Ausgabe 
31.10.1904 Zweites Blatt
 
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Nr. 2KG

Zweites Mrrtt

154. Jahrgang

Erscheint tLgllch mit Ausnahme des Sonntags.

ernst,

Redaktion, Expedition ».Druckerei: Schulstr.?. Tel. Nr. 61. Telegr.-Adr. i Anzeiger Gießen.

DieSiebener Zamilienblätter" werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der -Heffifchs Landwirt" erscheint monatlich einmal.

Montag 31. Oktober 1904 A.* Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schm UniversttätsdruckereU R. Lange, Gießen.

c^er Aing.

Krimmal-Noman von O. Elster.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

.Sind Sie nun überzeugt, £>crr Rat", sagte Ferdinand

i?l

mußt habe. Diesen Gegenstand bald verlassend, ging er dann dazu über, die Kirchenbautätigkeit des Oberhofmeisters zu verherrlichen. Die Rechte begleitete diese Lobsprüche mit Beifall. In der der Interpellation folgenden Besprechung kennzeichnete der Abg. Fischbeck die laue Haltung deS Ministers in dieser Angelegenheit. Herr v. Hammerstein fand es hierauf geraten, sich in Schweigen zu hüllen, seine Ver­teidigung einigen Rednern der konservativen Partei über­lassend. Es muß als sonderbar bezeichnet werden, wenn Freiherr v. Mirbach jetzt als die verfolgte Unschuld hingestellt wird und'wenn man glaubt, durch eine stark betonte Anerkennung seiner Verdienste um den Kirchenbau über den Krebsschaden, der seinemSystem" anhastet, hinwegtäuschen zu können. Die freisinnige Interpellation hat diese Versuche durch ihre zu enge Fassung und vorsichtige Behandlung erleichtert. Aus Rücksicht ist man an Dingen vorbeigegangen, die im Mittel­punkt der parlamentarischen Auseinandersetzungen standen, vor allem des Ordens- und Titelsegens und der Angelegen­heit des Konto K., Dinge, die in diesem Zusammenhänge wohl hätten behandelt werden können. So aber entsteht möglicher Weise noch der Eindruck, als ob Frhr. v. Mirbach unrechtmäßig angegriffen worden sei und persönliche Ge­hässigkeit der Anlaß zu der Anklage gewesen sei, wie von seinem Anhänge wahrheitswidrig behauptet wird.

gifte sinische Verschwörung?

Das Hofgerich t zuAbo tagt augenblicklich 'm denk Landesverrat sprozesse gegen den ehemaligen Se­nator und Generalleutnant Schaumann, den Vater des Mörders des G-eneralgouverneurs Bobrikow. Die Anklage gegen ihn gipfelt darin, daß während der Haussuchung Schriften gesunden wurden, worin gegen die Russifizierung des Landes Protest erhoben wird. Der Verteidiger Schau­manns wünscht im Interesse seines Klienten, eine ganze Menge Zeugen vorzuladen, und bittet außerdem, Schau­mann, dessen Gesundheit in der Untersuchungshaft bedeu­tend gelitten hat, vom Arrest zu befteien. Dieser Antrag wurde abgelehnt, dagegen der Prozeß ustn zwei Wochen hinausgeschoben, damit die von der ^Verteidigung benannten Zeugen gehört werden können.

Aus Petersburg meldet vom 30. Oft. die offi­ziöse Russische Telegr.-Ag.:

Ter Hochverratsprozeß gegen den früheren fadem* dischen Senator, ehemaligen General der russischen Armee, Schaumann, Vater des Mörders des Generalgoeuv^rueurs Bobrikow, hat ein deutliches Licht auf die Absichten der schwedisch gesinnten Finlünder geworfen. Tie Ergebnisse der erstell Sitzung des höchsten Gerichts in Abo in Finland enthalten ein formelles Tementi gegenüber den irrtümlichen Ansichten, die in Europa von finländischen Agitawren verbreitet werden, und in denen sie als Opfer einer ungerechtfertigten Unterdrückung hingestellt werden. Gin Tokument, das unter den Papieren des Vaters des Schaumarm gefunden wurde, bildet das Hauptstück der Anklage. Es enthält den Entwurf zurOrganisationvongeheimenSchützen- Vereinen mit dem Zweckeder Befreiung Finlands. Es sollte danach eingestandenermaßen in Finland eine Erhebung mit b ewaffneter Hand vorbereitet werden. Jeder waffenfähige Finländer sollte sich im Schießen üben. In jedem Ort, in jedem Industriezentrum sollten sich Vereine bilden, die von besonderen Instruktoren geleitet werden sollten. Diese Jn- sttuktoren sollten alten Soldaten entnommen werden, die in Den aufgelösten finischen Regimentern gedient hatten. Diese Vereine sollten, um keinen Verdacht zu erregen, untereinander nur durch Vermittelung von gemeinsamen delegierten verbunden sein, die ihrerseits mit zwei Telegiettcn in jedem Gouvernement in Ver­bindung stehen sollten. Diese ganze Organisation sollte von einem Zentralkomitee von fünf Mitgliedern mit einem besonderen Vor­sitzenden geleitet werden. In dem Entwurf wird auch die Frage der Beschaffung von M a u s erg e we hren behandelt. Die vom Anwalt des höchsten Gerickfts in Finland verfaßte Anklageakte basiert darauf, daß daS Projekt des Vaters Schaumann schon in Durchführung begriffen und von dem Dr. phil. Lulu weiter- entwickelt war, der sich in Berlin im Jahre 1903 erschossen hatte, als er hörte, daß seine Papiere in Wiborg von der Polizei beschlagnahmt waren. Nach einem Rundschreiben und nach den von dem Doktor gegebenen Instruktionen gab es Wander­lehrer, die den Männern und Frauen aus dem Lande den Gebrauch der Gewehre beibringen sollten, indem sie jedem einzelnen Unterricht erteilten. Tie Gewehre sollten Niausergewehre sein. Ein besonderes Licht wird dadurch auf die Ermordung Bobrikows geworfen, daß der Sohn Schau­mann gerade Mitglied eines Schützenvereins gewesen war, der

Politische Wochenschau.

Gießen, 31. Oktober.

Monatelang hatten die Vorbereitungen gedauert, die 6ie russische Flotte in der Ostsee dazu benötigte, um kriegsmäßig in See stechen zu können, und als endlich diese Schiffe, die maritime Hoffnung Rußlands, nach­dem das russische Geschwader in Ostasien von den Ja­panern vernichtet worden ist, ausliefen, bedeckten sie sich gleich Anfang ihrer Fahrt mit Schmach, zugleich dem Fluche der Lächerlichkeit anheimsallend. Die Kanonade, die auf Befehl des kommandierenden Admirals Roschdjest- wensky auf harmlose Fischerfahrzeuge englischer, finischer, norwegischer und auch deutscher Nationalität, unter denen man japanische Torpedoboote vermutete, in der Nacht zum 22. d. M. in der Nordsee eröffnet wurde, wirst ein bezeichnendes Licht auf die Maximen, nach denen der Dienst in der russischen Marine gehandhabt wird. Ohne viel Federlesens wird lustig darauf losgefeuert, ohne sich aus die möglichen Folgen seiner Handlungsweise, die wie hier eine schwerste Verletzung des Völkerrechts be­deutete, erst groß Gedanken zu machen. Um ihrem Ver­halten dann noch die Krone auszusetzen- fuhr die russische Flotte nach vollbrachter Heldentat schleunigst davon, ohne sich um die Opfer ihrer unbegreiflichen Kopflosigkeit zu kümmern. Der Erfolg dieses ungeheuerlichen Vorkomm­nisses in dem am schwersten provozierten England ließ denn auch nicht lange auf sich warten. In einmütiger Ent­rüstung standen hier alle Stände und Parteien) Volk und Regierung zusammen, um vollste Genugtuung zu verlangen. Zugleich ordnete man, um den diplomatischen Vorstell­ungen auch den gehörigen Nachdruck zu verleihen, eine schleunige Instandsetzung der einheimischen Flotte sowie eine Konzentration des englischen Mittelmeergeschwaderc/ an. Es findet denn auch zurzeit noch in allen englischen und den überseeischen Flotten ft ationen eine un­unterbrochene Mobilmachung der gesamt eie eng lischen Flotte statt. In Plymouths und Devon- shire wird ununterbrochen an der Z-ertigstellung und Aus­rüstung der Ftotte gearbeitet. In Eardisf sind fast sämt­liche Kohlenlager von der englischen Admiralität in Anspruch genommen. Im spanischen Hafen Vigo, wo sich zurzeit der größere Teil des baltischen Geschwaders besindet, wäh­rend sechs andere russische Ostseeschifse im Hafen von Tanger Kohlen einnehmen, ist am gefangen Sonntag eine ganze Reihe von englischen Kriegsschiffen ein getroffen. Doch inzwischen hüpfte Dame La Franee mit bekannter Grazie dazwischen, um dem dräuenden Welt- ungewttter vorzubeugen. Mit sanfter Hand glättete sie die wilden Wogen des Unheils aus der herbstlich stürmen­den Nordsee und präsentierte mit lieblichem Friedenslächeln ein Schiedsgericht. Und die Regierungen zu London und zu Petersburg gaben alsobald ihre Bereitwilligkeit kund im Prinzip den Vorschlag anzunehmen, daß die stritti­gen Punkte wenn auch nicht einem Schiedsgericht, so doch einer Untersuchungskommission überwiesen werden und die russ. Schiffe unterdessen in Vigo Verb le,iben. Da­gegen hat zwar am letzten Samstag der japanische Gesandte in Madrid beim spanischen Minister des Auswärtigen Protest erhoben, aber natürlich ohne Er­folg. Die Artikel 9, 10 und 32 der Haager Konvention dürsten eine befriedigende Grundlage für das einzuschla­gende Verfahren bieten. Die Kommission hat nach der Haager Konvention keine schiedsrichterlichen Befugnisse, ist vielmehr eine gewöhnliche Enquetekommission. Wenn aus ihrer Untersuchung nachher eine Differenz ent steht, die aus diplomatischem Wege nicht zu lösen ist, kann die Sache immer noch vor den Schiedsgerichtshof gebracht werden. Der englische Admiral Fremantle meint noch heute, es ginge zu weite, heute schon den Zwischenfall für geschlossen zu erklären. Immerhin kann die russische Regierung mit der Bereitwilligkeit Englands sehr zufrieden sein. England hat mit diesem Entschlüsse den, Russen eine goldene Brücke für den Rückzug aus der sehr schwierigen Lage gebaut, in die der russische Admiral durch feine wahnwitzige Tat sein Land gebracht hat. Es wäre sehr erfreulich, wenn die deutsche Regierung in dem Falle des DampfersSonntag", der nunmehr akrenmäßig sestgelegt ist, dieselbe Kraft und Entschiedenheit entwickeln würde wie die englische Regierung. Doch ver-

daß ich die Wahrheit sprach?"

Ter Gerichtsrat hatte seine Geistesgegenwart nnedergewonnen. Er war zu lange praktischer Jurist gewesen,, um sich durch eine Ueberrafchung lange gefangen nehmen zu lassen. Er wußte, wie oft eine Anklage auf falschen Voraussetzungen beruhte; er wußte, wie oft ein Irrtum, ein Mißverständnis bei einer Anklage ver­waltete, und daß eine Anklage noch nicht der Beweis der Schuld war. ,

Sie haben mir Aufklärung versprochen", jagte er ruhiger. Treten wir in mein Zimmer, dort bitte ich Sie, nur ^hre be­schichte mitzuteilen. Sind Sie bereit dazu?"

Ja, ich bin bereit." ... ,

Tie beiden Herren traten in das kleine Zimmer. Mit ö105 6er Hand zündete der Amtsgerichtsrat die Lampe an und wies dann auf einen Stuhl.

,/Nehmen Sie Platz und erzählen Sie."

Ferdinand setzte sich, der Amtsgerichtsrat nahm ihm gegen- über Platz, legte die Arme auf den Tisch, wie er als Untersuch­ungsrichter dem Angeklagten und Zeugen gegenüber zu tun pflegte, sah Ferdinand erst an und sagte:Ich bitte zu beginnen."

Und Ferdinand begann zu erzählen von seinem harmlosen, arbeitsreichen Leben auf Wendessen, von feinem Bruder, von Bertha Wüllbrandt, von Käthe Vollmar, und von dem Ver­brechen, befan. Opfer sein Bruder geworden. Und dann erzählte er von seiner Entdeckung des Ringes, von den anderen Anzeichen der Schuko und von dem wahnsinnigen Verdacht gegen Käthe Vollmar, den Neugebaur in ihm erweckt und der ihn in die weite Welt hinausgetrieben.

Ferdinand war aufgesprungen und ging erregt in dem Zimmer auf und ab.

Ter Amtsgerichtsrat folgte ihm mit den Blicken.

Sie sind fest von der Schuld Bertha Wüllbrandts überzeugt?* fragte er.

So fest wie von meiner eigenen Schuldlosigkeit!"

Tas ist ein fester Glauben. Und dennoch könnten Sie irren."

Wie wäre das möglich?" lachte Ferdinand auf.Sie selbst hat uns ja jetzt den Beweis geliefert."

Ter strengste, gewissenhafteste Richter auf Erden hat sick schon geirrt", entgegnete der alte Jurist ernst.Nur ein Richter irrt sich nicht der, welcher in den Herzen der Menschen lieft, wie in einem aufgeschlagenen Buch aber dieser Rfttfter lebt nicht auf Erden er trügt kein irdisches Gewand."

Bettoffen f(baute Ferdinand den alten Mann an.

Aber wie wollen Sie erklären?"

Ich vermag es nicht zu erklären. Aber ebenso fest wie Sie von der Schuld Berthas überzeugt sind, bin ich von ihrer Schuldlosigkeit überzeugt."

Ich bin neugierig, wie Sie diese Schuldlosigkeit beweisen wollen."

Tas vermag ich nicht, das vermag nur der Richter aller Richter. Aber lassen Sie sich die weiteren Schicksale Berthas erzählen. Sie war das Opfer der eigenen und der Leidenschaft Ihres Bruders geworden. Wem bei diesem Fehltritt die größere Schuld zuzumessen, mögen Sie selbst entscheiden Sie haben Ihren Bruder gekannt, ich nicht. Ter Vater des Kindes, welchi's sie unter dem Herzen trug, hatte sie betragen, sie verlassen. Daß er erschlagen war, wußte ich nicht. Marie ober vielmehr Bertha sagte mir nur, daß ihr Geliebter sie verlassen, daß er jetzt aber tot sei. Ich bin fest überzeugt, daß die Treulosigkeit des Mannes mit seinem gewaltsamen Tode zusammenhängt. Doch lassen wir das. Nun das verlassene, einsam dastehende Mädchen, von Scham, Reue, Furcht und Verzweiflung getrieben, irrte ziel- und planlos in der Welt umher. Eine Zeit lang arbeitet sic in

Ta legte der Amtsgerichtsrat die Hand auf seinen Arm. Einen Augenblick wie nannten Sie den Detektiv?"

Er hieß Kaspar Neugebaur übrigen^ traf ich ihn hier wieder. Er scheint Ihnen bekannt zu sein."

Der alte ^err lachte bitter auf.Ja, ja, ich kenne ihn! Also den haben meine lieben Verwandten mir auf die perlen gesetzt? Er hat Ihnen auch wohl von Marie erzählt?"

^Hatten ihn beauftragt, Marie zu beobachten?"

Nein. Er weiß nicht, daß Marie und Bertha WUlbrandt ein und dieselbe Persvn ist. Ich mag den Mann nicht mehr in mein Vertrauen ziehen. Ter Zufall brachte mich hierher, der Zufall ließ mich Bertha Wüllbrandt sehen. Ich zweifle noch, um mir Gewißheit zu versclmffen, sandte ich ihr den Ring ... Sie sehen, welä)e Wirkung dieser kleine Ring gehabt hat . . . Tas böse Gewissen hat Bertha Wullbrandt fortgetrieben, sie sah sich ver­raten, sie sah sich der sttafendcn Gerechtigkeit überwiesen sie ist abermals entflohen, und ich tnuß den Verdacht weiter mit mir schleppen, den Verdacht, der mein Glück, mein Leben, meine Liebe zerstört hat." r . M

Nicht der Verdacht", sagte der Rat ernst,sondern Ihr eigenes mißtrauisches Gemüt gegen ein schuldloses Wesen."

Sie nennen Bertha Wüllbrandt schuldlos?!"

Von ihr sprach ich nickt, sondern von Käthe Vollmar."

Ferdinand legte die Hand über die Augen und blieb so eine Weile sck-weigeud sitzen.

Sie können recht haben", sagte er dann mit einem Seufzer. Ich habe es mir in den letzten Jahren sckwn selbst gesagt, aber nachdem ich einmal davor geflohen war, naclsidem ich icnes Mäd­chen mit jenem ungerechten Verdachte beleidigt hatte, wagte ich nicht, zurüeznkehreil, wagte ich nicht mein eigenes Unrecht einzw gestehen Ich wollte, den Beweis den vollen Beweis meiner und ihrer Schuldlosigkeit haben, den konnte nur Bertha Wüll­brandt geben. suchte sie vergebens! Ick gab es auf, sie zu finden, da führt ein Zufall sie mir entgegen . . . und jetzt ist sie dock wieder entflohen!"

lautet immer noch nichts davon, man scheint vielmehr in Berlin über die Anbahnung einer englisch-russischen Verständigung dermaßen froh zu sein, daß man die eigenen Interessen ganz und gar vergißt. Die reichsofsi- ziöseNordd. Altg. Ztg." schreibt narnlich in ihrer neuesten Nummer:

Mit großer Befriedigung wird man in ganz Deutsch­land die Kunde aufnehiuen, daß es der Weisheit der Regier­ungen Englands und Rußlands gelungen ist, eine Verständigung über die Beilegung des Streitfalles herbeizuführen und den Frieden Europas vor großen Erschütterungen zu bewahren. Wenn, von den beiden unmittelbar beteiligten Mächten abgesehen, ein Staat Anlaß hat, diesen Ausgang zu begrüßen, ist es Deutschland, kefan Staatskunst seit einem Menschenalter auf die Erhaltung des Friedens gerichtet ist, welche die notwendige Voraussetzung bildet für die Entfaltung und Festigung der Wohlfahrt unseres Volkes."

Wie in Pariser diplomatischen Kreisen verlautet, wird die Kommission bereits Anfang dieser Woche zusammen- treren. Sie wird aus Mitgliedern der nicht militärstaat- tichen Delegierten beim Haager Schiedsgericht, wahrschein­lich aus 2 H o l l ä n d e r rr, 2 Belgiern und 2 schwei­zerischen Herren zusammengesetzt sein.

Der unvermutet eingettetene Zwischenfall in der Nordsee hat die allgemeine Aufmerksamkeit so ausschließlich in Anspruch genommen, daß man den übrigens ziemlich unbedeutenden Meldungen vom oft asiatischen Kriegsschauplatz nur geringe Beachtung geschenkt hat. Nach den furchtbaren Kämpfen der letzten Zeit ist in der nördlichen Diandfchurei vorübergehend Ruhe eingetreten, die nur durch kleinere Vor­postengefechte gestört wird. Der bedeutendste Sieg der im fernen Osten dieser Tage erfochten worden ist, war der, den General Kuropatkin über Statthalter Alexejew davon­getragen hat. Ersterer wurde, was er in dec Tatsache schon längst war, offiziell zum Oberbefehlshaber dec gesamten rus­sischen Streitkräfte in Ostasien ernannt. Dadurch ist erreicht worden, daß fortan die militärische Leitung einheitlich sein wird, was sie bis dahin, eben wegen der Stellung Alexejews, nicht war. Jetzt gewinnt auch die Annahme einen ziemlich hohen Grad von Wahrscheinlichkeit, der zufolge nicht Kuro- palkiu, sondern Alexejew dec Urheber der bewußten Prokla­mation vom 2. Oktober, welche den russischen Versuch einer Durchbrechung dec japanischen Linien ankündigte, gewesen ist. 9tachdein inzwischen diese Operation kläglich gescheitert ist, war die militärische Rolle'Alexejews endgültig ausgespielt, so­daß seine Sid Ufte nun g mit Notwendigkeit erfolgen mußte. Alexejew und fein gesamter Stab verließen am letzten Samstag Chardin und dürften am 14. November in Peterburg eintreffen. Der russische Konsul in Tschifu erklärte, die Abberufung Alexejews sei daraus zurückzusühren, daß sein Rat für die Ausarbeitung neuer Pläne zzi dem Feldzuge in dec Mandschurei gebraucht werde. Das ist aber wohl nur eine Annahme dieses Herrn Konsuls oder der Ver­such einer Beschönigung des unrühmlichen Abgangs Seiner Exzellenz.

Sim vergangenen Dienstag stand im preußischen Ab- geordnelenhause die Interpellation in der Zlngelegenheit Mirbach zur Verhandlung. Der greise Abg. Alb. Tra e g e r, der zur Begründung der Interpellation vorgeschickt worden war, legte m seiner Rede den Hauptnachdcuck auf den Um­stand, daß der ganze Apparat dec politischen Behörden für die bewußte Sammlung von einer Art Nebencegierimg auf­geboten sei, deren Existenz aber zum Ruin des Verwaltungs­wesens führen müsse. Die 9lntwort des interpellierten Mi­nisters v. Ha mm er stein ergab, daß er mehr, als bisher bekannt war, an der Sammeltätigkeit des unternehmenden Oberhosmeislers beteiligt gewesen ist. Schon am 13. Llpril 1903 hatte Frhr. v. Hammerstein von dem Schreiben Mir­bachs an die preuß. Oberpcäsidenten Kenntnis erhalten, ohne einzuschceiten. Erst kurz vor der am 30. Juni dieses Jahres angesetzten Interpellation forderte er telegraphisch die Akten von den Oberpräsidenten ein, verschwieg aber, inwie­weit ihm diese Dinge bekannt waren, sondern kam erst am letzten Dienstag, also nach fast viermonatlichec Pause dazu, dem Abgeordnetenhanse davon Kenntnis zu geben, in welchem Maße er von dem Eingriff des Freiherrn v. Mirbach ge-