Mittwoch 8. Februar 1905
155t Jahrgang
Irrstes Blatt.
Die yerttlge Nummer umfaßt 10 Seiten.
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Stimmen der Bevölkerung.
Der Ausschuß der Gesellschaft für soziale Reform in Gießen hat in diesen Taigen zur Bergarbeiterbewegung Stellung genommen und folgenden Beschluß gefaßt:
I. In Erwägung, das; trotz der Bcreitwiftigkeit der Vertreter der Bergleute zu Verhandlungen mit den Zechenbesitzern über die Beseitigung der von ihnen hervorgehobenen Mißstände, trotz der angebotenen Vermittlimg der Königlichen Behörden, die Führer des Bergbaulichen Vereins jede Verhandkmg vor Wiederaufnahme der Arbeit leitens der ausständigen Belegschaften abgelehnt haben, in Erwägung daß, wenn auch die Verletzung des formalen Rechts durch Nichteinhaltung der Kündigungsfrist nickt zu billigen ist, die Berechtigung dieses Vorbehalts nicht anerkannt werden kann gegenüber der ungeheuren Wichtigkeit der Beilegung des Ausstandes und gegenüber den vielfachen Umständen, die mit Reckt an gefüllt worden sind, als zu einer milderen Beurteilung der Verletzung des formalen Rechts führend, in Erwägung endlich, daß die in §§ 62 ff. des Gewerbegerichtsgesetzes enthaltenen Bestimmungen, insbesondere auch die im § 65 l. c. dem Vorsitzenden des Berg-Geiverbegerichts gegebene Befugnis, aus die Anrufung des Einigungsamts hinzuwirken und dieselbe den Beteiligten nahezul-gen, sich zur Herbeiführung von Verhandlungen zwecks Beilegung der entstandenen Streitigkeiten zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern als unzulänglich erwiesen l>aben, richtet die Gesellschaft für Soziale Reform an die Reicksregier- nng das dringende Ersuchen, sobald als möglich im Wege der Reicksgesetzgebung Mittel und Wege zu schaffen, um die Parteien vor Ausbruch eines Ausstandes oder Verhängrmg einer Aussperrung und im Verlaus derselben zu nötigen, vor dem Einigungsamt nicht nur zu erscheinen, sondern auch zu verhandeln. — II. In Erwägung, daß nur eine kraftvolle und umfassende Organisation die Vertretung der Arbeiterinteressen mit Ueberlegung und Erfolg in die Hand nehmen kann und zugleich allein Bürgschaft bietet gegen übereilte Ausstände und Niederlegung der Arbeit ohne Einhaltung der vereinbarten Kündigungsfrist, sowie für den sachlichen Abschluß und die Einhaltung von Tarifverträgen, die als das wirksamste Mittel zur Wahrung des Friedens im Arbeits- verhältnis anznsehen sind, in fernerer Erwägung, daß die Behauptung, die Organisationen der Bergarbeiter hätten im Ruhrgebiet vollständig veriagt, nickt als zutreffend anerkannt werden kann da die bisher festgehaltene Ordnung und ruhige Haltung der Arbeiter, sowie die sofortige Aufstellung bestimmter und klarer Forderungen lediglich den Organisationen zu danken ist, deren Fehlen im Jahre 1889 das Gegenteil bervorgerufen hat, in Erwägung endlich, daß die Vertreter der Zechen an dem Standpunkt festhalten, daß „Vereinbarungen auf Grund der Bestimmungen der Arbeitsordnung nur Sache der einzelnen Zechen ocrwalt- unq und des einzelnen Arbeiters sind", daß sie überhaupt der Bildung von Arbeiterorganisationen en tg eg en treten mit der Be- „i-ünduna daß „die Gewerkvereine bei dem Mangel wirklich positiver Biete statt das Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer zu verbessern, dieses weiter zu vergiften suchen werden", ricktet die Gesellschaft für Soziale Reform an die Reichsregierung das dringende Ersuchen, sobald als möglich durch die Gesetzgebung des Reichs die Hindernisse aus dem Wege zu räumen, welche der Ausbildung und der Wirksamkeit der Arbeiter--Berufsvereine im Wege stehen, und dabei Bestimmungen vorzusehen, welche bte Arbeitgeber veranlassen, mit den Arbeiter Berufsvereinen als Vertretern der in ihnen organisierten Arbeiter zu verhandel» —
auf mehreren Linien Kohlenzüge in der Richtung Münster über Maxau ausfallen zu lassen. Es betrifft dies in erster Linie den Ruhrkohlentransitverkehr nach der Schweiz und Italien. Darunter befinden sich hauptsächlich Transporte für die Gotthardbahn.. Das Zwickauer Kohlenrevier erreichte am 25. Januar mit 9210 Tonnen Versand eine bis jetzt noch nie dagewesene Ziffer. Die Kohlenvorräte sind dort so gut wie völlig geräumt.
Die Ruhe der Streikenden.
J!n den Berichten über die Streikbewegung im Ruhr- kohlenrevier wird immer wieder anerkannt, daß trotz der aufs höchste gespannten Erregung die Rübe und Ordnung in nennenswerter Weise nicht gestört wurde. Wie erklärt sich das? Ein Erklärungsgrund, vielleicht der wichtigste, liegt darin, daß derjenige Faktor, welcher in Zeiten leiden- chaftlicher Spannung die allermeisten Ruhestörungen verursacht, nach Kräften ausgeschaltet wird: der Alkohol. Sämtliche Arbeiterführer, ob sie zu den christlichen oder den Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereinen oder zu den Gewerkschaften zählen, geben bei jeder Gelegenheit die Parole aus: Achtung vor den geistigen Getränken! Fort mit der Schnapsflasche! Euer größter Feind ist der Alkohol!. Die Behörden unterstützen diese Mahnung dadurch, daß früherer Schuß der Wirtschaften, vickfach 8 Ubr, spätestens 10 Uhr, angeordnet und der Schnapsverlauf über die Straße völlig verboten wird. Und die Arbeiterschaft selbst sieht die Richtigkeit dieser Ratschläge und dieser Maßnahmen ein. Bei diesem Sachverhalt ist es erklärlich, daß ein angesehener Arzt im Ruhrkohlenrevier schreibt: „Der Streik wird für die Antialkoholbewegung von voraussichtlich enormem Nutzen sein."
Die Zurückhaltung der Börse und das Sinken der K o h l e n a kt i e n hat schon wieder aufgehört. Die Hoffnung auf Wiederaufnahme der Arbeit ist in Börsenkreisen wieder bedeutend größer. Es sind die Aktien der Gelsenkirchener Gesellschaft um gut 2 Prozent gestiegen und die der Harpener Gesellschaft desgleichen, während Concordia ihren Rückgang fortsetzten.
Tas Ende des schlesischen Streiks.
Der preuß. „Stcratsunz." meldet: Aus den oberschlesischen Staatswerken fuhren am 6. Februar die Belegschaften wieder vollzählig an. Aus den Privatwerken waren am 6. Februar auf dem Hillebrandschachi 330 von 450, heute auf Gottessegen (Aschenbornschacht) 235 von 601, auf den drei Schächten der Gewerkschaft Charlotte bei Czernitz (Bergrevier Ratibor) 600 von 2000 Bergarbeitern ausständig. Im Waldenburger Bezirk fuhren am 6. Fcbr. auf den Gruben der schlesischen Kohlen- und Kokswerke in Gottesberg von 2543 nicht an 1630. In Neurode ist die Streiklage unverändert. Auf den übrigen Gruben des Bergreviers Ost-Waldenburg fuhren die Belegschaften voll-
III. In Erwägung, daß es nicht nur im Interesse der Parteien! sondern auch im Interesse der Volkswohlfahrt und des Vaterlandes dringend erwünscht ist, dem Ausstand sobald als möglich ein Ende zu machen, in Erwägung, daß bei der Mlehnung von Verhandlungen seitens der Vertreter der Zecken nur der schleunige Erlaß von gesetzlichen Bestimmungen zur Regelung der Arbeitsbedingungen, welche im wesentlichen den Forderungen der Bergarbeiter Recknung tragen, zur Beendigung des Ausstandes fuhren kann, begrüßt die Gesellschaft für Soziale Reform bte Avpcht der Königlich Preußischen Staatsregierung, einen entsprechenden Gesetzentwurf in kürzester Frist dem Landtage vorzulegen, weil ihre Initiative am schnellsten zu dem gewollten Ziele führen rann. Verstärkt würde der Eindruck eines solchen Verfahrens. dadurch werden, daß die in Aussicht genommenen Reformen sofort nach vorhergehender Verhandlung mit der Siebener-Kommission der Bergleute und mit Vertretern der Belegschaften. auf.den fiskalischen Gruben eingeführt würden. Tabei betont die Gesellschaft für Soziale Reform, daß 'sie an sich die Regelung der Arbeitsverhäft- nisse in den Bergwerken durch die Reicksgesetzgebung wünscht und daß verfassungsmäßige Bedenken gegen diesen Weg nicht vorliegen. Tieselben Gründe, welche das Reich dazu geführt haben, die Arbeiterschutzbestimmungen für die sonstigen Arbeiter durch seine Gesetzgebung einheitlich zu treffen und einen Teil derselben auf die Bergwerke auszudehnen, sprechen auch dafür, das ganze Bergarbeiterverhältnis durch das Reich zu regeln. Dre Gesellschaft für Soziale Reform erwartet deshalb, daß das für den! Augenblick in Aussicht genommene preußische Gesetz nur einen Schritt bedeutet aus dem W-^e zu einer umfassenden Bergarbetter- gesetzaebung durch das Reick.
Darmstadt, 7. Febr. In der hiesigen Kurgerschast hat sich ein Komitee gebildet, das einen Aufruf gunsten der streikenden Bergarbeiter erlaßt und zu einer Sammlung auffordert. Die Kundgebung trägt die Unterschrift zahlreicher namhafter Persönlichkeiten auS allen Kreisen der Bevölkerung und aus den verschiedenen bürgerlichen Parteien. Unter den Ncmren sind die Do- zentenderTechnischenHochschuleundderGeist- lichkeit besonders stark vertreten.
Frankfurt cl M., 7. Febr. Der Demokratische Verein hielt eine Versammlung ob, in der Rechtsanwalt Kohn über den Ausstand der Bergarbeiter im Ruhrrevier referierte. Folgende Resolution gelangte zur Annahme:
„Tie heutige vom Demokratischen Verein zu Frankfurt a. M. einberufene öffentliche Versammlung erblickt in dem Ausstande der Ruhrbergleüte einen Akt der Notwehr gegendieHer- rengelüste her Bergwerksuntern ehm e r; sie sprichst den streikenden Arbeitern die volle Sympathie in ihrem Kampf und Anerkennung ihrer Organisation und Erlangung gerechter Arbeitsbedingungen aus und erwartet, daß die gesetzgebenden Faktoren in Preußen schleunigst den stärksten Beschwerden! ab helfen und weiter Sorge tragen, damit die bergbaulichenj Verhältnisse so geregelt werden, wie es das öffentliche Interesse, zwingend fordert." „ , , , ,
Die demokratische Fraktion hat bei der Stadtverord^ netenversammlung den Antrag eingebracht, die Streiken-^ den mit 15 000 Mark imxS1 städtischen Mitteln Ml
Pie Ereignis in Kurland.
Falsche Gerüchte vom Zaren und Gorki.
Die Petersb. Telegr.-Ag. meldet heute: Die auswärts! verbreitete Nachricht, der Kaiser habe in seinen Privat- gemächern in Zarskoje Sselo einen cm ihn gerichteten Drohbrief ausgcfunden, entbehrt jeder.Begründung. Ebenso unbegründet ist, daß Maxim Gorkr aus der Haft entlassen worden sei.
Einem Berliner Blatte wird gemeldet: Gorki totrfr in der Peter-Pauls-Festung in strengster'! Einzelhaft gehalten. Er wurde sogleich am Tage der Verhaftung von Riga nach Petersburg gebracht, mußte! Gefängniswäsche imb Gefängniskittel entlegen uno wurde in eine winzig kleine, mit Steinfließen ausgelegte Jsolier- zeUe eingesperrt. Der tägliche Spaziergang, der ihm er-- laubt ist, dauert eine Viertelstrmde. Am schwersten empfindet: Gorki das Verbot, si,chl geistig beschäftigen zu dürfen. Der' einzige An kl a ge pu nkt, der gegen ihn geltend zuf machen ist, ist seine T e iln ah m e an d er De pu tati on-> die am Vorabend des Petersbrrrger Blutbades, die Minister bat, nicht auf wehrlose, friedliche beiter schießen zu lassen.
Der Mörder
des ftnnischen Senatsprokureurs Johnsson ist, lvie die Untersuchung ergeben hat, ein ehemaliger Student der Petersburger Alexander-Universität Namens Lenard- Hohe n t h al. Derselbe verweigert jede Auskunft über das Motiv der Tat.
Reformen des PreßgeseheS.
Das Ministerkomitee hat beschlossen, zum Zwecke bet Revision der Zensur- und Preßyesetze und behufs Aufstellung neuer Gesetzentlv-ürfe über diese Gegenstände unter dem Vorsitz einer vom Kaiser gewählten Persönlichkeit eine Spezialkonferenz von in diesen Gegenständen erfahrenen Beamten, von Mitgliederir der kaiserl. Akademie der Wissenschaften, von hervorragenden Schriftstellern und von Vertretern verschiedener Departements einzusetzen. Ter Vorsitzende der Konferenz soll das Rech-tz haben, zu ihren Sitzungen Personen heranzuziehen, vow denen man nützliche Informationen erwarten kann, wie auch Vertreter der Pr o v i ntzp res s e, ferner das; Recht, dem Staatsrate direkte Vorschläge zu machen. Das Ministerkomitee hat ferner beschlossen, schon vor der end- giltigcn Revision der erwähnten Gesetze das Recht des Ministers des Innern au fzuheben, wonach er das Einrücken von Bekanntmachungen in die Zeitum^ew verbieten kann, und ferner die gcgemuärtig bestehende Be- fugniis der Uebertragung einer Zeitung von einem R ed a k t e u r auf einen anderen, a b z u - schaffen. Auch hat das Ministerkomitce beschlossen, den Kaiser zu bitten daß Bücher, die dem Minister- komitee von den: Minister des Innern zum Zweck der Unterdrückung aus politischen Gründen überaebenj
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Zum Berg-Rotgesetz.
Eine Auflösung des preußischen Abgeordnetenhauses bei etwaiger Ablehnung des Berg- Not gesetzes hmt die preußische Regierung, wie von unterrichteter Seite verlautet, bisher nicht in Erwägung gezogen. Es soll auch nicht in der Absicht des Grafen Bülow liegen, nötigenfalls einen Truck auf die preußische Kammer auszuüben durch Ankündigung eines berggesetzlichen Vorgehens von Reichs wegen. In dieser Hinsicht bleibt die Erklärung des Grafen Posadowsry bei der Erörterung der s/.eichsberggesetz-Resolution der Sozialdemokraten verbindlich. Man erwartet in Regierungskreisen, daß der preuß. Landtag beim Berg-Notgesetz nicht versagen werde. Insbesondere wird, abgesehen ckom Zentrum und den Freisinnigen, auf Unterstützung durch einen größeren Teil der Konservativen und Nationalliberalen gerechnet. Was durch das offiziöse Telegraphenbureau über den Inhalt des Notgesetzes veröffentlicht wurde, läßt diese Erwartung immerhin als gerechtfertigt erscheinen. Es dürrste sich tzegen die Neuerungen auch vom Standpunkt derer schwerlich etwas einwenden lassen, die bei dem Streik den „Kontraktbruch" der Bergarbeiter in den Vordergrund stellen zu müssen glauben. Denn es würde sich danach um die schleunige Beseitigung unbestreitbarer Mißstände handeln.
Ein nation al liberaler Antrag im preuß. Abgeordnetenhause ersucht die Regierung um Mitteilung des Ergebnisses nach Beendigung der Erhebungen über die Arbeiter-Verhältnisse im Ruhrrevier.
Tie Lage im Ruhrrevier.
In den 18 Revieren oes Oberbergamtes Do-rtmund und auf Zeche Nheinpreußen waren am Dienstag 65 697 Arbeiter bei einer Gesamtbelegschaft von 261 517 Mann an gefahren ; mithin fehlten 195820 Arbeiter gegen- 196288 am Montag.
Auf der Zeche Bruchstraße wurde bei der Lohnzahlung am Donnerstag im Gegensatz zu zahlreichen anderen Zechen den Arbeitern drei Schichten als Schadenersatz einbehalten, lieber den Eingang von Streikgeldern wird mehrfach Klage geführt.
Tie „Bergarb.-Ztg." veröffentlicht einen Aufruf an die Streikenoen mit der Weisung, ruhig auszuharren und nur auf die Siebenerkommission zu hören. Ihre Anordnungen seien von allen Belegschaften streng zu befolgen. Wer einen T i s z i p l i n b r u ch begehe, werde nicht mehr als ^ur Organisation gehörig betrachtet und habe an drese keinerlei Anrecht mehr.
Ter Berg bau verein hat sich telegraphisch, durch den Abg. Hirsch an die Regierung mit der Bitte um sofortige Veröffentlichung der amtlichen Protokolle über die Ergebnisse der königlichen Untersuch un g s ko m mission gewandt. Tie Frage wurde abschlägig beantwortet.
lieber die Folgen
bet Bewegung ist mitzuteileu, daß in Sü d d e u t s ch l a n d sich die Ko h len kn ap pH ei t nun re cht füh lb ar macht, namentlich für Gas- und Schmiedekohlen sowie Koks. Tie £ic Pfälzischen Bahnen sind durch, deu Streik gezwungen,
Veliüsche Tagesschau.
Besuch der Zarin m Darmstadt und Berlin?
Wie wir gestern mitteilten, hat die Zarin als Chef des preußischen 2. Gardedragoner-Regiments diesem ihr lebensgroßes Oelbild geschenkt, und es wurde dem Regiment durch den Militärbevollmächtigten der russischen Botschaft, Oberst v. Schebeko, feierlich übergeben. 5>err v. Sche- beko hielt, wie uns heute aus Berlin gemeldet wird, hierbei eine Ansprache, in welcher er bemerkte, er sei beauftragt worden, Mm Regiment die Grüße der Kaiserin zu übermitteln und gleichzeitig in ihrem Auftrage zu sagen, die Kaiserin hoffe bestimmt, noch in diesem Frühjahr Gelegenheit zu haben, im Kreise ihres Offizierkorps in Berlin sich selbst davon zu überzeugen, ob ihr Porträt, zu dem sie dein Maler (F. A. v. Kaulbach in München), im vorigen Jahre in Darmstadt nur wenige Sitzungen gewähren konnte, auch ähnlich ausgefallen sei.
Man darf aus dieser Aeußerung wohl schließen, daß die Zarin sich mit ihren Kindern schon in nicht ferner Zeit nach Darmstadt begeben und auf, der Durchreise in Berlin aufhalten wird. So schreibt unser Berliner Korrespondent wörtlich.
Personen, welche Gelegenheit hatten, die russische Kaiserfamilie in ihrer Häuslichkeit in Tsarskoe-Selo während der allerletzten Zeit zu sehen, erzählen übrigens, wie unser Gewährsmann fortfährt, die Zarin sei seit den Ereignissen des blutigen Sonntags außerordentlich deprimiert. Die sonnige Heiterkeit ihres Wesens sei geschwunden und einer traurigen Stimnrung gewichen, die in der Angst und Auftegung um das Leben ihres Gatten und ihrer Kinder ihren Ursprung habe. Mle Berichte, daß der Zar und die Zarin sich der Gefahr der Lage und der Ungewißheit der Zukunft nicht bewußt seien und unbekümmert die Freuden ihres glücklichen Familienlebens genießen, sind, nach dieser Quelle, nichts anderes als planmäßig er-fundene und verbreitete Unwahrheiten. In Wirklichkeit sei die Furcht vor Attentaten als unheimlicher Gast im Alexander-Palast zu Tsarkoe-Selo eingezogen und habe alle Fröhlichkeit daraus verbannt.
Man wird diese beiden Meldungen wie die meisten Nachrichten vom Zarenhofe mit größter Reserve aufzunehmen haben. Die gestrige Meldung von der Auffindung eines Drohbriefes im Arbeitszimmer des Zaren trug ja den Stempel einer bvmmbreiffen Erfindung am Kopse.
Ve,«g»prei»r jQfr jOK monatlich 75Pt., viertel»
Gießener Zimmer
General-Anzeiger
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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen WWZ
zeigenteil: Hans Beck.


