfte dieser besser selbst besorgen. Feststellen wollen wir aber, das; alle Anstrengungen seitens der Metzger, bi- ue f t v o m Lanbwirt zu kaufen, daran scheitern, daß bie Landwirte bie Ausschaltung des Zwischnhandels nur uind ausfchließlich so verstehen, baß der Metzger wieder, wie rn früheren Zeiten, auf dem Lande heriimlaufcn und abwarten "oll, bis es bem Beuern unb seinen Ratgebern gefällt, nach so innd so viel kostspieligen zwecklosen Besuchen ben Handel enblich perfekt werben zu lassen. Daß einerseits unter ben gegen frülyr flotaf veränderten BetriebSverböltniffen der Metzgerei, fottric mi- dererseits der heutzutage bestehenden besten Gelegenheit, auf den öffentlichen Viehmärkten Schlachtvieh vorteilhaft zum Verlauf zu bringen, ber angcbcutcte frühere Zustand nicht mehr denkbar, ein ordiiunaSmäßig beaufsichtigter Betrieb nainentlich in den Stabten einfach unmöglich ist, dürste für jeden vernünftigen Menschen klar fein. Was hat der hessische Landwirtschvftsrat übrigens je für den direkten Verkauf praktisch getan?!
Was die „hessischen Metzge^ betrifft, so legen wir, ols deren Vertretung, auf das entschie denste Verwahrung ein gegen das Vorgehen des hessiscknm Landwirtschasts- Tatei. Wir bezeichnen es als eine Leichtfertigkeit ohne gleichen, ivenn in einer Zeit, in ber die Bevölkerung ohnehin in großer
14 000 Rubel. — In Kielcc feuerte gestern Militär auf einen Zug von Demonstranten, wobei es Tote unb Verwundete gab. — Zn Lodz wurde ein Sichcrlieitsbeamtcr getötet
Paris, 31. Okt. Nach hier eingeiroffenen Privatmclbungen soll Trepow ermordet worden sein. (??)
Rom, 31. Okt König Viktor Emanuel sandte ein Telcgr mm an ben Zaren, worin er diesen zu dem Erlaß deS Manifestes beglückwünscht.^
In französischen Rcgieruugskreisen zeigt man sich von bcm Erfolge Wittes uub ber russischen Liberalen be- riebißt, bodi könne bie allgemeine Lage bes Zarenreiches olange nicht für wesentlich gebessert erklärt nx*rbcn, als neben bem c-mticrcnbcn Ministerium Witte immer noch eine reaktionäre Reaieruug A l c x i s - I g n a t i e w für alle Fälle in Bereitschaft stehe.
Tie englische Presse kommentiert bas Zaren-Mani- ;eft überwiegcnb günstig. „Stanbarb" sagt, bie Einführung ber Reformen sei sehr wostl vereinbar mit bem autokrati- chen Regime. Tie „Times" hofft, baß ber Zar, ber ben Mut zu bem Manifest gefunden (jube, auch den Mut besitzen werde, sein Versprechen vollständig cinzulösen Tie ,.Mor- ning Post' ist hinsichtlich der Folgen des Manifestes nicht optimistisch. Der Petersburger Bcrickfterstatter des „Moruing Leader" telegraphiert sogar, die revolutionären Führer hätten erklärt, daß sie mit bem kaiserlichen Manifest unzufrieden seien. Sie bezeichneten den Zaren für regier- uugsunfähig und verlangten seine Absetzung. Sie wollen auch nicht eher ruhen, als bis der Zar das Land für immer verläßt. Tie Führer der revolut. Partei er- klären ferner, daß sie die Errichtung einer Republik als ben einzigen Ausweg aus den jetzigen Wirren betrachten.
Wes bie deutsche Presse über die Botschaft des Zaren )<igt, Hingt um vieles kühler. Tie „Nordd. Allg. Ztg.", die sonst bei anderen, viel weniger erheblichen Anlässen ein h,)hes Lied der Z-reud.' und Beglückwüiffckning annimmt, hat nicht eine einzige Zeile aus bcm Reichskanrlerpalais ober bcm Aus- lüärtlg n Ämt empfingen. Zwar behauptet der auck>-ofsiziöse .Lvk'lanz.", b.*T Erlas; habe in hiesigen politischen Kreisen einen vorzüglick>en Eindruck gemacht: ober bas Urteil dieser str-.'ffe ist noch nicht das Urteil der amtlichen Stellen. Zu skep- Hieben Betrachtungen ist stets Anlaß bei nissischen Verheißungen. Wenige Monate liegen zurück, daß, bald n a ch d e r K a i s e r- begegnung bei Vjörkö, ber erste eine Konstitution versprechende Ukas des Zaren erschien.. Man weiß, wie enthi siastisch die Aufiiahine war, und wie bald sich ber Z-rcudenrausch verflüclnigte, sobald llar erkannt nwrben war, daß zwische-n Zusage und Ausführung ein weiter Weg lag. Wir fürchten, cd wird auch diesmal die Beruhigung nur eine vorübergehende Erscheinung fern. Denn in dem Hauptpunkte der gegenwärtigen Forderungen, der Gewährung deS allgemeinen, g c h. und direkten Wahlrechts zur Volksvertretung, ist das Manifest von einer, jedenfalls beabsichtigten U n k la r h e i t Ter Zar, ober ber Inspirator des Mani- i i's, in dem wohl Gr.ff Witte zu vermuten ist, kündigt nur an, ..die Kl ficn der Bevölkerung zu berufen, welche jetzt der Wahlrechte völlig entbehren". Wie diese bisher vom Wahlreckft ausgeschlossenen Besitzlosen zur Teilnahme an der Ausübung des nichtigsten bürgerl. Rechts zu berufen sind, darüber schweigt daS Manifest. Ter Aceent liegt auf dem Satz, baß die weitere Ent- wickli-ng des allgemeinen Wahlrechts der „gesetzgebenden" Dnma überlassen werden soll. Taburch wirdbic Wahlrechtsgcwähr- ii ng gleich auf bielangeBankgeschoben. Graf Witte bemerkt denn auch in seinem Kommentar zum Zarenmanifest, übrigens eine Erläuterung, bie alles anbere als gemeinverständlich unb vottstümlich 'ist:
„Tie Verwirklichung bieser Ziele kann keine sofortige sein: bann keine Regierung würde plötzlich 135 Millionen Menschen mit einer weit ausgebehnten Verwaltung für die Annahme der bürgerlichen Freiheiten vorbereiten können." Wir wissen nicht, wie die Stelle im Russischen lautet, unb ob sie nicht etwa, wie bies wiederholt gerade bei den vom offiziösen Traht verbreiteten Petersburger K-nndgebungen der Fall war, mangelhaft übersetzt worben ist — Tatsache ist, baß nicht nur dies Zitat, sondern auch andere Darlegungen des Witte'schen Kommentars der Präzision unb Verständlichkcit entbehren. ES ist immer wieder bie Rede bnvon, daß dies.unb jenes geschehen, ausgearbeitet, inS Auge gefaßt werben soll usw. Ob es aber geschieht und schleunigst geschieht, bas ist die Frage. Mit Worten ist die russische Bevölkerung auf bas fteigebigstr bedacht worden: es scheint aber, daß nur bie Tat die Bewegung ;um Stillstanb bringen kami.
Von größter Bebeutuna ist jebenfalls aber bie heutige offiziöse Petersburger Mewung, baß bas geistige Oberhaupt ber russ. Reaktionäre, ber Oberprokurator bes Heil. Svnob Pobjebo noszew seine Entlassung eingereicht hat. Allerbings ist sie ihm noch nicht erteilt vorben. Darum ist auch hier kein zu frühes Frohlocken am Platze.
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? , . . . . . Rotattonsdrnck und Verlag der Brüh! leben
n U H H S Unwersuätsdruckerei. DL Lange. Dietzen.


