Ausgabe 
31.1.1904
 
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Samstag, 30. Januar 1904

154* Jahrg«

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Gietzener Anzeiger

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General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

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Die

tum herzichen würde!

Die Hauptsache für das Handwerk ist und bleibt: Gelb " . Das kann aber nur erreicht werden durch eine

Redner legt dann noch ein Wort zu Ehren des Pfarrers SHnk ein Der Pfarrer Schink hat nach bestem Wissen und Genüssen gehandelt, und es ist empörend, daß man hier sagen konnte:Es gibt keine Infamie in der Weltgeschichte, zu der nicht em Ps-ttfe seinen Segen gesprochen hätte." («*- ntfen

wiederumSehr richtig!"

iiuuc." (Die Sozialdemokraten rufen für volljährige Gesellen, ferner die Aufhebung des 8 nneOerum Leor rtcnnq:' Präsident Graf Ballestrem schüttelt aber werbeunfallverficherungsgesetze- (Ansammlung eines RezervefondSj, ?nml7m"rworttosdas Haupt) Was würde wohl geschehen, wenn in dem es eine Belästig der Gegenwart zu Gunsten derZuftmA eineZcitunglemaW so gegen das Judentum, gegen "das Rabbiner- erblickt Die n+ »mb bl«bt- Gelb

tum her stehen würde! Die Sozialdemokraten haben auch gar kern und Auftrage.

Parlamentarische Berhanolungen.

Nachdruck ohne «creinvarung nicht gestattet.

Deutscher Reichstag.

21. Sitzung vom 29. Januar.

1 Uhr. Das Haus ist schwach besetzt.

Am Bundesratstische ist zunächst nur Graf Posadowsky zu bemerken. t _ . , , .

Die zweite Lesung des Etats des Rerchsamts des Innern wird beim TitelGehalt des Staatssekretärs" fort­

gespart hat. , , - 4.

Man hätte einen Teil der Mittel dazu nehmen sollen, die man für S. Louis zur Verfüguna gestellt hat. Redner verlcmgt ferner rm Interesse der Konsumenten und damit der Allgemeinheit eine Beschleunigung der Kartell.'nquete. Trmgend notwenorg ist auch eine Erhebung über di: LehrlingSverhaltmsse, um so not­wendiger, als das Handwerk, wenn ihm der Befahigungsnachwers verweigert bleibt, auf eine immer größere Vertiefung angewiesen ist und die Handwerkerfraae somit immer mehr zu einer DrldungS- frage wird. Bedauerlich ist es M so wemg Meisterprüfungen abgelegt werden Es wäre angebracht, den Meistern cm Vorrecht bei der Vergebung von öffentlichen Arbeiten zu geben. Ein weiterer Wunsch des Handwerkes isr die Einrichtung von Arbeitsbüchern auch

" - r - --- ° ' 34 des Ge-

Recht, über schlechte Arbeitsbedingungen zu klagen. Wie behandel» ie denn in ihren Konsumvereinen ihre Lagerhalter? (Lebhafter Widerspruch bei den Sozialdemokraten.) So lange noch daS Kreuz aufgepflanzt ist in deutschen Landen, so lange wird der Anprall der Sozialdemokratie machtlos zerschellen. (Gelächter bei den Sozial- demokraten.) Wenn hier gesagt worden ist:Es gibt keine Jnfaune in der Weltgeschichte, zu der nickt ein Pfaffe fernen Segen ge­sprochen hat!", so sage ich: Es gibt kein politisches Verbrechen, eS gibt fernen Mord, der nicht von den Sozialdemokraten verherrlicht wird! (Lachen bei den Sozialdemokraten.)

Präsident Graf Ballestrem: Sie dürfen einen derartigen Vor­wurf gegen Mitglieder dieses Hauses nicht erheben

Abg. Graefe (fortfahrend): Die Sozialdemokratie rst auch gar keine Vertretung des Volkes. Schon jetzt hat sie em aristokratrsches Regiment; in Dresden ist es proklamiert worden. Und der StaatS- treick folgt am nächsten 2. Dezember. (Jromsche Zustimmung bei den Soz.) Möge die Regierung daher für eine rettende Tat sorgm, ehe es zu spät ist, sonst wird sich das bitter rächen. (Verfall rechts.)

Mg. v. Gcrlach ffreif. Vgg ): Ich bin selbst in der Drenstboten- bewegung tätig gewesen und kann nur sagen, daß m der Presse tn keinem Punkte so gelogen ist, als in diesem.. Unertlarlich rst es mir, weshalb die Dienstboten noch immer nicht in Oie Krankenkassen- Gesetzgebung aufgenommen sind. Gründe für diesen UJCangel fmD nicht angeführt worden, sondern nur leere Redensarteii. Rot- wendig ist ferner, daß das Koalitionsrecht auch den Landarbeitern bewilligt wird, sie sind stets das Stiefkind Der Gesetzgebung gewesen. In einem Prozeß derWelt am Montag" ist nachgewiesen, daß tn dem Kreise Wohlan Löhne gezahlt wurden: An Frauen im Sommer 40 Pfg., im Winter 35 Pfg. täglich, an Männer im Sommer 80, im Winter 60 Pfg. Und das ohne freie Wohnung, ohne Hebung usw. Ich bitte deshalb den Staatssekretär, den landwirtschaftlichen Verhältnissen feine Aufmerksamkeit zuzuwenden, denn vom preußi­schen Landtag ist nickts zu erwarten.

Im Fall Crimmitschau stehe ich nicht auf dem Standpunkt der beiden Vorredner. Von Ausschreitungen ist nichts nachgewiesen worden, nur die berühmte Maifeiergeschichte von dem Mädeln, das gemißhandelt worden sein soll, weil es sich kern Marfestzeichen gekauft hat. Da hatten die Behörden doch kein Recht, so m den Stteik einzugreifen. Auch die evangelischen Geistlichen hatten anders auftreten sollen, jetzt sagt die Sozialdemokratie mit Recht: Seht, die Küche ist die Beschützerin der Besitzenden." Jeder Evan- aelische muß gegen das Vorgehen der Geistlichen Protest erheben. Nun sagt man, die Crimmitschauer Ausgesperrten hätten ja anders- ivo hingehen können. Schön, aber in Neustadt a. d. ©rla wurden Arbeiter zurückgewiesen, weil sie aus Crimmittchau kamen. DreS zeigt doch, daß die Fabrikanten die Hungerpeitsche übet die Arbeiter schwingen wollten. Als ick Herrn Lehmann hörte, meinte ich, die sächsische Regierung hätte sich doch bei ihrer schlechten Finanzlage die Kosten einer Vertretung sparen können, denn sie hat ja so vorzügliche freiwillige Vertreter. Es ist nicht nachgewiesen, daß die Streikenden die Fenster in Crimmitschau eingetoorfen haben, es können doch auch dumme Jungens getan haben. (Lachen rechts.) Jedenfalls rechtfertigt das dock noch nicht das Verbot der 93er# samml ungen, das war ein Willküratt, gegen den wir Kautelen fordern müssen. Nur ein Reichsvereinsgesetz kann hier helfen, daS auch den Frauen gerecht werden muß. Auf Grund der landeSgesetz- lichen Bestimmungen macht man es auch den Polen unmöglich, ihre Berufsinteresscn zu vertreten.

Abg. DrSscher fkons.): Die Beredsamkeit des Herrn von Gerlach steht mit der Zuttcffendhett seiner Behaupttingen nicht im Einklang. Deshalb hat seine Partei auch auf dem Lande keinen Erfolg ge­habt. Wenn die Linke bessere Löhne will, muß fie für höhere Agrarlöhne eintreten. Das geben auch Sozialdemokraten zu, denken Sie nur an Herrn Sckippel! Bei den Landarbeitern lebt trotz des zersetzenden Einflusses noch immer der patriarchalische Geist. Ich muß daher die Vorwürfe gegen, die ländlichen Ver­hältnissen zurückweisen. Die Wohnungsverhältniffe ssnd auf dem Lande besser als in Berlin und Charlottenburg. (Zuruf des Abg. Stadthagen: Ja, die Sckweineställe!) In den Schweine­ställen wohnen nur die Schweine und nickt die Menschen. Ich halte es für höchst bedenklich, daß man die Arbeiter in den Mittelpunkt der gesetzgeberischen Tätigkeit stellt. Dadurch, schürt man nur die Begehrlichfest und Unzufriedenheit. Den Sozialdemokraten können wir es doch nicht reckt macken. Ihnen kommt es ja nur auf Um­werbung der Massen an, auf agitatorische Wirkung, sie treiben Byzantinismus nach unten".

Redner kommt dann auf die Kaufmannsgerichte zu sprechen. (Zuruf von den Sozialdemokraten t Wie kommt das denn plötzlich hierher?) Ueber die Dispositton meiner Rede habe ich allein zu entscheiden. (Zuruf: Wstd auch danach!) Sozialdemokrattsckrt Führung habe ich mich noch nie anvertraut (Zuruf: Tas merkt man! Heiterkeit) und werde, so alt ick auch werde, das niemals hm. Ick bedaure, daß ein Mecklenburger Wahlkreis das getan hat. Gegen eine Ausbildung des Gewerkschaftswesens habe ich nichts einzuwenden, ebenfo_gegen einen Ausbau des Genossenschafts­wesens. Tie Voraussetzung muß aber die sein: daß die Arbciter- stbaft sich von der politischen Führung der Soziawemokratte he­ftest. Notwendig zur Aiiftechtcrhaltung des Friedens im Betriebe ist eine Erweiterung des § 123 der Gewerbeordnung dahin, daß ein Arbeiter, der sieh tätlich gegen einen Mitarbeiter vergeht, sofort entlassen werden Fann. Eine Ausdehnung der Gewerbeinspektton würden auch wir befürworten. Nur muß vermieden werden, daß etwa der Arbeitgeber unter die Kontrolle der Arbeiter, kommt. Eine Ausdehnung der Aufsicht auf das Handwerk lehnen wir unter allen Umständen ab. Die Zustände im Handwerk sind nicht derart, daß sie eine Gewerbeaufsicht notwendig machten. Gegen die @infteQung weiblicher Gewcrbeiusveftoren sverren wir uns. Wir sind aber strikte gegen jede Ausdehnung der weiblichen Tättgkert auf das politische Gebiet. Die Einrichtung von Haushaltungsgenouen- schaften würden wir beklagen, weil sie die Ehe zersetzen. Redner kommt dann auf das Handwerkersystem zu sprechen und wünscht eine weitestgehende Förderungen aller Besttebungen, die darauf 1 abzielen, das Handwerkertum lebensfähig zu macken. Bedauer­lich ist es, daß man die Ausgabe für die Handwerkerenguete noch

hindern. Sie (zu den Soz.) wollen ja auch nicht das Koalittons- recht, sondern den Koalitionszwang. Noch jetzt werden die Fabri­kanten angegriffen, unD doch weiß ich bestimmt, daß die Fabrikan­ten alles tun werden, um die Arbeiter den häutigen Stteik bald vergessen zu lassen. (Beifall.) Eine Weihnachtsfeier mit dem Abg. Fischer-Berlin als Festredner, das konnte ja eine nette Bescherung werden. (Lachen ber den Soz.) Was den Austritt aus der Landes­kirche anlangt, so hat auch da die sozialdemottattsche Presse ganz falsch berichtet. Am 18. Dezember versammelten sich ca. 200 Ar­beiter vor dem Hause des Pastors Schink und verlangten den Aus­tritt aus der Landeskftche. Der Pfarrer Schink sagte, ja das könnt Ihr haben, aber das geht nicht so schnell. (Lachen bei den Soz.) Kommt mal nach dem Fest wieder, da werde ich täglich eine An­zahl abfertigen. (Schallendes Gelächter bei den Soz.) Darauf sagten die Arbeiter: Nein, wenn die Sache erst nach dem Fest fern soll, dann hat es ja keinen Zweck. (Heiterkest rechts.) Man steht, die Arbester wollten keineswegs aus Ueberzeuaung aus der Landes­kirche auStreten, sondern sic sind nur von den Sozialdemokraten verhetzt worden, und wie die Sozialdemottatte gegen die Kirche hetzt, das sieht man ja deutlich aus den Worten des Abg. Fischer, der hier gesagt ha: Schließlich hat es noch keine Infamie m Der Geschichte gegeben, zu Der nicht irgend ein Pfaffe seinen Segen gesprochen hat. (Stürmische Zustimmung bei den Soz. Zurufe: Sehr richtig! Lärm und große Unruhe rechts. Mehrfache Pfui­rufe im Zentrum. Glocke des Präsidenten.)

Präsident Graf Ballcsttem (erregt): Ich bitte, solche empören­den Aeußerrmgen wie diesesSehr richtig!" zu unterlassen. Der­artige Aeußenmgen sollen im deutschen Reichstage nicht gehört werden. (Große flnruhe bei den Soz.)

Abg. Lehmann (fortfahrend): Ja, das hat ein Redner hier im Hause gesagt. Hätte das jemand außerhalb dieses Hauses ge­sagt, so wurde ick es eine bodenlose Gemeinhest nennen. (Zurufe bei den Soz.: Lümmel! Große Unruhe.) Aber alle Ihre Ver­hetzung wttd Ihnen nicht mehr helfen. Sie haben nur bewirft, daß jetzt cm fester Zusammenschluß aller Arbeitgeber ftattfinDet und dieser Zusammenschluß aller Industriellen wird Derartige leichtfertige und frivole Streiks wie in Crimmitschau für die Zu­kunft unmöglich machen Ich will nur noch betonen, daß gerade die gut national-liberalen Fabrikanten in Crimmitschau (großes Gelächter bei den Soz.) durch ihren festen Zusammenschluß, un­bekümmert um ihren persönlichen Vorteil, zur Niederwerfung des Stteiks das Wesentlichste beigetragen haben. Dadurch haben sie sich den unauslöschlichen Dank (Gelächter und Lärm bei Den Soz.) aller Derjenigen erworben. Die auf Dem BoDen des modernen Staates stehen. Hoftentlich werden Die Crimmitschauer balD Den schweren Schaden verwinden, den ihr dieser Streik verursacht hat und werden Arbeitgeber und Arbeitnehmer msteinander am Werke fein, die Crimmitschauer Industrie zu ihrer alten Höhe emporzuheben. (Beifall rechts und bei Den National-Liberalen.)

Abg. Graefe (Anttft): Es fällt mir nicht ein, mich als Anwalt Der Crimmitschauer Fabriftmten aufzuspielen. Ich muß aber als sei der einziger bürgerlicher Abgeordneter aus Sachsen (Hesterkest bei den Sozialdemokraten) meine Haltung zu dieser Fratze kundtun. Die Verhältnisse in Crimmittchau lagen keineswegs so schleckt. Redner führt zum Beweis dafür einige Zahlen an. (Von sozial- demokrattscher Sette wird ihm zugerufen:Längst widerlegt!") Das Ihre Widerlegungen wert sind, weiß man längst. Sie legen sie sich so zurecht, wie Sie sie zur Verhetzung der Arbeiter brauchen. (Gelächter bei Den Sozialdemokraten.) Nicht Arbeiterinteressen waren es, sondern lediglich sozialdemoftatiscker Einfluß, welcher diesen bodenlos frivolen Streik hervorgerufen hat. Ten Crim­mitschauer Arbeitgebern war es ganz unmöglich, allein Den Zehn- sttmdentaa au bewilligen. Das wäre geradezu Selbstmord gewesen. Ein TOjähriger Arbeiter in Crimmitschau schreibt seinem Sohne: Es ist trostlos in unserem Heimatsort, denn gewissenlose Leute haben grenzenloses Elend über uns heraufbeschworen. Ich ver­diente mit 70 Jahren noch 20 Mk. die Woche, aber Gott wird schon weiter helfen." Dieser Brief zeigt auch, daß es Den Arbeitern nicht schlecht ging. Die Arbeiter haben noch ein großes Gott- bertrauen, Der alte Gott wird noch leben, wenn Die Sozial­demokratie längst vergessen ist. Nun geben Die Sozialdemokraten den Fabrikanten die Schuld. Sie machen es also wie jener Dieb, der fortlief und rief: Haltet den Dieb! (Lärm bei den Sozial- demoftaten.) Ja, dies hm Sie, Denn Sie haben den Arbettern Glück, Zufriedenheit und Menschenwürde geraubt. (Ironischer Zu- ruf bei den Sozialdemokraten: Ausgezeichnet!) Die Maßnahmen der Behörden haben mich anfangs sehr gewundert, denn meine Freunde wollen auch Die Koalitionsfreiheit. Aber nach Kenntnis­nahme der Sachlage muß ich sagen, die Behörden konnten nicht anders handeln, sie haben nicht nur für Die Arbeiter, sondern auch für Die übrige Bevölkerung zu sorgen unD Ordnung und Ruhe aufrecht zu halten. Wenn Die Versammlungen ftattgefunDen hätten, wären Ausschreitungen unausbleiblich gewesen, die Hun­derten von Arbeitern viele Monate Gefängnis eingebracht hätten, nach Denen Sie (zu Den Sozialdemokraten) Dann nicht mehr gefragt hätten. Die Regierung macht sich Die Bekämpfung Der Sozial­demokratie sehr leicht. Graf Bülow hält eine schöne Rede, macht einige nette Witze und weist so Den sozialdemokratischen Angrift zurück. Mer damit ist es nicht getan. Die Behörden in Crim­mittchau haben recht gehandelt. Ich bin fest davon überzeugt, daß nach Jahrhunderten noch ein Kulturhistorikcr das Vorgehen Der Be­hörden in Crimmitschau eine rettende Tat nennen wird. (Lachen bei Den Sozialdemokraten.)

Der Stteik hat nur bewirft. Daß Die Fabrikanten sich zu einer festen Phalanx zusammengeschlossen haben. Der Zehnstundentag ist eine berechtigte Forderung. Sie (zu Den SozialDemokraten wußten ganz gut, Daß er auf gesetzlichem Wege balD erreicht toerben wird; das war ja gerade das Frivole, Daß Sie ttotzdem Den Streck provoziert haben. Der Abg. Fischer hat sich nicht gescheut, hier an Beschlüssen des sächsischen Landtags Krittk zu üben, er Hat sogar die Erhöhung der ZiviNiste bemängelt. Das hat uns Sachsen sehr empört (Lacken bei Den Sozialdemokrateii). Kümmern Sie sich nicht um Sachsen, kümmern Sie sich um das rote Haus, Daß da nicht Die Menschenwürde mit Füßen getreten wird. Wären Die Führer der Sozialdemokraten so gewissenhaft vor Gott und den Menschen, tote der König Georg, so toärc es zu jenem Stteik nicht gekommen. Redner kommt bann plötzlich auf die Handwerkerftage zu sprechen und äußert seine UnzuftieDeuheit mit der Haltung des Bundesrats; er zittert Dabei foIgenDen Vers desSächsischen Volksblatts":

Wir ertoägen immer, wir erwägen noch heut'. Wir werden erwägen in Ewigkettl"

Wg. Lelmiann (nat.-lib.): Ich sehe mich veranlaßt, auf den Crimmitschauer Stteik zurückzulommen und aus eigener Kenntnis Der Sachlage Die Angaben von sozialdemokratischer Seite richttg zu stellen. Ich bin fett langem in Der Nähe von Crimmittchau an­sässig unD kenne daher Die Verhältnisse ganz genau. GeraDe die sozialdemokratische Presse hat redlich das ihrtge getan, um Die öffentliche Meinung irre zu führen. Die sozialdemokratische Presse hat nur aufhetzend gewirkt. Unter anDerm hat DerVorwärts"

folgender Tonart verfaßt:Die Geschichte der sächsischen Tcrttlindusttie ist mit Blut geschrieben." Angesichts einer solchen Sprache werde ich das Material beibringen, welches ich selbst ge- scmmelt habe, damit man ein richtiges Bild gewinnt.

Der Crttnmttschauer Streik ift nicht plötzlich entstanden. Er i(t Wohl borbereitet gewesen. In Crimmitschau bestand vorher em besonders gutes Verhältnis zwischen Den Unternehmern und den Arbeitern. Dieses Verhältnis anDerte sich im Jahre 1900. SDa oar es besonDcrs ein Mann seinen Namen will ich nicht nennen, Der Dieses gute Einvernehmen störte. Der Mann war früher Arbetter gewesen, jetzt ist er Verbandsangeftellter. Es tour De nun ein Arbetter ausschuß gebildet, der Den Arbeitgebern gegenübertrat. Ich habe gar nichts gegen Arbeit er ausschüsse, aber wohin muß es schließlich führen, wenn Organisatton gegen Organi­sation steht. (Lachen bei Den Soz. Zuruf: Das will ja Herr von Hcvl selbst.) Da kommt es schließlich Dahin, Daß alle Verhandlungen geführt toerDeu zwischen Herrn Hübsch und Herrn Legien. Wie lag nun Die Sache in Crimmitschau? Wenn gestern hier gesagt worDen ist, daß Die Arbeiter Oberschlesiens sich in einem unwürdigen Ab­hängigkeitsverhältnis von ihren Arbeitgebern befinden, so kann ich mngeiehrt sagen, daß Die Arbettgeber in Crimmitschau unD in Der Nähe, m Thüringen, sich fast schon in einem unwürdigen Abhängig- keitsverhältnis von ihren Arbeitern befunden haben oder sich in dasselbe hineinbegeben sollten. (Gelächter bei Den Soz.)

Redner gibt ferner eine ausführliche Darstellung Der bekann­ten Entstehungsgeschichte des Crimmittchauer Stteiks. Er jucht Den Nachweis zu führen. Daß von vornherein ein Generalstreik in Der gesamten Textilindustrie beabsichtigt worden sei. Am 12. De« gember hat ein sozialdemokratischer Agitator in Crimmittchau selbst zugegeben. Daß es sich lediglich um eine Machtprobe Der Sozialdemo­kratie handelte. Er hat nämlich offen gesagt, toenu wir hier in Crimmilschau geschlagen werden, so werden wtt überall geschlagen, wenn wtt hier aber siegen, so wird Der Streik sofort anderswo ausbrechen. Bon Der Sozialdemokratie war der Kontos um Den Zehnstundtmtag eine beschlossene Sache. Es kamen in Bettacht die Städte Forst, Neumünster oder Crimmttschau. Die Arbeiter in den ersten beiden Städten verhielten sich ablehnend, sodaß also nur Crimttschau in Bettacht kam. Die blühende Crimmttschauer In­dustrie war also Den Arbeitern geraDe gut genug, um diese Macht­probe zu versuchen. Ich betone nochmals, es handelte fick in Crim­mttschau gar nicht um einen Stteik Der Arbeiter gegen die Unter­nehmer, sondern lediglich um eine Machtprobe der SozialDemo- hatie Tie Angaben, Die Herr Bebel über Die Verhältnisse in Crimmittchau gegeben hat, sind ganz falsch. Jugendliche Arbeiter bekommen nicht 9 Pfg. für die Stunde, sondern 14 Pfg., 1618- jährige bekommen nicht 11 sondern 1416 Pfg., Mädchen be­kommen nicht 1314 Pfg. sondern 1721 Pfg.^ Ich bin fett vielen Jahren in der Crimmttschauer Gegend ansässig und leone Die Verhältnisse aus eigener Anschauung. Ich kann sagen, die Ar­beiter in Crimmittchau stehen sich nicht schlecht- Alle ihre Woh- nungen in den Dörfern machen einen durchaus wohmichen unD einen außerorDentlich sauberen Eindruck. Ein fernerer Beweis Dafür, Daß es Den Arbeitern gut geht, sinD Die zahlreichen Einlagen in Den Sparkassen. In Dem letzten Monat sinD so viel Gelder von Den Sparkassen zurückerhoben worden, wie es noch niemals zuvor Der Fall war. Es ift ganz eigenartig, hier stellen sich immer die Sozialdemokraten, als wenn fie Die Vertreter der Aermsten träten. Im LanDe selbst aber haben sie sehr oft mtt den Geld­mitteln, Die ihnen zur Verfügung ständen, geprahlt. So hat Der Abg. Stolle offen gesagt. Die Arbeiter sind reich und toerDen es mich so lange aushalten, bis der Stteik beendet ist. Der Stteck wttd den Arbettern gegen 2 Mill. Mk. gekostet haben. D^es find ja sehr angenehme Aussichten für Den Herrn Schatzsekretar und ein Beweis für Die Steuerkräfttgkeit Der Arbeiter. In Der zehn­stündigen Arbeitszeit kann das keineswegs geleistet toerDen, toas in 11 Stunden geleistet wttd, toeil fie gleich mit dem Zehnstunc^n- tag auch eine zehnprozenttge Lohnerhöhung gefordert haben. Die Einführung des Zehnstundentags würde den Crimmittchauer Fabri­kanten mindestens % Mill. Mk. kosten und wenn er überall em- aLführt würde, so können Sie sich ja selbst ausrechnen, wie sehr dies unsere Industrie belasten würde. Wenn durch diese Mehrbelastung die Konkurrenzfähigkett unserer Unternehmer beschränft toerDen würde, so würde ich das seyr bedauern und zwar im Interesse per Arbeiterschaft selbst. Herr Wurm sagte, daß der Ausfall der so^ialdemoftattschen Wahlen hoffentlich erzieherisch auf die Unter­nehmer gewirkt habe und daß man sich Den ArbetterforDerungen nicht mehr so ablchnenD gegenüberstellen toürDe. Ick mochte fest­stellen, Daß es auch noch Leute gibt, auf Die die Wahlen m dieser Beziehimg nicht erzieherisch eingetoirft haben. (Zuruf: Das sehen tott! Heiterkeit.) .

Die Herren verlangen jetzt Den Zehnstundentag. Ick mn oa- bon überzeugt, wenn man Den hat, bleibt es nicht dabei (feh^.^cktigl bei Den Soz), Dann verlangen Sie Den NeunstunDentag. (Sturmiscke Zustimmung bei Den Soz.) Dann Den Achtstundentag, (torneutc Zustimmung bei Den Soz.) Schließlich verlangen Sie Die Be­teiligung Der Arbeiter an Der Geschäftslettung selbst. (AnpauemDe Zustimmung bei Den Soz.) Ja, Sie wollen Die Arbetter überhaupt nicht mehr in Zufriedenheit lassen, Denn Dann würden Sie jn Den Ast absägen, auf Dem Sie sitzet' (Gelächter bei Den Soz.) Man führt sanitäre Gründe für Den Zehnstunderttag an. In Crim­mitschau lagen aber die Gesundhettsverhälttisse günsttger als sonst in Sachsen. Die (Srimmitfchauer Arbeiter sind keineswegs körper­lich heruntergekommen; sie sind vielmehr als gute Turner bekannt unD haben als solche viele Preise Dabongetragen. (Lachen bei Den Sozialdemokraten.) ,___

Die Haltung Der kommunalen Behörden in Crimmttschau ist E Herrn Bebel nicht richttg ^gestellt worDem Der Bürger­meister war allerDings in erster Ehe mtt Der Tochter eines Crim­mitschauer Industriellen verheiratet. Wer diese Frau ist bereits seit 5 Jahren tot, und sein Schwiegervater ist heute Privatmann. Die Arbetter haben gewiß das Recht zu streiken, aber wenn 15 streiken, so haben sie nicht das Recht, Den 16. an Der Arbeit zu