Ausgabe 
11.9.1905 Erstes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

-nach demCasino" zu einem Glase Wein hatte ergehen

lassen.

Das Schloß zu Friedberg ist wieder verwaist, S. K. H. der Großh erzog ist nach Darmstadt abgereist und begibt sich heute nach Mainz. Bon seinem dortigen Schlosse wird er täglich per Automobil ins Manövergelände fahren.

Tas Manöver.

Heute beginnen die eigentlichen Kaiserin'anöVer. Für einige Regimenter, s. B. 115 er, 116 er, 118 er, die 63 er Artillerie, Teile der hessischen, badischen und preußischen Kavallerie war bereits der Samstag ein Marschtag, die Regimenter sind west­wärts über den Taunus gerückt, zum Teil über die -saalburg, Königstein, Falkenstein und durch den Kreis Usingen. Letzterer Kreis ist von Kavallerie und Artillerie vollständig überflutet. Die 116er liegen am 10. und 11. September in -Schmitten, Arnoldshaiu und Dorfweil nördlich vom Feldbcrg. Das ganze 18. Armeekorps trat heute früh den Vormarsch gegen Koblenz unter dem Befehl des Korpskommandeurs v. Eichhorn au und wird heute abend auf der Linie Limburg, Hahnstätten, Kirberg. Idstein, Hohenberg, Langen-Schwalbach Aufstellung nehmen. ^r,as 8. Armeekorps wird nach seiner Parade heute nachmittag über Lahn und Rhein ostwärts vorrlicken. Dienstag wird cs wahr­scheinlich nur zu Vorposten- und Kavalleriegefechten kommen, das Hauptgcfecht wird sich Mittwoch abspielen und zwar in der Gegend von Nastätten, Miehlen, Katzenelnbogen, Hahnstätten. Dienstag und Mittwoch werden fast sämtliche Truppenteile Diwack auf demSchlachtfeld" beziehen.

Das Hauptquartier liegt von heute ab in Katzenelnbogen, wo auch der kaiserliche Marstall sich befindet. Das 8. Armee­korps kommandiert General der Kavallerie von Deines, es ist verstärkt durch eine Kavallerie-Division A. Am Donnerstag früh vereinigen sich die beiden Armeekorps zum Angriff auf die Festung Koblenz-Ehrenbreitenstein. J4>a die Truppen Lahn und Rhein überschreiten müssen, so müssen die Pioniere größere Brückenbaaten ausführen. Tie Leitung der Schlacht geschieht vorwiegend durch Telephon, sodaß auf dem ausgedehnten Ge­fechtsfeld große Telcgraphenleitungen angelegt werden müssen. In Katzenelnbogen und Nastätten liegen Telegraphenleitungen aus Berlin und Koblenz und stellen Linie von Koblenz nach Katzen­elnbogen, Nastätten usw. her.

Der Kaiser besichtigt am Dienstag einige Schlösser und Burgen am Rhein und wird Mittwoch und Donnerstag wie verlautet selbst den Oberbefehl übernehmen.

Am 15. September gehen die Manöver zu Ende, und bic Infanterie-Regimenter werden per Bahn in ihre Garnisonsorte verbracht, ihre Entlassung erfolgt am 18. Sept. Tie be- rittenen Tr-nw^n m uiriiff.

Deutsches Reich.

23 er I in, 9. Sept. Tas Kaiser paar wird voraus­sichtlich am 16. d. M. von Koblenz nach Potsdam zurück- kehren.

Wie eine hiesige Korrespondenz aus Hofkreisen er­fahren haben will, hat das Kronprinzenpaar Grund, einem frohen Familienereignisse in einiger Zeit entgegenzusehen.

Wie derVorwärts" mitteilt, wurde an den Reichs­kanzler Fürsten Bülow lolgendes Telegramm geschickt:

9lnt 1. September wurde in Warschau der preußische Staats­angehörige K a s p r z a k zum Tode verurteilt. Gegen das Urteil haben die Verteidiger des Verurteilten das Rechtsmittel der Kassation eingelegt. Der Kassationshof residiert in Peters­burg. Gestützt auf den Kriegszustand in Warschau hat der Herr Generalgouverneur die Absendung der Kassationsvegründung in­hibiert. Dies Verbot ist eine Verweigerung der dem Verurteilten zustehenden Rechtsmittel. Tie Unterzeichneten ersuchen den Herrn Reichskanzler beziehungsweise das. Auswärtige 9(mt Rücksicht auf die Kürze der Zeit unverzüglich bei der russischen Regierung das Verlangen zu stellen, die Vollstreckung des Urteils aus zu setzen und dem Verurteilten die ihm zustehenden Rechtsmittel zugängig zu machen. Ein gleiches Telegramm ist an den Herrn Staatssekretär des Auswärtigen Amtes abge­gangen. Um Antwort ersuchen die Mitglieder des Reichstages Auer, G-risch, Molkcnbu.hr, Pfannlüch, Singer, Lindenstraße 69.

Ans Warschau kommt indes heute die Meldung, daß am 8. d. M. dort der So.'-ialisteu.führer Kasprzik h i n g e r i ch t e t worden ist!

Ausland.

London, 9. Sept. Der König ist aus Marienbad wieder hier eingeiroffen.

Paris, 9. Sept. Der Staatsanwalt beantragte die Anklage gegen den flüchtigen Avino genannt Farkas 1. wegen Mordversuches gegen den König von Spanien, den Präsidenten Loubct und 18 Personen des Gefolges der beiden Staatsoberhäupter, 2. wegen Teilnahme an einer ver­brecherischen Vereinigung und 3. wegen Erzeugung und Be­sitzes von Sprengmitteln. Gegen den Schriftsteller Charles Malato, gegen den Engländer Harvey, gegen den Franzosen Caussane und gegen den Spanier Vallina wird die Anklage wegen Mitschuld beantragt.

Wien, 10. Sept. Das vom Gemeinderat beschlossene Verbot des rituellen Schachtens, d. i. die Tötung des Schlachtviehes mittels Halsschnittes ohne vorherige Be­täubung, wurde von dem Ministerium des Innern im Ein­vernehmen mit dem Ministerium für Kultus und Unterricht mit der Begründung aufgehoben, daß das Schächten als eine mit dem Kultus einer gesetzlich anerkannten Religions­genossenschaft im Zusammenhänge stehende Handlung anzu­sehen sei. Auch die nicdcrösterreichische Statthalterei hatte das Verbot des Magistrates als mit den Staatsgrundgesetzen im Widerspruche stehend sistiert.

Russische Neuigkeiten.

In Warschau und Umgebung wurden am 8- d. M. drei Polizisten ermordet und zwei verwundet- Für heute steht dort der Ausbruch eines neuen General­streiks bevor als Antwort auf die Hinrichtung des So­zialistenführers Kasprzak-

Nach zehntägiger VerhandUmg gegen 75 Matrosen des PanzerschiffesGeorgi Pobsedonoszew" wurden vom Militär-Marinegericht drei Angeklagte zum Tode, 19 zu Zwangsarbeit, 33 zur Einreihung in die 'Arrestantenkompagnie verurteilt und 20 freigesprochen.

Durch kaiserlichen Ukas werden provisorische neue Re­glements für die Verwaltung der höheren Unter­richt s a n st a l t e n eingerührt. Danach wird künftig der Rektor von den Dekanen, der Fakultätssekretär von der Fakultät gewählt. Tie Wahlen haben vor Beginn des Schuljahres stattzusinden- Die Aufrechterhaltung der Ord­nung und des regelmäßigen Ganges des Unterrichts liegt dem Rate der Dekane ob, die auch bei Ord- nungsstörungen die "Aussetzung des Unterrichts zu bean­tragen haben. Die Schlichtung von Zwistigkeiten,welche Stu­denten betreffen, wird einem aus Professoren gebildeten Disziplinarrate übertragen-

Jas tzrdöiven in Sübitalien.

Die Provinz Calabrien, die fruchtbarste von Süditalien, ist von dem Erdbeben total verwüstet worden. Kaum eine Stadt, kaum ein Dorf der ganzen Provinz ist mit einem

blauen Auge davongckommen, manche sind geradezu Ruinen. In einigen Fällen riß ein kurzer Stoß die Dächer über den Häuptern der Schlafenden in Fetzen, von Entkommen keine Rede. In anderen Fällen war der Stoß, weil mehr in die Länge gezogen, auch sehr gewaltig, und die Bewohner konnten mit genauer Rot noch eben hinausstürmen. Wie durch einen Zauber leerten sich die Gebäude, Männer, Frauen und Kinder im Hemde füllten die Straßen, die Frauen mit ent­setztem Geheul, viele auf den Knien liegend und den Schutz der Heiligen anflehend. Der erste Stoß wurde gegen drei Uhr morgens verspürt, als die Bauernschaft irii letzten Morgenschlaf lag. Er dauerte 18 Sekunden. Der zweite setzte etwas später ein in eine Kette, die volle dreiviertel Stunden dauerte, und ein totales Zerstörungswerk verrichtete.

Wie italienische Zeitungen melden, übersteigt in Palmi der durch das Erdbeben angerichtetc, bisher scstgcstelltc Schaden jede anfängliche Schätzung. Leichte Erderschütterungen wiederholen sich immer wieder. Die Bevölkerung bringt die Rächte unter freiem Himmel zu. Die Behörden ordneten die Zerstörung von 300 unbewohnbar gewordenen Häusern an. Die Zahl der Getöteten in Paghelia wird auf drei­hundert geschätzt. Die Zahl der bisher in Melito fest- gestellten Opfer wächst immer mehr. Bei einer elfköpfigen Familie sind alle unter den Trümmern umgefommen. Güterzüge schaffen Hunderte von Verwundeten fort.

Es wird bestätigt, daß die Zahl der Toten in Joppolo 200 beträgt. Alle Wege sind mit Flüchtigen erfüllt. Der Anblick von Pizzo ist besonders nachts schrecken- erregend. Tie aus Catanzaro angckommenen Truppen fahren in der Bergung der durch die Trümmer Getöteten fort. Das Schloß Quima ist in Gefahr. In Castiglione find 16 Häuser eingestürzt, in Castrolibcro sind zehn Menschen umgekommen. AuS San Lucido werden ungeheure Schäden gemeldet; das Schloß ist'zerstört, mehrere Menschen sind unter den Trümmern getötet worden. Torzano ist fast gänzlich zerstört. Auf der Insel Stromboli wurde ein heftiger Erdstoß verspürt, durch den alle Häuser beschädigt wurden. Das Kabel ist unter­brochen. In Santa Marina und in Belvedere weigert sich die Bevölkerung, in ihre Wohnungen zurückzukehren. Sie ver­langt in Eisenbahnwagen nächtigen zu dürfen.

In Martirano ist die Lage trostlos. Unzählige Leichen liegen unter den Trümmern, lieber 100 Leichen sind ge­borgen. 2000 Personen sind ohne Obdach. In der Provinz Cosenza ist der Schaden ungeheuer groß. Ueberall hin wurden Aerzte, Ingenieure und Militär zur Hilfeleistung entsandt.

Die Zahl der Opfer in der Provinz Catanzaro belauft sich bis jetzt auf 450 Tote und tausende Verwundete. In manchen Orten findet man durch Messerstiche Getötete, die wahrscheinlich in fürchterlichen Kämpfen um die Ausgänge, in dem rücksichtslosen Bestreben eines Jeden, sich selbst zu retten, sich das Leben nahmen. In Catanzaro selber versuchten 1400Gesangene, die durch das Erdbeben in einen wahn­sinnigen Schrecken versetzt waren, die Türen ihrer Zellen zu durchbrechen, und nur durch zahlreiche herbeigerufene Truppen konnte die Ruhe wieder hergestellt werden.

Der Ausbruch desVesuvs hält noch an, im Süden hat die Lava die Drahtseilbahn erreicht und zerstörte davon eine Strecke von 50 Metern. Man befürchtet weitere Aus­brüche, da die Registrierapparate für Erdbeben noch unaus­gesetzt in Bewegung sind.

Der König von Italien beschloß, die vom Erdbeben heimgesuchten Gegenden persönlich zu besichtigen.

Kaiser Wil Helm und andere Staatsoberhäupter haben dem König telegraphisch ihr tiefes Bedauern und ihre leb­hafte Sympathie für Italien ausgesprochen. Der italienische Ministerrat beschloß, 250 000 Lire zum Vesten der Opfer der Erdbebenkatastrophe zu verwenden. Das Ministerratspräsidium und verschiedene Ministerien steuern außerdem zusammen 25 000 Lire für eine nationale Sammlung zum Besten der Verunglückten bei. Die Ravigazione generale Jtaliana hat Fortis 10 000 Lire für die Geschädigten zur Verfügung ge­stellt. Der Minister der öffentlichen Arbeiten, Ferraris, ist bereits in dem von den Erdbeben betroffenen Gebiet. Er hinterließ an verschiedenen Orten die mit ihm eingetroffenen Aerzte und das Krankenpflegerpersonal und gab Geldunter­stützungen. Der Sachenschaden ist überall außerordentlich groß, da die Erdstöße, wenn auch in leichterer Form, sich wieder­holen. Die Erregung und Furcht der Bevölkerung ist sehr bedeutend.

Die Gemeindebehörden von Rom bewilligten 50 000 Lire für die Opfer. Den Blättern zufolge ersuchte der Papst den Bischof von Kalabrien um Berichterstattung und beauf­tragte ihn, die unglückliche Bevölkerung zu trösten. Aus Neapel wurde alles verfügbare Brot nach Salerno geschickt.

Hötlkürgermeifler Dr. Kaßner in Mainz

Mainz, 9. September.

Oberbürgermeister Dr. Gaßner ist, wie uns be­reits ein Telegramm am Samstag meldete, ini Rochushospital g c ft o r b en.

Dr. Gaßner war am 8. Juni 1847 zu Mainz geboren als Sohn des Großh. Notars Heinrich Gaßner; er studierte in Gießen und Heidelberg und bestand 1871 die Staats­prüfung. Im Dezember 1872 wurde er zum Honorar- Substitut des Staatsprokurators am Bezirksgericht Mainz und 1878 zum Substitut des Generalstaatsprokurators am Obergerichte der Provinz Rheinheffen ernannt. Am 18. Juni 1879, nach Einführung der neuen Justizorganisation, erfolgte feine Anstellung als Staatsanwalt. Am 23. September 1888 wurde er als besoldeter Beigeordneter der Stadt Mainz und Vertreter des Bürgermeisters eingeführt und am 24. Februar 1904 von der Stadtverordnetenversammlung einstimmig zum Bürgermeister von Mainz gewählt. Die Bestätigung seiner Wahl erfolgte am 29. März 1894 und seine Ernennung zum Oberbürgermeister am 16. Juni 1894 bei der Anwesenheit des Großherzogs zum Bundesschießen.

Dr. Gaßner besaß die höchsten hessischen und hohe außer­hessische Ordensauszeichnungen. Mainz verdankt seiner ziel- bewußten Tatkraft viel, und die endliche Entfestigung ist nicht zuletzt seinen guten persönlichen Beziehungen zum deutschen Kaiser zuzuschreiben. Sein prächtiger, nie verletzender Humor bewährte sich oft und namentlich in den früheren Jahren, als et- den Präsidentensitz des Mainzer Karnevalvereins inne hatte. Auch zur Presse stand er im freundschaftlichen Verhältnis und

er betätigte sich selbst als hervorragender Opern- kritiker amMainzer Tagebl." zu der Zeit, als dort noch der Lustspieldichter Wilhelm Jacobi die Redaktion führte.

Der Groß Herzog sandte folgendes Beileids­telegramm:

WoliSgarten, Jagdschloß. Es drängt mich, der Stadt Mainz zu sagen, wie ich mit ihr den Heimgang ihres vortrefflichen Ober­bürgermeisters Dr. Gaßner aufrichtig betraure. E r n st Ludwig.

Staats m ini nist er Rothe telegraphierte:

Ministerium spricht der Stadt Mainz wärmste Teilnahme an dem schweren Verlufle aus, den die Stadt durch Hinscheiden des Oberbürgermeisters Dr. Gaßner erlitten. Ministerium des Innern: Rothe.

Vom Kaiser traf am Samstag aus Homburg v. d. H, folgendes Telegramui ein:

Seine Majestät der Kaiser und König nehmen an dem schweren Verluste, welchen die Stadt Mainz durch das Hinscheiden ihres hochverdienten Oberbürgermeisters erlitten hat, herzlichen Anteil und sprechen der Stadt Mainz Allcrhöchstihr wärmstes Beileid aus. | Aus Allerhöchsten Befehl: Der Geheime Kabinettsrat v. Lucanus.'

In einer außerordentlichen Stadtverordnetensitzung hielt Bürgermeister Dr. Göttelmann eine Gedächtnisrede. Die Beisetzung erfolgt Montag nachmttag 4 Uhr auf städtische Kosten.

Ans MM und Land.

Gießen, 11. September 1905.

Die Hundertjahrfeier des Komponisten Reeb. Am 11. Dezember ds. Js. sind 100 Jahre ver­flossen, daß der bekannte Komponist und Musikdirektor Heinrich Nceb zu Lich geboren wurde. Er lebte, so schreibt man uns, fast stets in Frankfurt, wo man auch anläßlich seines hundertsten Geburtstags große Festlichkeiten plant. Die Gesang­vereine, besonders der von dem verstorbenen Komponisten gegründete Neebsche Männerchor, werden umfangreiche Pro­gramme für die Feier aufstellen, und auch die Bevölkerung dürfte an der Feier lebhaften Anteil nehmen.

* * Der Sängerkranz unternahm am Samstag bei sehr zahlreicher Beteiligung eine Sängerfahrt nach Höchst a. M., zum Besuche des dortigen Mannergesangvereins. Es war ein Gegen­besuch, und das Zusammentreffen der beiden Vereine trug darum einen herzlichen und später auch sehr fidelen Charakter. Nach dem Empfang am Bahnhof wurden durch ein gemeinsames Essen die leiblichen Bedürfnisse Bcfricbigt, um dann mit desto mehr Freudigkeit und Munterkeit edler Sängerluft zu huldigen. (55 war in den schönen, eigenen Käsinoräumcn des Höchster Vereins, wo beim Herrenabend in ernster und heiterer Weise,, bei Gesang und schäumendem Pokal die ganze Nacht hindurch die lebhafteste Unterhaltung herrschte. Bei manchem stellten sich dann freilich am Sonntag unter dem Licht der Sonne traumhafte Zustande ein, die sogar bis nachmittags anhieltcn. Aber die Freuden der Sängerfahrt waren noch lange nicht erschöpft. Auf derSchönen Aussicht" in Höchst, wo man einen wundervollen Blick ins Maintal, zu dem sich hinschlängelnden Fluß und, den zahl­reichen hübschen Dörfern genießt, wurde das gemeinschaftliche Mittagsmahl eingenommen. Dann sahen sich die Gießener Vcr- einsmitglicder auf einem Gang durch die Stadt Höchst deren Sehenswürdigkeiten an. Am Abend wurde bei festlicher Zu­sammenkunft auch die Damen des Höchster Vereins begrüßt. Es gab einen durch Gesangsvorträge, muntere Toaste und humo­ristische Veranstaltungen äußerst gemütlichen Familienabend. Noch bei der Abfahrt vom Bahnhof gaben die Höchster Herren ihren Gästen Beweise ihrer Gastfreundschaft. Einer erhielt eine riesige Servelatwurst, die wahrend der Eisenbahnfahrt zuerst als Diri­gentenstab gebraucht, später in friedlicher Eintracht verteilt und verzehrt wurde. Als bleibende Erinnerung wollte man keine Würste, wohl aber das Bewußtsein mitnehmcn, daß durch den hübschen Ausflug die Freude am deutschen Lied neue Anreg­ungen und Förderungen erfahren hat.

Ruhestörung. Zwischen Vater und Sohn, welche gestern abend von einer Kirchweihe zurückkehrten, ent­stand am Neuenweg Streit, infolgedessen die Schutzmann­schaft einschreiten mußte. Gegen den betrunkenen Sohn und Ruhestörer wurde Anzeige erhoben.

* Einige Betrunkene, die gestern nachmittag auf der Straße umhertaumelten und Auflauf verursachten, mußten zur Haft gebracht werden.

* * Ueberfall. Gestern abend zwischen 11 und 12 Uhr wurde ein hiesiger Arbeiter auf der Straße von Krofdorf nach Gießen von mehreren Unbekannten überfallen und geschlagen, wobei er sechs Messerstiche erhielt, sodaß er in der Klinik verbunden werden mußte.

Lauterbach, 9. Sept. Dem ersten Vorsitzenden deS Kriegervereins, Rendant Frieß, wurde von dem Kaiser der Kronenorden 4. Klasse in Anbetracht der Verdienste um das Kriegervereinswesen verliehen.

Alsfeld, 9. Sept. Das Stadtoerordnetenkollegium beschloß mit Rücksicht darauf, daß die Anlage eines Schieß> und Uebungsplatzes für das 18. Armeekorps in der Gemarkung Wermertshausen (Kreis Marburg) und Nüdingshausen (Kreis Gießen) wegen der Höhe der Kosten nicht zur Ausführung gelangen wird, das Generalkommando auf das Hochplateau deS Vogelsberges aufmerksam zu machen. Dort liegen keine Dörfer im Wege, und der durchweg mit Wald bestandene Grund und Boden ist zumeist Eigentum des Staates.

[] Marburg, 10. Sept. Bei der diesmaligen Ver­steigerung des Straßenobstes wurde trotz der schwachen Obsternte ein Gewinn von 1332 70 Mk. erzielt. Im vorigen reichen Obstjahre kamen nur 780 Mk. heraus. InHeskem ver kaufte in öffentlichem Termin ein Landwirt einen großen Acker. Zwei fremde Händler machten dabei ein gut Geschäft, sie erstanden den Acker und verkauften ihn eine Stunde später mit einem Gewinn von über 1000 Mk. an einen Nachbar des seitherigen Besitzers.

Frankfurt, 11. Sept. Das Privatboot des Bankiers Hugo Keßler, ein Doppelzweier, ist Sonntag abend gegen 6 Ühr auf dem Main in der Nähe der Wilhelmsbrücke auf der Sachsenhäuser Seite untergegangen. Leider sind bei dem Unfall zwei junge Menschenleben vernichtet worden: ein Neffe Keßlers, Schüler des hiesigen Goethe- Gymnasiums, und ein anderer junger Anverwandter aus England, der Sohn eines dort lebenden Vetters des Boots­besitzers, sind ertrunken. Das Boot war mit Keßler, feinem Associß W. Melber und den Genannten besetzt. Das Wetter war stürmisch, bei einem heftigen Windstoß schlugen die Wellen ins Boot und füllten es so rasch, daß eS im Nu sank. Die beiden jungen Leute gingen unter und verschwanden in den Wellen, bevor ein Versuch zu ihrer Rettung gemacht werden konnte, obgleich sich der Unfall ganz in der Nähe des UferS ereignete. Sie standen im Alter von 17 Jahren und waren von kräftiger Gestalt; der eine, der Schüler des Goethc- Gyninasiums, war sogar ein guter Schwimmer. Die Herren Keßler und Melber konnten sich ans Ufer retten. Die Rettungs-