Ausgabe 
31.12.1904 Erstes Blatt
 
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Erstes Blatt.

154. Jahrgang

Samstag 31. Dezember 1804

Gchulstratzs 7. ttbrefle für Deveichenr Anzeiger Gtetzea. KtrnsprechanichlußNr 61.

Nr. 308

»Meint ttzglich ander VonntagL.

em Gießener Anzeigen werden im Wechsel mir dem Hessischen Landwirt die Siebener Zamttien- hlätter viermal m der Woche beigelegt.

Rotationsdruck il Ver­lag der Brühl 'schen Unlvers.-Buch-n. Stern- drucke ret. St. Sange.

Gichener Anzeiger

Senml.ilnjtiger ** ~=5£

Amk- und Anzeigeblatt für den Kreis Gietzen MW x.u, zeigenteil: bans Beck.

Die Heutige Mummer umfaßt 16 Seiten

Zum IaSreswechsel.

P. W. Gießen, 31. Dezember 1904.

Nehmet den heilige n Ernst mit ins Leben hinaus;

'TEnn der Ernst, der heilige, macht das Leben zur ... r, M Ewigkeit !"

Diese schonen Worte schrieb der verehrungswürdigste Greis, den ich kenne, cm einem für mich bedeutungsvollen Tage in mein Stammbuch. Der gute und weise 'Spruch, dessen Verfasser mir unbekannt ist, kommt mir heute in den Sinn, da der Neujahrstag naht. Ist der Weihnachtstag der fröhlichste Tag im Jahre, so ist der Neujahrstag der ernsteste Tag im Jahre; und so nahe beide bei­sammen liegen, so nahe beisammen liegen auch im Leben Freude und Ernst. Heilige Freuds, das war die Stimmung der Weihnacht, von der wir Herkommen, und heiliger Ern st, das ist die Stimnr.üng des Neujahrs­tages, in den wir eintreten. O daß mit der vergangenen Weihnacht doch die heilige Freude nicht verginge, daß sie uns erhalten bliebe und wir sie mit hinübernähmen in die kommenden Tage des neuen Jahres! Daß das neu'e Jahr uns ein Jahr der Freude würde! Jst's nicht heute der gegenseitige Wunsch aller derer, die's treu mit­einander meinen? Tausende drücken sich heute daraufhin die Hand und blicken sich dabei in die Augen oder schreiben's einander, wenn sie räumlich getrennt sind. Wer es ist eine ernste Sache um die wahre Freude. Es gehört ein tiefer Ernst dazu, sich wahrhaft z-u freuen. Viele suchen heute auf künstliche Weise sich in die rechte Freuden­stimmung zu versetzen, sie kennen keine Freude ohne Lärm und Geräusch, freilich nur um dann, wenn der Lärm ver­rauscht ist, desto freudeloser und freudeleerer zu erscheinen und dann wieder um so mehr unter dem Joche des Lebens zu seufzen; ja selbst den Ernst der stillen Nacht suchen sie zu übertönen durch lautes Geschrei und wüsten Lärm, denn es wird ihnen unheimlich zu Mute bei der stillen Samm­lung und ernsten Einkehr,. zu der gerade diese Nacht die Menschen so laut aufruft. Und doch sind gerade diese Stunden stiller Selbsteinkehr die rechten Fr enden stund en, und wer im neuen Jahre sich wahrhaft freuen will, der muß immer wieder von Zeit zu Zeit seine stille Stunde haben, die ihm zum Quell des Segens und innerer.Freude wiro. Aber nirgends doch macht sich das Bedürfnis nach stiller Selbsteinkehr bei allen ernst Gesinnten so sehr gel­tend, als gerade am Schlüsse, beim Wechsel eines Jahres. Man steht wieder einmal an einem Grenzstein seines Lebens und hält Umschau, rückwärts und vorwärts, einwärts und auswärts.

Rückwärts zuerst: Zu den bereits zurückgelegten Jahren ist ein neues hinzugekommen, man ist wieder ein Jahr älter geworden, und da steigen alle die Erlebnisse freud- und leidvoller Art im vergangenen Jahre von neuem vor der Seele auf und werden noch einmal erwogen und besprochen. Wohl uns denn, wenn uns. die verflossene Zeit unseres Lebens mit ihren Wegen, Um- und Abwegen, mit ihren Darreichungen und mit ihren Versagungen im wesentlichen wie ein einziges großes Gnadenjahr, ein ein­ziges großes Jahr des Heils erscheint.

Ein paar Verse kommen mir in den Sinn, Verse eines bärenhaft Starken, eines bärenhaft Gesunden, eines Mannes, der da schwur, daß die Erde die beste sei der Welten, der in seiner robusten Kraft das Ringen mit allem Bösen als höchsten Segen empfand zur Stärkung des Hirns und zur kühnen Erprobung seiner stählernen Muskeln, dem alle Last eine Lust war, dem ob seines heiligen Ernstes das Leben zu einer schönen Ewigkeit ward,

der sich alle Zeit g ar wohl gefallen hat auf unserem Stern, und den nach vieler Not, Mühsal und Trübsal in seinem langen Leben das verfließende Jahr in einem patriarchalischen^ Mter von uns genommen hat, Verse von Wilhelm Jordan:

In tiefer Inbrunst muß ich danken--

Dem Schöpfer für des Lebens Schranken, Für jedes Leidens Fegefeuer, Für jeden Kampf und jede Last, Womit der etoge Welterneurer Begnadet seinen Erdengast."

Welches üb er quellende Kraftbewußtsein spricht aus diesen Worten, die sich jeder zur Nachachtung zu Herzen nehmen mag, den das zur Neige gehende Jahr hart an­gepackt hat. Ein solcher heiliger Ernst macht wahrlich das Leben zur Ewigkeit.

Zum andern cuber richtet sich heute der Blick vor­wärts. Es werden an den Wendepunkt des Jahres allerlei Erwartungen und Hoffnungen geknüpft; wo einer sich in trauriger Lage befindet, daß seine Aussicht sich bessere, daß sein Geschäft sich hebe, die Arbeit wieder ihren ver­dienten Lohn findet, und wo es gut gegangen ist, daß das neue Jahr nicht hinter dem alten zurückbleibt; wo man krank ist, daß Genesung Wiederkehre, wo man gesund ist, daß man es bleibe; wo aber einer hoffnungslos darnieder- liegt, daß das neue Jahr ihm ein seliges Ende beschere. Jeder hat hier seine Gedanken und Wünsche für sich, bei der Rück­schau wie bei der Ausschau.

Das neue Jahr kann Krieg und Frieden, Tränen und Freuden, Mangel und Fülle, Herzeleid und Jubel, Leben und Tod iif sich schließen. Stille ist es um seine Pforte, dunkel sind seine Tage, der Fragen sind viele, aber keiner kann Antwort geben. Ist man älter geworden, so erwartet man vom neuen Jahre nichts sonderlich neues mehr. Die Zeit ist vorüber, wo wir an ein neues Jahr große Er­wartungen knüpften und bedeutende Veränderungen für uns selber erhofften. Wichtige Entscheidungen und Lebens­wendungen bringen neue Jahre für gewöhnlich nur der Jugend. Da kann man noch einigermaßen dem Leben seinen Gang vorschreiben, da ist man noch seines Glückes eigener Schmied. Nun schreibt das Leben uns den Gang vor, und wir sind's zufrieden, wenn es ohne gewaltsame Erschütter­ungen abgeht. Im großen und ganzen haben wir uns daran gewöhnt, daß das neue Jahr uns nichts anderes bringt, als was seine Vorgänger au* gebracht haben. Freude uno Leid, Erhebung und Abspannrrng, Gesundheil. und Krankheit, Gelingen und Mißlingen wechseln in diesem Erdenleben so ziemlich regelmäßig miteinander ab, wie denn auch die Gestirne, die diesen Erdenlauf beherrschen, aufgehen und niedergehen, balo hell strahlen, bald von Wolken verhüllt werden. Auf Regen folgt Sonnenschein, und auf Sonnenschein folgt Regen. Nach den Gewittern lacht die Sonne besonders. Tie Reihenfolge der Jahres­zeiten wiederholt sich Jahr aus und Jahr ein, und immer wieder beginnt der gleiche Kreislauf. Aber wer den heiligen Ernst mit ins Leben hinausnimmt, wer sein Glück nicht sucht in den Gütern und Gaben dieses Lebens, sondern in dem inneren Auftechtsein, in mannhafter Stärke ohne Ueberheblichkeit, in dem starken Bewußtsein innerer Gediegenheit und Kernhaftigkeit, in der eigenen Tüchtig­keit und Leistungsfähigkeit, in dem wackeren Wirken für das Wohl der Seinen und,'der Gesamtheit, nach besten Kräften, für den sind die wechselnden und doch immer gleichen Ergebnisse jedes Jahres von bleibendem Lehrwerte, sie gewinnen für ihn eine Ewigkeitsbedeutung. Wer den heiligen Ernst sich zu eigen gemacht hat, der lenkt seinen Blick einwärts in die geheime Werkstatt des Herzens, der trägt sein Geschick, wie es auch sich gestalte, ob gut ob böse, mit gleicher Würde, der findet in sich selber Hilfe

in der Not, Licht in der Dunkelheit, Trost in der Traurig», keit, Sieg im Unterliegen.

Rückwärts und vorwärts lenkt der Jahreswechsel uw seren Blick von selbst; daß er ihn auch einwärts und auf­wärts lenke, das ist der beste Neujahrswunsch.

Uarleitag der preußischen Sozialdemokratie.

Berlin, 30. Dez.

Heute wurde zunächst die Debatte über das Kontrakt» bruchgesetz beendet und die dazu vorgeschlagene Resolution! angenommen. Auf Antrag des Abg. Haase wurde ein Zusatz angenommen aus Errichtung von Schiedsgerichten für bte Streitigkeiten der Landarbeiter und des Gesindes unter Mitwirkung von Richtern, welche von den Landarbeitern auf Grund des allgemeinen, gleichen, geheimen, direkten Wahlrechts zu wählen seien.

Ledebour referierte über das preußische Landtags­wahlrecht. Er sprach über den Ursprung und die Eigenart des preußischen Staates, der durchVerheiratung, Erbteilung/ Erschwerung, Erbettelung, Ergaunerung und Eroberung" zusam­mengefügt worden sei. Weiter kam er auf die Ursachen des Miß­erfolges der Sozialdemokratie bei den letzten Land­tagswahlen zu sprechen, machte den Liberalen Vorwürfe, daß sie das von den Sozialdemokraten angebotene Bündnis für diest Wahlen abgelebnt hätten und zollte den fteisinnigen Outsiders Anerkennung, die wie Barth eine Verständigung wünschten, ©r empfahl folgende Resolution:

Ter preußische Landtag hat keinen Anspruch darauf, als eine Vertretung des preußischen Volkes anerkannt zu werden, da das erkünstelte Gebilde des Herrenhauses durch seine Mehrheit von erblichen und ernannten Gesetzgebern nur der Herrschaft der Junker und Bureaukraten als Rückhalt dient, während das Drei­klassenwahlsystem durch Bevorrechtung des wohlhabenden Siebentels der Wähler mit einem Zweidritteleinfluß auf den Ausgang der Abgeordnetenwahlen die große Masse des Volkes tatsächlich ent­rechtet und das Abgeordnetenhaus selbst zu einer Geldsackvertret- # ung herabwürdigt. Eine fortgesetzt reaktionärer sich gestaltende, den wahren Interessen des Volkes zuwiderlaufende Gesetzgebung ist die Frucht dieser Zusammensetzung des Landtages. Herren­haus und Abgeordnetenhaus sind nach ihrem Ursprung der ein durchaus ungesetzlicher ist, weil auf Oktroiierung beruhend und nach ihrer Zusammensetzung dre Verkörperung nackter Klassen-! Herrschaft und vollendeter Volks- und Arbeiterfeindlichkeit. Der Parteitag der Sozialdemokratie in Preußen protestiert deshalb auf das Nachdrücklichste gegen die Vergewaltigung und Rechtlos» machung, die der ungeheuren Mehrheit des preußischen Volkes durch das Vorhandensein einer solchen Klassenvertretung zu- gefügt wird. Ter erste und notwendigste Schritt zur Nieder- zwingung der Reaktion in P reu ße n ist deshalb die Um ß e-, staltung des preußischen Parlaments zu emer wahrhaften Volksvertretung. Wir fordern sonnt die völlige Beseitigung des Herrenhauses und für das Abgeordneten­haus die Erteilung des allgemeinen, gleichen und direkten Wahl­rechts mit geheimer Stimmabgabe an alle Staatsangehörigen^ Männer und Frauen, die das 20. Lebensjahr überschritten haben, nach Maßgabe des Proportionalwahlsystems. Wir fordern alle Parteigenossen auf, durch unablässige Agitation in Wort utch Schrift dafür zu wirken, daß dieses Ziel erreicht wird.

Mit außerordentlicher Schärfe bekämpfte Ledebour seinen Partei- und Fraktionsgenossen Bernstein, der folgenden Zu­satz a n t r a g zu der Resolution gestellt hat:

Insbesondere fordert der Parteitag die sozialdemokratische Parteipresse in Preußen auf, jedesmal, wenn im preußischen« Landtag Anträge zur Verhandlung gestellt werden, die irgend welche Abänderung des bestehenden Landtagswahlsvstems foroerur oder in sich schließen, an hervorragender Stelle wiederholt Pro-, testartikel zu peröffentlichen, dre in schärfster Weise den reak­tionären Widersinn und die empörenden Ungerechtig­keiten des Treiklasseuwahlsystems bloßlegen und die arbeiten­den Volksklassen zu erneutem energischen Protest gegen dieses Machwerk einer brutal enReaktion und zum unablässigen! Kampf für das allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahl­recht aufrufen. Desgleichen fordert der Parteitag die^ Genossen in Preußen auf, bei solchen Anlässen in allen Großstädten und. Industriezentren Nässen dem onstrationen größten Stils

Kleines Ieuisseton.

Wilhelm II. und Leon cav allo. DerKreuz- Ztg." wird aus Rom geschrieben:Ehe Leoncavallo Berlin verließ, hat er einen wahren Hymnus auf Berlin, Deutsch­land, die D eutschen und vor allem die deutsche Kunst an ge­stimmt, hatte aber bemerkenswerterweise in der italieni­schen Presse damit nicht das leiseste Echo hervorgerufen, weil es allgemein bekannt ist, wie feindlich er trt Wahr­heit allem, was deutsch ist, gegenübersteht. Inzwischen hatte er imGiornale d'Jtalia" seine wahre Meinung nreder- gelegt und seine deutschfeindliche Gesinnung zum Ausdruck gebracht, was umsomehr beftcmden muß, als man an­nehmen durste, daß er der mit vollen Händen über rhn ausaeschütteten kaiserlichen Gunst nicht ganz unerngedenk geblieben wäre. Er erzählt zunächst einiges über dre Auf- . nähme seines Werkes. Ein Teil der Krrtrk scr auch nach der Aufführung nicht zur Erkenntnis der gewaltigen Bedeut­ung seines Werkes gekommen, ein anderer habe sichge- fieunt" dennder Deutsche ist im Grunde ein ehrlicher Mensch". Dann folgen die Ausfälle gegen deutsche Kom­ponisten. Der letzte bedeutende Meister war Richard Wag­ner- was nach ihm gekommen, sind ausschließlich Leute ohne die -geringste musikalische Intelligenz. Eine zung^ deutsche Schule? Sie ist überhaupt nicht vorhanden, falls man nicht einer Bande weniger als mittelmäßiger Musiker diese Bezeichnung beilegen will. Für sic alle ist dre mensch­liche Stimme nur ein Instrument, der Gesang ist tot während man im Orchester nichts als eine Folge unlogisch aneinander gefügter Mißtöne vernimmt. sei übrigens d"e Anttcht °des intelligenterer, Teils der Deutschen selbst. Während seines Aufenthalts in Berlin hätte ein hervor­ragender Verleger ihm erklärt, daß die deutschen Bev- l a g s h ä u s e r s i ch glücklich schätzten, wenn c s r n aan, Deutschland einen einzigen Tondichter von £ e r e b c u t u r g eines italrenrschen Melodrsten unter «geordneten. Ranges gäbe. Dem Kaiser, der ein

ausgezeichneter Musikkenner ist, konnte diese nationale Arm­seligkeit nicht entgehen. Vis jetzt hatte er die deu'tschie Kunst unterstützt; <rls er aber dann, übermüßig ge­langweilt durch die Symphonien von Richard« Strauß, meineMedici" hörte, tat er den Ausspruch: Ah, das ist ein Munn, der einen geschichtlichen Gegenstand zu behandeln versteht: die Deutschen scheinen ohne jede Ausnahme Dummköpfie zu sein." Und so entstand den Auftrage denRoland von Berlin"'zu schaffen. Kaiser Welheim betet die italienische Musik an.Wissen Sie", sagte er bei der Generalprobe zu mir, weshalb ich Hie süße Melodie Ihres Landes so sehr liebe? Weil sie sich unmittelbar an unsere Phantasie wendet und sich in unser ganzes Sein einnistet, um uns nicht wieder zu verlassen. Den ganzen Tag über nehmen mich die Staatsgeschäste in Anspruch; gehe ich dann abends ins Theater, möchte ich gern eine Melodie erhaschen, die mich nach Hause begleitet und bis in den Schlaf verfolgt." Vom ,,R o 1 a U >d" i st d e r Kaiser begeistert. Nach der ersten Aufführung sagte er mir:Diese Musik vermag nur ein Mitbürger Romeo und Julias zu ersinnen (wozu iibri- gens bemerkt werden mag, daß Leoncavallo einer ein ge­wanderten jüdischen Familie entstammt), das alles ist ganz shakespearianisch."

Franz Ondricet. Es wird unseren Lesern an­genehm sein, über den Lebenslauf und Entwicklungsgang des Künstlers, dessen Konzert für den Januar bevorsteht, einiges zu hören. O. ist 1859 zu Prag, der Haupt­stadt des musikalischen Böheims, geboren. Sein Vater war Leiter einer kleinen Kapelle, in der unser Künstler schon im ftühesten Mter mitwirkte. Ms siebenjähriger Knabe war er das Wunderkind in Prag und blieb es dort bis zu feinem 14. Lebensjahre, da die häuslichen Sorgen nicht gestatteten, ihn anderwärts studieren zu lassen. Endlich aber kam er auf das Pragex Konservatorium, auf dem er nach dreijährigem Studium sein Prüfungskonzert

mit L. van Beethovens Violinkonzert absolvierte. Jvp ersten Konzert, das er dann öffentlich, «gab, hatte er das Glück, unter seinen Hörern einen der größten Geiger, Wie-- niawsk, zu haben, der von dem Können des jungen Anfängers so begeistert war, daß er ibn einem Kunstmäcen! empfahl, der nun Ondricek die Mittel gewährte, nach Parisia».!fs Konservatorium zu gehen. In Paris wurde ihm bei seiner seltenen Begabung die Klasse Massarts^ des Lehr ex s Wieniawskis, geöffnet und hatte nach dem Urteil der dazu eingesetzten Kommission alle Aussichten bereits im ersten Jahre seines Studiums den großen Preis^ zu erwerben; um das zu Hintertreiben, wurde ein (Statut erlassen, wonach kein Fremder vor Ablauf des zweiten! Jahres zur Bewerbung um den ersten Preis zugelassen werden darf. Ondricek hat dann auch nachher diesen! Preis iu'nbestritten davongetragen und wurde damals als ein zweiter Wicniawski gefeiert

Fortan hat Ondricek die ganze Welt bereist. Zwei. Jahre blieb er noch in Frankreich, dann in London, später in seiner engeren und weiteren Heimat, endlich in Wien, das damals an der Spitze aller musikalischen Städte stand. Nach zwei höchst erfolgreichen Konzerten im Berliner! Opernhaus sah er sich dann auch! in Dresden, Leipzig;. Hamburg, Frankfurt rc. als erstklassiger Geiger anerkannt und hat dann England, Italien, Rußland, Schweden rc., den Oreint und Amerika wiederholt besucht.. Seine virtuose Wiedergabe Paganinischer Werke hat zu einem Freundes­bunde Öndriceks mit dem Sohne Pagarnnis geführt, der in Parma lebt. In den letzten Jahren hat er wiederholt mit dem allerglänzendsten Erfolge in unserer engeren Heimat' Hessen, speziell in Dawnstadt, gespielt, so 1903 und Oktober 1904. Frei von jeder Virtuosenwillkür, aber auch entbundew von aller akademischen Mchternheit, ist er vielleicht der impulsivste Geiger der Gegenwart, auch Sarasate nictyt aus­genommen.