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9.8.1905 Zweites Blatt
 
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. Meld, unter 4149 an, ;ner Anzeiger erbeten^

Zweites Blatt

155. Jahrgang

Nr. 185

Mittwoch 9. August 1905

Nsicheim LyU- mtl Ausnahme des Sonntag».

Die ,Sietzrnrr AmnNiendlätter- werden dem -Hn^eiget viermal chentltch beigelegt. Der ptylPldji La»-wK1- ersthetnl monaMch einmal.

Gießener Anzeiger

fftotnttonSbrud and B erlog bet Srühtlch« UntocrfU&tSbruciereL 8L Eonge, Dietz«.

Redaktion, Expedition a. Druckerei: Schulst».t, Del. ütL 5L Xelegr^eUnt.4 Au-eig« Dietz«.

General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Ließen.

Der französisch« Itottcnbesnch in England.

Alls CoweS, 7, August, wird gemeldet:

Am Abend waren gestern der französ. Admiral Caillard und die höheren französ. Offiziere zu einem von dem König Eduard an Bord der königlichen Jacht ver­anstalteten Diner geladen, an dem auch die königliche Fa­milie und der franzöfische Botschafter teilnahmen. Der von König Eduard ausgebrachte Trinkspruch lautet wie folgt:

Ich hoffe, daß der Besuch in den englischen Gewässern die Freundschaft zwischen unseren beiden Ländern noch enger k n ü p s c n ivird. Ich bin überzeugt, daß der hauptsächlichste Ge­winn aus der Aufrechterhaltung des Friedens beruhen wird. Es ist zu wünschen, daß die guten Beziehungen, die zwischen den beiden so eng benachbarten Völkern bestehen, fortdauern und sich v e r st ä r k e n werden. Ich trinke auf die Gesundheit des Präsidenten der Republik und wünsche zu gleicher Zeit der französischen Flotte eine g l ü cf liche Entwickln« g."

In seiner Antwort auf die Ansprache des Königs sagte der franz. Botschafter, die Worte des Königs würden auf alle Franzosen tiefen Eindruck machen, aber keine Ueberraschung verursachen in Anbetracht der lang be­kannten Gefühle des Königs gegen die fran­zösische Nation und des vorherrschenden Einflusses, den der König bei der Herbeiführung der englisch-frern- zösischen Annäherung ausgeübt habe und der nie­mals vergessen werden sollte. Der Botschafter widmete seinen Trinkspruch dem König und der königlichen Familie.

Admiral Caillard dankte dem König im Namen der Flotte für seine Wünsche. Eine herzliche Aufnahme sei den Franzosen sicher gewesen. Dieselben warmen Bandle herzlicher Sympathie, wie sie der Zusammenkunft in Brest ihr Gepräge gaben, bezeichneten auch das Zu- sammentreftcn mit der Kanalflotte. Nichts werde jemals die liebgewordene Erinnerung an die Zusammenkünfte der englischen und ftanzösischen Flotte aus dem Gedächtnis «uslöschen.

König Eduard überreichte nach Beendigung des Diners CaiNard die Halskette des Großkordons des heiligen Michael. Eine große Anzahl Neugieriger war mittelst Sonderzuges aus allen Teilen Englands erngetroffen, um die Illumina­tion der französischen Schiffe zu besichtigen. Dieses farben­prächtige Schauspiel fand den Beifall der gesamten Zu­schauer. .

Jur königlichen Theater in Portsmouth wurde Bet Be­ginn der Vorstellung die französische und englische National­hymne gespielt, was Anlaß zu lebhaften Kundgebungen des Publikums gab.

Aon der Ariedenskonferenz.

Aus Newcastle wird vom 8. August gemeldet: Mi­nister v. Witte ist mit dem Gesandten Pokotilow um V2I2 Uhr abends aus dem Bahnhofe in Portsmouth eingetrofsen, wo er von dem Sekretär des Staiatsgouverneurs begrüßt wurde. Er bestieg sofort ein Automobil, auf dessen Rücksitz zwei Geheimpolizisten Platz nahmen, und ftlhr nach dem Hotel Wentwortb, wo ihn die 500 Sommergäste des Hotels in eleganter Abendtoilette auf der Veranda erwarteten. Bei den heutigen Zeremonien hatten dieRussenüberall den Vortritt. Alle Umstände deuten darauf, hin, daß Witte vor der Weiterfahrt nach Portsmouth mit Peters­burg sich telegraphisch verständigen wollte und deshalb in Boston verblieb, wo er mehrere Käbeltelegramme abschickte und empfing.

TasN. W. T." erhältvon besonderer Seite" die (natürlich nur ganz mutmaßliche) Meinung, daß Ruß­land wahrscheinlich folgende Frie d en sb e d in g- un gen akzeptieren würde: Rückgabe, der Mandschurei an China, Uebergang der Pachtung der Liaotungs-Halbinsel mit Port Arthur an Japan, Abtretung von Sachalin an Japan, Anerkennung des Protektorats Japans über Korea, Ueber- gabe der ostchinesischen Eisenbahn unter gewissen. Modali­täten an die japanische Verwaltung. Weiter wird Ruß­land eine Kriegsentschädigung in Bar zugestehen, die aber keinesfalls den Charakter einer demütigenden Kriegsent­schädigung haben dürfte, sondern sich als Gabe des Zaren für die' Hinterbliebenen der im Kriege gefallenen sowie als Entschädigung für durch den Krieg entstandene Kosten charakterisieren müßte.

"Auf das lebhafteste kommentiert man in Petersburg die "Absendung eines langen chiffrierten Telegramms des Zaren an Witte. In gut informierten Kreisen verlautet hierüber, der Zar fet von Linewitschüber- ;eugt worden, daß er unter allen Umständen auf seine Armee rechnen könne und habe infolgedessen andere Instruktionen nach Newyork gesandt.

Es ist natürlich auf derartige Nachrichten kein Gewicht ;u legen. Das sind natürlich nur Veranstaltungen recht ungeschickte freilich, bestimmt, die Japaner einzuschüch- fern, um sie zu veranlassen, ihre Bedingungen auf das aiedrigste Maß herabzuschrauben.

Seit der Flottenkatastrophe wünschte man in. Peters 'bürg den Frieden wenn irgend möglich Die Illusion, noch fliegen zu können, tauchte freilich immer wieder einmal auf, erklärlicherweise bei Personen, die nicht mit realen Tat­sachen rechnen, sondern mit Phantastereien bis herab, zu I^raumeingebungen; aber die Wirklichkeit erwies sich schließ­lich doch immer wieder als stärker, und noch eindringlicher rls die ferne militärische Wirklichkeit waren die Proteste -es Finanzininisters; er bezeichnete die finanzielle Lage pes Reiches alsunentwirrbar" bei Fortsetzung des Krieges. In solchen Stimmungen fand der Vorschlag der Vereinigten Staaten Annahme und kam die Entsendung Wittes zustande.

Aber Linewitsch hat gegen den Frieden nicht nur tn Schriftstücken protestiert, die deutlich bestimmt waren, 5er Welt Sand in die Augen zu streuen: auch seine Pri v a t - Briefe an den Zaren, die nicht für die Oeffentlichkeit find, blasen mächtig den Optimismus wieder an. Linewitsch tnd hohe Offiziere beschwören den Zaren, dem Heere die Möglichkeit zu geben, den alten Wafienruhm wiederherzu- ttellen: und so zeigt sich denn, wie cs heißt, tatsächlich beim Petersburger Hofe jetzt plötzlich wieder eine Stimmung der llnnachgiebigkeit. Man wiegt sich in der Illusion, nichts set verloren, und mit Festigkeit nach außen und men sei alles zu retten. Ueber die finanziellen Schnnerig- iten werde ein siegreiches lüußland am leichtesten Hinweg­

kommen. U. E b*rf man freilich auch solchen Gerüchten keinen Glauben beimessen.

Zusammenkunft des Kaisers mit dem König von England.

Die Begegnung des Kaisers mit dem König Eduard wird, wie der HomburgerTaunusbote" zu berichten weiß, wenn dieselbe während der Reise des Königs nach Marienbad stattfindet, in Frankfurt o. M. imHotel Imperial" vor sich gehen. Sollte das Prinzenpaar Friedrich Karl von Hessen bis zur eventuellen Begegnung nach Schloß Friedrichshof zurückgekehrt sein, so würde auch Schloß Friedrich sh o f für die Begegnung in Betracht kommen. (Es handelt sich hier mich nur um Kombinationen.)

Kolonialpost.

Antwerpen, 8. Aug. Den letzten Nachrichten aus dem Kongogebiet zufolge bestätigt es sich, daß die Er­hebung der Bakubastämme im Tataigebiet niedergeschlagen ist. Dagegen wurde ein Kommando des Obersten Gerard von einem Trupp Aufständischer überfallen. Die Aufständischen wurden in die Flucht geschlagen. Nach Aussagen von Passagieren des auS dem Kongogebiet eingetroffenen Dampfers Aversville haben die deutschen Truppen des Sangha­gebiets tatsächlich den französischen Posten in Missummissum angegriffen. Auch im deutschen Kam erungebiet soll den Berichten derselben Passagiere zufolge ein Aufstand der berüchtigten Menschenfresser aus­gebrochen sein. Dieselben hätten zwei Weiße getötet. Aus Senegal wird berichtet, daß im Juli Truppen nach Mauritanien abgegangen seien, um die Aufständischen für den Ueberfall eines dortigen Postens zu bestrafen.,

Heer und Alottc.

Der Korrespondent desDaily Chronicle" meldet aus Washington, daß vom Kriegsdepartement ein Befehl erlassen worden sei, demzufolge alle Kriegsschiffe, um Verzögerungen im Falle eines Zwischenfalles vorzubeugen, mit der doppelten Anzahl von Geschützen zu ver­sehen seien und daß solche Ersatzgeschütze auf allen Marine­stationen in Bereitschaft zu halten seien.

Aus Ztudi rmö AailS.

Gießen, 9. August.

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Körnerschen Geschäft en ch Gießen in die chemis

** Der Ausschuß der Gießener Studenten­schaft hat beschloffen, daß künftig nicht mehr der jeweilige Rektor, sondern ein vom Gesamtausschuß gewählter Kom­militone den Vorsitz im Ausschuß führen und als solcher die Studentenschaft vertreten soll. Der Beschluß bedarf noch der Genehmigung des Senats und in letzter Instanz des Ministeriums.

* Das Gesetz üb er das Beer digun gswesen wird jetzt imGroßh. Hess. Regierungsblatt" Nr. 22 vom 5. August veröffentlicht. Danach, liegt es den bürger­lichen Gemeinden ob: 1. dafür Sorge zu tragen, daß Friedhöfe, welche der allgemeinen Benutzung unterliegen, vorhanden sind; 2. soweit dies von der zuständigen Gesund­heitsbehörde für erforderlich erachtet wird, für das Vor­handensein von Leichenhäusern oder Leichenhallen zu sorgen; 3. die nach den örtlichen Verhältnissen für die Verbringung und die Beerdigung der Leichen erforderlichen Vorkehr­ungen zu treffen. Die Dekrete vom 23. Prairial des Jahres XII der französischen Republik (12. Juni 1804) und vom 18. Mai sind aufgehoben (wodurch das Beerdigungswesen jetzt an die bürgerlichen Gemeinden übergeht). Für jede Gemeinde ist durch Ortsstatnt eine Begräbnis- und Fried­hofsordnung zu erlassen, welche die religiösen 'Anschauungen der Konfessionsgemeinden und religiösen Verbände zu be­rücksichtigen hat und vom Ministerium des Innern zu ge­nehmigen ist. Die vorhandenen Begräbnis- und Friedhofs- ordnungeu bleiben in Kraft, soweit sie mit diesem Gesetz

als Sacl daß die stung von

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benützte ;ie war an Ein Rest v.t Creme wurde

nicht in Widerspruch stehen.

** Massenvergiftungen im Sta blvad König (Odenwaldl In dem reizenden Städtchen König herrscht, so berichtet man uns, zur Zeit unter den Einwohnern und den zahl­reichen Kurgästen gleiche Mftegung über die Massenvergiftung, die sich am Sonntag dort ereignet hat. In allen Wirtschaften und auf der Straße spricht man nur von diesem Vorkommnis, das erfreulicherweise nach relativ günstig abgelaufen ist. In König betreibt die etwa 55 jährige Witwe Körner in der StraßeAn der alten Bach" ein Kvlonialwarengeschäft, und wenn der Sommer ins Land zieht und mit ihm die Kurgäste nach König, so nimmt F-rau Körner immer eine Anzahl Pensionäre ins Haus. So ge­schah es auch in diesem Jahre. Jeden Sonntag gibsis als be­sonderen Schmaus für die Gäste einen Pudding oder etwas ähnliches. Am letzten Sonntag hatte F-rau Körner kalte Va­nillecreme bereitet, die allen vortrefflich mundete. An dem Essen nahmen teil Frau Körner selbst, ihre beiden Söhne, die drei Töchter, ferner sechs Mädchen im Mter von 20 bis 25 Jahren aus Frankfurt a. M., ein Mädchen aus Darmstadt, eins aus Reichelsheim i. O., sowie drei Herren aus F-rankfurt. Die Letzt­genannten sind sämtlich Kurgäste und einige davon auf Kosten der F-ranksiirter Ortskrankenkasse in König. Nicht weit von der Familie Körner wohnt der Förster Schafe r Seiner seit längerer Zeit erkrankten Frau brachte man einen Versuch von der Va­nillecreme. Sie selbst davon und ließ auch ihre drei Buder davon etwas essen. Schließlich bekam noch bas vicriahrige Kind des Bäckermeisters Roß, der mit der Familie Körner ver­wandt ist, von der Süßspeise. LLcnds etwa um 6 Uhr stellte sich bei den Personen, die von der Speise gegeben hatten, Schwin­del, Erbrechen, Durchfall und heftige Leibschmerzen ein Man rief den Arzt Dr M. B 0 r m u t, der bald noch seinen Kollegen Dr. Zimper zuzog, denn bis nm Mitternacht glich das Köruersche Haus einem Lazarett. Selbstverständlich erkannten die Aerzte sofort die Vergiftung und wendeten Gegenmittel an, die den Erfolg hatten, daß gestern, Dienstag, alle erkrankten Personen, es waren im ganzen 21, außer Lebensgefahr waren. Bemerkt sei, daß der älteste Sohn der Witwe Korner, der m Darmstadt bei den 115 em als Lehrer-Einjähriger dient, von dem Creme nichts genossen hatte, er blieb auch gesund. Auf telegraphisches Er­suchen weil'e gestern Dr Collatz von Darmft-dt in flmg, ber fe;nfr eit p-h bei der ' nenvera itungsaffare in Darmstadt - - -iibiarr vc ;en wurde. Dr. Collatz stellte fest, lle herrührte, was auch die beiden 'nommcn batten. Die zu Creme

suchungsanstalt der Universität zur Prüfung gesandt. Auch der Kreisarzt Walger aus Erbach weilte gestern wegen der Angelegen­heit in König. Zu bemerken ist noch, daß das Kind des BackerS Roß am schwersten erkrankt war. Zur Zeit klagen die Pa- tienten noch über Herzschwäche, die man durch Kampferimektionen zu beheben sucht. Heute nachmittag waren der Oberstaatsanwalt von Hessert und der Obermedizinalrat Dr. Hauser von der medizinischen Abteilung des Ministeriums in König, itrn die Ver> giftüngssälle zu untersuchen. zT, .,

** Ein neues Automobil für den Großherzogj wird gegenwärtig, wie man uns berichtet, bei Opel in Rüssels­heim gebaut. Er besuchte gestern deswegen die Opelsche Fabrik

Soeben erhalten wir folgenden Drahtbericht:

König i. O., 9. Aug. In der vergangenen Nacht ist dis Witwe B ü t tn e r an der erlittenen Vergiftung durch den. Genuß von einem Pudding gestorben.

() Heuchelheim, 8. Aug. Eine Abwechslung in. die jetzige arbeitsvolte Zeit brachte eine durchziehende Seil­tänzer gru p pe. Die Vorstellung Mar von den Heuchel- Heimern gut besucht. Zum Schlüsse gab es sogar ein Lust­spiel:Der angeführte Liebhaber".

Mainz, 8. Aug. Aus Furcht vor Strafe ist der 14jährige Barbierlehrling Heinrich Steinhof in den Tod gegangen. Der Junge hatte das neue Fahrrad eines! Kaufmanns gestohlen und es für 35 Mk. verkauft. Gestern wurde er von der Polizei als Täter ermittelt und verhaftet. Nachdem er ein Geständnis abgelegt, wurde er wieder ent­lassen. Heute vormittag! erhängte er,sich in der Küche seiner Eltern.

** Kleine Mitteilungen aus Hessen und den N a ch b a r st a a t e n. Beim Ballspielen am Main fiel der neun­jährige Cohn des Buchdruckers Martin Heister in Frankfurt, als er rückwärts nach dem Ufer zu ging, in den Fluß und er- trank. Ter Knabe war cmi Samstag aus der Ferienkolonie zurückaekehrt. In Erzhausen sind in der vorigen Woche über 250 Kinder an den Masern erkrankt. Die Schulen sind geschlossen. Um dem Ueberhandnehmen der Feldmäuse ent­gegenzutreten, beschloffen die Stadtverordneten in Bensheim, für jeoe obgetieferte Maus 2 Pfg. zu zahlen. In der Taunus- straße in Frankfurt a. M. siel eine 80jährige Frau namens Marie Müller, die eine Monatsstelle suchte, in einem Hause die Treppe herunter und blieb bewußtlos liegen. Sie hatte eine schwere Wunde am Kopfe und wurde nach ihrer Wohnung gebracht.

Vertuschtes,

* Ostrowo, 8. August. In der Angelegenheit des russischen Grenzsoldaten, der auf preußischem Ge­biete ein achtjähriges Mädchen erschoß, fand wieder ein Lokaltermin statt, an dem der Landrat Frhr. v. Hodenberg teilnahm. Der verhaftete Grenzsoldat wurde vorgeführt und mußte der Sezierung der Leiche beiwohnen. Die russische Regierung hat dem Vater des erschossenen Kindes 600 Rubel als Entschädigung angeboten, doch hat' dieser das Angebot nicht angenommen.

* Ein heroischer Lokomotivführern AuA Newyork wird berichtet: Ein heroischer Lokomotivführer,^ der seinen Posten nicht verließ und dabei sein eigenes. Leben opferte, rettete den Expreßzug von Atlantic City, der sonst in die Newyork Bay gestürzt wäre. Die Arbeiter, die einen neuen Sigualdienst einrichteten, hatten die Weichen offen gelassen. Der Heizer des heranbrausenden Zuges, der dies bemerkte, sprang ab und entkam unversehrt. Der Lokomotivführer aber zog sofort die Notbremse und mit der Hand am Hebel stürzte er mit der Lokomotive und dem Tender in die Bucht. Der Zug war aber soweit zum Halten gebracht, daß nur noch der nächste Wagen, in dem sich ein Pferd befand, über dem Wasier hing: Die Reisen­den blieben alle unverletzt.

Julius Stinde f.

Ganz plötzlich ist am Sonntag zu Olsberg in Westfalen^ im Hanse eines Freundes, des Landrats Federath, bei dem er zur Erholung weilte, Julius Stinde gestorben. Die zahlreichen Freunde, die sich dieser geistige Vater der ,-,WilhelmiuIe! Buchholz" erworben hat, werden diese Trauerkiinde mit . Be­dauern entgegennehmen. Mit seinen Buchholz-Büchern, diesen gemütlickren und von echtem Berliner Humor durchwehten' Schil­derungen aus dem Leben des Berliner Bürgertums, hatte Stinde einen glücklichen Griff getan. Mit ihnen begründete er seinen schriftstellerischen Ruhm und ein gutes Einkommen. Ms die drei ersten Bände dieses Cyklus,Buchhvlzens m Italien" der Familie Buchholz" erster und zweiter Teil in der ersten Hälfte der achtziger Jahre erschienen, war Stinde mit einem Schlage einer der gelesensten deutschen Schriftsteller; Buchhvlzens waren jahrelang an der Tagesordnung und an der Buchhändlerbörse der gefragteste Artikel. Die behagliche Gemüllichkeit, vermischt mit einem Schuß des schnodderigen Berliner Humors, aber auch mit echtem, menschlichem Emvsinden, kam hier zur 'Mrkung. Daß Stinde, der geborene Holsteiner, den in der Schriftsprache schwer zu behandelnden Berliner Dialekt nicht bis zur Voll­kommenheit beherrschte, ist ein Fehler, den er mit vielen Kollegen teilt. Leider ließ sich der Dichter verleiten, die Buchholz-Serie^ tn schier unabsehbarer Reihe fortzusetzen. Es folgten der dritte Teil derFamilie Buchholz",Buchholzens im Orient" und so fort bis zum Ausstellungsjahre 1896. Unter dieser Massenproduk­tion litt die Qualität; die letzten Bände reichen an literarischem Wert nickt entfernt an die drei ersten heran.

Die Buchholz-Bände machten die Oeffentlichkeit erst auf Stinde allgemein ausinerlsam: man forschte nach ihrem Erscheinen der Vorgeschichte dieses neu aufgetauchten niederdeutschen Humoristen nach und da ergab es sich, daß der Mann ursprünglich etn sehr trockenes Gebiet bearbeitet hatte: Stinde war von Haufe ans Chemiker, hatte als solcher in Hamburger Fabriken gewirkt, dann ein Fachblatt herausgegeben und nattirwissenschaftliche Feuilletons und Bücher geschrieben:Blicke durch das Mikroskopß- Natnrwisseuschaftliche Plaudereien"Opfer der Wissenschawß Aus der Werkstatt der Natur". Daneben entstand eine Reihe plattd nsicher Komödien, die in Hamburg mit großem Ersvlge aufgeführt wurden. Stimmungsvoll sind die ,LJaldnovelfen",- voll starker Satire dasTekamerone der Verkannten". Unter feinen letzten Werken ragenPieucheus Brausiahrsi^ und der Liedermacher" hervor, ein im modernen Berlin spielender Ro­man. Stinde hat ein Qdter von nahezu 64 Jahren erreicht; er wurde geboren am 28. August 1841 zu Kirch-Nüchel in Hol- stein. Die Bestattung wird am Freitag in Lensahn statsiinden.

Kurrst und Wisieuschäft.

Maxim Gorki, der mit seiner Frau nach Lugano gekommen war, um dort eine Villa zu mieten, wohnte dort bei der russischen Revolutionärin Balabanow und lebte sehr zurück­gezogen. Inzwischen ist er, da er ein passendes Haus nicht finden konnte, nach Zürich abgereist, während seine Frau in Lugano blieb.