Ausgabe 
7.11.1905 Zweites Blatt
 
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Aeiltj(6-5ȟdwellafrikanisches.

Ter Kaiser hat dem Generalleutnant v. Trotha «nd zwei anderen afr. Offizieren, dem Major Meister und dem Hauptmann Franke, den Orden Pour le m 6 r i t e verliehen.

Eine amtliche Meldung teilt gleichzeitig in Bestätig­ung unserer früheren Nachricht mit, daß Generalleutnant v. Trotha gleichzeitig mit dem am 18. November zu er­wartenden Eintreffen des neuernannten Gouverneurs von Südwestofrika v. Lindeguist abberufen werden und das Schutzgebiet voraussichtlich tags darauf verlassen wird, nach­dem er die Gouvernemeutsgeschäfte dem neuen Gouver­neur und das Kommando der Schutztruppe dem Obersten Dame, als rangültestem anwesenden Offizier, über­geben hat.

Generalleutnant v. Trotha wurde im Mai 1904 zum Oberbefehlshaber der Schutztruppe ernannt. Er leitete zu­nächst die Kämpfe, die $ur Zersprengung der damals noch geschlossenen Hereromafien führten, und dann die Opera­tionen gegen die Hottentotten. General v. Trotha steht im 58. Lebensjahr. Er hatte aucy die Zivilverwaltung unter sich, und es wurde alles nach militärischen Gesichtspunkten eingerichtet. Trotha setzte gleich nach seiner Ankunft die schon von Leutwem begonnene Truppenkonzentration am Waterberg fort, wo nach schwerem Kampfe die Hereros ge­schlagen und durch die namentlich von .Hauptmann v. Estorsf geleitete Verfolgung in die Kalahari getrieben, wo sehr viele von ihnen umgckommen sind. Der Kampf gegen die Hottentotten ist dagegen noch heute nicht zu Ende geführt. Hier hat sich die Entfernung des mit den Verhältnissen vertrauten Leuttvein als schwerer Fehler erwiesen, und alle Taktik hat bis jetzt nicht den erwarteten Erfolg gebracht. Unangenehmes Blut hatten auch verschiedene Anordnungen Trothas gemacht, so seine Proklamation vom Oktober v. I., wo er als dergrosze General der deutschen Soldaten" an kündigte, daß die Hereros das Land verlassen müßten, daß innerhalb der Grenzen alle Hereros erschossen werden würden, und daß er auf Weiber und Kinder schießen lasse. Tas erregte nicht nur aus humanitären, sondern auch aus wirtschastlicl)cn Gründen Widerspruch, weil man die He­reros als Arbeiter nicht entbehren kann. Als ein Erlaß des Reichskanzlers sich hiergegen wandte, polemisierte Trotha in einem Schreiben an die Windhuker Nachr. dagegen und behauptete, daß die Folge jenes Erlasses das Friedens­angebot an die Hereros gewesen sei, das diese nur zur Fortsetzung der Räubereien ermuntert habe. Trotl-a hat öüiin von sich reden gemacht durch schrofie Behandlung des Windhuter Bezirksbeiruts, ferner durch Boikottierung eines Windhuker Blattes, das thn kritisiert hatte. Immerhin scheint uns d^r häufige Kommandowechsel in jenen wüsten afitkanifchen Regionen zur Erreichung eines endlichen dauernden Erfolges recht bedenklich.

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Tie neueste dentsch.jüdwcstafrikanische Verlustliste.

Ein Tctegruium aus Windhuk lautet: Am 24. Oktober sind im Gefecht bei Hartebcestmund gefallen: Bizefeld- webel Albert Birkholz, Unteroffizier Alfred Stoewer, die Ge­freiten Heinrich Wolfram und Paul Müller, die Reiter Gottlieb Schroeder, Hugo Kulme, Otto Hoffmeister, Max Klinker, Wilhelm Petersen, Gustav Hoi.ck.s, Julius Englinski, Gustav Strecker und Gustav Schreck. Verwundet: die Unteroffiziere Luchterhand und Gcrding, die Gcfieiten Niebusch, Werner und Becker, die Reiter Cito Will, Holzkamm, Kücks, Georg Arnold, Staffel und Oscku'irrsky, Büchsenmacher Fritz Treier. Vermißt: die Unter­offiziere Heinrich Babel, Reinh. Sehl, Reiter Paul Gras.

Am 28. Oktober bei dem Po. trouilleugefecht am Keils ub sind gefallen: Gefreiter Franz Eckl, genannt Rupprecht, Reiter Engelb.rlus Kvtze. Verwundet: Reiter Wilhelm Sandbrink. Ain 29. Oktober bei dem UeberfaU eines Prvviantwagcus bei Fahl gras gefallen: die Reiter Max Stumpe und Gesell., Verwundet: Gefreiter August Kaschube. Am 28. Oktober auf Patrouille bei Awadaobe verwundet: Reiter Paul Wawr'vniak.

Z)ie ö'sterreich^chen Wahlrcch s-Demo stralionen entroicteiten sich in Prag zu offenem Ausruhr. Sie nahmen ihren Ausgang in einer ungeheuren tschechisch-sozia- listischen Demonstration auf dem Wenzelsplatz, an der 60 000 Menschen teilnahmen. Viele Redner forderten zu bewaffnetem Ausstande auf. Nach Schluß dieser Versammlung zog eine vieltausendköpfige Menge nach dem Graben, wo es vor dem deutschen Kasino zu einem blutigen Zusammen­stoß mit der Polizei kam. Aus der Menge wurden Revolverschüffe abgegeben, worauf die Polizei blank zog und gegen die Menge feuerte. Mehr als 200 Personen wurden dabei zum Teil tötlich verletzt. Die Menge stürmte sodann viele Gebäude, darunter das Landgericht und die Lolto-Kollektur. Zahlreiche Schaufenster wurden ein» geschlagen. Am Abend wiederholten sich die Exzesse. Die Wache, sowie einschreitende Kavallerie wurden mit Steinen beivorsen. Auf dem Karlsplatze wurden von den Demon­stranten Barrikaden errichtet, von wo die Wachen mit Revolvern beschossen wurden. Die Wache erwiderte das Feuer und stürmte die Barrikade. Die Exzeffe und Gewalttätigkeiten dauerten die ganze Rächt hindurch. Polizei und Militär wurden mit Revoloerschüffen, Steinen und Bleigläsern an­gegriffen, so daß beide von der Waffe Gebrauch machen mußten. Emer der Verwundeten ist gestorben. Die Zahl der Verhafteten beträgt weit über hundert. Bei den Verhafteten, unter den sich ein russischer,Student befindet, wurden Dolche, Messer und Revolver gesunden. Verschiedene Stadtteile bieten ein Bild der Zerstörung. Auf dem Bel- oedere-Platz sind sämtliche Gaslaternen zertrümmert.

Gegen 10 Uhr wurde ein Oberwachmann von der Menge durch Stockhiebe schwer verletzt. Er flüchtete in das Gerichts­gebäude, wohin ihm die ivütende Menge nachstürmte.

Die tschechische Studentenschaft erklärte sich mit der Arbeiterschaft solidarisch und will ebenfalls in Streik treten» Der akademische Senat der tschechischen Univer­sität suspendierte bis auf weiteres die Vorlesungen.

In einem Aufruf des Exekutionskomitees der soz. Arbeiter- icEuait wixiJ die Arbcilerlchakt autaefordert, nicht eher den

Streik und Maffenkundgebungen zu inszenieren, bis sie hierzu von ihren Vertrauensmännern aufgefordert werde. Vorläufig wolle man sich mit der Obstruktion der Eisenbahner begnügen, die in der heutigen Landeskonferenz in Prag be­schlossen haben, die passive Resistenz über alle Strecken in Böhmen und über die Staatsbahnlinien in Oesterreich aus- zudehnen. Die Parteileitung fordert die Arbeiter auf, überall energisch gegen die Beschädigung von Privateigentum und der kulturellen und Humanitären Anstalten einzuschreiten. Tie Leitung der sozialdem. Partei beschloß, sofort mit allen Arbeiterorganisationen im ganzen Reiche in Verhandlungen zu treten und ein einheitliches taktisches Vorgehen im ganzen Reiche festzustellen, eventuell den Generalstreik zu organi­sieren und zu proklamieren.

Ctatthalterei veröffentlicht ein (Kommunique indem sie unter Hinweis auf die offiziöse Kundgebung zur Wahlreform erklärt, daß grobe Ausschreitungen und GesetzeSverletzungeii mit den Wahlreformbewegimgen nichts zu tun haben und nichts zu tun haben dürfen. Diese Erscheinungen lassen da­rauf schließen, daß die politische Bewegung für das allge­meine Wahlrecht zu anderen Zwecken mißbraucht wurde. Gerade im Intereffe einer zeitgemäßen Wahlreform wäre es zu beklagen, wenn sich die Ausschreitungen wiederholten und dadurch die Notwendigkeit vorläge die Ausübung der politischen Feiheiten zeitweilig zu beschränken.

In Wien verliefen sieben Wahlrechtsversammlungen ohne Zwischenfall. Abg. Perncrstorfer kündigte den Aus­bruch des Generalstreits an, falls die nächsten Wahlen unter dem bisherigen Wahlsystem statt- finden. Auch würden diese Wahlen nicht ruhig ver­lausen. Nach den Versammlungen zogen die Teilnehmer unter demonstrativen Rufen durch die Straßen. Der aka­demische Senat verfügte die Relegierung von sechs Teilnehmern an Studentendemonstrationen. Drei erhielten das consilium abeundi, und zwei eine Rüge vor dem ver­sammelten Senate. Die Wiener Universität wurde vor­läufig geschlossen. Am Montag Tlittaq fanden wieder Schlägereien statt, wobei mehrere Studenten verletzt wurden.

Wie aus Triest, Salzburg und Innsbruck ge­meldet wird, verliefen die Kundgebungen, die dort zu Gunsten des allgemeinen Wahlrechte veranstaltet waren, ohne be­sondere Zwischenfälle.

2>ie cf'ifle in Ziußland.

Wie dieNowoje Wremja" berichtet, erklärte Minister­präsident Graf Witte den Vertretern der Semstwobureaus und der Stadtverwaltungen, daß die Negierung irgend eines Teiles der Gesellschaft als Stütze bedürfe. Er gab zu verstehen, daß er auf ein günstiges Ergebnis des am 19. November zusammentretenden Semstwokongreffes hoffe. Wenn er auch in der Reichsduma kein Allheil­mittel sähe, so sei doch gegenwärtig die Berufung der ver­langten konstituierenden Versammlung auf Grund des all­gemeinen Wahlrechtes unmöglich. Graf Witte wies darauf hin, daß die Zahl derer, die gegen die Reformen Opposition machten, sehr zahlreich sei. Der einzige, der ihn unterstütze, sei Trepow.

Der deutsche Güterverkehr mit Rußland über Wirballen ist wieder eröffnet.

An vielen Stellen der Stadt Moskau kam es am Montag zu blutigen Zusammenstößen. Es ist lebensgefähr­lich, die dortigen Straßen zu beschreiten. Fortwährend ziehen patriotische Manifestanten durch die Straßen mit Fahnen, Kaiser- und Heiligenbildern. Wer nicht vor dem Volke das Haupt entblößt, wird mißhandelt. Besonders richtet sich die Wut des Pöbels gegen die Studenten. Täglich werden piehrere von ihnen unter schrecklichen Mißhandlungen getötet und in den Fluß geworfen. Die Aufregung in der Stadt ist unbeschreiblich.

Ferner meldet man aus Odessa: Seit Mitternacht wurden 470 Leichen eilig in Möbelwagen und Militärbagage- wagen nach den Begräbnisplätzen geschafft. Wie viele Leichen in den Rächten der letzten Woche von Militär beerdigt wurden, wird nicht angegeben, doch bestätigt sich die frühere Schätzung, daß 4000Personen getötet und 13 0 0 0 bis 1400 0 verwundet worden sind. Verbrecherbanden durchzogen die Straßen und verübten allerlei Greueltaten. Kinder wurden den Müttern weggeriffen und in Stücke zerschnitten. Aerzte, Krankenschwestern und Priester wurden in Anwesen­heit von verkleideten Polizeiagenten getötet; alles wurde auSgeplündert und beraubt. Man nimmt an, daß diese Un­ruhen von Polizeispitzeln organisiert wurden. In der Blobota RomanowSka sand eine Judenverfolgung statt; zwanzig wurden in einem einzigen Hause getötet, in einem anderen Hause 15, andere wurden auf der Straße verfolgt und abgeschlachtet. Das Blutbad dauerte die ganze Nacht. Von 150 Inden, die sich auf einem Friedhöfe versteckt hielten, wurde der größte Teil getötet.

Schreckliche Nachrichten treffen aus Tomsk ein, wo der Mob ein Theater während der Vorstellung anzündete und jede Rettung verhinderte.

TaS kaiserliche Manifest über Finland besagt: Straft des Gesetzes über den finländiscben Landtag befehlen wir, am 20. Dezember in Helsingsors einen außerordent­lichen Landtag zu eröffnen, der folgende Fragen beraten soll: 1 Anträge übet Ausgaben in den Jahren 1906 und 1907, zeit­weilige Steuern und eine Anleihe zum Zwecke des Baues einer Eisenbahn. 2. Den Entwurf eines neuen Grundgesetzes für die Volksvertretung Finlands aut der Grundlage des allgemeinen Stimmrechtes und unter Einführung der Verantwort- l i ch k e i t der lokalen Behörden gegenüber den Vertretern der Ration. 3. Ten Entwurf von Grundgesetzen über Freiheit der Presse, der Verfa nmlungeu und der Vereine. Wir er­warten von allen die genaue Ausführung unseres Willens.

Hin His-.ubaönunglülL bei Kelsterbach.

W. Frankfurt, 6. Nov.

lieber ein Eisenbahnunglück bei Kelsterbach wird amtlich gemeldet: Schnellzug 141 Rietz-Frankfurt stieß bei der Einfahrt in Bahnhof Kelsterbach beute vormittag kurz nach 11 Uhr auf den ausfahrenden Güter; ua 7615. Beide Lokomotiven und zivei Personenwagen wurden schwer besck^d-igt. Außer dem L o ko in o t i v pe r so n a l trugen vier Reisende Verletzungen d von. Beide Hauptgleise sind gesperrt. Der Betrieb wird durch 'Umsteigen an der Unfallstelle aufrecht, ereilten. Ter Uns st ist dadurch berbeigeführt, daß die Halt­stellung des Ausf hrtssignals für den Güterzug, welches ur- svrünglich auf Fahrt gezogen, dann aber wegen des durchfahrenden, Schnellzuges wied"r auf Halt gestellt worden war, von dem £oh> motivführer des Güterzuges zu spät bemerkt wurde.

Von privater Seite wird noch gemeldet: Vom Güterzug sind vier Wagen entgleist, vom Schnellzug zwei Wagen. Dom letzteren geriet einer in Brand Ein RettuugsZug ging von Frankfurt an die Unfallstelle ab. Der zweigleisige Betrieb dürfte hmte abend wieder ausgenommen werden können. Schwer verletzt sind: Thristian Schmidt, verheiratet aus Bischofsheim; Geisler <ni3 Mainz, am Kopf: Lokomotivs hr-w Hissenauer aus Mainz, ®ii> belknochenbruch: Emanuel Müller aus Mainz, Kopfwunden: Lud­wig Grün aus Mainz, Kopi- und Handverletzungen: Moritz Zschech aus Mainz, Kopf. Leicht verletzt: Fabrikant August Wagner aus Oberstein.

Als das Unglück nach Frankfurt gemeldet worden war, ttfe», phonierte man, wie dieKl. Pr." meldet, nach acht Aerzten, von denen aber nicht ein einziger zu Hause angetroffen wurde. Trotzdem ging alsbald ein Rettungs- und Gerätezug ab, mit d'm ein Militär- und ein Zivilarzt, sowie sämtliche ausgebildeten Senitätsmannschafien der Station Frankfurt fuhren. Man hatte nicht, wie seinerzeit bei Spremberg, sich daran gekehrt, daß die Unf'llstätte in einem anderen Tirektionsbezirk, in diesem Falle im M--inwr. lag Ter Materialschaden ist bedeutend. Es sind beide Hauptgleise gesperrt. Auf einen weiteren Umstand verdient noch hingewies"n zu werden. Wie notwendig die Be- stimmung ist, bei solchen Zügen, die keinen Gepäckwagen mit» führen, hinter der Maschine einen Schutzwagen laufen zu lassen, hat sich bei dem Unglück gezeigt. Ein Mißstand ist c& her, in dem Schutzwagen des V er bandszeug aufzubewahren. Der Scbutzwagen ward bei der Kelsterbacher Katastrophe krümmert. d s Verbandsmaterial also unbrauckchar gemacht. Wäre die Klinstseidefabrik mit ihren den Vorschriften für Betriebs, unsälle entsprechende Einrichtungen nicht in der Nähe gewesen so wäre d's Unglück noch größer geworden.

Was die Bekanntmachung betrifft, der Verkehr werde durch Um st eigen aufrecht erhalten, so ist es vorgekommen, datz Leute, die gegen 5 Uhr aht der Unfallstelle von Mainz her an- langten, um sieben Uhr noch nicht befördert tvaren. Sie wurden' von dem Stationsbeamten auf einen Sonderzug, den er in Frank* furt bestellt habe, vertröstet, aber man wartete vergebens. Endlich kamen von der Unglücksstätte her ein Zug mit einem Packwagen, sowie zwei Personenwagen, die sofort besetzt waren. Debet 40 Personen mußten noch in einem Packwagen zusammengepfercht werden.

Der abends von Paris abgehende Schnellzug PariS-Franffurt, war gestern abend mit großer Verspätung abgefahren. Um die Verspätung nicht noch zu vergrößern, war von Metz noch ein Vorzug aboelaflen worden, der heute vormittag uur 10.30 Uhr in Kelsterbach 'eintraf.

Der eingleisige Betrieb ftrnnte erst von heim Uhr ab wieder ausgenommen werden. Ter Basel-Hamburger Schnell«' zug wurde rechtsmainisch gefahren.

Zu dem Unglückssoll wird uns von ein ent davon 53 et tro f feiten, stud. phil. Karl Neurath, folgendes mitz geteilt:

Ich befand mich mit noch einem Herrn in dem vierten Abteil des zweiten Wagens hinter der Maschine und sah in btt sonnige Herbstlandschaft, die rasch an den beschlagenen Wagen- fenstern vorüberlief. Plötzlich lag ich in dem Schoße des an benf anderen Fenster sitzenden Herrn Dr. Poppe, bet sich an den Vorh'ng klammerte unb ebenso plötzlich würbe ich auf menten ursprünglichen Sitz zurückgeschleudert um im nächsten Augen» blick burch die Türe in den Wort zu sausen, wohin mir meine Gepäckstücke rasch nachfolgten. Ich hatte mich kaum erhoben, alL ich ein fürchterliches Krachen vernahm, das sich mit dem be­tau benben Fauchen unb Zischen der Lokomotive vereinte. Ich flog auf meinen Sitz zurück der Zug stand. Ich dachte nicht im Entferntesten an einen Zusammenstoß ich dachte überhaupt nn nichts, sondern versuchte mit großer fttaftcrnihcngimg bte Türe zu öffnen, wes mir aber nicht gelang. Sie hatte sich fest» geklemmt. Da wurde mir von außen geholfen und mit einem, Sprung war ich im Freien. Auf den Gleisen standen z. T. die leichenblassen Fahrgaste, lagen Gepäckstücke, Holzsplitter, Eisens teile, glühende Kvhleit uff. Ich lehnte mich einen Augenblick au eine Bretterwand und sah erstaunt die Trümmerstätte. Der zev» trümmerte erste Wagen, der Feuer gefangen hatte, stand mit seinem Hinterteil auf dem zerschmetterten Kopfe des zweiten, dem ich glücklich entflohen war. Die Lokomotive unseres Zuge- war verbogen wie die des Güterzuges, dessen Tender umgestürzt w"r. Tie Güterwagen, hatten sich von dem Tender losgerissei^ und waren 1015 Meter zurückgetrieben worden. Zwei Bahn- beamte zogen den blutüberströmten Lokomotivfiihrer unseres ZugeS aus den Trümmern seiner Maschine und legten ihn in das Gras^ derweil andere aus dw nahen Seidenfabrik Verbandszeug holten^ weil der Verbandskasten des Zuges im Schuhwagen verbrannte» oder noch verunglückten Fahrgästen suchten. Jetzt erst erfamtte ich die Gefe.hr, der ich glücklich enttoifdvt war, und obschon ich selbst noch ganz verwirrt war, bot ich zwei älteren, Damenf meine Hilfe an, die allerdings nur im Bereiten von Litzplätz«* bestand. Nachdem wir uns von unserem Schrecken etwas erholt h tten, gingen wir nach der 200300 Meter entfernten (Station, um nech der erforderlichen Hilfe zu suchen unb die nächste Fahr­gelegenheit zu erfahren. Es konnte uns aber niemand Auskunft geb-n. da alle Beamten vollauf beschäftigt waren. Die Damm meinten, die Herren gingen auf und ab, einige, baruntcr tdk gingen zum Postamt, um sofort nach, Hause zu depeschierm, nbcre gingen schelllnd über den Bahnsteig. Gegen 12.45 Uhu kam endlich der erste Hisiszug von Frankfurt an unb ttnirbc von b?m größten Teile des Publikums mit Schmähungen über bte allzugroße Ver'ögening empfangen. Gleich barauf_tvaf ich auch Tr. Popve wieder, der gleich mir mit einigen Stoßen und denr ^cksie'cken d"vong''kommen war. Um 2.20 Uhr kam der erste, von Frankfurt, der die Pnisagiere der inzwischen ein», g-Nwllenen Züge aus Mainz weiter befer bette. Auf dem Frank» hrter Bahnsteig wartete eine große Menschenmenge auf die Mainzer Züge und wir konnten nur mühsam nach den Warte» sölen wo wir einiges zu uns nehmen konnten. Außer einend »(einen P.-k't habe ich nichts eingebüßt, aber ttotzdem war eS hoffentlich das letzte Erlebnis dieser Art."-

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General-Anzeiger, AmL§- und Anzeigeblatt für den Kreis Giehen.

Nr. 462

Zweites Blatt

Erscheint tSglld) mit Ausnahme beS Sonntags.

DieSiebener Zamlllenblätter" werden dem ^Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der ^hejstlche Eanörolif* erfdjeint monatlich einmal.

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Redaktion, Expedition u. Druckerei: Echulllr.7.

Tel. Nr. 51. Telegr.-Adr.: Anzeiger Gteßea.

Dienstag 7. November 1H05

A . RotatlonSdeiick und Verlag der Brühllche« vA , 7 Unwersuälsdruckerei. R. Lange, Gießen.