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7.11.1905 Erstes Blatt
 
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OrfActet ILgltch auf)er Sonniags.

Siem ffiickener Anzeiger «»erden im Wechsel mit Lern Hessischen Landwirt Ne siebener Lamllien- löittr utennol in der Woche bcigclegt

Rotationsdruck u. Ver­lag der Brüh lachen UntDcrj.-yucb-iL Stein- l ruderet. R. Lange. Redaktion, Eroebiuoa und Truderet:

Echulstratze 7.

Redaktion 113 Verlag u.Expeb.s^ß-51 Adresse für Depeschen:

Anzeiger «letzen.

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Dienstag 7. November 1905

_ vez«g»pre»»r

C"3 monatlich 75 Pf» viertel»

V jährlich Dkk. 2.20; durch

AA Abhole- u. Zweigstellen monatlich 60 Bf.; durch |v die Post Pik. 2. vtenel- läbrl. ausschl. Beftellg.

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eri twortltch htr Oe. poliL und allgem.

Erstes Blatt.

GieK

155. Jahrgang

ner

General-Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen

Teil: P. Wtltko. tüt »Stadt und Land' und Giend)iviaale: Ernst Heß, für den An- zeioenteil: Vans Beck.

Die veutige stummer umlahl 8 Seiten.

Jh*r Ädntfl von Spanien in Deutschland.

Ein Freund deS Gießener Anzeigers schreibt uns aus öem detttsch-französischen Grenzorte Dt.-Avricourt, 6. November:

Gestern (Sonntags Abend 10 */, Uhr kam hier der König Alfons von Spanien mit Gefolge an, auf der Durchreise nach reutschland. Er wurde empfangen vom Statthalter von Ellaß- Lalhrinaen Fürst Hohenlohe-Langenburg und dem kommandierenden teneral deS XV. KorpS im festlich geschmückten Bahnhof. Eine U>renkomvanie stellte da? Lothring. Inf.-Reg. Nr. 97 au5 Saar- burg t. Lothr. mit ReaimentSmtisik. Der König ging die Front ab and sah beivunbernb den tabellosen Parabemarsch ber Kompanie auf dem Bahnsteig an, liebenswürdigst mit dem Fürsten und den Generalen sprechend, sichtlich erfreut über den ersten Empfang ans dkntschent Boden. Die Musik spielte bei Ankunft und Abfahrt des tzoszuges die spanische Nationalhymne.

In dem französischen Orte Javisy war der König bereits von dem deutschen Botschafter in Paris, Fürsten Madolin, begrüßt worden, und er hatte dort zum Fürsten si'ne Freude geäußert, Berlin und ,bic schönen deutschen Truppen' kennen zu lernen.

In Di ag de bürg traf der Sonderzug mit dem König grsiern um 12 Uhr 55 Min. nachmitt. ein. Auf dem Bahn- Hoss' war eine Ehrenkompanie vom 3. Magdeb. Infanterie- rtgiment Nr. 66 mit Fahne und Musik aufgestellt. Außer­dem waren der kom. General v. Beneckendorff und v. Hinden- burg und das gesamte Offizierkorps deS 66. Jnfanterie- rtgiments zur Begrüßung erschienen. Der König verließ den Zug und schritt die Front der Ehrenkompanie ab, worauf ein Vorbeimarsch derselben erfolgte. Nach einem Aufenthalte von 10 Minuten setzte der König die Netse fort.

Auf dem Potsdamer Bahnhof zu Berlin traf der König um 3 Uhr ein und wurde vom Kaiser auf das herzlichste empfangen. Ferner waren anwesend sämtliche Prinzen des köniql. Hauses, sowie die Generalität und Admiralität. Auf bem Bahnsteig war eine Ehrenkomp. vom 2 Garderegiment aufgestellt. Nach der Begrüßung wurde vom Kaiser und König die Ehrenkompagnie abgeschritten, während die Musil die spanische Königshymne spielte. Tann brftiegen die Herrscher einen offene.! Wagen, dec von einer Schwadron Garde-Kürassiere eskortiert wurde. Tie Fahrt gilng durch die Siegesallee nach dem Brandenburger Tor. 2 er Pariser Platz war in den spanischen Farben geschmückt. 9£om Brandenburger Tor bis zum Schloß bildeten die Regi­menter der Garnison Spalier. Auf dem Pariser Platz hatten diie Mitglieder des Maigistrats und der Stadtverordneten- ^ rsammlung, an ihrer Spitze Oberbürgermeister Kirschner trab Bürgermeister Dr. Rcicke, Aufstellung genommen. König Alfons trug die Uniform seines Magdeburger Jnfanterie- Negiments, der Kaiser spanische Generalsuniform. In der Mitte des Platzes V; iclt der Wagen. Oberbürgermeister Kirschner trat heran, vom König mit Händedruck begrüßt, und hielt eine herzliche Begrüßungsansprache, auf die der König erwiderte: Er habe schon seit zwei fahren kommen sollen, wie ja der Kaiser wisse, aber es s'i damals nicht möglich gewesen. Desto mehr freue er such jetzt, Berlin kennen zu lernen. Mit Dankesworten für den freundlichen Empfang schloß der König, worauf sich der Wagen wieder in Bewegung setzte. Er fuhr durch die mit spanischen Farben geschmückte Straße Unter den Linden ginnt königlichen Schloß. Gelbrote Guirlanden und spanische mb deutsche Flaggen zieren die Feststraße. Die Privat- k auser Unter den Minden sind mit Teppichen und Tannengrün

reich dekoriert. Um 3Vr Uhr trafen der Kaiser und der König im königlichen Schlosse ein, wo eine Ehrenwache ausgestellt war. Nach deren Besichtigung traten bie Mon­archen nach dem Lustgarten hinaus und ließen sämtliche an der Spalierbildung beteiligen Truppen defilieren. Die gjlonardjen kehrten darauf tn das Schloß zurück.

Am Abend stattete König Alfons ber Kaiserin einen Besuch ab. Demnächst begaben sich die Herrschaften nach dem Weißen Saale zur Gala täfel. Der König führte die Kaiserin, der Kaiser die Prinzessin Friedrich Leopold. Bei der Tafel saß der König zwischen dem Kaiser und der Kaiserin, gegenüber saß der Reichskanzler. Unter den Geladenen be­fanden sich da? Gefolge des Königs, die Staatsininisler, Bot­schafter v. Radowitz und Oberbürgermeister Kirschner.

Die Monarchcntoafle.

Der Kaiser hielt einen Trinkspruch, welcher lautete:

Ew. Majestät heiße ich ans tiefster Seele wärmstens will" kommen. Ew. Majestät werden sich überzeugt haben durch den Empfang seitens der Bürgerschaft meiner Residenz, wie warm und innig die Herzen meiner Untertanen Ihnen entgegenschlagen Es ist auf Eure Majestät die warme S v m p a t h i e, die mein Volk für Ihren durchlauchtigsten dahinaesst-iedmen Vater gezeigt hat, übertragen worden. Mit innigstem Anteil und regem In­teresse hat mein Volk die Entwicklung Eurer Majestät von Jahr zu J->hr verfolgt, und mit Jubel begrüßt es heute iden König von Spanien. Eure Majestät sind in dem Gnnande des Chefs eines preußischen Regimentes eingezogen und meine Garde-Regi­menter sind stolz gewesen, Proben ihrer Tüchtigkeit vor Ew Majestät Augen abzulegen. Sie begrüßen in Ew. Majestät _bcn Chef des 66. Regiments und zu gleicher Zeit den allerhöchsten Kriegsherrn des spanischen Heeres, das von großer Vergangen­heit und der Hort ritterlicher Tugenden ist. Und so bitte ich Ew. Majestät, hier nochmals meinen herzl. Dank annehmen zu wollen für die hohe Ehre, die Sie mir angetan, indem Sie mir ein spanisches Regiment verliehen und zu gleicher Zeit mir die Würde eines Generalkavitäns übertrugen. Ew. Majestät dürfen versichert sein, daß ans den Herzen meiner Untertanen sowohl, wie meines Hauses und aus meinem stets Gebete zum Himmel aufsteigen werden für das Wohl Ew. Majestät, des spanischen Volkes und Ew. Maj. erlauchtem Königshnise. Aus dieses Gebet und auf diesen Wunsch 'leere ich mein Glas.

Auf den Trinkspruch des Kaisers erwiderte König Alfons tn spanischer Sprache:

Settor! "Noch bin ich bewogt ton dem schmeichelhaften, glan­zenden Empfang, den das mächtige Deutsche Reich mir bereitet hat, und nichts konnte in meinem Geiste diesen angenehmen mnd tiefen Eindruck besser vervollständigen, als die beredten Worte, die von dem erlauchten Herrscher gesprochen wurden, der so weise und hingebend diese ruhmvolle Nation leitet. Mit Ihren erhabenen Gesinnungen stimmen gänzlich mein eigenes Verlangen und die wiederholt von dem spanischen Volke ausgesprochenen Wünsche überein, das mit dem Deutschen Reiche herzliche und sehr fr e u u d scha ftl i che ^Be­ziehungen bewahren will. Ich beglückwünsche Sie, Sonor, zu dem außerordentlichen Fortschritt, den sowohl die Kultur, als die moralische als materielle Wohlfahrt in Ihren Staaten erreichen, sowie zu der Manneszucht, dem Gehorsam und den gesamten Eigenschaften eines Heeres, welchem ich mir fdjmcidjle als Obersten anzugehören, und mit der auf­richtigsten Dankbarkeit trinke icb auf das Wohl Euerer kaiserl. Majestät, aus das Ihrer Majestät der Kaiserin, auf das der ganzen Kaiserfamilie und auf das dauerndste Glück des Deutschen Reiches.

Bei dem Galadiner war die Tafel mit einem großen goldenen Tufelgerät geschmückt. Der Kaiser und König Alfons pflogen bei der Tafel eine lebhafte Unterhaltung.

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Unser Berliner ü.-Korrespondent schreibt uns:

Der König von Spanien hat heute dm Berlinern gefallen.

und die 93er! in er scheinen ihm auch gefallen zu hab < D .ß er in deutscher Sprache auf die Anrede des Oberbür­germeisters Kirschner cntTvort're, nickt, wie erwartet r. or- den war, auf franz,, sisch, wurde viel bemerkt, rasch verbreitet und trug dazu bei, di-' an und für sich fast südländisch lebh'.sten Kundgebungen des Publikums zu steig-rn. DK allcd.'m werden die Beamten der politischen und der Kriminalvoli'ei aufgeatmet haben, als der Empfang Unter den Linden sich glücklich voll­zogen hatte. Eine so ungeheure Menschenmenge, wie sie heute die Straßen erfüllte, bei solchen Gelegenheiten scheint icber in Der! in Zeit und Muße im Uoberflnß zu haben m leid­licher Ordnung zu h'lten, ist schon außerordentlich schwierig; diese Massen zu übenvachen, mit jeder Garantie, ist unmöglich. Jedenfalls hatte die Erinnerung cm den Pariser Anschl.'a vor der Großen Oper, d^m König Msons ausgesetzt war, in Berlin der Schaulust keinerlei Wbnich getan. Die Frage nach dem be- jonberen Zweck des Besuches wurde natürlich sehr eifrig er­örtert. Daß es nur ein Eleani besuch sein soll, die KSt Harting ist dem großen Publikum zu schlicht und eiuf.ich. Das Publikum liebt die romantischen, gefühlvollen Deutungen. König AlfonS werde sich mit einer deutschen Prinzessin verloben, brrnim hauptsächlich sei er gekommen. So versicherten dieunter­richteten" Leute mit geheimnisvoller Miene und fügten hinzu, des ganze Programm des Besuches lasse solche zarten ?lbsichten erkennen. In Engla-d sind die Werbunasplane des ingend- ück-en Herrsi'ers trotz sehr hob-w Unterstützung, fehlgeschlagen. Es sind ebrr anck. we.s die englische Diplomatie mehr Iverdrießen mußte, die Bestrebungen fehlgeschlagen. Alfons ftir eine ftan- zösisch-englische Dereinianng mit der Spitze gegen Deutschland zn gewinnen. Die offiziöseNordd. Alls,. Ztg." hat in ihrem Begrtißi'n^'s'rtikel auf dies Fiasko ziemlich deutlich angespielt. Dir gteiiltzrn nicht, daß die deutsche auswärtige Politik sich da- Ziel gesetzt hat, Spanien für einen Anschluß zu gewinnen,, ob nun Alfons XIII. eine deutsche Prinzessin heimführt oder nicht. Spaniens .Herz wird immer Frankreich gehören. Es genügt, daß Sb'nicn bei etwaigen ernsten Konflikten sich neutral hält und daß es in ber Marokko frage mit Festigkeit seine eigenen Inter­essen w'hnnmmt, die in mancher Hinsicht nicht im Einklang mit den cnigen Frankreichs und Englands sich desiuden. Wenn für Deutschland der Erfolg des Besuchs das Zustandekommen eines Handelsvertrags ist, so ist alles erreicht, was man wünschen kann.

pglitiffhe ^ngcGrdinn.

Englische Liebenswürdigkeiten im Konqolande.

Recht interessant sind Mitteilungen de§ eigenen Bericht­erstatters desEnthalte Herald* aus dem Kongostaate übev da? Tun und Treiben der englischen Missionare da­selbst. Diese Missionare machen ein Gewerbe daraus, die! Eingeborenen gegen die Zahlung der Steuern aufzureizew und sogar sie zu Angriffen auf bie Truppen der Regierung zu hetzen, um sodann, wenn blutiger Kampf daraus erstanden ist, lange Berichte überMord und Greuel* in die Heimat zu senden.

Wir möchten, so schreibt das genannte Blatt, einmal sehen, wie die ösientliche Meinung in England sich äußern würde, wenn einmal die augenblicklichen Geschehnisie auS Nigeria mit den Hunderten von niedergebrannten Dörfern und den Tausenden getöteter oder ver­wundeter Eingeborenen als Mord und Greuel dar- gestellt würden.

ES ist unzweifelhaft, daß der Neger deS Kongostaate- viel bester daran ist, als sein Bruder in Lagos oder Süd­nigeria. Aber von den Nigeria-Greueln findet man keine Zeile in einem Blatte dieses frommen, gottesfürchtigen und so überaus gerechten England.

e Kussisch s Sludenlenlum.

Ein in Gießen studierender junger Russe schreibt uns: Bei den politisck>en Wirren, die zur Zeit in allen Teilen C-5 russischen Reiches toben, spielen die Studenten eine I-'bciitcnbc Rolle. Denn sie haben es für gerecht und würdig eradftet, ebenfalls in diesen Kampf zur Erringung politischer rnd menschlicher Rechte mit Nachdruck einzutreten und zur sieg- r-'ichcn Durchführung d-'s Aeußcrste zu wagen. Es dürste^ daher Interesse bieten, Einches über diese Freiheitskämpfer zu erfahren.

W>as bei den russischen Studenten dem Fremden zunächst auf» 6211t, ist ihre gemeinsame Kleidung. Sie unterscheiden sich da­durch schon äußerlich von ihren deutschen Kvmmllitonen, bei iienen gemeinsame Tracht längst nicht mehr existiert. Die ge- Tficifii-me Kleidung der russischen Studenten besteht zunächst aus Ift-m sog. Mundir, einem bis auf bie Knie reichenden Frack von i-iink-lblauer Farbe. Er ist vorn mit zwei Reihen von Messing- knöpftn besetzt, auf denen der zweiköpfige russische Reickzsadler cingenräqt ist. Dieses Kleidungsstück wird jedoch nut bei feier­lichen Awässen angelegt, sonst trägt der russisch« Student eine fi>g. Kurtka, einen kurzen Nock, der unserem Jagdrock ähnelt, Jedoch hellgfue Farbe bat und ebenfalls mit zwei Reiben Knöpfen Me'>t ist. Die Hosen sind von dunkelblauer Farbe. Der Mantel hneift irgegen schwarze Farbe auf, nur der Kragen ist blau. Stott eines HuteS wird eine Mühe mit blauem Streifen getragen. Dies ist die für die Studenten an den russischen Universitäten worgesckriebene Uniform, die sie stets, selbst in den Ferien, an» Mlegen h ben. Die Studierenden an trn technischen HockchÄulen fr'gen ander' Uniformen. Der Mundir unterscheidet sich bei i -ncn dnrck schwarzen Samtkregen. Auch die Mütze weist einen Samtstr'ifen von dieser Farbe auf. Die Polyteckmikcr tragen ferner Epmletten. die in bm einzelnen Städten, wo sich technische K>oehsck'.'len befinden, verschieden sind. Durch diese gemeinsame Kleidung ^oird die russische Studentenschaft zwar äußerlich, ober tod) nicht innerlich von dem übrigen Bürgertum geschieden, □m Gegenteil. Studenten und Bürger suck'en gerne bie Gelegen­heit ruf, mit einander Verkehr zu pflegen.

Besonders interessant sind b-'e Lebensgewohnheiten ko.'s russisck>en Studenten. Die Mehlzeiten nimmt er meist in den Speisesälen ein. die von vielen Universitäten für die Stubieren- teen erricktet sind und deren gute Kvst bei geringen Preisen ksihr beliebt ist. Ueberhnipt sucht der russische Stubent selten Wirisch ften auf; fh b. Trinkgelage kennt er cbensowema. Meist trinkt er Tee, im G gen setz zu bem übrigen Volke. bia3 den Alkohol keineswegs verschmäht. Beinahe täglich fucht

et irgend einen Studiengenossen in seiner Wohnung auf, wo er aufs freundlichste empfangen und bewirtet wirb. Umgekehrt bietet auch ber Besucher alles auf, um die (Säfte, bie zu ihm

kommen, zu befriedigen. Auf diese Weise entstehen unter den

einzelnen Studenten so engt und herzliche Beziehungen, wie

sie selten gepflegt werden.

Noch deutlicher zeigt sich diese Heimlichkeit in folgendem

Umstande. Die Bemittelten zahlen ftei^nllige Beitrage an eine Studentenkasse, von der bie Aevmeren Unterstützungen erhalten, ohne baß jeboch "bamit Mißbrauch getrieben wird. Auch manche Professoren unterstützen ihre ärmeren Zuhörer dadurch, daß sie ihnen das Honorar für ihre Vorlesungen erlassen. Diese armen Studenten sucken sich ferner auf verschiedene Weise b?n Lebensunterhalt zu beschaffen, indem sie z. B. für Geschäfte die Korrespondenz nach dem Auslände übernehmen oder eine Hauslehrerstelle neben ihrem Studium versehen. Eine iwitere Einnahmequelle für die armen Studenten ist d^s Stunden geben. Doch erteilen merkwürdigerweife nicht nur die Armen Unterricht, sondern auch die Wohlhabenden, die letztere frHHrf> meist, ohne Honorar zu verlangen. Ueberhaupt ist das Stundengeben in Rußland sehr verbreitet. Der Grund hierfür liegt in bm Um­stande, daß man, um auf einer russischen Hock.fchule studieren zu können, nicht eine neunjährige erfolgreiche Vorbildung auf einem Gymnasium u. dgl. nötig hat, sondern daß Leute, bic vorher nur Privatunterricht genossen haben, auch zu der Maturi­tätsprüfung zugelassen werden, die bann allerdings eingehender ist, als bei denen, die auf bnn Gymnasium vvrgcbildet wurden, und nahezu fünf Wochen dauert.

In dem größten Teile der Lngesi'hrten Punkte zeigt sich somit ein großer Unterscksied zwischen dem raff. Stubentenlum und dem Stu» bent en tum in anderen Säntrrn. Der wichtigste Urteif.r ieb ab-r besteht brrin. baß bic russischen Studenten ber Gegenwart im öffentlichen Leben eine betwutenbe Nolle spielen. Sie firb es. bie in geistiger Hinsicht cm Werke der Aufklärung im russischen Volke rege mitrbaiten, bie in politischer Hinsicht nach einer Negierung in modernem Sinne streben und deshalb heute ver­eint mit Proletariat und Bürgertum den Kämpf gegen den herrschenden Absolutismus führen. A. N.

Wie man uns mitteilt, erschien soeben ein einstimmiger S ch ü l e r ck o r nut Klavierbegleitung von A. Mendelssohn in Darmstadt, ,Ö e s f e n f ck w n w betitelt Dieser Festgescmg wird ivohl zum bevorstebenden GroßherzoglickenGeburls- tage an vielen hessischen Lehranstalten zur Aufführung kommen,

io auch, fo weit uns bekannt ist, am Gießener Gymnasium und an der Gießener höheren Mädchenschule. Den Tert zur Komvosition hat der Gießener Obervrimaner Adalbert Eck, Sohn des llniversitatsprofessors Eck, gedichtet. Wir lassen die Dichtung nachstehend folgen:

Hefienschwur.

So lang ein deutsches Wort erklingen

Nock wird im Hesienland,

Und noch des Rhemstroms Wogen dringen Zcim rebengrünen Straub, Schwor' ich Dir täglich neu: Ernst Subrotq, beutsche Treu l So lang Gesetze gülben schweben Als Hort bem Untertan, Wie einst noch Volk nnb Fürsten beben Vor ihrem hctl'gen Bann, Schwör ich Dir täglich neu: Ernst Lubwig, beutiche Treu!

So lang noch mächtig strahlt bie Krone

Von Deinem Füisitenhauvt,

An Hulb nnb Lieb' vor Deinem Throne

Der Hesse blmb noch glaubt, Schwör ich Dir täglich neu: Ernst Lubwig, deutsche Treu! So lang noch Harfen froh erklingen, Vereint znm Brnberbunb Em Lieb noch beutfehe Manner singen, Tönt bell ans jebem Miinb: Wir schwören täglich neu, Ernst Lubwig, beutfehe Treu!

Berlin, 6. Nov. Professor Julius K o s l e ck, Meister bet; TroinDetcrfimft, Giünber des Kaiser Kornettguartetts unb beS, beulschen Bläserbiinbes, ist, 80 Jahre alt, gestorben.

Von einem ber erfolgreichsten Bücher biefes Jahres, bent »Tagebuch einer Verlorenen. Von einer Toten", überarbeitet und bergnsgegeben von M. Bohrne, brachte soeben bie Verlagsbuch- hanblung F. Fontane u. Co. in Grnnewalb bei Berlin bas 53. Tau'enb in ben Öanbel, nachbein feit Erscheinen ber ersten 9luflaoe ca. 20 Wochen verstrichen sind. Jebewalls ein außer- gewöbnlieher En'olq an'bem bentscken Bücherniarkt. lleberfetzungen be5 Werkes ins Französische, Dänische, Russische, Polnische, Un­garische rc. werben z. .Zt. vorbereitei.