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Politische Tagesschau.
Zum Marokkostreit.
Ein nach Madrid gerichtetes Telegramm auS Tanger besagt, der Sultan weigere sich, auf die französischen Forderungen eine befriedigende Antwort zu geben und habe die Absicht, die Frage einer internationalen Konferenz vorzulegen. Frankreich lehne diese Zumutung energisch ab. Die Gesandtschaften bereiten sich vor, Fez zu verlassen.
Dagegen gibt der in Tanger lebende Belgier Moritz Romberg folgendes prickelnde Entrefilet:
Wie vorherzusehen war, wird der Sultan ja schließlich jn Streit mit Frankreich nachgeben, aber — den äußersten Augenblick wartet er ab, bis an die letzte Grenze der französischen Geduld wird er gehen, um festzustcllen, was an der Gunst Kaiser Wilhelms schließlich daran ist. Vielleicht läßt er auch den französischen Gesandten ruhig von Fez abreisen, aber nur die erste Etappe, allenfalls bis Tanger. Dann aber schickt er ihm verhängten Zügels eine Stafette nach, mit der Botschaft, er sei zu früh gegangen, es handle sich nur um „Protokoll-Fragen", alles sei schon in Lester Ordnung.
Dazu gibt R. einen geradezu ergötzlichen Vorfall, Ler allerdings vor über zehn Jahren gespielt hat, zum Besten:
Ein französischer Vertreter hatte beim Sultan eine große Summe reklamiert, und von ihm einen Ferman verlangt,
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Dorfeld.
Are Interessengemeinschaft zwischen Stadt nnd Dorort.
Uns wird geschrieben:
In einer immer größer werdenden Reihe deutscher Städte und ihrer Vororte bestehen recht gespannte Beziehungen zu einander, ja in einzelnen Kommunalkomplexen besteht ein gereizter, wenn nicht gar feindseliger Zustand, der um so intensiver in die Erscheinung tritt, je weniger der Vorort das Glück hat, speziell die wohlhabenderen Klassen aus der Stadt heranzuziehen. Man möchte in solchen Vororten die naheliegende Stadt so weit als möglich zur Mittragung der eigenen Lasten heranzwingen. So kommt c5, daß viele Vororte die Stadt, die ihnen Existenz, Vodenwerte usw. erst geschaffen bat und ihre eigentliche Nährmutter ist, als Stiefmutter betrachten und die Hand über die Gebühr ausstrccken, um noch mehr von ihr herauszuschlagen. Statt die lebendige und befruchtende Interessen - G em ei n sch a ft, die überall zwischen Stadt und Vororten besteht, verständig zu erfaßen und folgerichtig auszubauen, werden künstliche Interessen gegen- sätze geschaffen, die zu den unerquicklichsten Reibungen führen.
Bei der Betrachtung der wechselseitigen Interessen von Stadt und Vorort ist zunächst eins notwendig: sich von der Kirchturmpolitik loSzumachcn, die in ihrer Kurzsichtigkeit nicht weiter reicht, als der heimische Turmknopf zu sehen ist. Vielmehr ist jeder engherzige Gesichtspunkt vom Uebel. In erster Linie soll die Gemeinsamkeit der wirtschaftlichen Interessen maßgebend sein. In der Praxis ist das auch bereits vielfach der Fall. Hunderte von Vororten sind an die städtischen Wasser- und Kanalisationswerkc angeschlossen, weil sie allein nur unrentable Anlagen geschaffen hätten, und bilden so bereits eine Großgemeinde, ebenso auch in gewerblicher Beziehung, trotz des Fehlens der politischen Eingemeindung. Aber gerade deswegen sollten Stadt und Vorort in allen Fragen, die die einzelne Kvnrmune nur unvollkommen zu lösen vermag, zusammengehen, und zwar nicht gelegentlich, nicht von Fall zu Fall, sondern prinzipiell und systematisch auf sorgfältig vereinbarter Grundlage. Man greife nur das schwierige Problem der Schaffung guter Bauordnung und leistungsfähiger Kanalisationssysteme heraus. Wieviel Schäden sind schon daraus erwachsen, daß hier jede Gemeinde nach ihrem eigenen Kopfe ging. Wieviel Unsummen sind schon verschleudert worden, die man bei einem rechtzeitigen, einheitlichen Vorgehen hätte ersparen können. Dazu nehme man das brennende Kapitel der B o d e n p o l i t i k. Tie Vororte hinken fast überaN der städtischen Bodensteuerpolitik nach. Ihre Bodenwerte sind durch die Stadtnahe, durch das Anwachsen der Stadt und durch das Ucberwandern städtischer Erwerbselemente gestiegen. Wir wollen den Grundeigentümern der Vororte diese Gewinne nicht mißgönnen. Mer wer trägt am Ende die Kosten der Zeche? Tie Vorortbewohner selbst und die dortigen Gcnwindckassen, weil die Bewohner allmählich an ihre Gemeindeverwaltung dieselben Ansprüche aus moderne kommunale Einrichtungen (Straßenplaster, Beleuchtung, Kanalisation usw.) stellen, wie sie in der Stadt unter großen Opfern geschaffen worden sind oder geschaffen werden. So geraten die Vororte langsam aber sicher in eine unerträgliche Steuerwirtschaft hinein, und mit einem Male soll dann die Stadt einspringen und für die Verwaltungsfehler da draußen die sauer erhobenen städtischen Steuergroschen hin- aeben.
Leider kommt die Erkenntnis meistens zu spät. Es ist dann schwer, ja oft unmöglich, die entstandenen Dissonanzen in der Kommunalwirtschaft wieder auszugleichen. Daher halten wir für notwendig, daß die Verwaltungen der Stadt und ihrer Vororte mit einander in allerengste, nachbarlich-freundschaftliche Fühlung treten, ehe es zu spät ist. Ter Gerechtigkeitssinn, der in den modernen Stadtverwaltungen stärker anzutresfen ist, als in den abgelegenen, sozial wenig berührten Bauerndörfern, wird schon dafür sorgen, daß jedem das Seine und allen das Ihrige wird.
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daß die Behörden in Tanger, deren Frankreich „habhaft werden" konnte, die Sache regeln sollten. Zu dem Zweck mußte er dem Maghzen ein Ultimatum stellen, das bis zur letzten Minute hinausgezögert war. Der Franzose begab sich nun zu dem damaligen Vezir, heute Großvezir, Si Fedul Garwit, der ihm erklärte, der Ferman sei fertig, nur das Sheriffsche Siegel fehle noch. Am anderen Tage — keine Zeile. Nunmehr kündigte der Diplomat seine Abreise und den Bruch der Beziehungen an — erheuchelte Bewegtheit des Vezirs: „Du bist doch unser Freund", sagte er, „reise nicht ab, der Brief ist beim Sultan, morgen bekommst Du ihn, trink heut' abend bei mir den Tee". Es kam der Morgen, es kam der Uebermorgen, „dieselbe Sauce". Endlich am dritten Tag schlug der ftanzösische Abgesandte den Tee aus und erklärte den Bruch. Da tauchte plötzlich mein Vezir mit leisem Lächeln seine Hand in daS große Lederportefeuille, das an einem Steigbügel von Gold mit einem seidenen Faden befestigt war, und eine „schöne Farbenwirkung auf seinem weißen Hemde hervorbrachte". Er zog einen versiegelten Brief hervor und sagte: „Was willst Du denn, Du brauchst Dich doch nicht aufzuregen, der Brief war doch schon vor fünf Tagen fertig!"
Nach Informationen auS politffchen Kreisen sind in der Unterredung, die der französische Botschafter Bihourd am Montag mit dem Reichskanzler Fürsten Bülow hatte, die Differenzen erörtert worden, welche zwischen Frankreich und Deutschland noch hinsichtlich der marokkanischen Polizei bestehen. Deutschland wünscht, daß die Organisation der Polizei durch die Konferenz selbst erfolge. Frankreich macht geltend, daß hinsichtlich der Polizei 1901 und 1902 besondere Arrangements mit Marokko getroffen worden seien. Ueber den Ort der Konferenz ist noch keine Uebereinstimmung erzielt. Deutschland hält an Tanger fest, Frankreich macht Einwände wegen der Unsicherheit dieses Hafens und spricht sich für eine spanische Stadt aus. Der „Petit Parisien" hebt hervor, daß Deutschland auf die Mitteilung der französischen Regierung hinsichtlich der Mole von Tanger und der Anleihe keine Antwort erteilt habe. Der Besprechung, welche Herr von Rosen mit Rouvier haben wird, legt man die größte Bedeutung bei.
Are Unterzeichnung des Iriedensvertrages erfolgte, wie das Reuter-Bureau aus Portsmouth meldet, unter tiefem Schweigen. Hierauf streckte Witte über den Tisch hin den Arm aus und ergriff Komuras Hand, und seine .Kollegen folgten unverzüglich seinem Beispiel. Während die Russen und Japaner über den Tisch hin die Hände fest verschlungen hielten, brach Baron Rosen zuerst das Schweigen, indem er in Wittes Namen die japanischen Bevollmächtigten als wahre, vollendete Gentlemen feierte und die Hoffnung aussprach, daß hinfür feste und freundliche Beziehungen zwischen beiden Reichen bestehen möchten. Komura antwortete für die Japaner in ähnlichem Sinne. Tie russischen Bevollmächtigten zogen sich sodann nach ihrem Geschäftszimmer zurück und blieben dort 10 Minuten allein. Tann kehrten sie zurück und nahmen am Buffet das Frühstück ein, bei dem man auf gegenseitige Gesundheit trank.
Wie dem Pariser „Mätm" aus Portsmouth gemeldet wird, sagte Rosen zu Komura nach Unterzeichnung des Friedensvertrages: „IM Namen des ersten Bevollmächtigten der Russen, im Namen des Zaren und im eigenen Namen habe ich Ihnen zu sagen, wie glücklich wir sind, daß es uns gelungen ist, dieses Dokument zu unterzeichnen, das für Sie und für uns das Ende eines Krieges bedeutet, der unseren Völkern und der ganzen Welt soviel Schaden zugefügt hat." Komura antwortete englisch, jedes Wort langsam artikulierend: „Ich danke Ihnen für Ihre Worte, ich bin ebenso glücklich wie Sie."
Ein humoristisches Intermezzo besteht darin, daß sämtliche Stahlfeder-Fabrikanten zur Verwendung bei der Unterzeichnung ihre Ware eingxsandt hatten, weshalb schließlich Neiherfederkiele verwandt wurden — der ganze „Streit wegen der Sekt flasche" zwischen Söhnlein und Moet Chandon lebt in diesem Yankee-Streich wieder auf. Und ebenso ist's mit dem Tisch, auf dem die Unterzeichnung erfolgt ist, der für 800 Mk, die Stühle für 160 Mk. das Stück veräußert sind. Wer jemals im Berliner Reichskanzlerpalais den rohen Webertisch aus dem Dorfe Bellevue gesehen hat, an dem Bismarck mit Napoleon dessen Gefangennahme vereinbarte, den wird auch dies etwas „eigentümlich" berühren.
Interviews.
Martens, der infolge Unwohlseins dem feierlichen Akte im Konferenzsaal nicht beiwohnte, sagte im Laufe eines Interviews, der Friedensvertrag zeige unbestreitbar, daß Rußland zurzeit alle Gedanken an eine groß- artigeWeltpolitik in der Richtung auf die entlegenen ungewissen Gebiete des fernen Ostens aufgegeben habe. Er sei persönlich überzeugt, daß Rußland nicht der Vergauaenheit nachhängen, sondern alle Kräfte sam- me'ln werde für einen neuen großen Kampf, nicht auf dem Schlachtfeld, sondern auf dem Felde frucht" bringender Arbeit sozialen, sowie politischen Fortschritts. 1
Ein in Bologna erscheinendes Blatt veröffentlicht em Interview, welches ein römischer Korrespondent mit einem „hervorragenden Diplomaten", dessen Namen geheim gehalten wird, hatte. Man vermutet unter diesem Diplomaten den früheren römischen Gesandten in Wien, Grafen
Nigra. Von dem Journalisten befragt über die Mögliche keit des Bestehens einer geheimen Klausel ira russisch-japanischen Friedensvertragx, anb wortcte dieser: So unwahrscheinlich ist das nicht. Derartige Klauseln seien häufig bei Friedensverträgen zur Anwendung gelangt. Als Bestätigung seiner Aussage fügte der Tiplomat hinzu, daß Italien seinerzeit mit dem Negus Menelik einen geheimen Vertrag abgeschlossen habe, durch den Italien 100 Millionen Lire an Negus Menelik zu zahlen hatte. Diese Summe sei in verschiedenen Raten bezahlt worden, die letzte im Jahre 1904.
Diese Mitteilung ist sehr überraschend, da bis jetzt nichts von einer so hohen Summe bekannt war, die an den Negus entrichtet worden war.
Die Abreise.
Die Abreise der japanischen Delegierten von Ports» mouth nach Boston und der russ Delegierten nach Newyork ist bereits erfolgt, nicht ohne daß noch eine kleine Reibung über den Schlußpassus zwischen Japanern und Russen erfolgt wäre: Die Japaner wollten schreiben, Japans Fassung, Witte, des Zaren Ultimatum sei angenommen. Die Russen haben Recht behalten. Die schriftliche Ausführung wurde von den betreffenden Sekretären selbst gemacht, amerikanischerseits an gebotene Hilw wurde abgelehnt.
Die Stimmung in Rußland und Japan.
In Petersburg wurde die Nachricht von der Unter* Zeichnung des Friedens in später Abendstunde bekannt und rief unter der Bevölkerung nicht die geringste Erregung hervor. Der Petersburger Gemeinderat aber beabsichtigt jetzt, einer Straße der Stadt den Namen Wittes beizulegen.
Auch in Nagasaki wurde, nach Reuter, die Nachricht vom Friedensschluß „ohne besondere Freuds ausgenommen. An den Hcmvtplätzen der Insel Kiuschiu ist die allgemeine Empfindung das Bedauern, daß Japan der Früchte feiner Siege beraubt worden fei. Die Enttäuschung ist besonders darüber ausgedrückt, daß man keine dauernde Sicherheit gegen russische Angriffe durchgesetzt habe. Der diplomatische Mißerfolg Japans wird dem Umstande zugeschrieben, daß die Verhandlungen verfrüht eingeleitet seien.
In Tokio protestierten die Teilnehmer einer am 5. d. M. abgehaltenen Versammlung gegen die Friedens- bedingungen, griffen das Bureau des Regierungsblattes „Ketamin" an, beschädigten es und begingen weitere Ausschreitungen. Mehrere Personen wurden verletzt, mehrere verhaftet.
Der Krieg ist noch nicht zu Ende!
Aus dem Kriegsschauplätze ist immer noch kein« Ruhe eingetreten. General Linewitsch sandte an den Zaren folgendes, vom 5. September datiertes Telegramm:
Am 4. September versuchten die Japaner längs der Mandarinen st raße vor zu dringen und begannen Verschanzungen zu errichten, wichen aber nach einigen Schüssen von unserer Seite zurück. In Korea ergriffen die Japaner am 3. September, morgens 5 Uhr, die Offensive gegen die Linie Scherien-Nansau- Schegu in einer Stärke von einigen Bataillonen undj Schwadronen mit ArtiUerie. Anfangs wurden die Hauptstreitkräfte der Japaner gegen den linken Flügel und diy Stellung bei Nansau gerichtet. Um 11 Uhr vormittags besetzten mehrere andere japanische Bataillone, mit Artillerie den Zwischenraum zwischen Nansau unk» Schebu Nabon.
Kaiser Wilhelm und die gelbe Gefahr.
Nach einer Meldung oer „Times" erklärte der deutsche Kaiser amerikanischen Kongreßmitgliedern, die Japaner würden voraussichtlich die offene Tür Chinas schließen. Die Kaukasier müßten vereint der gelben Gefahr entgegentreten. Man wird indes gut tun, diese englische Meldung für eine Erfindung zu halten. .
Neue Unruhen in Rußland.
Die am Montag in Ki sch i n e w vorgekommenen Straßen Unruhen trugen einen ausgesprochen judenfeindlichen Charakter und sind zweifellos durch die sog. „Beffarabische patriotische Liga", einem Verein, dem von den Behörden die Aufgabe gestellt ist, gegen die Revolutionäre und Juden vorzugehen, in Szene gesetzt worden. Als Veranstalter der Greuel ist Kruschewan anzusehen, der in seiner neubegründeten Zeitung gegen die Juden aufhetzte. Die Unruhen sollen mit Wiffen der Polizei vorbereitet worden sein. Deshalb waren Kosaken und Militär sofort bei Ausbruch der Unruhen zur Stelle und schlugen ohne weiteres auf die unbewaffneten Arbeiter ein, während die ihnen bekannten Mitglieder der Liga ungehindert die Geschäftsläden der Juden plündern konnten. Unter den Verhafteten befinden sich nur Arbeiter, zum größten Teil Juden. Von den Mitgliedern der Liga ist niemand verhaftet worden. In der Stadt herrscht Panik; alle Läden sind geschloffen. In den HoSpitälern befinden sich gegen 100 Verwundete, darunter viele Frauen und Kinder. Tot sollen 50 Juden und viele Sozialisten fein. Am Abend versammelten sich vor der Zeitungsredaktion Kruschewans viele Arbeiter, schlugen die Fenster ein und wollten Kruschewan züchtigen. Dieser bat telephonisch um Hilfe und bald trafen Kosaken ein, welche die Menge auseinander trieben. Viele Bürger sind geflüchtet, da neue Unruhen erwartet werden.
Der „Standard" meldet, daß sich neue Judenhetzen in Warschau ereignet haben. Eine Volksmenge griff das
Donnerstag 7. September 1905
GrfteS Blatt.
155. Jahrgang
Nr. S10
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Amis- und Anzeigeblatt für den Kreis Eichen MW zeigenteil: Hans Beck.
^Strasse 13


