Ausgabe 
8.11.1905 Drittes Blatt
 
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General-Anzeiger, Amis- und Anzeigeblatt für den Kreis Eichen

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Unwersitälsdruckerei. 5L Lange, Gieße»

Redaktion, Expedition u.Druckerei: Echulstr.7.

Tel. Nr. 5L Telegr.»2ldr.: Anzeiger Greßen.

Nr. 263 Drittes Blatt. ISS. Jahrgang Mittwoch 8. November 1803

Erscheint »glich mit Ausnahme des Sonntags. AA ZS. AA AAA A \ A Z\A

DieGlehener ZamilienblStter" werden dem H j EXH | R< 9 J| || B ß ff S< g ^Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der B N B & JL EL kV, M,

^hesfische Landwirt"' erscheint monaUich einmal. " eB6 'V * * |i

Valltifche Tag es schm.

Neber den 8. hessischen Katholikentag,

6er unlängst in Mainz stattfand, schreibt dasZwanzigste Jahrhundert", daS Organ des Reformkatholizismus:

Was wir unter einem .Katholikentage" zu vergehen haben, darüber bat uns der 8. hessische Katholikentag aulgeklärt. Wohl war die Versammlung eröffnet und geschloffen von den äußeren Zeichen des katholischen Bekenntnisses, aber alles übrige war von r e i n st e m parteipolitischem Wasser. Der bayr. Zentrumsabg. Dr. Schädler renommierte stark mit den Ettolgen, die vom Zentrum errungen worden seien; in Bayern und in Badenwerde es einem ganz schwarz vor den Augen". Trotzdem wurden aber auf der Tagung wieder die alten Klagen über die Verfolgungen laut, denen die Kirche ausgesetzt 'n und gegen die es nur ein Mittel gäbe: möglichst viele Zeinrums-- wahlzettel bei der demnächst stattsindenden Landtagswahl. So war also dieser Katholikentag in der Tat nur eine Wahl-Ver- samrnlung der Zentrumspartei. Die Bezeichnung Katholikentag" müffen wir als eine Anmaßung zuri'ickweisen. Wenn das hessische Zentrum in dieser offenen Weise die katholische Kirche mit der Partei vermischt, so mag sie sich nicht über Kirchen- vcrfolgnng beklagen. Wenn seine Führer sich beim politischen Kampfe hinter den Schirm der Kirche flüchten und die Angreifer alsKulturkämpfer" ausgeben, so ist das nicht nur eine Feig­heit, sondern eine Bloßstellung der Kirche, die dann die Schläge auszuhalten hat. So geht es immer! Man benützt die kirchlichen Institutionen, man umgiebt x. 9. in diesem Falle den Zentrnmsparteitag mit kirchlicher Weihe, und wundert sich nachher, wenn die zu einem unheiligen Zwecke ge­brauchten heiligen Mittel ähnlich in Mißkredit kommen, wie einst der einträgliche Ablaßhandel. Dasselbe ist wieder ein­mal aus Baden zu berichten. Wir wollen nicht untersuchen, in­wieweit die gemeldeten Fälle von Mißbrauch der Kanzel auf Wahrheit beruhen, es genügt uns die eine nicht bestrittene Tatsache: die Inanspruchnahme der Geistlichkeit zur Wahlarbeit."

*

Vom Reichstag.

R. Berlin, 7. November.

Es ist davon die Rede, der Reichstag wolle im Hinblick auf die Fülle wichtiger Vorlagen die Einführung von Diäten erzwingen durch dilatorische Behandlung speziell der Finanz reform, der Mi litärpensionS- gesetze und der Flottennovelle. Rach unseren Er­kundigungen in parlamentarischen Kreisen trifft das nicht zu. Man ist zwar der Meinung, daß der Mangel an Tagegeldern sich bei Bewältigung des sehr umfangreichen Arbeitspensums insofern recht fühlbar machen werde, als die verhältnismäßig geringe Zahl von Abgeordneten, die die mühevolle Kom- missionSarbeit zu leisten pflegen, stark in Anspruch genommen werden dürste. Die Erfüllung der parlamentarischen Pflicht jedoch abhängig zu machen von der Entschließung der Re- qicrung, Diäten zu bewilligen, dieser Gedanke kommt bei der Volksvertretung jetzt ebenso wenig zum Durchbruch, wie in früheren Sessionen. Im übrigen kann in der Diätenfcage das früher an dieser Stelle Gesagte nur wiederholt werden: dieser Reichstag ist aller Wahrscheinlichkeit nach der letzte unter der Voraussetzung der Diätenlosigkeit gewählte. Bis zum Sommer 1908 wird Fürst Bülow eine Aenderung herbei­führen wollen und auch herbeiführen können, ohne daß eine Kompensation" auf dem Gebiete des Reichswahlrechtes in Frage kommt.

Aög. Köyler-Lauqsdorf vor Gericht.

(Unberechtigter Nachdruck verboten.)

S.u.H. Gießen, 7. Nov.

Es wurde dann das Zustandekommen der Veröffent­lichung der Köfrlerschen Interpellation besprochen.

Abg. Köhler gibt dazu an, daß er die Interpellation

Im allen Weiöersomnrer.

(-Original-Artikel des Gießener Anzeigers.)

Nun ist er doch noch gekommen. Bei all den Stürmen und 6ntteitern im Oktober gab au«b der Hoffnungsfroheste_ es auf, in diesem Derbst noch im goldenen Sonnenlichte die Fäden des Altenweibersommers fliegen zu sehen. Nun führte er sich am vergangenen Samstag besonders schön ein. Warm schien die Sonne, die Silberfäden flogen im leichten Herbstwinde und über­zogen mit leichten Schleiern den Hut des Wandernden.,

Mein Weg führt mich über Gießen dasWiesecktal hinaus. Zum Gehen ist der Weg viel zu weit, ich muß den sog. Mittagsschnellzug um 2.15 Uhr benutzen. In dem schön ausgestatteten neuen Wartesaal des Gießener Bahn­hofes wird einem das Warten nicht zu lang. Der Saal ist vom Sonnenlicht durchflutet, mir scheinen die Reisenden, die kommen und gehen, fröhlicher gestimmt als an andern Tagen, ein Wiederschein des schönen Herbsttages liegt auf allen Gesichtern. Ter Zug sühn uns rasch aus dem Weichbild der Stadt, der buMgefärbte Laubwald nimmt uns auf, die Lokomotive bläst auf ihre ArtGewehr in Ruh", wir paflieren die Militärschießstände. Dann im steten Wechsel Wiesen, Aecker und Wald, bis sich ein toeitcr freier Ausblick bietet rückwärts über den weiten Wiesecker Wiesengrund, das lang gestreckte Dors im Vordergründe: links :in Teil der Stadt, darüber hin der R o d b e r g, das L a h n t a l, 9er H ardtb erg, Gleiberg, Vetzberg, die zahlreichen Dörfer von Kinzenbach bis hinüber nach Wismar. Als ob rc eigens dazu aufgeb aut wäre, schließt derDünsberg das schöne Landschastsbild ab.

Wir fliegen an dem Torfe Alten-Buseck vorbei, es tat sich an die lange Berglehne geschmiegt, der so schön bewaldete pangelstein und der langgestreckte Höhenzug dahinter schützt es >or den Winterstürmen. In den Wiesengründen sind die Menschen beschäftigt, die Grenzgräbchen zu öffnen, die Bewässerungsgräben )u säubern, damit das befruchtende Wasser im Lauf des Spät­herbstes die Wiesen überrieseln kann. Dankbar wird den Wiesen ifir die im Sommer entnommenen Ernten Dünger aller 9trt zu- jefüfrrt, auf Wagen und in großen und Heinen Fässern, Wagen nit Pferden oder Kühen bespannt, und dabei eine Gcschäftig- |eft, eine Rührigkeit als fürchte man, dieser Tag wäre in diesem derbst der letzte, der solche Arbeit gestatte.

Hier und dort werden auf den Feldern noch Dickwurzel teemtet, die untererdige Kvhlrabe steckt noch, sie kann ohne schaden einige Kältegrade verttagen, auch das Weißkraut und mderes Gemüse steht noch vielfach im Felde.

Auf den braunen und schwarzen oder roten Aeckern grünt licht allzuhäufig die junge Wintersaat. Im allgemeinen ist die Zestellung spät erfolgt, ja man sieht noch da und bort den kaemann mit dem wmßen Leinentuch um die Schultern weit aus-

ttrie fast alle derartige Arbeiten dem Redakteur Holzinger der ,^Lcmdpost" mit dem Auftrage über geb en habe, sie nach ihrer Einreichung bei der zweiten Kammer zu veröffent­lichen und einen Abzug an den Rcdcnteur Wellmann der Franks. Ztg." nach Darmstadt zu senden zusammen mit dem vorher erwähnten Briese. Er habe Holzinger angegeben, daß er am nächsten Tage nach Darmstadt fahren und die Jüterpellation einreichen würde. Dies sei auch geschehen, der Kammerpräsident Haas sei jedoch zufällig nicht da gewesen, und so habe die Zvterpellation erst den Einlauf­stempel des folgenden Tages erhalten. Seine journalistische Ueberzeugung sei, daß die Interpellation ohne weiteres in der Presse veröffentlicht werden dürfte. Köhler fuhr fort: Ich stand unter dem Eindruck, daß

auf eine anonyme Anzeige hin

in dieser Weise gegen ein meiner damaligen Ansicht nach unschuldiges Mädchen vorgegangen wurde. Vielleicht wäre es besser gewesen, das Mädchen nach Gießen zu laden und dort zu untersuchen, als mitten in ihrer Heimatsstadt auf der Bürgermeisterei.

Bors.: Also Sie haben sich von der allgemeinen Er­regung leiten lassen und nähere Erkundigungen nicht für nötig gehalten?

D n g e k l.:

Bors.: Hat jemand zu Ihnen etwas vonMar­tern" gesprochen, denen die Minna Goerlach ausgesetzt gewesen sei?

A n g e k l.: Ich erinnere mich nicht. Aber war die vor­genommene Untersuchung nicht eigentlich eineMartes?

V o r s.: Tie Justiz muß unter Umständen in die in­timsten Verhältnisse ein greifen. Haben Sie sich das nicht gesagt?

Ange kl.: Ich glaube nicht, daß in England so etwas möglich wäre.

V o r s.: Die englische Justiz intereffiert uns hier nicht. (Heiterkeit.) Ich Alaube auch nicht, daß sie in solchen Fällen milder sein würde. Und im allgemeinen steht doch die deuffche Justiz nicht tn schlechtem Rufe. Wußten Sie nicht, daß es einen Beschwerdeweg gibt?

A n g e k l.: Man hielt Minna Goerlach durchweg für unschuldig.

V o r s.: Dann konnten Sie die Sache doch auch in Ruhe aufklären. Statt dessen haben Sie nnt Ihrer Veröffent­lichung nur Oel ins Feuer gegossen.

Ange kl.: Ich bin als Abgeordneter nicht verpflichtet, mit Beschwerden von hinten herum zu gehen wie die Katze um den heißen Brei. Mein Weg geht durch die Kammer und durch das Plenum, 5>ch war erregt als Abgeordneter und wandte mich daher geradewegs an die Kammer. Heute sage ich, daß es unrecht war, so scharf Vvrzugehen.

Hierauf wurde die inkriminierte Veröffentlichung verlesen. Es heißt darin u. a., daß die Minna Goerlach und Frau Goerlachgegen ihren Willen unter der Wucht der grauen­haften Anklage des Kindesmordes durch Drohung und Ueber- redung zur Duldung einer Leibesuntersuchung veranlaßt worden feien". Man habe dann die Minna Goerlach, ob­wohl am Tage darauf ihre Unschuld von ihrem Hausarzt Tr. Schaad konstatiert worden sei, gleich darauf verhaftet und eine zweite Untersuchung durch Professor Pfannen­stiel und Dr. Haberkorn angeordnet, bei dermo- derne Folterwerkzeuge" anscheinend inun­menschlicher Weise angewendet worden seien. Dieses Vorgehen der Staatsbehörde habe den Erfolg ge­habt, daß die weibliche Ehre der Minna Goerlach und ihrer Mutter beschimpft und ihr Lebensglück vernichtet sei. Ferner habe man die Erregung der Bevölkerung von Eberstadt und Umgegend aufs höchste gesteigert uno den letzten Rest von Glauben an öffentliches Recht und Gerechtigkeit zum Absterben gebracht. Die Interpellation schließt dann mit sechs Fragen an die Großh.

schreitend die goldenen Weizenkörner über das braune Erdreich streuen.

Auf den meisten Saatfeldern schlummert nvck die Saat scheinbar. Leicht mit Erde bedeckt schwillt das Saatkorn in dem durchfeuchteten Boden. Dann bricht, jetzt unter den wärmen­den Sonnenstrahlen, der Keim hervor. Vorsickstig hebt er die letzte Bvdenkrume, die ihn noch deckte, in die Höhe und sieht in das helle Sonnenlicht. Soll ich 'mich hervorwvgen? so fragt er sich, und da ist er auch schon heraus. Die Saat spitzt, sagt der Landmann, denn wie tausende weißlich grüner Spitzen heben sich 'die zarten Keime vom dunklen Grunde ab. Nun geht es im alten Weibersommer rasch vorwäns. Tas erste zartgrüne Keimblatt bildet sich und in der Morgenfrühe, wenn die ersten Sotmenstrahlen über die junge Saat leuchten, hat sich jedes Keimblatt mit einem Tautropfen geschmückt, in dem sich das Licht bricht, daß sie funkeln wie Gielsteine.

Die Obstbäume umstehen im weiten Kranze das Dorf. Manche sind schon entlaubt, die Blätter zeigen alle Abstufungen zwischen tiefem Grün und leuchtendem Rot. In der Umgebung des Dorfes weiden noch 'die Rinder, das Geschrei der weißgefiederten Gänse Hingt durch die hellhörige Herbstlust. Auch die Hühner unter­nehmen weite Spaziergänge über die Dorfgrenze hinaus auf die sonnigen Wiesen und picken hier und dort auf, was ihnen befragt.

Mit doppeltem Eifer scheint man heute zu arbeiten. Da fallt mir ein, es ist ja freute Samstag. Da wird bei den Landleuteu immer gefraftet. Die Sfocfre ist beinahe herum. Dies und das muß noch herein, morgen ist Sonntag, da kann nicht geschafft werden, darum flink ihr Mädels, doppelt flink, so flink wie morgen Abend beim Tanz!

Da ist der Grünberger Wartturm. Zur Rechten die Stadt, welche uns neidisch ihre Schönheiten verbirgt. Sie verlangt vom Reisenden, daß er bei ihr einkehrt, bann zeigt sie ihm die lauschigen Gärten, die tiefen grünen Gründe, in denen Quellen rieseln, die grünen steilen Hänge mit Wäldern von Obstbäumen und über den waldigen Höhen Münzenberg.

Wieder nimmt uns der Wald auf. Jeder Mensch weiß ja. daß der Wald jetzt nicht mehr grün ist, daß er braun und rot ist und alle Schattierungen von braun und rot zeigt. Mit dieser Wissenschaft begnügen sich so viele. Man sollte sie gewaltsam hinaustreiben an schönen Herbstsonnentagen, damit sie die ganze Pracht sähen im hellen Sonnenlichte. Manches verhärtete Herz würde weich werden. Wir halten einen Augenblick in Mücke, der Holzvorrat dort ist zusarnrnengeschrnolzen, es werden Rot­eisensteine verladen, überall, auch anderwärts, sieht man An­zeichen, daß die Industrie wieder anfängt, das Haupt hoch zu beben. Die Anzeichen werden nicht trügen, trotz der Brände im Osten. . .

Die Ohm hat uns schon einige Zeit begleitet, letzt wendet

Regierung, unter anberm heißt es in Frage 3: Welche Maßregeln gedenkt die Großh. Regierung zu ergreifen gegen diejenigen Beamten, die die geschilderten empörenden ärzt­lichen Eingriffe angeordnet und ausgeführt haben, die üt der Meinung aller Vorurteilslosen als

Verbrechen gegen die persönliche Freiheit und die allgemeine Sittlichkeit

sich charakterisieren. Köhler verlangt dann eine Anweisung der Regierung an die Staatsanwälte, daß diese anonyme Anzeigen unberücksichtigt lassen sollen und fragt an, warum der Untersuchungsrichter hte Minna Goerlach immer noch in Untersuchungshaft hielt, trotzdemder praktische Arzt Tr. Schwad die gänzliche Schuldlosigkeit als seine wissen­schaftliche Erkenntnis zu beschwören sich erbietet und auch Professor Tr. Pfannenstiel von dcrSchnldMinnaGoei> lachs nicht überzeugt ist."

In einer späteren Berechtigung hat Köhler seine Angabe, daß Pros. Pfannenstiel von der Schuld des Mädchens nicht überzeugt sei, zurückgenommen.

Es wird dann in die Beweisaufnahme ein gen treten, obwohl der Angckla« c die Erklärung abgab, daß er nach Lage der Sache auf jede Zeugenvernehmung ba> Sichte.

Redakteur Holzinger bestätigt, baß er die Inter­pellation in dem Glauben abgedruckt habe, er sei durch § 12 Str.-G.-B. vor jeder Verantwortlichkeit geschützt. Die; Frage eines Beisitzers, ob Köhler sehr temperamentvoll sei, bejaht der Zeuge, doch bezweifelt er auf weiteres Ben fragen, daß Köhler in der Erregung die Fähigkeit verliere, die Verhältnisse llar zu übersehen. Bei der Uebergabe des Manuskripts fei Köhler jedenfalls sehr erregt gewesen und habe gesagt: Denken Sie sich, wenn das Ihrer Frau passierte!

Staatsanwalt Reu ß bekundet, daß das ermordete Kind Anfang April 1904 auf dem Eberstädter Kirchhof gefunden wurde. Zunächst hieß es, baß die Frau des Orts«, pfarrers die Mörderin sein müsse, weil

sie wiederholt in der Gießener Klinik gewesen war und weil die Leute sich manche Vovi

gange, so die zeitweise Unterbringung der Dame in einen Irrenanstalt nicht zu erklären vermochten. Ter Pfarrer stellte jedoch sofort bei der Gießener Staatsanwaltschaft Strafantrag gegen die Urheber dieses Gerüchts und wies durch ein ärztliches Zeugnis nach- daß seine Frau unmöglich als Täterin in Betracht kommen könne. Nach etwa zwei Wochen sei dann eine anonyme Anzeige ein« gelaufen, in der die 39jährige Ehefrau Goerlach und dir 25jährige Tochter Minna Goerlach des Maurermeisters Goerlach als verdächtig bezeichnet wurden. Er, Zeuge, fei daraufhin im Mai nach Eberstadt gereist und habe diese beiden Personen durch einen Kriminalschutzmann auf die Bürgermeisterei bestellt. In 6tegentoart des Beamten und des Geh. Rats Pfannenstiel habe er zunächst die Minna Goerlach gefragt, ob sie glaube, daß die Frau Pfarrer dast Kind umgebracht habe. Das habe sie verneint. Nun habc^ er ihr den gegen sie selbst geäußerten Verdacht vorgehalten, und das speziell mit Rücksicht darauf, weil ihr ganzes Verhalten sie höchst verdächtig erscheinen ließ. Sie fräße' sich sofort nach diesem Vorhalt in Widersprüche verwickelt, auch wiederholt^betont, ihre Eltern seien doch angesehene Leute, sie sei sogar noch ganz keusch usw. Er habe ihr darauf gesagt: Wenn Sie sich unschuldig fühlen, so bitte ich Sie, sich alsbald von dem Herrn Professor untersuchen zu lassen! Sie habe sich nicht mit direkten Worten geweigert, sondern nur gesagt, sie wolle erst ihre Eltern fragen, auch sei sie nicht so angezogen. Man habe ihr jedoch erwidert, was denn ihre Eltern dabei sollten, sie habe doch ein dringendes Interesse an der schleunigen Feststellung ihrer Unschuld, auch fei der Herr Medizinalrat ein älterer Herr, vor dem sie sich nicht zu genieren brauche. Irgend eine

fie sich scharf zur linken, sie sucht ihren Weg in den weiten Kirchhainer Talgrund und ihre Vereinigung mit bey Lahn. Der Zug hält, die Träumereien sind zu Ende. Ich steige aus und bin auf der Station, die den hochHingenden Namen fuhrt Burg und Niedergemünden. Ich sehe an der Sta-, tion ein neuerbautes Haus von absonderlichen Formen das! neueste Gctreidelagerhausder oberhessischen Korn-- Haus-Genossenschaft in Alsfeld. Nicht wett davon steht das Gasthaus, drinnen im Saal in drangvoller Enge sitzen viele Landwirte und andere, die es angebt, und hören gespannt auf den Bericht ihres Vorstandes, der Rechenschaft gibt von seiner Tätigkeit. Die Ergebnisse sind günstig gewesen, sie haben sich weiter gut eMwickelt. Man hofft auf dem richtigen Wege zu sein und alle Anzeichen sprechen dafür. Das GetreidelageS Haus an der Station Burg und Niedergemünden soll heute feierlich eröffnet werden. Noch hämmerts und Hopfts unten und oben. Aber schon liegen Ladungen von Getreide in den Räumen, der Motor ist in Tätigkeit, der Elevator hebt das Getreide spielend in die Höhe, die Arbeit, für die Landwirt­schaft hoffentlich segensreich, beginnt in den Lagerräumen das Unterbringen und Austauschen der Waren, in der Schreibstube die stille Arbeit des Buchhalters.

Der Bericht des Vorstandes ist zu Ende. Die Ausfilhrunaett ließen an Klarheit nichts zu wünschen übrig. Die für die nächste Zeit in Aussicht genommenen und vorgeschlagencn Maßnahmen werden gutgeheißen. Das hier erbaute Lagerhaus ist nicht groß, man geht bei uns sehr vorsichtig zu Werke. Hoffentlich warten unsere etwaigen Gegner vergeblich bei uns auf einen; ganz Heinen Krach'in der genossenschaftlichen Bewegung. Nach der eingehenden Besichttgung des Lagerhauses, das etwa 150 Tonnen Ware aufnehmen kann große Anhäufungen von Ge­treide sollen überhaupt nicht stattffnden zogen sich die Versammetten wieder in den Saal zurück. Bei einem einfachen Essen wurde manch gutes Wort gesprochen. Kreisrat Melior- Alsfeld feierte unseren Landesherrn und fand begeisterten Beifalls der Präsident des Provinzialvereins gratulierte dem Steife Alsfeld, zu den schönen Erfolgen in der Errichtung von S'omfraufem., Denn die Landwirte können nur durch die genossenschaftliche Verwertung ihres Getteidcs und die Beschaffung ihrer Bedaffs- artikel gefördert werden. Tirektor Oehlsen dankte den Be­hörden und all den Landwirten, die ihm treu zur Seite gestanden und den genossenschaftlichen Zusamn'.enschluß der Landwirte ge­fördert haben. Die Mahnung, einig zu fern, schien in dieser Versammlung ganz unnötig. Daß diese Männer treu zur Sache halten, konnte man ihnen von den Gesichtern ablesen. Wir wünschen dem, was im Kreise Alsfeld Zutes in der Kvrnhaus- frage geschaffen ist, weiteren guten Erfolg. Das Beispiel wird wohl auch anderswo gute Früchte zeitigen.