Ausgabe 
8.7.1905 Erstes Blatt
 
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Juli. Heute traf von dem Ober-

Pcrsonalveränderungen

im Bezirk der Ober-

S. K. H. der Großherzog hat

Laubach, 7. Juli. Mit Beginn dieses Monats ist der

Rat erteilen, bei neuen bezeichneten freien Raum damit der Schreiber der

zweitein Sohne des verstorbenen hiesigen beim 29. Bundesfest des nordamerika- in Indianapolis in der ersten Klasse beim Wettsingen der erste Preis zu--

karten-Jndustrie könnte man den Karten mit geteilter Vorderseite den gleich durch eine Linie anzudeuten, Karte ihn von vornherein freiläßt.

-b. Klein-Linden, 8. Juli.

tionskorpsdienende Friedrich Stöhr, am 1. Juli indem Verfolgungsgefecht bei Keidorus gefallen ist. Derselbe hat vor 9 Monaten die Auslandsreise angetreten.

Darmstadt, 7. Juli. I. I. K. K. H. H. der Groß­herzog und die Großherzogin werden Sich ain Sonntag abend in Begleitung der Schlüsseldame Freiin v. Grancy Exzellenz und des Oberstallinelsters Riedesel Frhrn. zu Eisen­bach Exzellenz aus ungefähr 8 Tage zum Besuche des Prinzen und der Prinzessin Heinrich nach Schloß Hemmelmark bei Kiel beaeben.

Vor diesem soll sich nun Meyer wegen Meineides ver­antworten. Die Oldenburger Großh. Staatsanwaltschaft aber hat nun beim Fürst!. Landgericht in Bückeburg den Antrag gestellt, den beiden Verteidigern Meyers, Dr. Sprenger und Dr. Hertz, die Verteidigung zu entziehen, weil auch sie als Zeugen in Frage kommen. Daraufhin ist dem Meyer ein Offizial-Verteidiger zugewiesen worden, den er aber abgelehnt hat, weil er durch die Entziehung der eingearbeitcten Ver­teidiger in dem verwickelten Prozeß ohne Rechtsbeistand sein würde.

zu übernehmen. In nächster Woche wird Oberforstmeister Thum, der auf sein Rachsuchen in den Ruhestand versetzt worden ist, in Darmstadt seinen Wohnsitz nehmen, Nahezu 30 Jahre hat er dem weit ausgedehnten grast. Waldbezirke seine Dienste gewidmet. Zum Abschiedstrunke versammelten sich heute abend im Kasinolokale seine Freunde. Dem Ver­nehmen nach ist zu seinem Nachfolger der gräfliche Ober­förster Königer in Arnsburg bestimmt. Dem Musik-

Postdirektion Darmstadt.

Kin neuer Ruhstrat-^ o;.

Das letzte Nachspiel zu den Oldenburger Ruhstrat-Prozessen wird am Dienstag das Schwur­gericht des Fürstl. Landgerichts zu Bückeburg beschäftigen. Wie noch erinnerlich sein dürfte, hatte sich ou§ Anlaß der Ruhstrat-Prozesse bei dem Verteidiger desResidenzboten"- Redakteurs Biermann, Rechtsanwalt Dr. Sprenger in Bremen, im März 1904 ein junger Kellner namens Johann Heinrich Meyer gemeldet, der im Zivilkasino in Oldenburg April 1899 bis November 1901 tätig gewesen ist. Während dieser Zeit wurde dort nach seiner Aussage in den Nischen viel und hoch gespielt, um Tausende. Er wurde häufig angepumpt. Der Minister Ruhstrat war häufig dabei, wie er vor Gericht be­hauptete. Der Vorsitzende machte den Zeugen wiederholt darauf aufmerksam, daß seine Aussage den Bekundungen einer Reihe anderer Zeugen direkt widerspreche. Meyer erklärte jedoch, er habe di, Wahrheit gesagt, und unterschrieb seine zu Protokoll gegebene Aussage. Darauf beschloß der Ge­richtshof, den Meyer wegen Verdachts des wissentlichen Meineides in Haft zu nehmen. Da sämtliche Richter des Oldenburger Landgerichts teils von der Staatsanwaltschaft, teils von der Verteidigung als Zeugen geladen sind, so mußte die Sache an das Schwurgericht in Bückeburg verwiesen werden.

Ans Aiaöl uni) La»-.

Gießen, 8. Juli 1905.

* Wie Großfürst Cyrill sich rettete. Der Er­zieher der drei Söhne des Großfürsten Wladimir, der Groß­fürsten Cyrill, Boris und Andreas, Iwan von Schenk, war Zeuge des Ausfalles der russischen Flotte, bei dem derPetroPawlowsk" zugrunde ging, und Admiral M a k a r v w, Maler Wereschtschagin und 7 0 0 M a r i n e - soldaten den Tod fanden. Nur wenige vermochten' sich zu retten, darunter der junge Großfürst Cyrill. Iwan v. Schenk veröffentlicht nun seine Aufzeichnungen aus der Zeit, die er in Port Arthur verbracht, und speziell über die höchst wunderbare Rettung des Großfürsten. Als der Petropawlowsk" in den Hafen einlief, näherte er sich zu sehr den Minen. Plötzlich sah man eine Explosion an Bord, eine ungeheure Fenergarbe schoß in die Höhe, und in weniger als zwei Minuten verschwand der Koloß in den schäumenden Wellen. Als die Explosion erfolgte, standen Admiral Makarow und die Offiziere seines Stabes auf der Kommandobrücke, Großfürst Cyrill ganz allein mehr vorne Die Schornsteine stürzten mit furchtbarem Getöse auf die Drücke und zerschmetterten die Unglücklichen, die sich auf ihr befanden. Der Großfürst begriff, daß eine anffliegende Mine die an Bord befindliche Munition in Brand gesetzt hatte. Er sprang an der Kommandobrücke entlang, stolperte über den verstümmelten Leichnam des Admirals Moloß und schwang fick über die Brüstung. Durch die Strömung in eine große Tiefe niedergezogen, glaubte der Großfürst sein Ende nahe. Doch bekreuzigte er sich im Wasser, nahm alle Kräfte zusammen und begann, wiewohl durch die schwere Kleidung behindert, im eisigen Wasser zu schwimmen. Es glückte ihm, an die Oberfläche zu kommen und sich an ein schwimmendes Trümmerstück anzullammcrn. Wie lange er so zwischen Leben und Tod zugebracht, konnte sich der Groß- nn st nicht entsinnen. Ein Torpedoboot fuhr vorbei, ohne seinen Ruf zu hören. Bald darauf kam ein zweites Boot und barg den Verunglückten. Mit seinen versengten Augen­brauen und anderen Brandwunden im Gesicht machte er einen rmdleiderregenden Eindruck. Aus seinen entstellten Zügen konnte man cs ablesen, durch welche übermenschlichen Anstrengungen es ihm gelungen war, sein Leben den Wellen zu entreißen.

* Vom Unglück des französischen Untersee­bootes. Im Marineamt zu Paris sind folgende Einzel­heiten über das in der Nähe von Biscrta gesunkene Unter­seeboot bekannt geworden: Das Boot liegt 6 Meter tief im Schlamm. Sofort nach Bekanntwerden des Unglücks sind alle nötigen Hilfswerkzeuge nach dem Ort der Katastrophe g-'andt worden. Vs die Taucher ihr Rcttimgswerk bc- nannen, antworteten ihnen die Insassen des Bootes durch Zeichen. Während der ganzen Zeit erwartete man mit g oßer Spannung Nachrichten über das Ergebnis der Rettungsversuche. Um 1/212 Uhr traf im Marineamt ein Telegramm ein, dessen Wortlaut besagt, daß das Rettungs­werk versucht wird, ohne daß bisher ein Ergebnis zu vcr- eichnen gewesen wäre. Wie daraus hervorgeht, herrscht Ingewißheit über das Schicksal der Gesunkenen, die um so größer ist, als bekannt ist, daß die Besatzung eines Unter- ecbootes nur 6 Stunden unter Wasser bleiben kann. Man refürchtct also, daß die Hcbungsversuche zu spät gelingen werden, um die Besatzung zu retten. In dem Minister- rate zu Paris legte Marineminister Thomson eine Depesche des Marinekommandanten von Biserta vor, welche besagt, man habe die dritte und die vierte Hebekette unter das ge- unkene UnterseebootFarfadct" gelegt, aber es sei noch nicht gelungen, es zu heben; die e in g esch lo ssen en Mannschaften antworteten auf die Signale der Taucher. Das letzte Telegramm des Marinekomman- dantcn von Biserta an den Marineminister meldet: Es ge- ang mit Hilfe des DampfersKebir" und eines Pontons, das UnterseebootFarfadet" soweit zu heben, daß dessen Heck ans dem Wasser ragte und der Luftvorrat der einge- chlossenen Mannschaft erneuert werden konnte. Man ar­beitete dann langsam dahin, das Boot auf seichten Strand zu setzen, als der Krahn umkippte und derFarfadet" aufs neue völlig unter Wasser sank. Er wird aber in der Schwebe gehalten und jetzt wird aufs neue an der Hebung gearbeitet. Um eine eingehende Untersuchung über Ursache des Unterganges anzustellen, reiste der Marine­minister nach Biserta ab.

* Selbstmord vor der diamantenen Hochzeit verübte der 8 9jährige Altenteiler Halbstadt in der westpr. Stadt Marienburg, indem er sich in einem unbeobachteten Augenblicke erhängte. Das Motiv zu der Tat ist in Lebens-

Eintracht" ans Anlaß seines 40jährigen Jubiläums Zahlreiche Gesangvereine der Umgegend haben ihr Er- cheinen zugesagt. Die Frauen und Jungfrauen Klein- Lindens haben dem Vereine eine Fahnenschlcife gestiftet.

|| Nieder-Florstadt, 7. Juli. Dieser Tage wurde die Leiche des hiesigen, 68 Jahre alten Bäckers Walther auS der Nidda geländet. Unglückliche Familienverhältnisse ollen den Mann in den Tod getrieben haben.

Überdruß zu suchen. Der Greis hätte mit seiner fast gleich­alterigen Ehefrau am 11. ds. Mts. die diamantene Hochzeit feiern können. Seine Kinder und Kindeskinder, die sämtlich .................... im Marienburger Kreise als Landwirte eingesessen, hatten gräfliche Forstasseffor Thum zunächst nach Lich übergesiedelt, zu dem seltenen Feste bereits umfassende Vorbereitungen um in kurzem die Verwaltung der Oberförsterei Arnsburg' getroffen.

Ein großesSänger« est veranstaltet Sonntag 11118 Montag der Gesangverein

direktor F. A. Kern, Lehrers Kern, wurde nischen Turnerbundes für seinen Preischor erkannt.

Ranstadt, 7.

kommando aus Südwest-Afrika die telegraphische Nach­richt hier ein, daß der von hier gebürtige, bei dem Expedi-

u. a. dem Postschaffner Distel in Büdingen das Hess. All­gemeine Ebrenzeichen mit der InschriftFür langjährige treue Dienste" beim Scheiden aus dem Dienste zu verleihen geruht. Bestanden haben: die höhere Verwaltungs­prüfung Postpraktikant Alt, die Postassistentenprüfung der Poitgehilfe Zimmermann in Friedberg. Angenommen wurde als Postgehilfe der Gerichtsschreibereigebilfc Pfaff in Nidda, als Telegraphengehilfe der Realschüler Jung in Gießen; als Telegraphengehilfinnen Juliana Ettings­hausen und Eva Kramer in Mainz.

** D i e Anlagemusik an der Süd-Anlage morgen vormittag um 7,12 Uhr bringt folgenden Spiclplcm: 1. Ouvertüre z. SchillersTurandot von Lachner. 2. Valsc bleue von Margis. 3. Phantasie Mianon von Thomas. 4. Der Mollwitzer Marsch von Friedrich den Großen.

** Wildes Rößl. Gestern abend wurde auf der Grünberger Chaussee, in der Nähe des städt. Wasserwerks, das Pferd eines Wagen? der Persyn'sehen Dampfmolkerei scheu und ging durch. Ein auf dem Wagen sitzender Knecht wurde herabgeschleudert und erlitt einen Beinbruch.

*' Kunstverein. Die Ausstellung ist in die Schluß­machen der Saison eingetreten. Aber Ende gut, alles gut; Es hat sich ermöglichen lassen, die Überaus reiche Sammlung von Ex libris, die der Deutsche Buchgewerbeverein ver­anstaltet und an vielen Orten bereits ausgestellt hat, auch den hiesigen Kunstfreunden vorzuführen. Eine erstaunliche Fülle geistreicher und anmutiger Motwe, von der einmaliges Schauen nur einen unvollkommenen Eindruck gibt, jede er­neute Betrachtung höheren Genuß erwarten läßt, vereinigt lich an den Wänden des Saales, und nur zwei Oelgemäkde durchbrechen die Einheit dieses Gesamtbildes grophischel Kunst. 2(bcr diese beiden werden sich ungeteilten Beifall ge­winnen. Es sind die schnell bekannt gewordenen, in Repro­duktionen verbreitetenTanzenden Scbwälmer" des Hessen- malers Bantzer und eineSchwälmerin", die derselbe Meister in Willingshausen, dem von unseren heimischen Künstlern so gern aufgesuchten Schwalmdors, konterfeit hat, beide Bilder eine rechte Augenweide für jeden Freund echter, kerniger Heimatskunst. B. 8.

** B 0 m Gleiberg. Wie wir hören, findet am Abend des 9. Juli (Sonntag) anläßlich eines Festes in Rodheim eine bengalische Beleuchtung der Ruine Vetzberg statt. Wir machen hierauf die Freunde der Burg Gleiberg mit dem Bemerken aufmerksam, daß diese Beleuchtung die dem Gleiberg zugewendete Seite der Ruine Vetzberg mit ein­schließt, sodaß das Schauspiel vom Gleiberg selbst am besten genossen werden kann. Als Antwort soll auch auf der Burg Gleiberg bengalisches Feuer abgebrannt werden.

** Eine Budd hasigur für Schloß Wolfsgarten. Die indische Reise S. K. H. des Großherzogs hat naturgemäß dem kunstliebenden Fürsten eine Reihe neuer und eigenartiger künstlerischer Anregungen gebracht. Kurz nach der Rückkehr von dieser Reise hat der Großherzog den Tarrn- städter Professor Habich, den Schöpfer unseres Kriegerdenk­mals, beauftragt, eine Buddhafigur für den Park in Wolfs­garten zu schaffen. Als Material für dieses Monument wurde Odcnwäldcr Syenit gewählt, eine GesteinSart, deren Be­arbeitung dem Bildhauer große Schwierigkeiten bereitet. Ueberhaupt zum ersten male ist bei dieser Gelegenheit aus Odenwälder Syenit ein solches Kunstwerk geschaffen worben. Die Buddhasigur hat unter einer mächtigen alten Eiche im Wolfsgartener Schloßpark Aiifstellung gefunden. Die Politur der Figur, eine sehr schwierige Arbeit, wurde von der Stein- Industrie A. G Reichenbach ausgcführt. DaS neue Kunst­werk bildet eine weitere Zierde des herrrlichen SchloßparkS.

" Der Stempel auf dem Ansichtskarten- Text. Von vielen Leuten hören wir Klagen darüber, daß bei Ansichtskarten, deren Vorderseite halb beschrieben werden kann, der Stempel des Bestellpostamtes auf den Text ge­drückt ist und die Schrift unleserlich macht. Alle Be- chwerden werden zurückgewiesen mit der Begründung, daß die Postbeamten nicht die Verpflichtung haben, beim Stempeln den Text zu schonen, wenn ihnen neben der Adresse nicht genügend Raum dafür bleibt. Wer also Ansichtskarten verschicken und auf der Vorderseite Mitteilungen schreiben will, der beachte folgendes: 1. Man fange bei Beschreiben der Vorderseite mit dem Text möglichst hoch, an und lasse unten 4 Zentimeter Raum ; 2. die Ortsangabe auf der Adresse bringe man möglichst weit an der rechten Seite an. Hat man diese Regeln befolgt, so entsteht in der linken unteren Ecke der Vorderseite ein weißer Raum, der für den Stempel genügt. Der Text wird bann nicht verdeckt. Der Ansichts-

während ihr Herren Offiziere Euch hinter Ecken versteck­tet, wie das auch eben in der Mandschurei geschieht. ' Haben wir Soldaten nicht dieselbe Seele, dieselben Gefühle und denselben Körper tote ihr? Wenn man nachdenkt, so wird doch klar, daß wir Menschen sind, alle gleich, General wie Admiral, Geistliche wie Adlige, Zaren und Bauern. Ist denn nicht in der christlichen Religion gesagt: Seid gleiche Menschen und liebet einander? Liebt ihr und der Zar uns Soldaten? 'Der Zar er liebt nur Speichellecker Generale und Admi­rale, aber uns arme Soldaten will er nicht einmal ansehen, jbenn wir sollen seine gehorsamen Sklaven sein.

Wir haben euch eure Reichtümer gegeben und ihr bewerft 'nn§ mit Schmutz. Wir haben euch Leckerbissen gegeben und ihr wollt uns nicht einmal das schwarze Brot geben. Wir bitten euch, denkt doch nach und beurteilt nach eurem Gewissen. Wer bat euch die Mittel zu eurer Ausbildung gegeben und wer zahlt euch diese hohen Gagen? Wie hoch setzt ihr euch jetzt über uns Soldaten und denket wir verstehen nichts. Nein, meine Herren, wir verstehen alles. Wir verstehen gut genug, daß ihr eure Orden und Rangerhöhungen durch Verschwendung von kolossalen Summen des VockSvermögens verdient ....

Eben wütet der Krieg in der Mandschurei. Warum fahren; diese Großfürsten und Höchstbezahlten nicht selbst dahin und kämpfen nicht persönlich mit? Sie warten ganz ruhig im Salon das Ende des Krieges ab, um dann ihre Hände nach Gütern zu strecken, die mit dem Blute der armen Soldaten erobert sind." j Das Schriftstück schließt:Nieder mit euch Bureaukraten des Zarismus! Nieder mit dem Zaren! Hoch lebe unter uns Friede und demokratische Republik!"

Man sieht, ein unklarer Gefühlssozialismus ist das Ergebnis der langen Freiheitsberaubung. Die Pflanze wird sich mit aller Gewalt nicht mehr ausrotten lassen.

Weiteres Unheil.

IN den städtischen Markthallen in der Warschauer /Vorstadt Braga brach durch Brandstiftung Feuer aus. In wenigen Aursenblicken bildeten sämtliche hölzernen Buden /in der Halle ein Flammenmeer. Auf dem Markt entstand eine unbeschreibliche Panik. Alle drängten nach dem Aus­gang der Markthalle. In dem Gedränge wurden viele Personen erdrückt und verwundet. Infolge des Win­des sprang das Feuer auch auf die benachbarten Häuser über, sowie die dort aufgestapelten Holzvorräte. In kurzer Zeit stand die ganze Vorstadt in Flammen. Vier Feuerwehr - abteilungen mußten ihre ganze Kraft auswenden, um die weitere Ausdehnung des Feuers zu verhindern. Die Markt - , hallen sind völlig ausgebrannt. Der Schaden beträgt über 1300 000 Rubel.

Auch in Wloszczow bei Kielce (Polen) äscherte ein von Brandstiftern verursack)tes Großfeue r über 50 Ge- Haude ein. Zwei Frauen sind verbrannt.

Zwei Agitatoren aus Odessa wurden in Kiew auf Offener Straße totgeprügelt.

j Im Judenviertel von Odessa wurden zahlreiche |Bomben gefunden, ebenso eine am Hause des türkischen 'Generalkonsuls.

Infolge, der großen Unsicherheit nimmt die Massen- iflu ch t täglich größere Dimensionen an. Aus den an Oester­reich und speziell Galizien grenzenden Gouvernements drängen sich täglich bis 15 000 Reisende. Wenn es dort ,in den Zügen nach Oesterreich an Raum mangelt, fahren die Reisenden auch nach Ungarn und Rumänien.

Die Mobilificrungcn.

Die Mobilmachung eines Teiles der Garde-Jnfante- /rie soll.Mitte dieses Monats erfolgen.

Die in Kiew jetzt ftnttfinbenbe Mobilisierung hat unter der Bevölkerung starke Erregung hervorgerufen. Ein großer Teil /der Reservisten ist desertiert. Auf Befehl des Polizeimeisters wurden alse Branntweinbuden geschlossen und der Verkauf von 'Schnaps Verboten. Dies hatte zur Folge, daß unter den un­zufriedenen Reservisten eine Revolte ausbrach. Etwa 2000 von ihnen begaben sich nach dem Dnjepr und wollten vom andern ; Ufer, das schon zum Gouvernement Tscherne gehört, Branntwein 'nach Kiew holen. Die am Ufer befindlichen Polizisten suchten aber die Ueberfahrt über den Fluß zu verhindern. Es kam zu einem Zusammenstoß, wobei die P 0 l i z e i b e a m t e n von d<w Reservisten in den Fluß getrieben wurden. Darauf be­gab sich die Menge, revolutionäre Lieder singend, auf die Alexcmdrowskaja und fing an, die Ge schäftezu demolieren und zu plündern. Kosaken forderten die Menge auf, sich zu zerstreuen und gingen, als dem Verlangen nicht Folge ge- ' leistet wurde, mit blankem Säbel gegen die Demonstranten vor. Etwa 125 Reservisten wurden mehr oder weniger schwer, aber auch ein Teil der Kosaken erheblich verwundet.

Russische Agenten unterhandeln zur Zeit mit englischen 'Wersten wegen Lieferung von Kriegsschiffen. Zwei Tvrpedoboots- .Zerstörer stich dort noch im Dau. Das Londoner auswärtige Amt dürfte voraussichtlich eingreifen.

Die Armee verlangt Reformen.

Ein Berichterstatter desStandard" will erfahren haben, daß dem Z aren demnächst eine Denkschrift überreicht werden soll, worin im Namen ber ganzen russischen Armee Re­formen gefordert werden sollen. Die Anregung dazu sei angeblich von der Petersburger Garnison ausgegangen.

Ter Versaffungsentwurs.

Die Entscheidung über Bulygins Verfassungsentwurf ist be­reits gefällt. Alle wichtigen Punkte sollen, wie es heißt, gestrichen sein. (?) Es wird bestätigt, daß der Rücktritt Bulygins un­mittelbar bevorstcht. Unter den Kandidaten für seine Nachfolge nennt man den Moskauer Gouverneur Schipow, doch dürfte seine Kandidatur nicht ernsthaft in Frage kommen, weil er Preßfreiheit befürwortet.

Die Zarcnfamilie.

In Petersburg zirkuliert das Gerücht, die kaiserliche Familie werde demnächst auf das Landgut Dl zins ko je bei Moskau, ein Besitztum der verwitweten Schwester der Zarin, Großfürstin Sergius übersiedeln. Die Großfürstin sei be­reits dahin abgereist, um die Vorbereitungen für den Empfang der Zarenfamilie su treffen.