Nr. »81 Zweites Blatt.
154. Jahrgang
Dienstag 2V. November 1904
Erscheint täglich mit Ausnahme de- Sonntag-.
Die „Gtefiener Samlttendlatter" werden dem ^Anzeiger otermal wöchentlich beigelegt. Der «hrjstsche Landwirt- erschevu monatlich einmal.
Giehener AKZetzer
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Tel. Nr. 6L Lelegr^Ädr. * Än-eiger <ßie&en.
General-Anzeiger, Amis- und Anzeigeblatt für den Kreis Eietzen.
Erster deutscher Mittelstaudstag.
(Nachdruck verboten.)
, S. u. H Berlin, 28. Nov.
In der Berliner „Tonhalle" begannen heute vor überfülltem Saal die geschäftlichen Verhandlungen der ersten Generalversammlung der neuen Deutschen Mittelstands,-Vereinigung. Der Vorsitzende des geschäftsführenden Ausschusses Baumeister Kü st e r- Hannover eröffnete die Tagung mit einer Begrünung. Man sei zusammengekommen, um die Sammlung aller zum Mittelstand gehörigen Gruppen zu bewirken. Wir wollen uns von keiner politischen Partei fernerhin mehr ins Schlepptau nehmen lassen, sondern unbekümmert um rechts und links unseren Weg vorwärts gehen. Wir treten heute noch mit keinem festen wirtschastlich«en Programm vor Sie. Tiefes soll sich vielmehr aus der freien Aussprache ergeben. Tie allgemeinen Forderungen und Wünsche des Mittelstandes sind bekannt. Und so er mit dem Rufe: Deutscher Michel, wache auf! (Stürm. Beifall.)
Nach ein-m Hoch auf den Kaiser wurde ein Huldigungstelegramm abgesandt.
Es folgte eine Begrüßungsansprache des Vertreters des Reichsamts des Innern Geh. Oberreg.-Rats Spielhagen- Berlin. Tie Staatsregierung habe den lebhaften Wunsch, so führte er aus, daß die Bestrebungen der neuen Deutschen Mittelstands- Vereinigung einen erfolgreichen und günstigen Verlauf nehmen möchten. (Lebh. Beifall.)
Weiterhin begrüßte Obermeister B ern ard-Berlin die Tagung namens des Zentral au sschusses der vereinigten Innungs- Verbände Teutschlands. Das deutsche Handwerk erwarte von der Versammlung eine Verwirklichung des Mittelstandsproaramms in seinem Sinne. (Lebh. Beifall.) Schon lange habe ein Zusammenschluß der verschiedenen deutschen Mittelstandsgravven in der Luft gelegen, denn dieser Zusammenschluß sei ein Gebot der Selbsterhaltung. (Beifall.) Wir sind bisher die Stiefkinder der Regierung gewesen, weil wir es nicht verstanden haben, wie andere Erwerbsgruppen zu schreien und wieder zu schreien. (Sehr richtig.) Tas muß jetzt anders werden. Wir wollen nicht eine neue Partei bilden,, nicht die Herrschaft an uns reißen, aber wir wolle:: schreien, damit man uns endlich hört. (Lebh. Beifall.)
Nachdem Baumeister K ü st e r - Hannover und Obermeister B ern a rd-Berlin in das Präsidium der Versammlung gewählt worden waren, sprach als erster Referent Obermeister Rahardt- Berlin über: „Tie Deutsche M i t t e l sta n ds b e we g u n g, ihre Berechtigung und Notwendigkei t". Ter Referent suchte zunächst den Nachweis zu führen, daß die bürgerlichen Parteien bisher nichts für die Interessen des Mittelstandes getan hätten. Beweis dafür sei, daß die Lasten der Sozialgesetzgebung fast ausschließlich auf die Schultern des deutschen Handwerks gelegt worden seien, daß die Sozialdemokratie heute die Oberhand in den Krankenkassenvorständen habe, daß die zur Hälfte von den Arbeitgebern gezahlten Gelder zur Invalidenversicherung für den Bau von Gewerkschaftshäusern verwendet würden und daß man jetzt sogar daran gehe, dem Mittelstand auch noch 'die Kosten der Arbeitslosenversicherung aufzuerlegen. Dazu komme das A u f - blühen der Konsumvereine unb der Warenhäuser, alles Zeichen dafür, daß Regierung und Parteien aus der .Haut des deutschen Handwerks Riemen zu schneiden suchten. Man brauche eben die Stimmen der Arbeiter, weil die des Handwerks leider durch dessen eigene Lässigkeit bisher nicht zu haben waren. Tas müsse anders werden. Ter Redner bedauerte dann den fortgesetzten Rückgang des Detailhandels, das Scheitern der Zuchthausvorlage, und schloß mit der Aufforderung an alle Mittelstandsgruppen, bei den Wahlen energisch vorzugehen, nur mittelstandsfreundliche Kandidaten zu unterstützen unb tmn den bürgerlichen Kandidaten die Aufstellung von -^ndwerker-Kan- didaten zu verlangen. Tvß wir als deutscher Mittelstand noch einmal zu einer achtunggebietenden Macht werden, das walte Gott! (Stürm. Beifall.) „ ,
Es folgt eine sehr ausgedehnte Debatte. Rerchstagsabgeordneter H a m m e r - Charlottenburg gab der Meinung Ausdruck, daß die Organisation der Sozialdemokratie mit ihren Verrufserklärungen gegen organifationsfeindliche Verufsgenossen, vor allem aber mit ihrer Opserfteudiqkeit vorbildlich jein sollte für den neuen Mittel- standsbund. (Beifall.) „ t „ . . ...
Sodann sprach 'als zweiter Referent Handwerks kämm ersekretar Dr. W i en b e ck-Hannover über: „Wirtschaftliche Ziele derdeutschen Mi ttelstandsvereinigung . Er forderte u. a. Beschränkung der Konsumvereine, auch der Beamten-Konsumvereine, eine schärfere Anwerbung de^ Warenhausgesetzes, die Sicherung der Forderungen der Bauhand- werker, die Regelung des S u b m i s s i o n s w e s e n s , die Erw ichränkung der übermäßigen Koalitionsfreiheit und Beseitigung des Streikposten stehens, die .Heranziehung der ^Großbetriebe zu den Kosten der Fachschulen, die Beseitigung der Gefängnis- und Zu-ht- Haus-Konkurrenz und den Llbschluß guter H a n d e l s v er krag.
Auch hierzu entspann sich eine ausgedehnte Debatte. Rnchs- iagsabg. Bruhn-Berlin wandte .sich scharf Ssgen dre Rabat t- sparvereine und gegen die Warenhäuser. Tre letzteren uament^ich sollten mit allen Mitteln bekämpft werden und wenn man sie mit diesen Mitteln schließlich erdrosseln würde,, so wäre das auch kern Fehler. (Stürm. Beifall.) Sekretär H a r N e u-st e tr forderte dazu auf, die konfessionellen Unterschiede in dem Kampfe für die Interessen des Mittelstandes v e r g e s l e n ur vor allem den Kampf gegen die Belastung des Mittelstandes mit wr Arbeüslosenversicheruna auftunehmcn. fBeuaU.) ^v^r-
Gießener MMtiMler,
Ein Abend in Frankreich.*)
Ter ungeheuerliche „Tote Löwe" Blumenthals er- 'chien uns Hing ft als ein so fürchterliches Schreckgespenst, )aß wir schier erstarrten, das; uns die Haare zu. ^zerge landen und wir wünschten, die Stimme möge rhmI im Halse fortan stecken bleiben, damit wir seiner oramatstchcn Muse nimmermehr teilhaftig würden. Als er sich aufs Glatteis der großen dramatischen Dichtung wagte, da purzelte er schon beim ersten spanischen Tritt. Ais et aber ins französische Rokokoland tänzelte, als er sich neckisch als Rotol'oschäfer verkleidete, da war man beinahe drauf und dran, ihm einige seiner vielen Sünden zu vergeben. Herr Blumenthal hatte den Einfall, an der kantigen Fans- 8a"kcke sich s- ber zu bewitzeln. Er spürte das fc nahen unb nahm die unangenehme Entdeckung von der Weiteren Seite In einen Wersciuakter „Mann wir alters aoü er^seine paar munteren Altersempfindunyen. Es ist ja natürlich nicht viel Persönlichkeit in dieser gereimten Plauderet, sondern eine ftanzüsicrmtde, spielend über der Oberiläche der Dinge wcggleitcnoe Weltanschauung, mancher leichte, gefällige Wie, manches Pröbchen rednerischer sfechter- kun t, aber minig innere Wärme und von dem, was wir Gemüt oder irr eigentlichen Smue Humor nennen^,,Bluette hätte man diesen mastigen Versuch tn der Gr-Menphtlosophre
•) Wegen Namnmangels verspätet.
meister Burg- Berlin wandte, sich gegen die A g r a r i e r , die sich als Bauern und Angehörige des Mittelstand«'s bezeichneten, aber in Wirklichkeit auch zu den Feinden des Mi ttelstan- des gehörten. (Hört! Hört!) Widerspruch erregte Tr. Dietze- Groß-Lichterfelde mit seiner Bekämpfung, daß man hier nur ein rea kti onäres Handwe^ekerprogramm entwielelt.. für Kaiiflente, Beamte und andere Angehörige des deutschen Mittelstandes aber nichts übrig habe.
Nachdem der Referent Obermeister Schn a-Berlin in seinem Schlußwort dem entgegengetreten war, wurde die Begründung der neuen Mittelstandsvereinigung einstimmig gut- g ehe iß en, und den vorgelegten Satzungen des ne"en Bundes zu gestimmt. Tiefe Satzungen besagen in § 1: Tie Vereinigung führt den Namen ,Deutsche Mittelstands-Vereinigung" und hat ihren Sitz in Hannover. Sie bezweckt durch ben Zusammenschluß der einzelnen, aus Angehörigen des Mittelstandes bestrhenden Vereinigungen die Wahrnehmung der Berufs-. und Standes- Interessen des deutschen Mittelstandes,, vornehmlich bei d"U politischen und Gemeindewahlen, sei es innerhalb der bestehenden Parteien, sei es erforderlichenfalls neben diesen." In den Vorstand wurden gewählt Baumeister und Büraervorüeher Küster- Hannover, Ohlenschläger-Frankfurt a. M., Rahardt-Berlin, Tau- mer-Spandau, Fritsch-Leipzig, Begtin-Haunover und Donner- Berlin.
Die Kichener Hyeatcr- und StratSausrage. i.
P. W. Gießen, 29. Nov. 1904.
Die Gießener Theater- und Saalbaufrage! Wie viel ist schon darüber in den letzten Jahren gestritten und gesprochen, geschrieben und gespottet worden! Die öffentliche Ausstellung der Dülfer'schen Pläne hat die Erörterungen über die Frage neuerdings in besonders lebhaften Fluß gebracht.
Herr S. erachtet nach Herrn Prof. Frommes finanziellen Angaben das Dülfer'sche Projekt bereits für abgetan. Das ist es jedoch, nach zuverlässigen Mitteilungen, keineswegs, und darum ist eine ästhetische Beurteilung der Dülfer'schen Plane auch heute noch sehr am Platze.
Der erste Sprechsaalartikel in unserer Nr. 277 wie der erste Artikel des Herrn Ballinspektor Becker zeigten sich voll uneingeschränkten Lobes über die Zeichnungen, die man im Hirzschen Schaufenster sah. Der erste Artikel sprach in Jubel- tönen von der modernen Baukunst, deren vollkommenste und schönste Blüte die Dülfersche Skizze darstelle. Was er im Allgemeinen über die Fortschritte in der deutschen Kunst, von ihren neuen Ideen und neuen Zielen sagte, das war sehr richtig und sehr schön, nur paßte daZ u. E. leider nicht sehr auf die Dülfersche Skizze. Herr Becker spricht von der „eigenartigen, feierlichen Sprache", in der Dülfer hier rede. Gewiß, eigenartig ist sie, auch nicht unfeierlich. Was „modern" im guten Sinne, im Sinne der Pankok und Billing, Olbrich und BehrenS rc. ist, das ist nicht sehr viel. Die lächerlich klein geratene, gedrückte, laubhüttenartige Auffahrt wahrhaftig nicht. Höchstens da§ hübsche Sternmotiv unter dem Gesinls der Fassade, das aber auch keineswegs modern im eigentlichen Sinne ist. Mehr noch daS Fehlen einer Giebelgruppe und der plötzliche, wohl allzu unvermittelte Aufstieg des Saalauffatzes. Namentlich aber die großllnige Durchführung von Vertikalmotiven, an denen auch die Fenster teilnehmen. Die Fassade und der hinter ihr sich aufbauende Saalbau haben gewiß einen Zug des Weiten und Hohen, der von allen bürgerlichen Zweckmüßig- keiten entfernt, andere Ziele anstrebt. Es ist dem Künstler offenbar darum zu tun, daß man von seinem Werke vor dem Eintritt auf den ersten Blick den Eindruck des Starken und Mächtigen erhält. Indem jedoch der Architekt nur die unglückselige nach hinten gedrückte Hauptfassade mit einigem wenigen, aber nicht unwirksamen Zierwerk versah und die beiden Seitenfronten ganz nackt ließ, giebi ihnen die mächtige Linienführung etwas ungemein Schwerfälliges. Man möchte meinen, der Architekt habe gar nicht daran gedacht, daß es in dem Harffe auch eine heitere Kunst geben soll, und daß dem Bauwerke, auf deffen Empore er selber Apollo seine Roffe lenken läßt, doch auch Grazien nicht fern sein können. Es ist, als ob da drinnen nur Shakespeare und Hebbel, Beethoven und Bach, nicht auch Moliere und Fulda, Mozart und Millöcker zu Worte*kommen sollten.
Hauptsächlich verfehlt aber scheint es, daß die beiden großen plumpen Flügel dicht an die Straße gerückt werden sollen, anstatt daß das Ganze in den Garten hinein mit der Hauptfront nach der Südanlage zu gesetzt werde, mit einer früher überschrieben Mr onkelhaften Tone des beliebten Fannlienpoeten erzählt der alternde Herr Blumenthal im Kostüm eines Marquis des 18. Jahrhunderts, wie die still Geliebte ihm voll niederträchtigen Wertrauens die Liebe zu einem arideren beichtet und ihn dann als höchst ungefährlichen alten Freund sich erhalten will, und, wie er dabei allmählich inne wird, daß sein „Probepfeil" aus AmorS Köcher nur einen „toten Löwen" des Salons traf. Rudolf Herzog hat dieses Thema in seinem schönen Frankfurter Roman „Ein Lebenslied" (Cotta in Stuttgart) weit tiefer und gemütvoller angefaßt, und weit feiner und zarter behandelt. Aber auch Herr Blumenthal hat diese hübsche Idee, wenn auch ohne'eigentliche Handlung, ganz niedlich ausgesponnen. Sein Geschichtchen schließt ä la Graf von Gleichen platonisch variiert. Der Marquis gibt sich angesichts der winkenden tzoäMit von Jung und Alt resigniert zufrieden mit .bet Stellung eines schnurrenden und schnurrigen Haus-und Kamin-Laren. Tie Grazien im Stücke tragen freilich schlarrende Pantoffeln, und die Reime kann man, wenn sie auch die des toten Löwen weit übertreffen, mit geringem Scharfsinnsaufwand vorher erraten. Aber schließlich macht auch einmal der Wwechslung halber em solches harmloses Gesellschaftsspiel Freude.
Der Einakter ist bei uns so stilgerecht als möglich aus- gestattet. Man sieht ein paar Nippes h la Sövres als Zeitmerkmale und plastische Analoga zu Blumenthals Bonmots und klingenden Reimscherzcn. Ta^zu die ganz glaubhaft vorgetäuschten zirpenden Klänge eines Spinetts und
Terrasse davor und einer schmucken Säulenhalle. In de^ Gegend der Bibliothek ging man bisher an den neuen Mietshäusern unachtsam vorüber und hielt sie unbesehen für ganz niedlich, bis die imposante Monotonie des Büchermagazins auf das Gegenüber acifmerksam machte und sie in ihrer ganzen kleinlichen Nichtigkeit erkennen ließ. Und doch ist die verlängerte Bismarckstraße wohl als eine elegante Straße gedacht, an der hoffentlich in absehbarer Zeit sich Villen erheben werden von jenem vornehmen neuzeitlichen Stil, der als charakteristisch für die Darmstädter Schule angesprochen werden darf. Und es wird eine Zeit kommen, in der man dann den großen eintönigen Vücherbau als Vis- ä-vis gerade nicht schätzen wird. Aehnliches wäre der Fall bei der Verwirklichung des jetzigen Dülfer'schen Projektes. In der Umgebung der Ecke der JohanneSstraße und deS Neuenweges finden wir heute kein monumentales Bauwerk. Dadurch entstünde im Verhältnis zum Theaterbau etwas mit Bauformen Spielendes in der Umgebung. Es würde sich an dieser Stelle ein zu bedeutender Gast einstellen. DaS Auge gewöhnt sich schwer daran, ein bedeutendes Bauwerk da zu finden,' wo es eigentlich nicht in der richtigen Gesellschaft ist. Das Gebäude gäbe aber an dem Platze auch von keiner Seite ein irgendwie abgerundetes Bild und würde, wie schon angebcutet, direkt an die schmalen Straßen gerückt, durch seine Massigkeit die ganze Umgebung erdrücken und unübersichtlich wirken. E§ gilt heute schon als veraltet, an eine glänzende Fassade eine flache langweilige Rückseite zu setzen. Die neuere Klmstauffassung verschmäht das. Herr Dülfer aber will nicht etwa hinter, sondern sogar neben die Hauptfassade einen architektonisch gar nicht damit zusammenhängenden unschönen Koloß anwälzen, der seinen Diagazincharakter mit einer gewissen Frechheit zur Schau trägt. Es ist das um so bedauerlicher, als sich dieser Anbau nicht etwa gegen eine Winkelgaffe oder gegen eine Fabrik und bergt, wendet, sondern gegen eine, neue Straße mit hübschen Häusern, die es wohl verdiente, daß der Theaterbau just auf der Seite, die für dies Straßenbild Bedeutung hat, künstlerisch durchgeführt werde.
Von dem Dülferschen Grundriß behauptet Herr Bau^ inspektor Becker als Fachmann, daß er „ausgezeichnet^ sei, was natürlich nicht bestritten werden soll, wenn es auch, falls die überaus flüchtig gezeichneten Plane zuverläffig find, auffallen muß, daß vom zweiten Rang das Foyer entweder aar nicht oder nur auf großem Umwege zu erreichen ist. Herr Dülfer will dadurch vielleicht eine größere Menschenansammlung an einer bestimmten Stelle aus Sicherheitsgründen vermeiden, gleichzeitig aber auch die Theaterbesucher in zwei von einander streng geschiedene Gruppen sondern. Das würde von den Besuchern des zweiten Ranges nicht mit Unrecht als kränkend empfunden werden.
Indessen das würde der Güte der Grundrisse keinen! wesentlichen Abbruch tun und ließe sich wohl auch leicht abündern. Aus den obigen Gründen jedoch ist das ganzL Projekt verwerflich. Deswegen soll aber über die Dülfersche Kunst an sich keineswegs der Stab gebrochen werdens Prof. Dülfer ist zweifellos ein hervorragender Theater- architckt, Das von ihm erbaute Meraner Stadttheater ist eins der schönsten, das wir kennen. Schade, daß er hierher riach Gießen eine so miserable SkiM davon geschickt hat, die nicht nur ein total schiefes, sondern höchst unvorteilhaftes Bild davon bietet. Wenn vorläufig nur der Theaterbau allein zu stände käme, eine Frage, die im einzelnen später behandelt werden soll, so ließ sttzch keineswegs etwa der Saalbau abschneiden und nur das Theater nach den vorliegenden Plänen ausftihren, obschon man davon an tonangebender Stelle spricht. Tie Front hängt ja jetzt nur direkt mit dem Saalbau, nicht aber mit dem Theater zusammen, es müßten also ganz neue Pläne crusgearbeitet werden.
Doch behalten wir vorerst noch die JHee zweier zu» sammengebauter Häuser im Auge. Für deren Errichtung gibt es' außer der vorliegenden Dülferschen noch drei Lösungen: entweder die Konstruktion zweier Säle unter einem einzigen Dache, oder die Parallelstcllung des Theaters und des Saalbaues und dann ^Berbindung durch einen quer dazwischen liegenden Mittelbau, oder endlich^ was das einfachste wäre, die Beibehaltung des geplanten Winkelbaues unter dessen Umsetzung nach der Ecke der Süd-'
elegante Kostüme von Damen und Herren. Das Sviel aber, war leider ein wenig zu schwer für die (£ auf eine. Frfl Gartner gab sich zwar Mühe, den leichten Plandertonj zu treffen, aber es gebrach ihr an Humor wie an Wärme- und Herr L ü 11 j o h a n n verzichtete gan$ ans die kleinen liebenswürdigen Effekte eines die Herzen der schönsten und klügsten der Frauen durch stürmische Alrgendleidenschaft und tadellose Allüren brechenden eleganten Salonhelden. Es ist nicht tzanz leicht, in unserer Zeit geschmackloser Märmertracht^ der röhrenförmigen langen Hose, die unS allen ja viel Steifheit, Unbeholfenheit und Plumpheit gegeben hat, mit Geist und Grazie Kniehosen zu tragen, fitr bic man übrigens wie es heißt, neuerdings in England wieder Propaganda macht. Herr de Giorgi versteht das weit besser. Tr nuancierte auch den 9Na'rquis, toa§ das jüngere Paar zu luenig tat, er war ein empfindungsvoller alter Herr und vornehmer, feinsinniger Galcmthomme alter Schule. Noch etwas mehr Weltmann und sein Marquis wäre vollkommen gewesen.
Gllt, daß Blumenthals Spielsächelchen zum Lever de rideeu nach französischer Art, gewählt worden war. Hätte eS den Beschluß des Abends gebildet, man wäre mit einem Lächeln wohllauniger Langeweile selig entschlummert.
Dem deutschen Rokoko-Imitator folgte MoliörcS berühmte Grotcskkomüdie „Der eingebildete Kranke", deS großen französischen Komödien-Dichters Schwanensang. Engen Zabel erinnert in dem zweiten, dem ausländischen


