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7.6.1905 Zweites Blatt
 
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Nv. 132 Zweites Blatt. 155. Jahrgang

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»Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der BF B? K UW 1L, B M. B R MM R,

^lßjch» Lav-skt" erscheint monatlich einmal. tr v KV V * v V V Sr m jj| W

Mittwoch 7. Juni 1905

Rotationsdruck und Verlag der Brüh lachen UnwersitLtsdruckerei. R. Lange, Gieße»,

Redaktion, Expedition u.Druckerei: Schulstr.t»

Tel. Nr. 6L Telegr.-Adr. r Anzeiger Gieße»,

General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gießen.

KeKamümachung.

ES wird hiermit zur öffentlichen Kenntnis gebracht, daß Lie nach § 6 deS Reichsgesetzes vom 21. Juni 1887 über die Naturalleistungen für die bewaffnete Macht im Frieden ermittelten Durchschnittsmarktpreise, einschließlich eines Auf­schlages von Fünf vom Hundert, pro Monat Mai 1905 für den Lieserungsverband Gießen pro 100 Kg. betragen:

Hafer Mk. 18.20, Heu Mk. 7.35, Stroh Mk. 5.25.

Gießen, den 7. Juni 1905.

Großherzogliche- .D'eisamt Gießen.

Dr. Breidert.

Volltische Tagesschau.

Fürst Bülow.

Der Kaiser erschien am Dienstag früh persönlich fm ReichSkanzler-PalaiS, um dem Grafen Bülow die Er­hebung in den Fürstenstand mitzuteilen. Die Allszeichnung kam dem Kanzler selbst überraschend.

So lautet eine uns heute zugegangene Meldung des Depeschenbureaus Herold. Nach dem Zustandekommen der Handelsverträge im Reichstag hieß eS, Graf Bülow habe den Monarchen gebeten, von der Erhebung in den Fürstenstand abzusehen, indem er Rücksicht auf die mit dieser Würde ver­bundenen Repräsenlationskosten vorschützte. Inzwischen soll dem Kanzler eine beträchtliche Erbschaft zugefallen sein. Von mehreren Seiten wird in der Presse hervorge­hoben, daß die Verleihung der Fürstenwürde am Tage der Vermählung des Kronprinzen weniger einen politischen, als einen intim-persönlichen Charakter habe. Man zählt als Er­folge, die der Reichskanzler in der inneren wie in der äußeren Politik zu verzeichnen hat, außer den Handelsverträgen die Sicherung der Kanalpläne, der Berggesetznovellen in Preußen und die Durchführung der Marokkopolitik auf. Den unglück­seligen Zolltarif, dessen schlimme Folgen erst die Zukunft enthüllen kann, verschweigen die meisten Blätter. DaS Glück" des Grafen Bülow zu vervollständigen, hat just an diesem Tage sein hartnäckigster Widersacher in neuerer Zeit, der französische Minister deS Aeußern, DelcassL den Platz räumen müssen. Wurde auch von Berlin aus nicht auf den Sturz des eigensinnigen Delcassö hingearbeitet, wurde vielmehr wiederholt betont, die deutsche Regierung sei an dem Bleiben oder Gehen dieses Staatsmannes nicht interessiert, so ist doch unwiderleglich den Beziehungen zwischen Deutsch­land und Frankreich eine nicht unbedenkliche Schärfe ge­nommen. Vor etlichen Wochen, als Deleafsö fortgesetzt sehr trotzig und selbstbewußt auftrat, rechneten besonnene Männer allen Ernstes mit der Möglichkeit eines zum Kriege führen­den Konfliktes. Delcaffs ist noch zur rechten Zeit ausgebootet worden. In jedem Falle, bemerkt dieVoss. Ztg.", beweise die neue Gunstbezeigung, daß der Herrscher seinem ersten verantwortlichen Ratgeber das vollste Vertrauen entgegen­bringe und daß die Stellung deS Kanzlers heute so gefestigt ist, wie nur je zuvor.

DasBerl. Dagebl." meint, wir Deutschen hätten kerne Ursache, dem nunmehrigen Fürsten Bülow die seltene Aus­zeichnung zu mißgönnen, die ihm sein dankbarer Souverän verliehen. Mit allen seinen Vorzügen, mit allen fernen Gebrechen bleibe für das deutsche Volk Fürst Bülow der­selbe, der er als Graf gewesen. Möge uns die Hoffnung nicht täuschen, daß Bülow sich vorkommenden Falles als ein Mann erweisen werde, der innerlich mit allen feudalen Vorurteilen gebrochen habe. Dafür würde ihm das deutsche Volk in seiner großen Mehrheit auch als Zugehörigen des Fürftenstandes alle Zeit Dank wissen. Die ,MolksztK" sucht nach den Gründen der Auszeichnung Bülows und glaubt, daß diese auf dem Gebiete der inneren Politik nicht zu finden seien. Wahrscheinlich lägen also die Verdienste des Reichskanzlers auf dem Gebiete der auswärtigen Po­litik Bülow sei b e st en fa l l s auch hier nur zum Hand­langer berufen gewesen. Es sei wohl nur noch eine Frage der Zeit, daß den:Fürsten Bülow' derHerzo g Bülow" folgt. Dann würde sich wahrscheinlich ein niedliches DotatiöncheN finden.

Klössen zur Berliner Kochzettsfeier.

Ein führendes politisches Blatt, die Zentrums- .Germania«, sinnt der zukünftigen Kaiserin jetzt schon eine politische Stellungnahme und politischen Einfluß an. Das Zentrumsorgan bietetLiebe um Liebe« und fahrt wörtlich fort:

Wir sind weit davon entfernt, anzunehmen, daß die dem- /iächstiae Kronprinzessin in den engen intolerantenAn- Ickauunaen der osfiziellcn Gesetzgebung ihres Heimatlandes Mecklenburg gegenüber den Katholiken sich bewegt., Wir vertrauen vielmehr, daß sie °i,ch ihrer Stellung als Kronprnizelstn und als d mnäch tige deutsche Kaiserin sich der Ausgabe bewutzt sem wird, die sie in dieser hohen unparteiischen und mterkonsessionellen Stelliuig zu erfüllen haben wird."

D,e Germania" als die Verfechterin der Toleranz und der Unparteilichkeit zu sehen, ist schon ein zum mindesten seltenes Bild. Seltsamer aber noch ist es, daß cm politisches Blatt die junge Kronprinzessin förmlich gewaltsam dazu nötigen möchte, doch um Himmelswillen ja zum politischen Faktor zu werden Die junge deutsche Fürstentochter durfte sich bis letzt mehr mit schönen Künsten, Reitsport und Tenmsspiel als nut Politik abgegeben haben. Um so abgeschmackter ist es, sie zu beschwören: .Sei so gut und regiere ein bischen mit.- Wir haben übergenug unverantwortliche politische Einflüsse in Deutschland, und Damenpolitik war niemals sonderlich heil­sam wie uns die Weltgeschichte lehrt. Wir vertrauen, daß die zukünftige deutsch- Kaiserin klug und taktvoll genug ist, daß sie vom echten deutschen Frauentum so viel besitzt, um sich ausschließlich innerhalb der weiten und wohl zu er­weiternden Grenzen edler Weiblichkeit zu betätigen.

Harmlos ist eS, wenn dieKrcuz-Ztg.« schreibt:Die

jugendliche Herzogin Cecilie ist auSgestattet mit viel natür­licher Grazie und sieht trotz ihrer hohen schlanken Figur frisch und gesund auS."

DieNat.-Ztg." giebt folgendes zum besten:Unseres kronprinzlichen Paares erstes Eheglück wird bekanntlich das Jagdschloß Hubertusstock sehen das einfache Haus in dem gewaltigen Waldkomplex der Schorfheide, wo der Kaiser alljährlich,wenn die Hirsche schreien", einige Tage in stiller, weidmännischer Zurückgezogenheit zu­bringt."

In denWormser Nachr." dichtet ein Kapuzinerpater: Am Herrscherthrone steht des Himmels Wächter Und schart die Völker unter ihren Herrn: Allheil! es rühmen kommende Geschlechter Die Hohenzollernburg und ihren Stern.

Man könnte den Poeten für den Vorsitzenden eines Rad- fahrer-VerbandeS halten.

Unpassend war auch sonst manches deutschen Blattes FesteSton. Da gibt e§ Zeitungen von einer Knechtsseligkeit, die erbärmlich wirkt. Leute, auf deren Leben die Kron­prinzessin weder den geringsten Einfluß hatte noch voraus­sichtlich je nehmen wird, die von der jungen Fürstin offen­sichtlich nichts anderes wissen, als was sie in anderen Blättern gelesen haben, die sie nie zu Gesichte bekommen haben, stellen sich verzückt, und byzantinische Feder­helden huldigen die Prinzessin an, wie etwa ein 16jähriger Jüngling seine Laura besingt. Welch ein beklagenswerter Mangel an Geschmack, süßliche Worte aneinander zu reihen über ein Fürstenkind, dessen Leben bisher ohne alle großen Erregungen dahinlies und in daS noch kein trüber, die Seele stärkender und festigender Ton hineingeklungen ist. Dieser Byzantinismus ist um so jämmerlicher, als fast die gesamte Berliner Preffe heftig darüber klagt, wie schlecht sie bei den Feierlichkeiten behandelt und wie deS Berichterstatters Beruf auf alle erdenkliche chikanöse Weise erschwert wird. Welcher bedauerliche Mangel an Selbstgefühl und Achtung vor dem eigenen schweren und undankbaren Berus!

Das Publikum in Berlin hat beim Einzug der Herzogin in Berlin dieSchutzmannsketten zerrißen", um die Kron­prinzessin mehr in der Nähe betrachten zu können. Wir haben nicht allzuviel Mitleid mit Leuten, die bei solchen Gelegenheiten in quetschendes Gewühl geraten, wenn sie in sinn­loser Neugier drauflosdrängen. Aber zuweilen muß da auch der Gerechte, der nur aus Zufall in das Getümmel und Ge- lümmel geraten ist, mit dem Ungerechten leiden und deshalb ist es betrübend, daß in Preußen die Polizei immer die Hauptrolle bei patriotischen Freudenfeiern inne hat. Daß das Militär bei diesen Anlässen als Dekoration und Aufputz dient, ist begreiflich. Die Uniformen sind bunt und blank, und wenn nicht der ganze Zauber in der schwarzen Häßlichkeit von Fräcken und Zylindern untergehen soll, so muß Farbe in das Bild. Aber wenn man die ehrlichen Vaterlandsver­teidiger inhistorische" Uniform kleidet, so bekommt das Ganze einen Stich inS Puppentheaterhaste.

Zur Kisenöahnlarifresorm.

Die Einnahmen ans dem. Personenverkehr Men' zN den Ausgaben in ungleich ungünstigerem Verhältnis, als dies, bei dem Güterverkehr der Fall ist. Deshalb hat sich der preußische Landtag wiederholt dahin ausgesprochen, daß bet einer Reform der Personentarife der Schwerpunkt auf deren Vereinfachung zu legen sei, eine nennenswerte Verminderung der Einnahmen aus dem Personenverkehr aber nicht eintreten dürfe. Was für die preußisch-hessische Eisenbahngemeinschaft, deren Vahnbesitz einen so reichen Ertrag liefert, gilt, greift in noch höherem Maße für die kleineren Staatsbahnsysteme Platz, deren Rente beträcht­lich geringer ist. Bei der jetzt in Aussicht genommenen Reform der Personentarife ist daher nicht Verbilligung, sondern Vereinfachung der in erster Linie leitende Ge­danke. DieB. P. N." führen hierüber anscheinend halbamt­lich aus:

Daneben gilt eS schon im Interesse der BetriebsmittÄ- gemeinschaft, auch das zur Zeit durchaus vielgestaltige Per­sonentarifwesen für sämtliche deutschen Bahnen einheitlich zu gestalten. Diesem Ziele stellten sich insofern erhebliche Schwie­rigkeiten entgegen, als die süddeutschen Bahnen eine vierte Klasse nicht führen. Die preußisch-hessische Eisenbahngemein- schaft kann aber auf diese Klasse unter keinen Um ständen verzichten, und zwar aus verschiedenen Gründen. Ein­mal, weil die Einrichtung bei der jetzigen Vervollkommnung der Personenwagen vierter Klasse eine für einen großen Teil des in dieser Klasse reisenden Publikums durchaus zweckmäßige und überaus billige Fahrgelegenheit bietet; sodann aber, weil die Abschaffung der vierten Klasse für einen beträchtlichen Teil derjenigen Reisenden, die jetzt sich der dritten Klasse bedienen, eine große Verteuerung der Reisegelegenbeit bedeuten würde, weil sie, wenn das jetzt in der vierten Masse beförderte Publi­kum in die dritte Aufnahme fände, in eine höhere Klasse gedrängt würden. Mer diese Schwierigkeiten haben sich schließ­lich doch nicbt als unüberwindlich erwiesen, nachdem man auch in Bayern sich entschlossen hat, zwar nicht formell eine vierte Klasse einzuführen, aber die dritte Klasse in zwei Mteilungen zu trennen, von denen die eine die Reisenden zu denselben billigen Fahrpreisen befördert wie im übrigen Deutschland die vierte Klasse. Der Schwerpunkt der geplanten Personentarifreform liegt in der Beseitigung der Rückfahrtkarten, sowie aller übrigen zahlreichen Fahrkarten mit ermäßigten Preisen, und in der Einführung einer einheitlichen Fahrkarte etwa zum halben Preise der früheren Rückfahrt- karten. Wenn daher aucy die bisher in der preußisch- hessischen Staatsbahngemeinschast für die D-Züge eingeführten Platzkarten in Wegfall kommen, so kann.doch nicht auf die ver- kehrstechnische Rolle Verzichter werden, die diese Platzkarten zu spielen bestimmt sind. Denn sie verfolgen vor allem den Zweck, sicherzustellen, daß die naturgemäß nicht sehr zahlreichen Plätze in den besonders schnellen Zügen nicht für den Lokalverkehr verbraucht werden, sondern denjenigen Reisenden Vorbehalten bleiben, die weite Strecken zurückzulegen haben. Zu diesem Ende wird für die besonders schnellen Züge, gleichviel ob D-Züge oder nicht, eine nach Zonen abgestufte und in den Preis für die Fakftkarte einberechnete Zuschlag gebühr eingeführt werden. Endlich wird im Interesse der Einheitlichkeit des Ge­päckverkehrs auf die Gewährung von Freigepäck, wie sie bisher in der preußisch-hessischen Eisenbahngemeinschast üblich war, ver­achtet und dafür die süddeutsche Einrichtung! .verallgemeinert

werden, wonach für alles aufzugebende Gepäck be­zahlt werden muß, aber mit erheblich niedrigeren Sätzen, als sie jetzt in Preußen-Hessen für Ueberftacht zu entrichten sind."

Ist diese Reforni ein Fortschritt oder ein Rückschritt, ein Segen oder ein Unsegen? Die Urteile darüber gehen weit auseinander. Ein nationalliberaler Reichstagsabgeord- neter und Tagesschriftsteller findet manches Gute an der Neuerung; die konservativeSchles. Ztg." dagegen möchte die gesamte Reisewelt mobil machen wider diese vom Fis kalismu s" diktierte Verteuerung des Reisens! In einem konservativen Blatt ist der Zornes- ausbruch bei dieser Gelegenheit überraschend. Es ist noch in Erinnerung, mit wie beweglichen Worten im preußischen Abgeordnetenhaus Mitglieder der Rechten die Regierung be­schworen, doch um Himmelswillen nicht derundeutschen Art", die Scholle zu verlassen und in der Fremde umher­zustreifen, durch Fahrpreisermäßigungen Vorschub zu leisten. Damals wurde die schöne BezeichnungEisenbahn-' Vagabondage" geprägt und unter freudiger Begrüßung der Rechten dem Sprachschatz der Nation eingereiht. Andere Konservative appellierten an die Weisheit und Einsicht des Finanzministers, der den Kollegen von der Berkehrsver- waltung kräftig zügeln solle, wenn der letztere etwa mit Tarifreformen liebäugele, die den reichen Ertrag aus den preußischen Staatsbahnen herabzumindern geeignet seien. Nur keine Verbilligung des Eisenbahnfahrens! Es wird noch viel zu viel gefahren ! Und jetzt erhebt eine konservative, häufig sogar zu halbamtlichen Kundgebungen benutzte Zeit­ung Einspruch gegen den Geist des Fiskalismus, der die beabsichtigte einheitliche Neugestaltung der Personentarife durchziehe. . .

Die Ausführungen derBerl. Pol. Nachr.", die seit langem ein Sprachrohr der preußischen Eisenbahnverwal­tung sind, geben indirekt zu, das Reisen könne einigermaßen kostspieliger werden. Die Einführung einer einheitlichen Fahrkarte ungefähr zum halben Preise der jetzigen Rück­fahrkarte ist an sich nicht übel; aber die allgemeine Zu- schlaggebühr für Schnellzüge vergällt die Freude an der Vereinfachung ziemlich gründlich Auch durch die Abschaff­ung des Freigepäcks wird die Reiserechnung verteuert. Doch noch etwas anderes steht, einstweilen verhüllt, im Hinter­gründe: Wenn alles aufzugebende Gepäck bezahlt werden muß, dann sucht der zur Sparsamkeit ^nötigte Reisende natürlich den Ausweg, soviel als möglich seinen Bedarf in Form von Handgepäck mitzunehmen. Daraus folgt, daß die Abteile mit Handkoffern in allen Größen, mehr oder minder ingeniös konsumiert, angefüllt wer­den. Reist eine Familie, so wird für jedes Mitglied, bis zum .Jüngsten, ein Handkoffer verstaut werden. Uno daraus folgt wiederum: daß die Eisenbahnverwaltungen, natür­lich im Interesse der Mitreisenden, um siegegen Belästig­ungen zu schützen", beileibe nicht, um Fracht einzuheimsen, solchem Beginnen ein Ziel setzen durch hochnotpeinliche Verordnungen über den Umfang des Handgepäcks. Auf den italienischen Eisenbahnen dürfen Handkoffer ein gewisses Maß nicht überschreiten, sie sollen nicht mehr als 50 Zentimeter Länge haben. Die Vorschrift wird nicht peinlich genommen; wenigstens bemerkten wir bei Reisen in Italien manchen bei weitem größeren Handkoffer, ohne daß von einem Beamten ein Veto eingelegt wurde. Das würde bei der militärischen Genauigkeit, mit der bei uns die Vorschriften gehandhabt werden', kaum vorkommen können. Wir sehen also ahnungsvollen Geistes den ge­strengen Revisor mit einem Zentimeterstabe erscheinen und Zuwiderhandelnde" unnachsichtlich vor die unerfreuliche Wahl stellen, den Zug zu verlassen mit dem unvorschrifts­mäßigen Koffer, oder für die Gepäckaufgabe nach Gebuhio zu bezahlen.

Aus Stadt und Land.

Gießen, 7. Juni 1905.

Auszeichnung. S. K. H. der Großherzog haben dem Kammerherrn und Oberstleutnant a. D. Adolph Frei­herrn v. Rotsmann das Hofdienstehrenzeichen für 50 Jahre verliehen.

* Die zweite Kammer der Landstände tritt, wie wir bereits mitteilten, am 14. Juni wieder zusammen. Auf der Tagesordnung stehen u. a. zunächst die Nachweisungen über die Einnahmen und Ausgaben an Domanial- und Staatsvermögen und die Verwendung der bewilligten Staats­gelder für bfe Finanzperiode 1900/01 nebst 65 Anlagen und den von den Ministerien und der Ober-Rechnungskammer gegebenen Erläuterungen; ferner der Gesetzentwurf über den Text der Gesetze: die Gehalte der Volksschullehrer, die Pensionierung der Volksschullehrer und die Witwen- und Waisenkasse der Volksschullehrer betreffend; die sog. Lex Friedberg; die Vorstellung des Landes-LehrervereinS, Er­höhung der Pensionsbezüge der vor dem 1. April 1900 in den Ruhestand getretenen Volksschullehrer be­treffend; vor allenc aber der Gesetzentwurf, die Gemeinde­umlagen betreffend.

* Der gestrigen Mitteilung über die Ge­fährdung eines Automobils infolge eines Buben­streiches verwerflichster Art tragen wir noch nach, daß zu der Vorsicht und dem erwähnten Geschick des Führers sich der glückliche Umstand gesellte, daß das Automobil ein vierzylindriger großer Wagen mit breiter Spurweite von be­sonders solider Konstruktion war. Bei einem Automobil kleinerer Konstruktion wäre ein Kentern und Zerschellen und damit ein Verunglücken der Jnsaffen unvermeidlich gewesen. Wenn der Unfall glücklicherweise auch nur auf einer leichten Beschädigung des wertvollen Automobis beschränkt blieb, so dürste doch die mit der strafrechtlichen Verfolgung verbundene Entschädigungssorderung für den Unhold einen bitteren Nach­geschmack haben. Wie wir vernehmen, war es ein Automobil der Neuen Automobilgesellschaft, das diesen ihm aufge­zwungenen unliebsamen Rekord so glücklich überstanden hat.

** Militärdienst nachrichten. Ecksto rm, Major z. D., BerirkSoffizier beim Landw.-Bez. Limburg a. &, mit