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6.11.1905 Erstes Blatt
 
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Ernst Balser

Mäusburg n.

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rletlet täglich außer Sonntag-, Dem Gießener Anzeiger werden im Wechiel mit dem heffifchen Landwirt die «Siebener Kamillen» Hilter viermal in der Woche beigelegt.

Rotationsdruck u. Ver­lag der Brüh lachen Unwers.-Buch-u.Stein- druckeret. 9L Lange. Redaktion, Erveditw« und Tnicferci: Schulftratze 7.

Redaktion 112

Verlag u.Exved.^^51 Adresse für Deveicken: Anzeiger «letzen.

Erstes Blatt.

Montag 6. November 1905

155. Jahrgang

Gietzener Anzeiger

General-Anzeiger v

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen

vezugsprei», monatlich7bPl^ viert et« jährlich Mk. 2.20; durch Abholo il Zweigstellen monatlich 6o Pf.: durch die Poll Plk.2. viertel« .öhrl auSichl. Bellellg. Annahme von Anzeige» ür dte Tagecnmnmer iS vormittag? 10 Uhr. ^etle^DTeifl: lokal 12Pf*

uSmdrt? 20 Pig.

era twortltch tot de., oolit. und allgem. Teil: P. Witt ko: für .Stadl itnd £anb* unb (Rcnd)t6|ftar: Ernst Hetz; tor den An­zeigenteil: danö Beck.

9're Seulige Nummer umfaßt 10 Seiten.

Uolilische Mochenschau.

Die Flcischteuerungs-Audicnz der Abordnung des T'ulsckien S t ä d t e t a g c s beim Reichskanzler ist ergebnis­los verlausen. Mitivciteren Erwägungen" undZusage ern­stester Aufmerksamkeit wurden die städtischen Vertreter abge- lveist. Ob sie wohl wir^ich geglaubt hatten, ihr Erscheinen bei Sem Zürnten Bülow werde genügen, um die Oeffnung der Grenzen zu bewirken? Ihr Besuch beim Reickskonzler machte fast den Eindruck, als sollte dem Volke Komödie vorgespieaclt werden. Die Einberufung des Städtetages soll am 27. ix M. erfolgen. "Tie deutschen Mehgermcister wollen einen außerordentlichen Vcr- bandstag einberufen, um gegen den Vorschlag des Fürsten Bülow, lommunalc Fleischversorgungsbetriebe zu errichten, zu protestieren.

Der Zentralverband Deutscher Industrieller lhrtte bekanntlich bei den Ministerien Preußens, Bayerns und Sachsens beantragt, die Einfuhr russischer und östrci- ckischer Schweine zu sofortiger Abschlachtung scknn setzt in bem nach den neuen Handelsverträgen zulässigen Maße frei» .'uneben. Auf diesen Antrag, welcher der deutschen L a n d w i r t- fchaft ten Seuchenschutz in vollem Umfange beläßt, aber uX"T, Fleischteuerung doch wenigstens soweit möglich abzuhelfen geeignet ist, scheinen sich jetzt weite Kreise zu vereinigen. Die bayerische Regierung soll in diesem Sinne bei dem Reichs- 7-nrler Anträge zn stellen beabsichtigen. Es wird erwartet werden können, daß der Reichskanzler diesen sehr maßvollen Anträgen nun auch diejenige Beachtung gewährt, welche die "V-edeuts-imkeit der von den Antragstellern vertretenen Interessen zu erhoffen berechtigt ist.

Zu ter Bekenntnisfrage nahm jüngst die branden­burgische Provinzialsynode Stellung. Abg. Schrader ibetonte mit Reckt, daß die moderne Theologie es sei, die neues religiöses Leben geweckt habe. Je Jd'roffr ibie £ ribodorie ihren Standpunkt vertritt, desto stärker wird auch der Widerspruch, der sich gegen ihre Haltung entwickelt. Dir in Hessen können davon auch ein Liedlein singen. Es genügt ein Blick in die neueste Rümmer desHess. Kirchenblattes", die sich sehr ausgiebig mit den von uns veröffentlichtenAn­griffen" des Lic. Fuchs beschäftigt.

Der Hochschulkonflikt ist in E ha rl o t t e n bu r g von neuem ausgebrochen. Der Rektor der dortigen Hochschule teilte in Beantwor ung eines Gesuches der V.rtrettmg der (Stuten' n- 'schäft mit, daß er die Genehmigung ter Satzungen des Ver­botes von der Beifügung des Zusatzesnicht konfessionell" b/htflig machen müsse. Daß es nötig war, diese Forderung zu 'Tckeben, wird inan wobl nicht behavvten wollen. Vermuttich ist d ie Haltung des Rektors auf kultusministerielle Wünsche 'u rück ui führen. Die Charlottenburger Studentenschaft hat nun in einer Versammlung einen einmütigen Protest gegen das Vor- a'ben des Reftors beschlossen, und so wird die Angelegenheit ach dieses Wintersemester wieder von neuem viele akademischen Gemüter in Aufregung versetzen.

Der sog. deutsch-amerikanische Professoren- Austausch hat mit dem Beginn der Vorlesungen des Ameri- ? n?rs Peabody an ter Berliner Universität begonnen. Große Bedeutung vermögen wir dem Erperiment nickt beizulegen. Es dient mehr deut allgemeinen Bekanntwerten des Namens ein­zelner Professoren als ter Beseitigung national- bezw. wirtschafts- politffter Gegensätze.

Als Gast des Käisers weilte der König von Grie­chenland in Berlin: es mögen sowohl die kretische Frage zur Erört^-tng gelangt Hin, wie alle Probleme ter Voskanpolitik, einschließlich des rumänisck-grieckischm Konfliktes. Der König teo.b sich von Berlin nach Varis und wird auch London be­suchen. Jetzt steht in Berlin ter Besuch des Königs Alfons von Spanien nnmittelbar bevor, ter aitck Han-

KleiNkS Aeuikleton.

Gießener Stabtt Heater. Tie Herren Lumpen Robert und Bertram" sind die holden Helden einer altehrwürdigen Quodlibetposfe, in der jeder Akt ein ander 's Bild darstcllt, und im 3. Akte wurde sie noch durch ein Extrgquodlibct erweitert. Ta gab"3 nämlich im Salon des Semiten Jpelmcyer einen Maskenball mit Klingklang und Singsang unb Ballettyrolienne, ganz allerliebst aus- gcführt von der kurzrockig graziösen Frau Oldini und dem länger gerefften munteren Frc. Ruf, einen hübschen und gelungenen Eoupietvortrag des Herrn Nanninger und ein Liedersolo des sehr steifen und sehr wehmütigen Frl. Stein mann, die als Gast aus Mainz den rheinischen Humor leider ganz zu Hause gelassen hatte. Im übrigen pflegt ja dieser Akt bei nicht gar witziger Darstellung völlig unter den Tisch zu fallen. Herr Goll aber als israelitischer Arzt war der Netter des Aktes. Er Ivar von unübertreff­licher Komik und schuf eine unvergeßliche drollige Eharakter- figur aus einem reinen Nichts. Doch der Erzfilou Bertram spielt im Mederschen Possenorchester die erste Flöte, und wahrlich, nach Herrn Reimers Pfeife, des Bertrams von geltem abend, tanzte das ganze Ensemble mit fröhlicher Ausgelassenheit. Daß es bet uns in Gießen so große, so geniale Spitzbuben gibt wie diesen Bertram, wer hätte das wohl gedacht! Herr N. hatte den tollsten Galgenvogel aus dem Käfig seines mimischen Schatzes hervorzuholen, über den er verfügt. Er zeigte uns die Höbe des zum Teil glänzenden Spitzbubenhumors, an dem die Weisen wie die Toren sich wieder einmal satt lachen konnten. Sein Bertram war einer der liebenswürdigsten und charmantesten Gauner, die je in eine Wohnung ein- und aus dem Gefängnis aus- gebrochen sind. Er entfesselte stürmische Heiterkeitsaus- brüche. Seine Stromermaske war von famoser Echtheit und als Konzertsänger war er die allergelungenste Karikatur jener musizierenden Salonschmarotzer, wie sie in derguten" alten Zeit die deutschen Lande unsicher gemacht haben sollen. Seine Lang finger arbeit scheiterte ja an der Hartnäckigkeit der zu mausenden schönen Tinge, aber von höchster Komik war seine Verulkung des Gendarmen sgefpr. Gänsdarm). Im ersten Akt war seine Trastik von höchster Ergötzlichkeit und man freute sich unbändig über alle seine stummen Zellen­späße. Und dann hatte man auch, wie in derMamsell Nitouche", wo er allerdings besser bei Stimme war, feine Freude an seinem Singsang. Auch Herr Lippert war als

notier, Magdeburg und München besuchen wird, um sich von da nach Wien zu begeben. Kaiser Wiltelm sendet seinen Hofzug dem König von Spanien bis an die Schweizer Grenze entgegen, den der König von Basel ab benutzen wird.

Die Pforte hit in ihrem Konflikt mit den Großmächten wegen ter mazedonischen Finanzreform die deutsche Regier­ung um Vermittelung angerufen. Man wird also einer neuen interessanten Wiederaufnahme der Behandlung der orientalischen Frage entgegensetzen. In Konstantinopel hielten am 3. d. M. die Vertreter der Mäckte eine Konferenz ab, in ter anerkannt wurde, daß es notwendig sei, die längst geplante gemeinsame Flotten-Demonstrotion nun vorzunehmen. Diese De­monstration, zu welcher jede der beteiligten Mächte ein Kriegs­schiff zu stellen hat, soll tatsächlich an ter Küste von Kleinasien vor sich gehen.

In Oesterreich hat ein entschiedener Feldzug zur Er­oberung des allg. Wahlrechts mit heftigen Straßendemon­strationen in allen Großstädten begonnen. Ein am 4. d. M. erschienenes amtliches Kommunigu6 besagt, daß die Stimmung tes Parlaments und ter Oeffentlichkeit die Regierung veranlaßte, sich eingehend mit ter Frage zu befassen, unter welchen Bedingungen b~n Wünschen n^ch einer tem Stande ter öffentlichen Entwickelung entsprechenden Vahlreform will­fahrt werden könnte. Ta die Wahlreform in Oesterreich nickt durch eine einfache Formel gelöst werten könne, sondern die verschiedensten Gesichtspunkte berücksichtigt werden müßten, sei für die Aktion ruhigste und reifliebste Ueberlegung nötig und eines unerläßlich: die Ruhe tes öffentl. Lebens. Tie inner- politische Situation hat sich durch das Kommunigu6 entschieden gebessert. Eine Einstellung ter angekündigten Demonstrationen und Massenstreiks ist ater nicht zu erwarten, da man dort, ganz wie bei uns in Hessen, wohl mit Recht den Wider­stand der vrivilegierten Parlamentsparteien fürchtet. Am schlimmsten ging es bisher bei diesen Demon­strationen in Prag zu, wo die Zahl der Schwerverwunde- ten, auch unter den Polizisten, recht beträchtlich sein soll.

Schweden und Norwegen haben dieser Tage die Unions­trennung vorgenommen. England hat bereits einen Gesandten, Herbert, ter bisher in Darmstadt Großbritannien vertrat, nach Ehristiania geschickt, und dieser hat dem Ministerpräsidenten Mickelsen sein Beglaubigungsschreiben überreicht. Ferner haben Deutschland, Dänemark und Frankreich ten jungen Staat Noa- Wegen anerkannt, dessen größte Sorge es immer noch ist, welche Staatsreform er wählen solle. Nachdem aber das Stört hing den Antrag auf Volksabstimmung abgelehnt Hot, ist die Wahl tes Prinzen Karl von Dänemark zum Könige kaum mehr zweifelhaft.

Frankreichs Venezuela-Konflikt ist noch immer nicht beigelegt, znm großen Leidwesen der rmcrikan. Union, der die Monroedoktrin keine allzu angenehme Rolle zuweist. Der amerikanische Gesandte Rüssel, ter von der Union-Regierung den Auftrag erhalten hat, den Konflikt beizulegen, erklärte diese Mission nicht ausfuhren zu können. Nun wird wohl Frankreich einen neuen Versuch 'machen, den Präsidenten Castro zu veran­lassen, den Konflikt friedlich beizulegen, bevor es sich zu ener­gischen Maßregeln entscheidet.

Rußland bat fick am letzten Montag unter dem Absolutio mus schlafen gelegt, um am Dienstag mit ter Konstitution zu erwachen. Ter Zar hat sich in einem Manifest ter Selbst- herrsckerwürde entäußert, nachtem er elf Jahre lang absoluter Herrscher gewesen ist und auch eine Amnestie hat er gewährt. Aber das Volk verlangt für das Kvnstitntionsmanifest Garan­tien, Einführung des allgemeinen gleichen geheimen und di­rekten Wahlrechts siir die FoufHhnnrenbe Duma «sw. Die Preß­freiheit wurde nun einstweilen bewilligt. Man kann sie ja am leichtesten wieder aufheben. Die nach längerer Panse wieder erschienenen Tageblätter feierten die Umwandlung in einen kon­stitutionellen Staat. In einem begegnen sich alle Mätter und zwar in dem Verlangen nach fphrtiaer Befreiung von der

Bertrams Komplize von erfreu Hcl)cr Beweglichkeit des Leibes und der Seele und offenbarte respektable Tiefen 'eines echten Kvmikerbusens. Sehr nett war Frl. Schellen- b er g als Michel, und lobenswert die Herren Mendel und Wittmann. Frl. Donecker stand wieder einmal in elegantester Toilette an frischem Platze. Tas Haus war bis auf den letzten Platz besetzt, und das Publikum unterließ nichts, den Tarstellern zu beweisen, daß es sich aufs beste unterhielt. (om.)

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Man schreibt uns aus Fran kfurt a. M., 5. Nov.: Seit der Eröffnung unseres neuen Schauspielhauses ist uns eine ganze Reihe von Werken der alten Meister in neuer Einstudierung vorgeführt worden und der gesttige Abend brachte wiederum ein altes Stück in neuem Kleide, nämlich Shakespeares LustspielW a s Ihr w o l l t", dessen Komik bekanntlich sehr auf Neu. ßerlich ketten, auf Ver­wechslung durch Verkleidung und auf den plumpen Späßen von Narren und Trunkenbolden beruht. Zudem bietet die Aufführung bursch den häufigen Wechsel des Schauplatzes, 14mal in 5 Akten, große Schwierigkeiten, die aber durch die Einrichtung und Regie des Intendanten Emil (Haar gestern in sehr geschickter Weise gelöst wurden. Durch Zu­sammenziehung und Verschiebung von Szenen gelang es, den Schauplatz im ersten Akt nur viermal und dann nur nock) einmal zu wechseln, was bei offener, aber verdunkelter Bühne rasch und ohne Störung geschah; ein Uebergang von Nacht zu Morgen wurde durch Einschaltung von Musik bei bleibendem Schauplatz markiert, wobei wir auf die im Hintergrund auf- und abschwimmenden riesigen Schwäne gern verzichtet hätten. Ter für den großen Teil der Hand­lung dienende Schauplatz trat der Garten vor Olivias Hause mit der Terrasse des Hauses und der Tür, die zu Malvolios Verließ führt, wobei der Garten auch als Straße bienen kann. Alle Szenerien, wie die Kostüme erfreuten das Auge durch den malerischen Anblick. Tie zweite äußere Schwierig­keit liegt in der Beschaffung der sich zum Verwechseln ähn­lichen Geschwister, wenn die Schwester dieselbe Kleidung wie der Bruder trägt: auch dies war hier wunderbar gut gelungen und das natür.iche Erstaunen des Publikums, als die Beiden sich zum Schluß so vollkommen gleich gegen» übertreten, war nicht geringer als das gespielte auf der Bühne. Drittens scheint mir besonders in Betracht zu kommen, den beiden Frauengestalten, die so stürmisch um

lästigen Zensur jeder neu erfdKincnten Zeitungsnummer. Witte ist noch immer damit beschäftigt, das Kabinett zusammen zu stellen. Bulygin h.'t seinen Wschied cingcreicht. Von Witte sagt man. er sei auf der Su»^c nach Mitarbeitern, die im Rufe des Liberalismus stehen. Indessen ist es ihm noch nickt gelungen, ten einen oder ten anderen ter lib. Führer zu veranlassen, Mitglied des Kabinetts zu merten. Er empfing Mitglieder tes Zentralstreikkomitees sowie ten Präsidenten tes Kvngrcssts der Eisenbabndclegierten und ermächtigte sie, alle Bahn­streikkomitees zu ten-chricktigen, daß ihre F o r d c r u n g e n be­willigt worden sind. Ter Personen- unb Güterverkehr wurde teroushin alsbald auf einigen Strecken an ter Grenze eröffnet und es wird wohl temnächst der Brhnverkehr im ganzen Reiche nieder beginnen. Auch PobjedonoSzew wurde geopfert. Sein Ewlassungsgesuch wurde angenommen und tes Mitglied des Rcichsrates Fürst Obolensky zum Oberprokurator deS b.'iligsten Synods ernannt. Trotzdem ist die Erregung im ganzen Reiche außerordentlich gefahrdrohend, und ein neues amtliches Kommunion6 sprickt daher bereits von der Notwendigkeit von Unterdrückungsmaßregeln undstrengsten Wei­sungen". Finnland schien nahe bnraii, sick zur Repu­blik zu erklären. Daraufhin benutzte ter Zar die Ein- beruft-ng des außerordentlichen fi n n l ä n di schen Land­tages auf ten 20. Dezember, um die Eftmndlagen des Land- tagswab'r-chtes zu revidieren. Das Manifest über eine gemein* pme Gesetzgebung für das ganze Reich, sowie alle nach 1899 erlassenen Gesetz für Finnland wurden aufgehoben. Das in Reval liegende Geschwader ter Kriegsflotte wurde aber nach ter finnischen Hauptstadt Helsingfors entsandt. In P ol e « greift die revolutionäre Propaganda in der Armee immer weiter um sich und d"s Mil'tär droht mit dem Volke gemein­sam fror.rgeben, und die ?lnarchie im Kaukasus gibt sich in den! tollsten Plündeningen kund. In vielen Orten des Reiches artete die Volksbewegung zu entsetzlichen Judenverfolgungen au8. Grausige Nachrichten von dem Wüten mit Feuer und Schwert kommen täglich ans Kisckinew, Odessa, Kiew, Nikolajew n. a. Städten. In Odessa allein sollen mehr als 5000 Personen getötet und mehr als 10000 ernstlich verwundet worden sein. In Petersburg selber soll ein Komplott gegen die Juden entdeckt warten sein, des die Ermordung sämtlicher Juten ter Haupt­stadt bezweckt. Die Monarckistenpartei ober veröffentlichte eine Kundgebung, worin sie ihre Absicht erklärte, alle Mittel an­zuwenden, um die Autokratie in Rußland zu unter­stützen. Diese Partei ist es auch, welche verbreitet, das Kon­st i t u t i o n s m a n i s e st sei eine Fälschung Wittes. Die Moskowskija W'edomosti, das Organ dieser Partei, veröffentlichte einen sehr scharfen Angriff gegen ten Grafen Witte. Das Ente des rus>isck>en Unheils ist unabsehbar.

Valiükche Tagesschau.

Tschechische Bischöfe in Berlin.

Wie im Frühjahr vorigen Jahres der Prager Kardinal Fürsterzbischof Freiherr v. Skrbensky, so ist mm auch der Fürsterzbischof von Olmütz, Dr. Bauer, am deut­schen Kaiserhoi empfangen worden. Fürsterzbischof Dr. Baller, der gleich seinem Vorgänger auf dem Olmützer Bischofsstuhle jüdischer Abkunft ist, hat sich schon als Bischof von Brünn als enragierter Tscheche betätigt und ist trotz der bei seiner Ernennung zum Nachfolger Dr. KohnS angeblich in Wien gegebenen Zusicherung einer neutralen Haltung in nationalen Fragen derselbe geblieben. Sein Ein­treten für tschechisch-nationale Zwecke und Einführung tschechischer Predigten in deutschen Gemeinden ist bekannt, ebenso seine im Sommer vorigen Jahres ge­

ben Mann werben, Natürlichkeit und feine Weiblichkeit zu verleihen. In dieser Hinsicht wurde die Rolle ter Olivia durch Frl. Harni sch feg er im ganzen gut gegeben, konnte aber die Viola des Frl. B o ch als eine vortteffliche Leistung bezeichnet werden. Frl. Irmen gab ein reizendes über­mütiges Kammermädchen und Hr. Bauer einen überaus komischen Malvolio. Eine bedenkliche Rolle ist die des Narren, für die uns das Verständnis wohl so ziemlich ab­handen gekommen ist; in ihrer sehr zusammen gestrichenen Weise wurde sie von Hrn. Banrhammer teils fein ironisch, teils derb komisch repräsenttert. Unseres Erachtens übrigens müßte das Narrenlieb am Ende, wenn man es nicht ganz wegläßt, mit allen Versen gesungen werden, um den Refrain:Ter Regen, der regnet jeglichen Tag" zur Gel­tung zu bringen. Ta auch die anderen Rollen fast durchaus in guten Händen waren, so errang sich die Aufführungi sowohl nach den einzelnen Szenen, als ganz besonders am Sck)luß lebhaften Beifall, unb bie Jntenbänz kann ihre Mühe burch den Erfolg reichlich belohnt sehen.

Frankfurt a. M., 4. November. Residenztheater: Der gestrige Abend brachte den ersten Teil von August StrindbergS Drama ^Totentanz/ Es ist ein Stück des kraßesten Realismus und des iürchterlichsten seelischen Eleicks. Angezogen von der Kunst des Dichter? unb abgestoßen von den entfetzlichen Situationen folgte das Publikum mit der gejvanntesten Ausmerftcunkcit. Glänzend gew'.elt war der Edgar des Sbcrrn Stiebeck, Fraulein Rieckers als Alice und Louis Neter als Eurt vettörverlen wirksam die ihnen gestellten Aufgaben. Am 10. d. M. wird Adalbert MatkowSky au? Berlin ein Gast­spiel mit der Rolle des K ean beginnen.

Berg des Aergernisles^, die neue Tragödie von Heinrich Lilienfein, dem Vettaffer von ,Maria Fried- bammer", ist vom Hollheater in Darmstadt zur Aufführung in dieser Spielzeit erworben worden.

Paris, 4. Nov. Anläßlich der Eröffnung der inter­nationalen Ehryfantemum-AuSstelluntz gab heute die französische Gartenbauoesellschast ein Feitmahl, wobei Frhr. von Solemacher, ber Vorsitzenbe her Rheinlän- bischeu Sektion der deutschen , pomologischeu Gesellschaft, einen Trinkspruck auf Frankreich ausbrachte unb an bie französischen Erfolge auf ber Gartenbauausstellung in Düsseldorf erinnerte. Ackerbauminister Ruau sprach in seiner Erwiderung seinen Tank für dre liebenswürdigen Worte aus.