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9.9.1905 Zweites Blatt
 
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und Eheleute.

ttt itbiiMt tat ch geprüfte Lehrerin), >c Sprachen volllouM- ichend, in allen schrisi- Arbeiten gewandt, such 1 tzietzcn

lende Beschäftiguvu.

tdreiien behuis iminöL:.: id)e unter A. 6.47 br.'- crud erbuen. -

Mv. ÄIÄ Ztvertes 155. Jahrgang Samstag N. September 1908

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General-Anzeiger, Amts- und AnZeigehlaLL für den Ureis Gießen.

Bekanntmachung.

<®etr.: Feldberemigung in der Gemarkung Berstadt.

In der Zeit vom 9. bis einschließlich 23. September l. I. liegen in dem Gastwirt Völ belschen Saale zu Ber­stadt die Arbeiten des III. Abschnittes obiger Jeldbereinigung, nämlich

11 Hauptkarten,

2 Bände Zuteilungsverzeichnis,

2 Bände Gütergeschosse,

1 Band Zusammenstellung der Gütergeschosse, da§ Geldausgleichungsverzeichnis über zu viel und zu wenig empfangenen Geländewert,

2 Bände Abschätzungsverzeichnis der Obstbäume, die geschoßweise Zusammenstellung der Obstbäume, sowie das Protokollbuch

Zur Einsicht der Beteiligten offen.

Tagfahrt zur Entgegennahme von Einwendungen hier­gegen und event. Wahl eines Schiedsrichters mebst Stell­vertreter findet daselbst statt:

Montag, den 25. September l. IS., vormittags von 910 Uhr, ^vozn ich die Beteiligten mit dem Anfügen cinlade, daß die Nichterscheinenden mit Einwendungen ausgeschlossen sind. Die Einwendungen sind schriftlich abzufassen und zu be­gründen.

Büdingen, den 6. September 1905.

Der Großherzogliche Feldbereinigunaskommissärr Schnittspahn, RegierungSasseffor.

AauLinienp.äne.

Man schreibt uns:

Eine kleine deutsche Stadt beauftragte einen dortigen Baugcweckschullehrer mit der Schaffung eines generellen Be­bauungsplanes. Der Herr mag in seinem Lehrfache eine ausgezeichnete Kraft sein; der ihm gestellten Aufgabe genügte er nur unvollkommen, denn zur Aufstellung eines städtischen Bebauungsplanes gehört, namentlich bei schwierigem Gelände, mehr. Der Schöpfer eines guten Bauplanes soll Architekt und Ingenieur zugleich sein und vor allem über eine gründ­liche praktische Schulung verfügen. Wäre die genannte Stadt­verwaltung von dieser Erkenntnis ausgegangen, so hätte sie ihren unangenehmen Mißgriff vermieden. ES ist eigentlich kaum zu verstehen, daß es noch immer Magistrate gibt, die von der hohen Bedeutung eines Bauplanes und von der Schwierigkeit seiner Herstellung einen unzureichenden Begriff haben. Denn heute ist es nicht nur die enge Fachpreffe, welche über derartige Fragen diskutiert, sondern sie haben bereits in der Tagespresse vielfache Besprechung von sachver­ständiger Seite gefunden, weil die weitesten Greife daran interessiert sind. Unter dem recht lebendig gewordenen Schlag­wortStädtebau" versteht man eine Unsumme von tech­nischen, wirtschaftlichen und auch ästhetischen Fragen, sodaß man cs hier mit einem außerordentlich empfindlichen Spezial­gebiet zu tun hat, für das sich eine nicht gerade sehr große Reihe von Spezialisten hecausgebildet hat. Wir nennen nur Henrici, Goecke, Sitte usw. Die Idee des modernen Städte­baus hat sogar die höhere Bureaukratie in der erfreulichsten Weise mit sich gerissen, denn je mehr sich die Gemeinden ver- größern, desto öfter kommen die Schädigungen durch mangel­hafte Bebauungspläne zu tage. Schlechte und kurzsichtige Bebauungspläne schädigen den privaten und kommunalen Grundbesitz, die Ortsentwicklung und den öffentlichen Verkehr, abgesehen von den sanitären Nachteilen. Daher ist es zu be­grüßen, daß u. a. das bayrische Ministerium des Innern an sämtliche unterstellten Behörden eine »Entschließung" in Form einer Reihe ausgezeichneter Anregungen ergehen ließ, die ältere Anordnungen korrigiert und durchweg auf dem neuesten Standtpunkt der Städtebaufrage fußt. Vor allem hielt es das Ministerium für nötig, mit dem Begriffe der alten »tun­lichsten Geradeleitung" der Straßcnzüge aufzuräumen. Aus 'dem früherentunlichsten" war ein förmliches Prinzip ge­worden. Heute heißt es:Eine solche Sachbehandlung ent­spricht keineswegs den Absichten der Bauordnung, ist durch­aus unwirtschaftlich und führt zu unnötigen und insofern unverantwortlichen Eingriffen in fremdes Eigentum. Der schablonenhaften Anlage schnurgerader, gleich breiter Straßen wird häufig ganz zwecklos fremder Grund und Boden unter unnötiger, manchmal nur geringfügiger Anschneidung gut­gebauter Häuser geopfert". DaS Ministerium weist auf die hervorragende wirtschaftliche und schönheitliche Bedeutung der Baulinienführung ausdrücklichst hin, und wie an einer wohl­bedachten und weitausschauenden Anlage dieser Pläne die öffentliche Wohlfahrt in hohem Maße interessiert ist. Sie weist auf die unendliche Vielgestaltigkeit der Bedürfniffe hin, welche unbedingt fordert, daß mit dem hergebrachten geo­metrischen Schematismus der Straßenlegung gründlich ge­brochen wird und möglichste Freiheit im einzelnen waltet, baß gebührende Rücksicht genommen wird auf die Grundbesitz- und Grenzverhältnisse, die Gestaltung und Verwertung der Baublöcke, auf die wachsenden Bedürf­niffe gesunden Wohnens, die Erleichterung des Er­werbslebens, der Entwicklung der Industrie, auf den Verkehr und deffen voraussichtliche künftige Gestaltung nament­lich bei Straßenkreuzungen, Brückenköpfen, Bahnhofplätzen ti. dergl., wie weiter zu achten ist aus die natürliche Be­schaffenheit des Geländes, die umgebende Landschaft, charak­teristische Höhenunterichiede, Wasserläufe, Baumbestände, auf Alima, Winde, Besonnung,Fernblicke,Perspektiven, auf Schonung «reizvoller Straßenzüge und Plätze, die Geschlossenheit der Straßen- und Platzbilder, auf ortsübliche Bau- und Wohn- oeife, monumentale oder sonst interessante Gebäude, auf künf­

tige Bedürfniffe an öffentlichen Gebäuden, Anlagen, grünen Erholungsstätten, Kinderspielplätzen mit Ruhebänken, Brunnen u. s. w. Ans diesen Aufzählungen geht von selbst hervor, daß die wichtige und schwere Frage der Schaffung guter Stadtbebauungsplane nur von solchen Kräften gelöst werden kann, welche in den Fragen des Städtebaues besondere Schulung und Erfahrung besitzen, von Sachverständigen, die nicht bloß eine besondere technische Schulung für die Straßen- führung, die bauliche AuSnützung und entsprechende Aus­gleichung der angrenzenden Bauplätze besitzen, sondern auch Blick und Verständnis für die Bedürfniffe deS örtlichen Ver­kehrs, des Erwerbslebens und der Industrie heute und zu­künftig. Solche vielseitige Sachverständige kosten allerdings mehr Geld als ein beliebiger technischer Beamter am Orte. Es ist aber nicht zu vergeffen, daß die Auslagen durch ander­weitige Ersparungen und späteren glatten Vollzug weit aus­gewogen werden. Wer die nicht unerheblichen Kosten für einenpgutcn Baulinienplan scheut, muß das später sicher ein­mal an anderer Stelle vielfach mehr bezahlen. Auf keinen Fall sollte man wenigstens die Ueberprüfung durch eine Autorität versäumen.______________

lieber die blutigen Unruhen in Baku wird nun offiziös mitgcteiit, daß den Anlaß zu den Re- vollen der Generalstreik der Angestellten der Straßenbahn gab. Die Armenier, als russische Sol­daten verkleidet, übersielen die Streikenden (Tataren und Russen) und schossen sie nieder. Bis jetzt sind 300 Bohrtürme abgebrannt. Momentan brennt die Vorstadt Tschernygorod, wobei die Armenier die Feuerwehr am Löschen hindern. Es kam zu Zusanrmenstößen mit dem Militär, wobei 5 2 Personen getötet und 50 ver­wundet wurden.

Nach Privattelegrammen aus Baku ist das dortige Arsenal in die Lust gesprengt worden. Am Mitt­woch nachmittag wurde der Friede zwischen Ar­meniern und Tataren ausgerufen. Die Bahngebiete brennen aber weiter. Der Schaden, der bei den Un­ruhen an den Regierungsgebäuden und dem Regierungs- eigentum angerichtet wurde, beläuft sich auf 500 Mill. Rubel. Ebenso hoch wird der an Privateigentum an gerichtete Schaden geschätzt. Etwa 100 000 Arbeiter sind infolge der Feuersbrunst brotlos geworden. Mau schätzt die Zahl der bet den Unruheck Getöteten und Verwundeten auf mehrere Tausend. Die Petroleumindustrie liegt voll­ständig darnieder. 'Mch ausländisches Kapital ist schwer ge­schädigt.

Im Pariser Bureau der Firma Nobel trafen Depeschen aus Baku ein, wonach 60 vom Hundert aller Gruben ver­loren sind. Kein armenischer Angestellter oder Arbeiter ist zu halten. Sie entfliehen unter Zurücklassung ihrer Habe, um den Massakres zu entgehen, deren Urheber sich auf öffentlichen Plätzen ihrer an Frauen und Kindern be­gangenen Meueltaten rühmen.

In der Umgebung von Schuscha kam es ebenfalls zu blutigen Unruhen, wobei 200 Personen erschossen und verwundet wurden. Auch in dem Städtchen Gwangsti im Gouvernement Kutais entstanden Streitigkeiten zwischen Armeniern und Tataren. Ueber die Zahl der Opfer fehlen bisher nähere Angaben.

Der Kommandant in Schuscha telegraphierte, Ruhe und Sicherheit seien in Schuscha gewährleistet; wirksame Maß­regeln seien ergriffen worden, um auch die Bevölkerung in den anderen Bezirken zur Ruhe zu bringen, und sollen zur Kenntnis der erwählten Ortsvcrtreter gebracht werden.

In mehreren Dörfern der Provinz E l i s a b e t p o l ist die Bevölkerung zum Teil niedergemetzelt, zum Teil verjagt worden. Viele Häuser werden geplündert und dann angezündet; andere Dörfer sind von bewaffneten Tataren­banden umzingelt.

Ter Pariser Berichterstatter derMorning Post" über­mittelt seinem Blatte Privatnachrichten aus dem Kaukasus, welche einer franz. Naphtagesellschait zugegangen sind. Nach diesen Berichten, die von französischen Augenzeugen der Greueltaten versaßt wurden, hätten die Armenier im Kaukasus sich gegenseitig ums Leben gebracht, um den furchtbaren Grausamkeiten der muhame- danischen Bevölkerung zu entgehen. (??)

In Petersburg verlautetauS bestunterrichteter Seite", daß keinerlei Amnestie für politische Verbrechen erfolgen werde. Die Errichtung eines Polizeiministeriums steht umuittelbar bevor.

In einer Rigaer Vorstadtbackerei expl odierte eine von imbekannten Tätern geworfene Bombe, ohne jedoch größeren Schaden anzurichten.

Aus Wien sowie aus Bukarest wird übereinstimmend ge­meldet, daß die Unruhen in Ki schinew am Montag und Dienstag viel schlimmer waren, als das russische Beamtentum dem Auslande gegenüber zugibt. Die Volksmenge plünderte, vernichtete und brannte das Eigentum der Juden nieder. Zahlreiche Juden wurden auf der Straße niederge­metzelt. Die Zahl der Verwundeten wird mit ungefähr 500 beziffert.

Der Äufrutzr in Japan.

Die japanische Regierung, die sonst Die Volksseele ver­steht, hat einen schlimmen Fehler gemacht, daß sie nicht beizeiten dafür sorgte, die übermäßig hochgestimmten Er­wartungen der Ernte des Krieges allmählich hcrabzustim- men. Nicht nur die gesamte japanische Presse hatte den Wahn verbreitet und genährt, daß Japan von dem besiegten Feinde fordern könne, was es wolle,die Sterne vom Himmel" auch «Äaatsmänner und Friedensunterhändler schlugen diesen kategorischen Ton an. Wenn Rußland viel mehr bewilligt hätte, es wäre immer noch zu wenig ge­wesen. Die Kriegsentschädigung aber, das lvar eine als so sicher und' schon halb zugestanden betrachtete For­derung, daß ihr völliger Ausfall die empfindlichste Ent­täuschung Hervorrufen mußte. Daß das Zarenreich um die Kriegsentschädigung durch den meisterhaften Schachzug des letzten Wortes" in Verbindung mit der neuen Mobilmach­ung herumkam, überraschte alle Welt, überraschte Herrn

v. Witte und die Petersburger Regierungskreise. In Jchxur gesellte sich zu der Ueberraschung noch die zum Grinrmj reizende Gewißheit, einer List ins Garn gegangen zu sein. Man muß sich die Wirkung etwa an dem Beispiel auS deut täglichen Leben vorstellen, daß jemand ein Grundstück nach langem Hin- und H'rhanoeln verkauft hat. Gleich nach Unterzeichnung des Vertrages bemerkt lächelnd der Käufer: Hätten Sie hunderttausend Mark mehr verlangt, so hätte ich sie auch hergegeben, denn ich habe einen neuen Käufer mit zweimalhunderttausend Mark Nutzen! Es fragt sich, was unter solchen Umständen bitterer empfunden tvird: der entgangene Gewinn oder die überlegene Klugheit deK Anderen.

Vielleicht schmerzt die Japaner, die sich für das intelli­genteste Volk auf Erden holten und speziell auf die Ge­schäftstüchtigkeit der Unterhändler fest vertrauten, das Letztere am' meisten. Jede an den Mikado gerichtete, seine Weisheit und Mäßigung lobende Depesche mußte Oel ins Feuer gießen. Mannhafte freiwillig auf etwas verzichtet, was mau mit Ausübung eines ebenso starken oder noch stärkeren Druckes hätte erlangen können. Und daß Witte und Graf Lambsdorff in ihren Berichten an den Zaren triumphierend von einer Annahme der russischen Beding- nngen sprachen, als ob Rußland, und nicht Japan, die lange Reihe glänzender Kriegserfolge hinter sich habe, das füllte das Maß des Zornes und der Enttäuschung bis zum Rande. Märe in Japan vorher die Frage gestellt worden: Sollen wir aus Kriegsentschädigung verzichten und uns mit halb Sachalin begnügen, oder sollen in einem furcht­baren, unabsehbaren .Kriege Japans Söhne bluten? dann hätte vielleicht das Volk geantwortet: es ist genug des Krieges. Statt dessen wurde die Nation vor die vollzogene Tatsache gestellt.

Aus Berlin wird uns geschrieben:

In den Kreisen der japanischen Gesandtschaft in Berlin wird, ebenso wie während des Krieges, im Urteil über die Unruhen die größte Zurückhaltung beobachtet. Man will nicht mehr von den Unruhen wissen, als in den Blättern zu lesen steht. Mau ist der Hoffnung, daß die Bewegung bald zur Ruhe gebracht sein werde. Desto lebhafter, rückhaltloser äußern sich die Mitglieder ber japanischen Kolonie.

Dieser Fr i e d enss chl u ß", so sagte uns ein Japaner, hat uns wie ein D o n u e r s ch l a g getroffen! Das kann kein dauernder Friede sein, oder unser Volk urüßte einen ihm angetanen Schimpf vergessen können! Unsere Unterhändler sind übers Ohr geschlagen worden, sie haben es an Vor­sicht gegen einen so gewandten Gegner fehl en lassen. DaSist sicherlich eine falsche Annahme, oder eine geflissentlich verbreitete Behauptung, daß die ungebildete Masse den Aufruhr anaezettclt habe. Der Schmerz und die Enttäuschung der Gebil­deten können unmöglich geringer sein. Wenn nicht eine all­gemeine Erhebung erfolgt, obwohl augenblicklich gar nicht ab- zuschätzm ist, welchen Umfang die Bewegung gewinnt, so wäre das nur zu danken der tief im Volk wurzelnden Tr eue gegen ben Herrscher. Das ist der einzige feste Wall gegen die Sturmflut. Bräche auch der, dann allerdings würde kein Halten mehr sein, und wir hätten die Wiederholung der russischen stände, vielleicht noch in schlimmeren Füormen . . . Wir sind nicht nur von den Russen dü­piert, wir sind es, um die Blamage vollständig zu machen/ auch von den Engländern? Das ist doch mit Händen zu greifen, daß das erweiterte Bündnis die Japaner zu un­bezahlten Söldnern ftir Indien macht. England dagegen, an dem wir im Kriege nur einen Kontrolleur seiner Interessen gehabt haben, gewährt uns nichts, was wir nicht allein besitzen und allein halten können."

TieNordd. Ällg. Ztg." begnügt sich mit der Fest­stellung, daß die Vorgänge einenerheblichen Umfang an­genommen" haben, ohne ein Wort über den Schutz der Deutschen in Tokio hinzuzufugen. DemLokalanz." bleibt die Mitteilung überlassen, das; nach den an amtlicher Stelle eingegangenen Meldungen bisher kein einziger Frem­der in Tokio tätlich angegriffen worden sei.

Dagegen wurde eine russische und eine französi­sche Kapelle, sowie ein japanischer Tempel von der erregten Volksmenge attackiert.

Nach einem bem franz. Ministerium! des Aeußern zu­gegangenen Telegramm aus Tokio wird die dortige fran­zösische Gesandtschaft von 80 Soldaten bewacht. Die Sicher­heit der Mitglieder der Gesandtschaft sei in keiner Weise gefährdet. Auch zum Schutz der französisch-religiösen :- stalten werden Vorkehrungen getroffen.

Reuters Bureau verbreitet folgenden Bericht:

Tokio, 6. Sept. Abends. Unt 9 Uhr 30 Min. gelangten die Unruhen in der inneren Stadt wieder zum 2lusbruch. Bei Einbruch der ersten Dunkelheit füllten sich die Straßen. Die Unruhen begannen in ber Nähe des Wohnsitzes des Ministers des Innern. Die Volksmenge machte den Versuch, das Gebäude in Brand zu stecken. Ein wildes Handgemenge entspann sich mit den Wachmannschaften. Inzwischen sammelten sich Volks- hausen in drohender Haltung in der Nachbarschaft des Haupt­quartiers der hauptstädtischen Polizei, wagten jedoch keinen An­griff auf dieses Gebäude, da sie durch die Anwesenheit einer starken Polizeimacht in Schach gehalten wurden. Die mitten durch die Volksmassen fahrenden Straßenbahnwagen er­regten den Unwillen des Volles. Es eröffnete einen Angriff auf sie, vertrieb die Passagiere und Wagenführer und begann die Wagen zu zerstören. Zehn große Wagen wurden in Brand gesetzt und schleunigst zerstört. Ein anderer Tumult fand in dem Kandaviertel statt, wo auch Feuer angelegt wurde, doch war es unmöglich, den Schauplatz dieser Un­ruhen zu erreichen, um Einzelheiten zu erfahren, da die Straßen durch Volksmassen gesperrt mären, die eine drohende Haltung gegen die Polizei annahmen. Nachdem die Straßenpatrouillen zurückgezogen und die Polizei an besonders gefährdeten Punkten konzentriert worden war, blieben die Straßen unbesck'ützt und das unruhige Element erhielt freie Hand, doch verhielt sich die Menge ruhiger, sobald keine Ge­fahr seitens der Polizei drohte. Verhaftet wurden ins­gesamt etwa 800 Personen, die meisten unter ber Anklage von Zusammenrottung, Slufreizung unb Gewalttätigkeit. Die Ver­einigung der Abvokaten beschloß, alleVerhafteten u m- o n ft zu verteidigen. Sechs während ber Unruhen erfolgte Verletzungen sind bekannt geworden. Man erwartet, daß gemäß bem Beschluß bes heutigen Minisierrates Militärgewalt requiriert wird, um unter dem -vtandrecht die Ordnung in der Stadt aufrecht zu erhalten.

Ferner liegen uns folgende Meldungen des W. T.-B. vor: