Energische Förderung der Landwirtschaft. Getteidezölle und Viehzölle bilden die Grundlage des Volkswohlstandes. Wenn Herr Gothein sagre: die Arbeiter hätten kein Interesse an der Erhöhung der Zölle, so mag das sehr wohl zutrefsen für die gewerblichen Arbeiter, obgleich es für diese nicht zutrifft. (Heiterkeit.) Eine gesunde Handwerkerpolitik ist undenkbar ohne eine gesunde Agrarpolitik. (Beifall rechts.)
Abg. Dr. Beumer (nat.-lib.): In Crimmitschau handelte es sich nicht um den zehnstündigen Arbeitstag, sondern um eine Macht- ftage, um die Frage, wer Herr im Hause sein solle. Das Bestreben, die Herrschaft un Betriebe aus die Gewerkoereine zu übertragen, ist das Leitmotiv der Gewerkschaftsbewegung. Die Arbeiter wollen ,über Entlastungen r>u entscheiden haben. Soll eine richtige Disposition im Betriebe herrschen, so mutz der Arbeitgeber das Recht haben, begründete Entlassungen vornehmen zu können. Hat er das nicht, so tritt ein Chaos ein, unter dem beide Teile zu leiden haben. Es besteht zwischen Kapital und Arbeit eine Solidarität, das haben die Trade Unions älterer Richtung auch stets anerkannt. Was den zehnstündigen Arbeitstag betrifft, so haben die meisten Fabriken in unserem Rheinlands ihn ohnehin; sie sind aber gegen eine gesetzliche Festlegung, weil sie in der Saison auch zuweilen darüber hinausgehen müssen. (Vizepräsident Graf Stolberg ersucht den Redner, nicht zu ausführlich auf den Zehnstundentag einzugehen, weil davon doch bei der Besprechung der Interpellation die Rede sein wird.) Es sind auch andere Redner darauf eingegangen. Ich werde mich auf das Notwendigste beschränken. Die gesetzliche Festsetzung des Zehnstundentages halten wir für bedenklich. Die Sache würde dann imer weitergehen.
Man verlangt dann zunächst den Neunstundentag für die Frauen, dann muß er auf die Männer ausgedehnt werden. Dann geht es immer weiter herab, bis wir auf den Einstundentag kommen. (Lachen bei den Sozialdemokraten.) Ja, der Abg. Wurm hat ja gestern gesagt, daß bte Sozialdemokratie immer die Signale aufstellt, denen wir nachzulaufen haben. Also, wenn es nach Ihnen allein ginge, kommen wir wirklich schließlich zum Einstundentag. (Abg. Hoffmann-Berlin (Soz.) ruft aus einer Ecke des Saales: Sie haben den ja schon! Große Heiterkeit.) In einer Volksversammlung hat man gesagt, wer soll denn bei einer solchen kurzen Arbeitszeit die Steuern aufbringen, darauf erwiderte man, die Steuern solle der Staat bezahlen. Das Verlangen nach Arbeiterausschüsten und Tarifgemeinschaften klingt ja sehr schön, aber wie das in großen Betrieben in der Praxis sich gestalten soll, das sehe ich nicht. Gerade in kriegerischen Zeiten versagt der Arbeiterausschuß oder gibt womöglich selbst noch das Signal zum Ausstand. In sozialpolitischen Dingen brauchen wir uns nicht zu überstürzen: das ist die Meinung weiter Kreise des Volkes. Wir brauchen nur einen allmählichen Ausbau der Sozialpolitik, die in vernünftiger Weise auf die Kon- kurrenzverhältniste. des Auslandes und den Mittelstand Rücksicht nimmt. Denn es ift eine Tatsache, daß es dem Mittelstand vielfach schlechter geht, als dem Arbeiter. Ueberhaupt: nicht allzu viel gesetzliche Reglementierung! Jetzt will man uns auch vor dem Alkohol durch Gesetz beschützen (Heiterkeit), obwohl hier Selbsthilfe viel mehr am Platze wäre. Wir haben gar keinen Grund, uns in ein sozialpolitisches Automobil zu setzen, während die anderen Nationen sich noch nicht einmal eines sozialpolitischen Omnibus bedienen. Die Regierung möge sich vor sozialpolitischen Experimenten in acht nehmen und an das Wort eines alten Sanitätsrats denken: „Es gibt keine Krankheit, die so unbedeutend wäre, daß sie durch das Hinzutreten eines Arztes nicht lebensgefährlich werden könntet (Heiterkeit und Beifall bei den National-Liberalemt
Abg. Fräfidors (Soz.): Ich spreche hier als Arbeiter; ich bin auf allen drei Gebieten versicherungspftichtig und bisher noch nicht durch Maßregelung gezwungen, einen anderen Berus zu ergreifen. Herr Dr. Beumer ist gegen die Arbeiter mit dem sattsam bekannten „Herrn im House"-Standpunkt zu Felde gezogen. Er fürchtete, daß man schließlich zum Zchnsrundentag kommen könne. Ernst kann man ja so etwas nicht nehmen; aber ich kenne auch Leute, die gar nicht arbeiten und doch gar nicht so schlecht leben sollen. (Heiterkeit.) Herr Gräfe hat sich verpflichtet gefühlt, die Crimmitschauer Arbeiter anzugreisen. Herr Gräfe ist ja das einzige nationale Bliemhen, das noch aus Sachsen gekommen ist (Heiterkeit); wäre er nicht mit Mühe und Not in Der Stichwahl durchgekommen, so hätte man hier von den teutonischen Mannen aus Sachsen gar niemand mehr gesehen. Was Herr Graefe von den Einkommensverhältnisten Der Crimmitschauer Arbeiter gesagt hat, war längst widerlegt. Der offizielle Bericht der Berussgenosten- schäften hat festgestellt, daß der Durchschnittslohn eines Crimmitschauer Arbeiters 650 Ml. pro Jahr beträgt (hört, hört!), und wenn Herr Graefe sagte, es wäre ihnen so gut gegangen, daß sie noch Geld auf die Sparkasse hätten tragen können, so kann ich nur sagen, dieses Geld haben sich die Arbeiter abgehungert. (Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Man spielt hier die Interessen der Crimmitschauer Industrie gegen die Arbeiterforderungen aus. Ich sage Ihnen, wenn die Behörden und wenn die sächsische Regierung nicht ihre bekannte Haltung eingenommen und die Unternehmer noch bestärkt hätte, dann wäre der Zehnstundentag ohne die geringste Schädigung der Jndusttie eingeführt worden. Doch will ich diesen Gegenstand verlassen, da noch andere darauf eingehen werden.
Es ist hier wieder einmal viel die Rede von der Ausdehnung der Sozialpolitik. Tie Arbeiter können da wirklich sagen: „Ter Worte sind genug gewechselt, laßt uns nun endlich Taten sehen!" Sie haben genug von den schönen Reden, von den papiernen Resolutionen und dem ewigen Zurückziehen des Zenttums. (Sehr wahr bei den Soz.) Ja, das „arbeiterfreundliche Zentrum" hat einzig die Schuld, wenn die Sozialpolitik nicht vom Fleck kommt. Wir sind bereit, positiv mitzuarbeiten, kommen Sie uns doch nicht mit Ihren Reden, daß wir nur die Unzufriedenheit schüren wollen. Gerade die bessergestellten Arbeiter sind unsere treuesten Anhänger, weil sie mehr Verständnis haben für die sozialdemokratischen Verhältnisse. (Zurufe rechts.)
Präsident Graf Ballestrem: Ich bitte, diese Zurufe zu unterlassen, ich glaube, der Herr Redner hat die beste Absicht, nicht zu kurz zu werden. (Große Heiterkeit.) Sie haben es gar nicht nötig, durch Zurufe die Rede noch zu verlängern. (Stürmische Heiterkeit.)
Abg. Fraßdorf (fortfahrend) verbreitet sich über die Verhältnisse der Steinarbeiter. Für diese muß unbedingt etwas geschehen. Unter den Steinarbeitern herrscht die größte Sterblichkeit von allen Arbeiterkategorien Trotzdem wollen ihnen die Unternehmer das bischen Arbeiterschutz, das ihnen der Bundesrat eingeräumt hat, wieder nehmen. Unsere Arbeiterversicherung ist besser als nichts, aber sie ist noch vollkommen unzureichend, zumal den Hilfsbedürftigen, wenn sie die Invalidenrente erhalten, die Armenunterstützung vielfach entzogen wird. Man hat also keinen Anlaß, die Arbeiter- Versicherung, die doch nur einen Anfang darstellt, wie es jetzt besonders häufiy geschieht, über das Maß hinaus zu loben. Die Arbeitgeber leisten für die Arbeiterschutzgesetzgebung nur 57u> Psg. pro Mann und Tag; einen Sechser zahlen sie, aber für einen Taler machen sie Lärm. (Sehr wahr! bei den Soz.) Unbedingt nötig ist es, daß auch die Landarbeiter und Dienstboten der Kranken
versicherung angegliedert werden. Bei der Unfallversiwerimg müßten in Betteft Der Rentenfestsetzung Arbeiter als Sachverständige schon in der ersten Instanz hinzugezogen werden. Wir sind für eine Zusammenlegung der Unfall-, Kranken- und Invalidenversicherung, aber unter der Voraussetzung, daß die Rechte Der Selbstverwaltung der einzelnen Anstalten nicht geschmälett werden. Tie Frage, ob freie Arztwahl ober Zwangsarztsystem, ist keine Prinzipienftage unb keine Parteifrage. Die Meinungen sind in unserer Partei noch geteilt. Für bte Aerzte handelt es sich lediglich um eine Verteilungsfrage. Wenn die übrigen Teile der Bevölkerung gleich hohe Summen wie die Krankenkasten für die Aerzte auSgeben würden, dann würden die Aerzte im Golde schwimmen. Zu den Krankenkassen können wir ebenso wenig wie in anderen Institutionen jeden zulassen. Wie kämen wir dazu, jeden Stümper zuzulassen. Der sein Examen mit Ach und Krach bestanden hat?
Die Krankenkassen haben bas ernste Bestreben, friedlich mit den Aerzten zusammenzuarbeiten, ober gegenwärtig ist dieses Verhältnis von den Aerzten in der rücksichtslosesten und willkärlichsteii Weise gestört luorben. Die Aerzte sollten in ihren Fordernngen Maß holten. Wohin ist es aber jetzt schon gekommen? Der oberschlesische Knappschaftsverein hat' im vergangen Jahre nicht weniger als 1* 3 Million für Aerzte und Medizin auszugeben gehabt und nur knapp 400 000 Mk. für Kranlenunterstützung. (Hört, hört! Zuruf: Besteht dort freie Arztwahl?- Nein, und zwar hier lediglich deshalb nicht, weil die deutschen Aerzte ihre polnischen Kollegen ausschließen wollen. In kleinen Städten ist die freie Arztwahl gewiß gut, aber in großen läßt sie sich nicht durchführen, weil viel zu viel Medikamente verschrieben werden würden und der Krankassenvorstand unmöglich auf Tausende von Aerzten einen Einfluß ausüben kann. Wie verhalten sich aber die Behörden? Das zeigt der Kölner Aerztestteik. Dott hat die Behörde das Selbstverwaltungsrecht der Kranken lassen suspendiert und die bisherigen Aerzte unter Bewilligung ihrer Forderungen erneut angestellt. Das wideriprichr dem klaren Wortlaut des Gesetzes. Das sozialpolitische Mäntelchen, das sich die Freisinnigen umhängen, nützt ihnen nichts. Die Raiten verlassen doch immer mehr ihr Schiff. (Beifall bei den Soz.^
Um 6 Uhr ergreift das Wort
Staatssekretär Graf Posndowsky, um gegen die Ausführungen der Redner ans dem Hause zu polemisieren bezw. die Haltung der Regierung AU den angeschnittenen Fragen zu rechtfertigen. Er spricht diesmal so leise, daß er nur mit Mühe zu verstehen ist. In Bezug auf die Einbeziehung der ländlichen Dienstboten und Arbeiter in die Krankenversicherung sei eine Umfrage bei allen Bundesregierungen erfolgt; nur noch drei 9ieg erungen ständen aus. Das Material werde eingehend bearbeitet. Das Ergebnis werde dem Reichstag zugehen. Er (Redner) persönlich sei für diese Einbeziehung, doch könne er auch die Schwierigkeiten derselben nicht verkennen. Er wisse nicht, wie der Bundesrat sich in seiner Gesamtheit dazu stellen würde.
Hierauf vertagt sich das Haus. Nächste Sitzung Sonnabend 1 Uhr. (Zentrums-Interpellation betreffenb die Rechtsfähigkeit der Berufsvereine.)
Schluß Uhr.
Aer Aufstand der Kcreros.
Oberleutnant Zülow schockte aus Okahaudja folgendes Telegramm durch Boten nach Korllnb, datiert vom 20. Januar:
^Jch halte Okahaudja feit dem 15. Januar nach einem heftigen Kampfe mit 200 Mann besetzt nnb kann mich noch einige Zeit halten. Ich warte auf die Geschütze des ,Habicht" und erbitte eine Abteilung Artillerie. Ein schwaches Windhuk-Entsatzkorps mit einem Maschinengewehr wurde am 12. und 13. zurückgeworfen, wobei acht Reservisten gefallen sein sollen. Die Namen sind »mbekaunt. Die Verbindung mit Windhuk ist völlig zerstört. Um die rückwärtige Verbindung herzu- stelleu und die nachtommendeu Militärtransporte sicher her- zubringen, ist heute mit 70 Mann eine Eisenbahnfahrt nach Karibib versucht worden. Eingehender Bericht geht heute ab."
Vom 21. Januar datiert: „Gestern nachmittag bei Ka- watnerasane zwischeu Waldan und Okasise heftiges Gefecht der von mir mit der Eisenbahn zurückgeschickten, etwa 70 Mann starken Abteilung, die rückwärts Verbindung suchen sollte. Unsererseits vier Tote und drei Leichtverwundete; Namen wurden nicht gemeldet. Die feindlichen Verluste werden auf 20 bis 25 Tote geschätzt. Da die 20 Meter lange Brücke zerstört ist, versuche ich durch sichere Eingeborene Nachrichten nach Karibib zu senden."
Oberleutnant Zülow meldete weiter, daß sich bei Oka- handja die Kasfern mit den Herero vereinigen. Mit den „Gaffern" werden wohl die westlich von Omaruru 'angesiedelten Bergdamara gemeint sein.
TaNarrurUarilches.
Berlin, 29. Jan. Die Kommission betreffend die Lausmannsgerichte hielt heute ihre erste Sitzung ab und eröffnete die General-Tiskussion über die Frage des Anschlusses der Kausmannsgerichte an die Amtsgerichte oder Gewerbegerichte. Die Abgg. Dove, Müller- Meiningen und Jtschert traten unter eingehender Begründung für den Anschluß an die Amtsgerichte ein, erklärten aber, daß sie bei Ablehnung dieses Vorschlages sich auf den Boden der Vorlage stellen wollen. Singer und auch Trimborn waren unbedingt für die Gewerbegerichte.
— Tie Bu d g e t k 0 m m i s s i 0 n des Reichstages setzte die Beratung des Militärctats bei den fortdauernden Ausgaben fort. Tie Zentrumsabgg. Groeber und Gen. beantragen, die Kommission wolle beschließen, der Reichstag solle den Reichskanzler ersuchen, zur Verhütung von Soldatenmißhandlungen, namentlich der systematischen Mißhandlungen daraus hinzuwirken, daß bei schuldhafter Verabsänmung der Beaufsichtigung der Untergebenen gegen die für die Disziplin veranrwortlick)en Vorgesetzten Strafverfolgung unnachsichtlich eingeleiiet wird. Auf Antrag Speck werden statt der geforderten 97 Milckärgerichtsschreiber nur 90 bewilligt. Groeber begründet sodann seinen Antrag, der mck allen gegen drei Strmmen angenommen wrrd. Es folgt dir Beratung der Mehrforderung für 205 Oberstleutnants je 1800 Mark. Im Laufe der Tebatte führt der Kriegs- m in ist er aus, es müsse der Antrieb gegeben werden, bei der Infanterie einzutreten. Bei derFeld- arrillene sei der A n d r a n g s 0 g r 0 ß, daß ohne tat-- Iserliche Ermächtigung niemand mehr eingestellt werden darf. Ebenso ift ein kolossaler '. .1 drang bei der
Marine. Bei der Infanterie dagegen sind 700 Fehlstellen. Einen Luxus in der Weise, wie die Oeffent- lichkeit glaube, gebe es nicht. Er gebe zu, daß im 'Lause vou 15 bis 16 Jahren 33 bis 34 Uniform- änderungeu vorgeuommeu worden sind; dabei war das Bestreben maßgebend, Einheitlichkeit zu schaffen.
— Im Ab geordneten Hause wurden heute zunächst einige Rechnuugssachen der Rechnungskommission überwiesen. Ferner wurden an verschiedene Kommissionen überwiesen der Gesetzentwurf betreffend Verpflichtung zum Besuch ländlicher Fortbildungsschulen in der Provinz Hessen-Nassau, wonach durch Ortsstatut bestimmt werden könne, daßj jdkie ans Volksschulen entlassenen unter 18 Jahre alten männlichen Personen für das Winterhalbjahr zum Besuch! einer ländlichen Fortbildungsschule verpflichtet sind und die Arbeitgeber den Fortbildungsschülern den erforderlichen Urlaub gewähren müssen; ferner oer Gesetzentwurf betreffend Kosten für die Prüfung und Ueberwachnng von elektrischen Anlagen, Dampf chffern, Auszügen und anderen gefährlichen Einrichtungen; weiter die Novelle zum Schutz über die ärztlichen Ehren-Ge- ri chte, das Umlagerecht und die Kosten der Aerzte- kammern vom 25. November 1899 und der Entwurf eines Ausführungsgesetzes zum Reichs-Seuchengesetz vom 30. Januar 1900.
München, 29.Jan. Die Kammer der Abgeordneten nahm die Ersatzwahl für den infolge der Simplizissim u 8- affaire zurückgetretenen liberalen Vizepräsidenten v. Leistner und den liberalen Schriftführer Schmidt vor. Alle Parteien außer dem Zentrum erklärten, sich der Wahl enthalten. Das Zentrum erklärte sich bereit, der zu Beginn der Session getroffenen Abmachung gemäß einen liberalen Vizepräsidenten zu wählen. Hieraus wurde Land mann (lib.) mit 79 Zentrumsstimmen gewählt. Landmann lehnte die Wahl ab. Daraus wurde mit 81 Stimmen Fuchs (Zentr.) zum Vizepräsidenten und mit 70 Zentrumsstimmen Frank (Zentr.) zum Schriftführer gewählt.
Ale Aerg.stungsaffäre in Darmstadt.
R. B. T a r m st a d t, 29. Jan.
Tie furchtbaren Folgen des Genusses verdorbenen Bohnensalats haben hier nallrrgemäß große Erregung und schmerzliches Mitgefühl hervorgerufen, namentlich in den zahlreichen besseren und minder bemittelten Familien, deren Töchter an manchen der vielen Lehrkurse teilnahmen, die auf den Gebieten der Kochkunst und der praktischen Ernährung seit Jahren mit bestem Erfolg von der Alice- Kochschule veranstaltet wurden. Welch allgemeiner Zufriedenheit und Wertschätzung sich das Institut unter der tüchtigen Leitung der Frl. Göring erfreute, beweist der Umstand, daß sich die Räume und Kücheneinrichtungen schon längst als viel zu klein erwiesen; auf Wunsch der Vorsteherin wurde auch bereits im Sommer v. I. eine beträchtliche Erweiterung der Küchenränme vorgenommen unD die Küche selber mit allen modernen Einrichtungen versehen, sodaß sie wirklich als eine Musteriüche bezeichnet zu wenden verdient. Die allgemeine Bestürzung über den furchtbaren Vorfall ist um so größer, al» man jeden Augenblick neue Hwbsposten aus dem Elrsabethstift oder oern städtischen Krankenhaus, wo die Kranken unter sorgfältigster ärztlicher Kontrolle stehen, zu vernehmen befürchten muß. So tarn auch heute abend wieder die Kunde von e.nem neuen, dem achten Todes s all, doch war der vorgerückten Stunde ivegen Näheres darüber nicht mehr zu erfahren.
Neben beit zahlten, unkontrollierbaren Gerüchten, die über einzelne Vortommnisse bei den Erkrankten erzählt werden und a d 1 Iweise in der Presse auftauchen, bildet
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den hauptsächlichsten Punkt der Erörterung die Frage über die Art des Giftes, die festzustellen den Sachverständigen leider noch immer nicht gelungen ist. Man hat aber jetzt noch einen Rest des unheilvollen Salats in einem Aschekasten aufgesimden und zur Untersuchung nach Gießen gesandt, sodaß Die Ermittelung der Art wohl nicht mehr lange ausbleiben kann. Es liegen bisher drei Möglichkeiten vor: Pflanzengift, sog. Wurstgift und endlich Ptomain, ein Leichenalkaloid, das, durch irgend eine chemische Verbindung in der Büchse begünstigt, sich spater im Tarrn ober den T armsekreten entwickelt hat. — Wie fnrchtbar tzie Wirkung des Bohnengiftes gewesen sein muß, geht daraus hervor, daß wahrscheinlich nur die eine Büchse, die den scharfen, unangenehmen Geruch zeigte, den gefährlicher: Giftstoff enthielt; ihr Inhalt wurde mit den zahlreichen anderen Büchsenbohnen zusammen zu Bohnensalat zubereitet. — Man liest übrigens in verschiedenen Blättern, daß Vergiftungsfälle durch Büchsengemüse glücklicherweise äußerst selten vorkämen. Taß dem aber nicht so ist, beweist folgender, uns von einem Arzte mitgeteilter Fall: Tie Odenwälder Aerzte waren vor kurzem in einem freundlichen Odenwaldort zu einem gemeinsamen Essen beisammen. Bald nach der Einnahme der Mahlzeit stellte sich bei vielen mehr oder minder starkes Unwohlsein, Ma- genschmerz usw. ein, so daß sofort zu durchgreifenden Mitteln gegriffen werden mußte. Tie Ursache war, darüber herrschte in dem Kreis der Teilnehmer kein Zweifel, der Genuß eines verdorbenen, aber gut mundrecht gemachten Büchsengemüses, das sich weder durch einen absonderlichen Geruch, noch! durch ungewöhnlichen Geschmack bemerkbar machte. In Anbetracht der verhältnismäßig weniger schlimmen Folgen kam man überein, die ganze Sache nuht weiter an die große Glocke zu hängen. Tie Fälle von Vergiftungen durch Mchsenkonserven sind aber, wie unser Gewährsmann versichert, viel zahlreicher, als das Publikum gemeinhin glaubt; nur gehören wirklich schwere Vergiftungsfälle Gott sei Tank zu den Seltenheiten. Ein so entsetzlicher Fall, wie der hiesige, soll unter so eigentümlichen, unklaren Umständen in Teutschland überhaupt noch nicht vorgekommen sein. Hoffentlich bewirkt die strenge, rastlose Untersuchung der Herren Geh. Medizinalrat Prof. Tr. Gaffky und Dr. Softröm, daß gründliche Lehren daraus gezogen werden uno der Vorfall auch der einzige bleibt.
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• Glogau, 29. Jan. Der Tischlergeselle Georg Motcko aus Bautsch, der auf der Landstraße in der Nähe von Glogau den Handelsmann Gutackcr aus Bautsch ermordete und 00m Schwurgericht 3um Tode verurteilt war, wurde heute früh im Hose des Gerichtsgefängnisses durch den Scharfrichter Schwietz aus Breslau hingerichtet. Die junge Frau Motckos ist kürzlich aus Gram über die Mordtat g e st 0 r b c n.
* Stuttgart, 29. Jan. In dem Atelier des Landschaftsmalers Professor Reiniger ist heute früh ein Brand ausgebrochen, der großen Schaden angerichtet hat. Dem „Schwäb. Merkur" zufolge ist eine Reihe wertvoller Gemälde teils vollständig verbrannt, teils mehr oder weniger stark beschädigt. Vernichtet ist unter anderen das auf der Dresdener Ausstellung prämnede Gemälde „Fluß am Abend".
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Zwicrau unb der Stadtrat von K^immitschau hoben heute oas über Kvimmilschau verhängte Versammlungsverbot auf.


