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ErsteS Blatt.
Nr. 257
«rlAeint mißet SontnaqS.
Dem Gießener Anzeiger Derben im Wechsel mit dem hessischen Landwirt die (biefjciier Familien« blätter viermal in der Woche beigelegt.
Äotationsbrud u. Verlag der Brüh l'sehen Univers.-Buch-u. Stein- bruderet. R. Lange. Redattton. Erveduunr und Trurferet:
Echnlstrabe 7.
Redaktion 112
Verlag u.E^ved.
Adrene für Deoelclien: Nnzeigcr «letzen.
155. Jahrgang Mittwoch 1. November 1905
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Amis- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen MW
Die Keuiiqe Tklummer umfaßt 10 Seiten.
Jeder öesflsche Wähler,
nm dessen Stimme in diesen 14 Tagen mit größtem Eifer geworben werden wird, sollte sich vor Angen lxrlten, welche Aufgaben der neue Landtag zu erfüllen hat und in welchem (Weifte das tvschehen soN. Wir glauben nicht trn den berüchtigten Ausspruch des Frhrn. t>. Hehl, daß er, was die Gemeinde st euerreform anbetrifft, die Bauern bündler „in der Tasche habe". Man kann seinen politischen Rock nicht plötzlich an den Nagel hängen und einen anderen dafür anziehcn, ohne sich zum Gespött der Leute zu machen und für charakterlos allenthalben zu gelten. Jede Verleugnung eines gestern mit Nachoruck vertretenen Grundsatzes must schärfstes Misttrauen gegen die rtoralifdK Gesinnungsstärke Hervorrufen. Fe st e Grundsätze aber müssen von jedem Abgeordneten verlangt werden. Wir stellen vor einer umfassenden Reform des Selbstverwalungskörpers. Landgemeindeordnung, nne Städteordnung sollen in freiheitlichem Geiste der sozialen Gerechtigkeit ansgelogt werden. Und die Kreis- und Vrovinzialordnuna must das Schutzdach dafür bilden. Tie in dieser wichtigen Reform ibrer Lösung harrenden Aufgaben fordern, wenn sie im Volks Interesse erfüllt werden sollen, Männer von erprobtem Rückgrat. Tie Selbstverwaltung ist eine verdienstvolle Errungenschaft des Liberalismus. Es gilt demnächst sie auszubauen im Sinne des Fortschritts und der Gerechtigkeit. Mögen die Wähler dafür sorgen, dast hierzu Männer in den Landtag entsandt werden, von denen sie die Versicherung besitzen, daß sie bereit sind, in diesem Sinne im Parlament wirken zu wollen! —
Von der Wahlbewegung bürgerlicher Kreise tm Wahllrets Giesten-Land ist außer der Tatsack)e von der Wicderaufstelluug des seitherigen verdienten Abg. Leun von der Tätigkeit der bürgerlichen Parteien merkwürdiger- tneife nichts zu hören, obwohl bis zur Wahlmännerwahl nur noch ein halber Monat zur Verfügung steht. Hoffentlich setzt die Agitationstätigkcit dafür jetzt um so kräftiger ein, da der letzte Wähler jur Wahlurne gehen muß, w nn man den ungemein rührigen Gegnern die Eroberung des Wahlkreises unmöglich machen will. Wie skrupellos die Agitation der Sozialdemokraten ist, beweist der Umstand, daß sie den seitherigen Abg. Leun fortgesetzt als Gegner des direkten Lanotagswahlrechts ausgeben, obwohl dieser bei seiner Aufstellung in aller Form erklärt hat, f ü r daS direkte Landtagswahlrecht eintreten zu wollen. Es hat wahrlich niemand das Recht, an dieser ausdr" >'ichen Versicherung eines altbewährten Volksvertreters a. ') nur den mindesten Zweifel zu hegen!
Bei der Wahl vor 6 Zähren wählten die Orte Mendorf a. d. L., Annerod, Garbenteich. Greßen-Linden, Heuchelheim, Klein-Linden, Lang-Gons, LeilMstern, Lollar, Mainzlar, Opvenrod, Ruttershausen mit Kirchberg und Staufenberg mit Friedell-ausen bürgerliche Wahlmänner, während die Orte Alten-Vuseck, Taubringen mit Heibertshauscn, Grosten-Buseck, Hausen, Rödgen mit Trohe, Watzenborn- Steinbera nnd Wieseck sozialistisch wählten. Bei gleichem
Wahlergebnis würden diesmal 25 Wahlmänner für Leun und 16 für den Sozialdemokraten gewählt werden. Von diesen Orten scheinen Heuchelheim, Klein- Linden, Leihgestern und LoNar gefälyrbet, während umgekehrt bei eifriger Arbeit Hausen, Grosten-Buseck und Watzenborn-Steinberg für Leun gewonnen werden könnten. In Wieseck, wo vor 6 Jahren die Sozialdemokraten kampflos siegten, erhielten bei den letzten O^meinderaiswahlen die Bürgerlichen einen schönen Sieg; es ist deshalb anzunehmen, daß sie auch diesmal sich eifrig an der Wahl beteiligen und wäre es auch nur, um die Wähler zusammenzuhalten für die Zukunft, da bei der hoffentlich recht bald zur Einführung gelangenden direkten Wahl ihre Stimmen nicht wie beim indirekten Wahlsystem verloren gehen.
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Ter Wahlaufruf der nationalliberalen Partei, der sich u. a. 'n unzweideutiger Weise für das direkte Landtags Wahlrecht ausspricht, ist erschienen. Wir verweisen auf den Mdruck im Inseratenteil.
Im Wahlbezirk Psungstadt-Gernsheim wurde der seitherige Mgeordnete Haas inatlib.) wieder aufgestellt. Im Bezirk Langen-Isenburg stellten die bürgerlichen Parteien den Reichstagsabg. Tr. Becker- Sprendlingen auf. Ter Bezirk war bis jetzt sozialistisch.
■Pnliülrhr Y"aqcMau.
Die Freiheit der Wissenschaft vor Gcricht.
Ein interessanter Rcchtßfall beschäftigte jüngst preußische und sächsische Gerichte. Ein sächsischer Geistlicher schilderte in wissenschaftlichem Interesse, im Dienste der liichlichen Volkskunde, die sittlichen Verhältnisse einer vorwiegend sozial- demok ratischen Vorstadt auf Grund persönlicher Beob- achtungen und eingehender sonstiger Studien. Er schrieb zwei Broschüren: „Skizzen auS dem sittlichen und kirchlichen Leben einer Vorstadt.* Der Verfasser enthielt sich absichtlich aller lokalen Andeutungen. Die politische wie die kirchliche Vresse rühmte die Wahrheit und Ehrlichkeit KühnS; seine Menschenkenntnis fand allenthalben Anerkennung. So lebenswahr war die Schilderung, daß Überall der Schauplatz der Handlung gesunden ward: im rheinisch-westfälischen Kohlenrevier, in Berlin, in Chemnitz, in Dresden, in Leipzig und anderen Orten. Durch einen Zufall ward der durch ein Pseudonym gedeckte Name ded VerfasierS bekannt, und nun sanden natürlich auch Angehörige der Gemeinde deS Verfassers Aehnlich- feiten heraus. Ein GemeindekirchenratSmitglied stellte gegen den Verfasser Strafantrag. Der Staatsanwalt lehnte aber den Antrag auf strafrechtliche Verfolgung ab. Nun erhob man Prioatklage gegen den Geistlichen wegen Beleidigung mit Bezugnahme auf § 185, 186 und 187 des Strafgesetzbuches. Das Amtsgericht lehnte gleichfalls» ab. Der Kläger erhob Beschwerde beim Landgericht. Das Amtsgericht wictz den Kläger abermals ab. Dieser wandte sich in letzter In- stanz an daß Landgericht; auch dieses wieS ihn kostenpflichtig ab. Der E rn st der wissenschaftlichen Arbeit des
Geistlichen wurde anerkannt und von den Gerichten in anerkennenswerter Weise geschützt.
Diese Entscheidung ist von größter Trag, weite. Die Wiflenschast der Volkskunde greift immer weiter um sich; eine Anzahl von Vereinen pflegt sie, bekanntlich auch mit besonderen Erfolgen die hessische Gesellschaft für Volkskunde in Gießen. Dazu wird auf dem Gebiete der kirchlichen Volkskunde unter Führung von Prof. DrewS (Gießen) eifrig gearbeitet. Katholische und evangelische Geistliche beteiligen sich mit Begeisterung. Vor Kühn hatte der Pfarrer Gebhardt die bäuerliche Sittlichkeit in Mittelthüringen beschrieben. Dieser wurde zwar nicht, roit Kühn, vor die Schranken deS Gerichts gefordert, aber man wollte ihn zum Pasquillanten stempeln. Für alle diese volkskundlichen Bestrebungen ist nun der Verlauf deS Prozeßes „.flfi()n* höchst wichtig. Es ist doch selbstverständlich, daß sich einzelne Persönlichkeiten getrosten fühlen müßen, wenn in einer Schrift Gestalten aus dem Leben geschildert werden. Je mehr lebenswahr, je getreuer ein typischer Charakter dargeslellt wird, desto mehr werden sich Einzelne getrosten fühlen müßen. ES kann keine beßere Anerkennung für die Nichtigkeit der Sittenschilderungen KühnS geben, als die Tatsache, daß man allenthalben die Leute wiederfand, die er dargestellt bat. Wem soll daS Gericht, die Gerechtigkeit bcistehen? Dem Manne, der im Dienste der Wissenschaft und der Moral zugleich) eine lebenswahre Sittenschilderung seiner Zeil gibt, ober jenen Leuten, die sich in ihrer Schwäche getrosten fühlen? Die Antwort ist über allen Zweifel.
Plan darf gespannt sein, ob mit der wachsenden Arbeit der Volkskunde sich ähnliche Prozeste wiederholen werden. Jedenfalls ist es erfreulich für jeden, dem die Freiheit der Wlßenschaft am Herzen liegt, und interessant für die Freunde der Volkskunde, und keineswegs bloS für sie, nein für die weitesten Kreise, daß im Falle Kühn sich die Gerichte auf dessen Seite gestellt und damit der freien Forschung daS ihr gebührende Recht gewahrt haben.
Alus and.
CHristiania, 31. Oft. (© t o r 11) i n g.) In der heutigen M ndsitziing wurde der Antrag der zehn Storthingmitglic-deö auf V o l k s a b st i m m u n g über die zukünftige Staatsform mit 86 qeacn 30 Stimmen abgclehnt. Sodann wurde ein Antrag Fast, wonach eine Volksabstimmung stattfinden soll, ehe man sich an den Prinzen Karl von Dänemark wende, mit 84 gegen 32 abgelehnt. Schließlich wurde mit 87 gegen 29 Stimmen der Regierung s Vorschlag angenommen, nach dem die Regierung ermärfytiöt wird, mit dem Prinzen Karl von Dänemark darüber zu verhandeln, daß er die Wahl zum König von Norwegen unter der Vor- missetumg an nehme, daß das norwegische Volk drirch eine Volksabstimmung seine Zustimmung zu dem Beschluß des Storthing und der Negierung gibt.
Lyon, 31. Okt. Ter sozialistische Bürgermeister Augagneur hat seine Demission eingereicht, da er zum Gouverneur von Madagaskar ernannt worden ist.
Wien, 31. Okt. Deroulöde äußerte, als er die Nachricht von dem Amnesiiebeschluß erhoff: .Welche Freude und
(öiefirner TlMtervercin.
Der Gras von Charolais.
Ein Trauerspiel von Richard Beer-Hosmann.*)
Shakespeare war's, mit dem die Vorstellungen unseres Stadttheaters diesmal begannen, und ein später. allerletzter Cvigone des Niesen von Avon und derer um ibn kam mit seiner reichen, aber zukunslslosen Kunst Heuer als erster vor dem Theaterverein zu Worte. B.-H. ist ein Jungwiener. Wie Auernheimer, der witzige Causeur, ist er Träger des juristischen Toktortitels. Doktoren sind sie nämlich fast alle, die Jungwiener: Arthur Schnitzler ist Tr. med., Hugo von .Hofmannsthal Tr. Phil. Nur Herm. Bahr hat keinen Doktorhut. Wie Hofrnannstlnil lebt B.-H., dem Weltstadtgetricbe fern und doch nahe, draußen im Wiener Billenorte Rodaun, am Föhrenberg; wie Hofmannsthal, der bedeutend jüngere und bedeutend verheißungsvollere, schürst er in heißer Tichter- schnsucht nach edlem Erze in dem an reinem Rotgold unerschöpflich reichen Schachte der Weltliteratur.
Goethe wars, der die Jüngeren vor eigenen großen Er- sindungen iir.mtte und zu , ichon bearbeiteten Gegenständen" riet unter Bewahrung „eigener Fülle". Und das nämliche tat der Nibelungen-Jordan. nur mit der .Hinzufügung, daß der „Dienst des Dichters" darin bestünde, das „uralte Erbe mit dem Zeichen der Zeit preislvert zu prägen". Tas freilich hat D.-H. recht gründlich unterlassen. Ms er sich eine altenglische Tragödie zum Gerüst erwählte, um daran ein neues dramatisches Prunkhaus von wunderlicher Sck)önhcit und Farbe zu errichten, da spann er sich dermaßen in die Vergangenheit des elisabethanischen Zeitalters, daß man in seiner Dichtung von dem Geiste und von der Art unserer Gegenwart nicht 'sonderlich viel verspürt. Aber auch von Oktft und Art des mittelalterlichen Vorbildes ist nicht sehr viel mehr übrig geblieben als mancherlei Aeußerliches. Auf einer der ersten Seiten der Buchausgabe lesen wir:
„Die Namen der Sbarhttvrforten dieser Dichtung, sowie einige Voraussetzungen der Fabel sind einem alten Stücke entnommen, d s Philipp Messinger mit Nuhmael Field gemeinschaftlich ver- aßte. Es heißt: „The fatal Dowry“ und erschien in England im Jahre 1632; eine beutkfc Uebersetzung 1836 in Leipzig".
Massinger war ein um 20 Jahre jüngerer Zeitgenosse Shakespeares. Seine Dichtungen gehören zu den „aller- vorzüglichsten und eigentümlichsten Schöpfungen des damaligen Dramas" Doch Sbakespares Riesenhände senkten aus überirdischer Wolkenhöhe ein alles erdrückendes Felsstück mit seiner Namensinschrift auf die Erde herab, und so
*) Buch-Ausgabe: S. frischer in Berlin, 4. Aufl. 3.50 Mk.
verlor wie jeder Mitstrebende jener Zeit auch Massinger den Boden unter den Füßen. Nach der Sitte seiner Zeit war er ein Darsteller wilder und heißer Leidenschaften, mächtig und bildreich war sein Stil, ein gewaltiger Zug braust durch seine pl)aniasievollen Tragödien, die reich sind an unsympathischen Charakteren und grellen inneren Unwahrscheinlichkeiten.
Beer-Hofmann, sein um 3 Jahrhunderte verspäteter Jünger, sucht seinem Meister in vielem glcichzukommen, in manchem mit nur zu großem Erfolg. Wir lernen den Dichter des „Grafen von Charolais" kennen als eine ernste, aber nicht sonderlich phantasiereiche Natur, voll Neigung zu poetischer Nethorik und äußerlicher Charakteristik, aber von seltener Stärke und Wärnre der sanieren und gehalteneren Empfindungen. Das Würdevolle, Edle, Anmutige in Menschennaturen darzustellen, ist ihm gelungen, fast mit der malerischen Pracht eines Belasquez, ebenso die Belebung und überzeugende Vorführung rembrandtisch halbbeschatteter Gestalten wie des ganz shplockischen J<rig, des grimmigen Hassers der glücklich Herrschenden, des menschen- kundigen Sekretärs, des entstimmten ehemaligen Tenors und jetzigen Kuppelwirts, sowie dessen blinden Vater usw., so überflüssig das Hervortreten aller dieser Cl)argen aus dem Hintergründe auch ist. ANe seine Gestalten, Reine wie Verderbte, Böse wie Gute, Harte wie Zarte, umfaßt er mit gleich starker, verstehender erklärender Liebe. Im blendend schönen ersten Teile seiner von ZuläNigkeiten wimmelnden Dichtung ist seine Lvrik hinreißend. Der 2. Teil, der ein neues, nach gröbsten Bülmeneffekten hasck)endes Drama mit denselben Personennamen, aber ganz willkürlich veränderten Charakteren bringt, hat doch der Dichter irgend eine innere Entwicklung der neuen Art seiner alten Personen geradezu ängstlich vermicben, bemüht sich ganz ver- gcblich um die Verglaublichung lodernder Leidenschaften. Brachten wir der bald von aeigenzarter Sprachmusik zitternden, bald von blutvoll imnieTenbcr Uevpjgke t strotzenden, unaufhaltsam quellenden Lyrik seiner ersten drei Akte wärmste Bewunderung entge-gen, so stehen wir voll kalter Verwunderung dem bis zur Unausstehlichkeit schreienden, innerlich unwahren Furioso der beiden letzten Akte gegenüber, nachdem wir uns mühsam befreit haben von Der gräßlichsten Nervenpein.
Des Cchicksalsdromas größter Vorzug ist seine Sprache. Ter Dichter findet Worte, die sich schüchtern entfalten wie zarte Blättchen des jungen Frühlings, Worte, die duften und leuchten wie strahlenden Sommers purpurne Rosen, Worte, die rasselnd und prasjelnd fallen wie Zweige der Bäume im herbstlichen Sturm. Klarer als sein Tichtungs-
aenosse Hofmannsthal, verirrt er sich ebenso selten zu dessen «chwül übersteigertem Ausdruck, wie er selten zu Nüchternheit und Trivialität herabsinkt.
Als Jurist reizte ihn der altenglische Stoff wegen deS s7;ylockisch seltsamen Kampfs um die Pfandleiche des alten (Grafen von Charolais: als Dichter die sich aus Düsternis in Sonne lösende Tragödie der Sohnesliebe im ersten, und die aus der Sonne in die Düsternis zurücktauchende Tragödie der Baterliebe im 2. Teile; als Mensch des 20. Jahrhunderts die seiner Wesensarr wohl ziemlich konforme hohe Subtilität des Titelhelden, die R'quiemstimmung des Eingangs; als echten Jungwiener die seltsam romantischen Begleitumstände eines Einbruchs, den mau in Wien von heute nachgerade als das Natürliche in der Ehe anzusehen scheint, während die el)eliche Tugend dort wohl als erklärungS bedürftig gilt. (Vide Auernheimers „Große Leidenschaft".) Tenn die in zartester Keuschheit erstrahlende junge Gräfin Charolais folgt dem programmatisch vvrgehenden Verführer, einem Salome-Charaktcr, ohne Besinnung zur ver- rufen en Statte. Freilich, b’e Eefühlsverwirrung ist psychologisch nicht unerklärlich; der Graf hatte sein Weib nicht erobert, man gab ihn ihr und er bekam sie mit Geld und Gut, als gütiges Geschenk für treueste Sohnesliede über den Tod hinaus. Er war ihr Mann, bevor er ihr Geliebter war. Ter gute Vater hatte wohl in seiner Weisheit ihr verkündet: „Sie werden's Tich genug noch lehren, daß er Mann und Weib sie schuf — Tu halte fest: er schuf den Menschen!" Wie aber der Gefährte ihrer Kindheit, der lustige Vertraute des Mädchens, der leidenschaftliche Werber erscheint, da erst erfaßt sie ganz: „Gott schuf sie Mann und Weib!"
Unser Dichter, der sich manchmal alkzueng an sein Vorbild klammert, indem er z. B. sich auch nicht die mindeste Mühe gab, durch innere psychologisch begründete Zusammenhänge den (auch mm Shakesp-are in seinem „Kauf- mann von Venedig" beliebten, Dualismus zu mildern, hat in unbegreiflicher Laune gerade hier von seinem Vorbild sich abgewandt. Bei Massinger ist des Präsidenten Töchterchen von klein auf ein genäschig-buhlerisches Ting, alleweil tändelnd mit ihrem Juocndfreundchen. Deer-Hofmann läßt dafür ein sonuenlautres Mäadlein erstehen von schneeig zarter Herzensreinheit. Und just dieses legt er dem Verführer bei der ersten besten Gelegenheit in den Arm, um uns schließlich, wenn wir mit dem Vater an der Tochter Leiche kauern, wie wir eingangs mit dem Dohne an des Vaters Leiche standen, mit einer schönen, die Zeiten durchdauernden Moral zu entlassen: Eines Greises edle Mensch- lichke- wollte der Liebe wehren, von der Leden


