Viertes Blatt
154. Jahrgang
Nr. 255
Freitag 29. Oktober 1904
Erscheint tSglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die „Gießener ZamMenblStter- werden dem »Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der -hessische Landwirt" erscheint monaütch einmal.
Gießener Anzeiger
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schm UniverfttatSdruckerei. R. Lange» Gießen.
Redaktion, Expedition «.Druckerei: Schulstr.T.
Tel. Nr, 5L Tetegr«-Adr. r Anzeiger Gieße»,
General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Giehen.
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Volitische Tagesschau.
Zur Lahnkanalisation.
Vor kurzer Zeit tagte, wie wir s. Zt. erwähnten, in Koblenz eine Versammlung von Mosel-, Saar- und Lahn- kanal-Jnteressenten, um Stimmung zu machen für die Kanalisierung der genannten drei Flußläuse. Jetzt beklagt eine Zuschrift von der Lahn an die „Rhein.-Westf. Ztg." das „rücksichtslose Vorgehen" der Mosel- und Saar- Interessenten und fährt alsdann fort:
Wir dürfen zu unseren nassauischen Abgeordneten das Vertrauen haben, daß sie bei der ganzen Kanalfrage des Wohl des gesamten Vaterlandes im Auge behalten werden. Wir wollen aber nicht unterlassen, auf die Verhandlungen des Moselkanaltages von: 30. Ium 1900 zu Metz zurückzugreüen. Als damals die Vertreter der Kommission für bie Lahnkanalisation und die Handelskammer in Limburg und Wiesbaden ein gutes Wort für die Lahn einlegen wollten und darum baten, die Lahnkanalisierung einbeziehen zu wollen, da wurden diese unter großem Beifall der besonderen Sympathie für das schöne Nassauerland, die Lahn und die fchöne Stadt Wiesbaden versichert, aber von der Lahnkanalisierung wollte m a n n i ch t s w i s s e n. Trotzdem uns die Moselinteressenten jahrelang abgeschüttelt haben, sollen jetzt die Abgeordneten von der Lahn durch dick und dünn für sie eintreten. Einige Kompensations- Projekte sollen in der Lust liegen, aber wir halten das für leere Vorspiegelungen.
Wir wollen hoffen, daß sich dieser Mann irrt und „Kompensationsprojekte", um das unschöne Wort zu wiederholen, zustande kommen. Wenn jede einzelne Gruppe ihr Projekt für, das allein richtige erklärt und behauptet, daß alle übrigen Kanalwünsche ins Hintertreffen gehören, dann kommt niemand zu einem Ziele. Der für uns m Gießen bevorstehende Vortrag des Oberbergrats Prof. Chelius im hiesigen Bergwerksverein über den Erz re ich tum Oberhessen will ja auch die Lahnkanalisati onsfragc behandeln und wird, wie wir hören, nachweisen, wie wichtig und rentabel die Kanalisierung unseres Flusses wäre. Gesteigerter Wohlstand weiterer industrieller Kreise Oberhessens durch die Hebung des oberhessischen Bergbaues käme auch der oberhessischen Landwirtschaft zu gute, die durch den Zugzug von gut belöhnten Bergarbeitern und durch die gesteigerte Kaufkraft aller der mit dem Bergbau in Verbindung stehenden Kreise ihre Produkte teurer und schneller
verkaufen könnte. Zeigt es sich doch allenthalben, daß da, I wo der industrielle Wohlstand wächst, auch diel Landwirtschaft aufs allerbeste gedeiht und die höchsten Preise für ihre Erzeugnisse erzielt. So gehen eigentlich die Interessen von Landwirtschaft und Industrie durchaus Hand in Hand.
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Zorn.
In der Vosi. Zeitung lesen wir:
Vom 15. bis zum 20. Oktober hat Professor Dr. Zorn in Bonn, der konservative Bearbeiter des liberalen Staatsrechts von Rönne, vier Auffätze über die Thronfolge in Lippe veröffentlicht. Am 27. Oktober ist in den Zeitungen die amtliche Mit- tellung zu lesen, daß der Geh. Justizrat Dr. Zorn, ordentlicher Professor an der Universität Bonn, den Roteu Adlerorden zweiter Klasse mit Eichenlaub erhalten habe. Zorn ist neben Herrn Kekule v. Stradonitz der lebhafteste Sachwalter der Schaumburger. Die Proteste der Schaumburger gegen die Biesterfelder waren beim Bundesrat durch Gutachten der Herren Zorn und Kekule unterstützt. In den jetzigen Aufsätzen ist Herr Zorn, wie sich versteht, schaumburglsch bis auf die Knochen. Adler unb Eichenlaub seien ihm gegönrit. Nur ist es die Frage, ob sie ihm ivegen eben dieser Aufsätze verliehen wurden.
Die Voss. Ztg. meint, der Reichskanzler müsse zur Klärung dieser Angelegenheit mit einer neuen authentischen Interpretation herausrücken, denn wenn sich die Anschauung im Publikum fortsctze, daß Prof. Zorn den roten Adler mit dem Eichenlaub als Lohn für seine Schaumburg-Schriften erhalten habe, so könne die mühsam beschwichtigte Aufregung über die lippischen Vorgänge aufs neue ausbrechen.
Prof. Zorn, der s. Z. von Königsberg nach Bonn v e rs e tz t, nicht berufen wurde, zum Unterricht des deutschen Kronprinzen im deutschen Recht (worüber man sich übrigens in Königsberg einigermaßen wunderte, denn der Kronprinz hätte ja auch ganz gut dorthin zum Studieren gehen können), ist indeß wahrscheinlich nicht für seine Verdienste um Schaumburg dekoriert worden. Auch andere Angehörige der Bonner Universität, die übrigens damals den Prof. Zorn nicht gerade freundlich empfing, haben zugleich mit ihm Orden erhalten, so der Professor Zitelmann den Kronenorden zweiter Klasse. Die beiden Herren werden sich wohl auf einem Gebiet ausgezeichnet haben, das mit Schaumburg nichts zu tun hat.
parlamentarisches.
Berlin, 28. Okt. Tie Kanalkommifsion nahm § 1 Ziffer 4 der Vorlage betreffend die Oderkanalisierung an. Ebenso wurde 8 5 angenommen, der die bezüglichen Garantien betrifft. Ferner wurde die von den schlesischen Abgeordneten beantragte Resolution zu Punkt 1 und Punkt 2 angenommen. Tie Vorlage betreffend die Verbesserung der Schiffahrtsstraßen der Warthe von der Netzemündung bis Posen wurde nebst den bezüglichen Garantien ebenfalls angenommen. Ferner wurde der Antrag betr. die Klüddowiesen angenommen.
Herichtsjaal.
Der schwindelhafteMasse nvertriebvonHauS- fegen, der unlängst einen oberhessischen Arbei ter auf die Anklagebank der Gießener Strafkammer geführt bat, erhielt dieser Tage eine drastische Beleuchtung durch eine Verhandlung vor der vierten Strafkammer des Berliner Landgerichts I. Auf der Anklagebank hatten der Fabrikant Kämmereit und dessen „Generalvertreter", der Kaufmann Brösel, wegen Betruges Platz zu nehmen. Kämmereit begann 1891, wie er selbst angibt, mit geringen Mitteln, den Vertrieb von Haussegen. Bald nahm dies Geschäft infolge des eigenartigen Vertriebes einen kolossalen Umfang an. Kämmereit legte feinem Institut auf seinen Briefschaften und Adreßkarten die Bezeichnung „Kunstanstalt Wohlfahrt" bei. Er nahm ca. 100 Reisende an, die mehreren Oberreisenden und einem Chefreisenden, dem Mitangeklagten Brösel, unterstanden. Es wurden 8 Buchhalter und ein Oberbuchhalter, drei Lehrlinge und gegen 20 Arbeiter beschäftigt. Ter Umsatz stieg von Monat zu Monat, im Jahre 1893 erhielt die Firma von dem ihr zunächst belegenen Postamt 240 000 Mark ausbezahlt. Tie Bilder wurden in großen Mengen von einer auswärtigen Fabrik bezogen und durchschnittlich mit 80 Pfennig pro Stück bezahlt. Sie stellten zumeist nur Bibelsprüche dar. Tie Bilder wurden in der „Kunstanstalt, Wohlfahrt" eingerahmt und verglast, und dann zogen die Reisenden, mit Mustern versehen, nach allen Himmelsrichtungen in die Well hinaus. Nach der ihnen erteilten Instruktion hatten sie das Bild für den Preis von 6,50 Mk. zu verkaufen. Ter Besteller halle dem Reisenden 1,50 Mark sofort zu bezahlen, welche des letzteren Provision darstellten, der Rest von 5 Mark wurde bei Zusendung des Bildes durch Nanchahme erhoben. Aber der kolossale Absatz war auf eine Geschäftspraxis zurückzuführen, die von der Autlagebehörde als betrügerisch bezeichnet wurde. Kämmereit hatte Hunderttausende von Prospekten drucken lassen, worin das „Kunslinstitut Wohlfahrt" anzeigte, daß der Ueberschuß aus dem Bilderverkauf dazu dienen sollte, armen verkrüppelten Kindern Heilung und Pflege zu verschaffen. Es waren auch Abbildungen von verkrüppelten Kindern beigefügt, welche von dem Jnslltut „Wohlfahrt" unterstützt worden waren.
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