Ein „Simplizisfimu8"-Prozeß.
Köln, 8. Aua.
Die den Pastorenkampf gegen den „Simplizissimus^ ironisierende Nummer dieses Blattes enthält eine Zeichnung von Franz Rczniccck, die einen nur mit einem Hemde beriet beten Manne darsrcllt. Er ist im Begriffe, a»is einem Bette zu schlupfen, wo eine in gleicher Weife gekleidete weibliche Person liegt, die ängstlich nach einem eben das Zimmer betretenden Manne hm- schaut. Das Bild trägt die Unterschrift: „Um Golleswillrn, mein MannTun Sie, als ob Sie mich nicht kennen!" Das Blatt hat der vrotestantische Pfarrer W e n d l a n d in einer hiesigen Buchhandlung gesehen. Er kaufte ein Exemplar und denunzierte den Buchhändler bei der Staatsanwaltschaft wegen Vertriebs unzüchtiger Schriften. Zunächst wurde versucht, den „-Limpli- zissimus" au feinem Erscheinungsorte Stuttgart zu belangen. Tie Stuttgarter Staatsanwaltschaft meinte jedoch, eine Anklage fei zwecklos, weil bei den dortigen Gcricbt^vcrhältnissen keine Hoffnung auf Verurteilung de Delingnenteii bestehe. Die Kölner Behörde aber verklagte deii Buchhändler gemäß § 184 Absah 4 des ^trcn- gesehbuches. 9(b: einziger Zeuge war in der Strafkammer-Verhandlung der Pastor Wendland erschienen, der bet seiner Vernehmung zunächst seiner Entrüstung im besonderen Ausdruck ver- lieh und 11. n. behauptete: Der „Simplizissimus" sei em Blatt, von dem sich jeder Mcnich mit Entrüstung abwenden 'nusse.^ -ter Staatsanwalt meinte, die Tat des Angeklagten fei 150 Mk. Ltrafc wert. Der Verteidiger vertrat die Aufsasiung, daß im vorliegenden Falle weder in objektiver Hinsicht eine unzüchtige Schrift vorliege, noch subjektiv dem Angeklagten das Bewußtsein innegewohnt habe, eine derartige Schrift seilznhalten, da es sich um ein Kunstwerk handele, das unangefochten in tausenden von Exemplaren verbreitet werde und bei Abertausenden keinen Anstoß erregt habe. Ter Angeklagte wurde f r e i g e s p r o ch e n, weil das subjektive Moment nicht ngchgewiesen sei. 3^-^
Herichlslaat,
Glogau, 8. Ang. Wie die „Niederschl. Ztg." meldet, hat Gras Pückler gegen die Ablehnung seines Hastentlaffnngs- antrageS durch das Gericht eine B e s ch w c r d e eingereicht, welche aber gleichfalls v e r w o r s e n wurde.
Arbeiterbewegung.
B o ch u m, 8. Aug. Die Sechserkommijsion der B a u a r b e i t e r hatte für heule eine Sitzung zur Besprechung der allgemeinen Lage, entgegen dem Dementi des Arbeitgeberbundes wurde fest- gestellt, daß im Bochumer Bezirk bisher 7 Baufirmen, welche ca. 180 Arbeiter beschäftigen, den Tarif anerkannt haben. Bei einer Baufirma sind 120 Bauarbeiter in Kündigung und auf zwei Bausteben sind ca. 80 Arbeiter in Ausstand getreten.
Gera, 8. Aug. Gestern abend tagten hier zwei vom Textil- Ärbeiterver bände einberufene Versammlungen. Die Stimmung war g e d r ü ck t. Die sozialistischen Redner hielten sich in großer Reserve und teilten mit, daß in Meerane und Glauchau da? E i u i g u u g S a m t angerufen werden solle. Es ist Hoffnung vorhanden, daß eine Einigung zustande kommt, zumal auch der Vertreter des sozialistischen Tertil-Arbeiterverbandes sich b c - reit erklärt hat, aus die T e i l u a h m e a n d e n V e r Handlungen der Arbeiter mit d e n A r b e i t g e b e r n zu verzichten. Dadurch hat die S i t u a t i o u a n S ch ä r f e bedeutend verloren und der Hauptgrund kür die Aussperrung kommt in Wegsall. Einige Färber sind in hiesigen Färbereien bereits wieder eingestellt worden. — Die Regierung von Neuß j. L. hat sich int Prinzip bereit erklärt, eine Einigung zwischen den Arbeit-
geberu und Arbeitern zu v e r s u ch e n.
* Heine Tageschronik. Am 8. b. M. überstürzte sich bei der Fahrt über den Wolfratshausener Berg tn Oberbavern ein Automobil, das von seinem Besitzer, dem Geh. Med. Rat Professor D r. B u m m - Berlin gelenkt wurde. Geheimrat Dumm erlitt anscheinend schwere Verletzungen. Sein Reffe sowie der Chauffeur Wieben unverletzt. — Auf der Landstraße bei T r o v p a u wurden zwei S o l bat en vom Blitze getötet, ein dritter schwer verletzt. — In Weimar wurde Frau Oberleutnant .Horrocks im Schlafzimmer ihrer Villa tot aufgefimd'ii Es liegt Leuchtgas-Vergiftung vor Zweifelhaft ist, ob Selbstmord oder llnglücksfall anzu- uehmen ist. Die Fran lebte von ihrem Manne getrennt. — In Koblenz verhaftete die Polizei einen Menschen von 18 Jahren wegen Leichenfledderei. Sie glaubt, in dem jungen Menschen den schon lange gesuchten B i e bri cher R a u b m ö rd e r gesuuden zu haben. - Der verstorbene Direktor der Mannheimer Motorwagensabrik von Benz, Ganz, vermachte dem hiesigen Dr. Julian Mmckusc 20 000 Mark als Fonds zur Bekämpfung der Tuberkulose. — Wie die nähere Untersuchung ergab, nnirbe bei dem Zusammenstöße der Baucrnbur- sch en mit Militär in Eger in Ungarn nur ein Bursche erschossen: auch die Zahl der Verwundeten ist geringer, als zuerst angegeben wurde. — Um Mitternacht wurde in R e n pest gegen die Schiffswerft Danubius und gegen die Lederfabrik von
Mautner, wahrscheinlich von entlassenen Arbeitern, atoct Dh- namitbomben geworfen, die geringen Materialschaden anrichteten — In der Apotheke zu Brod fand eme Cr Dio Hou httt Der Apotheker wurde getötet und das -aboratormm vollständig zertrümmert. — In Rewhork kam es in dem chinesischen Theater zwischen zwei Gesellschaften zu emem Streit, in dessen Verlauf zu Revolvern gegriffen wurde^ Drei Chinesen wurden getötet und 20 verletzt, lieber 30 Verhaftungen wurden vorgenommen. In dem Chinesenviertel herrscht giW.c Aufregung.
Kande' und Bcrkesir. Volkswirtschaft.
Berliner Börse vom 8. August 1905.
(Mitgeteilt von der Bank für Handel und Industrie, Gießen.)
Privat-Diskont 2 Prozent. ,, ,
Anfangs- u. Schlußkurse.
Oest. Kredit . . . ♦ 211.40
Deutsche Bank . . . 243.50
Darmstädter Bank . . 140.10
Bochumer Guß . . . 249.00
Harpener Bergbau . . 220.50
Tendenz: fest.
211.60
243.00
146.37
249.25
221.25
Erz-Kuxe.
Fernie. Angebot 3900, Nachfrage —. Ausbeuten und Zu- büßen 1903: 225; 1904: 300.
Märkte.
th. Gießen, 8. Aug. Unsere V i e h m ä r k t e für das kommende Jahr sind folgendermaßen festgesetzt: Ianiiar: 9. und 10., 23. und 24., Februar: 6. imb 7., 20. und 21., März: 13. und 14., 27. und 28., am 28. März auch Frühjahrs-Pferdemarkt, April: 24. und 25., Mai: 8. und 9., 22. und 23., Juni: 19. und 20., Juli: 3. und 4„ 17. und 18., 31., August: 1., 14. und 15., 28. und 29., September: 10. und 11., am 11. September gleichzeitig Herbst- Pferdemarkt, 25. und 26., Oktober 9. und 10., 23. und 24., November: 13. und 14., 27. und 28., Dezember: 11. und 12. Am ersten Markttage werden Milchkühe, Fettvieh und Kälber gehandelt, der darauf folgende Mackttag ist zum Handel mit Fahrochsen und Schweinen bestimmt. Vom Monat März an findet an jedem zweiten Markttage auch ein Krämer markt statt.
H Kirchhain, 8. Aug. Auf dem heutigen V i e b m a r k t belief sich der 9(uflricb an Rindvieh auf etwa 400 Stück. Der Handel war bei steigenden Preisen recht flott. Auf dem Schweiue- markt betrug die Zufuhr etwa 800 Stück. Es kosteten 4 bis 4 Wochen alte Ferkel 30 bis 40 Mk., ältere 60 bis 80 Mk. und Schlaehtsauen 100 bis 130 Mk. per Paar je nach Größe und Qualität. ,
fc. Frankfurt a. M., 8. Aug. Heu- und Strohmarkt. Man notierte: Heu, Mk. 3.00 bis Mk. 3.70, Stroh Mk. 2.00 bis Mk. 2 30. Alles per 50 Kilo. Tendenz: fest.
fr. Frankfurt a. M., 9. Aug. (Telegr. Orig.-Bericht des „Gieß. Anz."s. Amtliche Notierungen der heutigen Viehmarktpreise. Z»nn Verkaiise standen: 000 Ochsen, 000 aus Oestreich, 0 Bullen, 0 aus Oestreich, 000 Kühe, Fersen, Stiere und Rinder 0 aus Oestreich, 119 Kälber, 000 Schafe und Hammel, 958 Schweine, 0 Ziegen, o Ziegen-, 0 Cchaflämmer. Bezahlt wurde für 100 Pfund Schlachtgewicht: Ochsen 1. Qualität 75—80 Mk., 2. Qual 68—70 Mk., 3. Qual. 64—66Mk.; Biillen l.Qiral. 63 bis 65 Mk.. 2. Qual. 60—63 Mk.; Kühe 1. Qual. 70—72 Mk., 2. Qual. 64—66 Mk., 3. Qual. 50—52 Mk, 4. Qual. 47—49 Mk., 5. Qual. 00—00Mk. Kälber: 1. Qual. 83—87Pfg., Lebendgewicht 45—48 Pf., 2. Qual. 75—80 Pfg., Lebendgewicht 44—47 Pfg., 3. Qual 00—00 Pfg., Schlachtgewicht 60—63 Pfg., Schafe: 1. Qual. 72—74, 2. Qual. 64—66 Pfg., 3. Qual. 00—00 Pfg.; Schweine 1. Qual. 73—00 Pfg., Lebendgew. 74.50 Pfg., 2. Qual. 73 Pfg., Lebendgewicht 57.00—00" Pfg., 3. Qual. 66—68 Pfg., Lebendgewicht 00—00 Pfg. Geschäft gut, kein Ueberstand.
Gießener landwirtschaftlicher Wetterdienst.
Voraussichtliche Witterung in Hessen für Donnerstag, 10. August 1905: Zeitweise wolkig, zunächst wärmer, später Abkühlung. Vielfach Gewitter.
Näheres durch die Gießener Wetterkarte.
Kriginal-pralitmesdungen.
Berlin, 9. Aug. In 26 Volksversammlung, die von den Sozialdemokraten einberufen worden waren, wurde die Fleischnot besprochen und überall eine gleichlautende Protestresolution angenommen, in der unbeschränkte Einfuhr fremden Schachtviehs gefordert wird.
Spremberg, 9. Aug. Der vom Dienst suspendierte Stationsbeamte litt keineswegs an Dienst- überbürdung. Er war bei Eintritt des Unglücks kaum zwei Stunden im Dienst. Stullguß war vier Jahre au seinem Posten.
Spremberg, 9. Aug. Die Aufregung auf dem
Bahnhofe ist noch im Steigen begriffen. AuS allen Ortest treffen Depeschen ein mit der Anfrage, ob dieser oder jener unter den Opfern der Katastrophe sich besinde. Die getöteten Eisenbahner sind durchweg verheiratet und Familienväter. Ucber die Schuldfrage' wird amtlicherseits Still- chweigen beobachtet. Die Ursache scheint ein Miß.
Verständnis in der telegraphischen Korrespondenz zwischen den Stationen Schleife und Spremberg gewesen zu sein. Soweit der äußere Eindruck geht, scheint man in den Kreisen der Vorgesetzten der Meinung bcizupstichten, daß eine gjobe Fahrlässigkeit das Unglück verschuldet hat. Mit Fackel- licht wurde die ganze Nacht hindurch gearbeitet. Die neunjährige Tochter des Vuffetiers am Görlitzer WilhelmStheater wurde mährend der Katastrophe durch daS offene Fenster eines Abteils 3. Klaffe aufs Feld geschleudert und blieb unverletzt.
Bochum, 9. Aug. In der Vorstandssitzung des Knapp- schaftSvereinS wurde mitgeteilt, daß der letzte Bergarbeiterstreik einen Verlust an Beiträgen im Betrage von 1 7 00 000 Mk. brachte.
Nakel, 9. Aug. In dem Dorfe Marzenin erkrankte eine sechSköpsige Arbeiterfamilie an Pilzvergiftung. Vor dem Eintreffen der ärztlichen Hilfe starben fünf Personen.
London, 9. August. Ein Korrespondent des „Daily Telegraph", welcher mit Witte nach Portsmouth reifte, übermittelt seinem Blatte eine längere Darlegung der russischen Ansichten über die Friedensfrage. Er führt aus, Rußland lehne entschieden die Zahlung einer Kriegsentschädigung ab, ebenso die Abtretung irgend welchen russischen Gebietes einschließlich Sachalins.
Eow eS, 8. Aug. (Reuter.) Tie beiden Flotten machten zahlreiche gegenseitige Besuche. Am Nachmittag sand ein Gartenfest statt. Am Abend luden die englischen Matrosen die französischen Schiffe zum Diner. Die französischen Admiräle und Kapitäne dinierten auf der Admiralitätsjacht. Auf dem „Jauröguiberry" fand am Abend großer Ball statt.
Portsmouth (New Hampshire), 8. Aug. Der r u s s i - s ch e Friedensdelegierte v. Rosen und die javanischen Telegierten trafen heute hier ein. Sie fuhren nach dem Marinearsenal, wo sie vom K'ontreadmiral Mead nebst dessen Stab begrüßt wurden. Den Bevollmächtigten wurden Zimmer im Marinevorratsgebäude zugewiesen. Mead erteilte die strengsten Weisungen zur Sicherung vollständiger Geheimhaltung der Beratungen der Bevollmächtigten. Ten Delegierten wurde ein Frühstück gegeben, bei dem die amerikanischen Offiziere mit ihren Gattinnen zugegen waren. — Minister Witte erklärte in einem Interview, er sei mehr als je von dem Wunsche beseelt, alles in seiner Macht liegende zu tun. um den Friedensschluß herbeizuführen. Llbcr alles werde davon abhängen, was die Javaner erwarteten zu erlangen. Er werde indessen nichts unversucht lassen, um das gewünschte Ziel zu erreichen. Im Falle des Fehlschlagens werde die Welt das Urteil darüber fällen, wen die Verantwortung treffe.
Telephonischer Kursbericht.
Frnnl
3Ve°/o Reiohfmnleiho . « 101.25
8n/o do. ... 90.30
3’/,°/o Konsole .... 101.25 flo/o do 90.30 8Ve% Hessen .... 100.60 3* */,% Oberhessen . . . 99.50 4 % Oosterr. Goldrente . . 101.75 4’/b% Oosterr. Silborronlo . 101.30 4% Unpar. Goldrente, . . 97.80 4°/o Italien. Bente . . . 106.45 4% Portugieser I , . . 68.00 3°/ Portugiesen. III . . 68.05 1% Unif. Türken . . . 89.30 Türkenloso ..... 134.40 4% Orieoh. Monopol.-Anl. 55.50 4*/,% äussere Argentiner . 97.—
Tendenz: E
Jurt a. H., 9. August 1905.
3°/0 Mexikaner .... 68.70 4,/gn/n Chinesen . . . . 96.60 Electric. Sohnckert . . . 138 10 Nordd. Lloyd . . . . 133.40
Kreditaktien . . . . . 211 20 Diskonto-Kommandit. . . 194.20 DarmstRdter Bank . . . 146.30 Dresdener Bank . . . . 161 60 Berliner TTandelsgei . . 171 40 Oosterr. Staatsbahn . . . 1-14 60 Lombarden 18.70 Gotthardbahn .... —.— Lanrah litte 262.50 Bochum 251.00 Harpener 221 90
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Gießen, am 2. August 1905.
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