Ausgabe 
29.9.1904 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Muiverstläts-Aachrichteu.

Ster Avck>ilekt Tr. I. Hülsen in Frankfurt, Privatbozcm an der Tock-nisclien Hockffchule in Da rm stabt, begibt sich im Austrage der ®cn«alfrirefttOQi her kgl. Museen in Berlin nach Zlleinasien, um bei den Ausgrab imgen in Milet bis Ende Dezember tätig zu sein. Als Spezialaufgabe ist ihm diesmal die Aufnahme und Restaurierung einer aus dem Stadtgebiete^von Milet sich « hebenden Moschee zugesallen, welche unter dem Sultan Baiasch I. durch den Baumoistier Ahmet von Äientesche im 3afice loOl gebaut wurde und als Meisterwerk alttürkifck^er Kunst gesalbt wird.

Oerichtsjaal.

f S ch o t t e n, 28. Sept. Ein interessanter Beleidigungs- p r o z e st des Landlagsabg. Weidner zu Herchenhain gegen feinen Neffen Hch. Weidner, Kaufmann zu Hartmannshain, sollte heute vor dem hiesigen Schöffengericht zum Austrag Eontmen. Ter Termin wurde jedoch aus Antrag des Verteidigers vertagt auf den 2. November, bis wohin das dem Rechtsanwalt nicht zugänglich gewesene umfangreiche Aktenmaterial noch eingehend gesichtet werden soll. .

Aergeru i|t nicht beleidig en. So hat das Reichs- gericht erkanirt. Es wird darüber aus Leipzig berichtet: ^m Dezemb« vorigen Jahres feierten die G y in u a s i a st c n in Hann. Münden in einem öffentlichen Lokale ein Fest. Der Tircktor des. Gymnasiums, Tr. Buchholz, hatte die Teilnahme ehemaliger Schüler an dem Feste verboten. Ties verdroß eine Anzahl Göttinger Studenten, die SckLil« des Gym- nasiums gewesen und gerade anwesend luaren, sel>r. Sie selten sich in ein benachbartes Zimmer und sangen mehrsach ein Lied, vas mit den Worten beginnt: Herr Tircktor Bulbriau ist da. .Hierdurch- fühlte sich Tirelwr Buchholz persönlich beleidigt, wes­halb er Strafantrag stellte. Das Landgericht Göttingen hat am 27. April sieben von den neun Angeklagten für schuldig befunden und zu i e 1 5 a r f Geld st rase verurteilt. In iljrcr Revision wiesen die Angeklagten darauf hin, dost in einer studentischen Anulkung nicht unter allen Umständen eine Beleidigung liegen müsse. Tas Rcichsgcrickü hielt die Revision für begründe 1. Es hob das Urteil auf und vertvies die Sache an das Landgericht zurück. Tas Landgericht habe lediglich fest- gestellt, daß die Angeklagten den Direktor ärgern wollten. Tas genüge nicht: es hätte festgestellt werben rnüffen, ob sie ihm ihre M i ha cht u n g Eunbgeben wollten.

ein stark gespannt^ ist «öffnet. ES gnd dort viele ebtnt* grfifdx* Wurmig en norDanim, ein gwstes suchen «nd Fragen. Biet Sckmrerseu macht uns irr

Hetero aus stand.

Man sieht aiui> da, wie ein rleincS heidnisches Volk einem .yrvstcn rr<hte Sck^vierigkeiten bereiten bmn. Wollen mir tritt Aus- toachcn des HeidenttunS entgeg<-ntrrten, so können wir nicktts beffevcS tun. als unsere Gelrte zu vereinigen in dem Wunsche: « die Msswn in Asien und Afrika weiter toadyfcn möge und ban, UKitn Mnn die Emtwickellmg in Ostasien vor sich geht, es nicht mit heidnischen, sondern christianisierten Böllern geschehe. Was nun

die innere Politik _

betrifft, so ist es dem Gesck-ick Bülows und der Sachllinde und dar ttuSdaucr Posadowskl-s gelungen, die ersten Verträge abzu" stsiliehen. Man erzählt von kundiger- Seite, das; Witte in Norderney absolut nicht abschließen wollte, und nrir verdanken es wohl der Ltriegsbedriingnis Rustlands, dast aus Petersburg, direkt vom M'aiier, der Befehl kam, unter allen Umstanden nun abzustMesten. Wir wollen hoffen, daß die deutsche Sanbmirtfdxift und In­dustrie gut fahren. Die ganze Zeit trägt den Charakter der Krise, des Unsicheren. Alles mnst uns mahnen, ttitfcrr .strafte zusammenzuirehmen. Zum Schlüsse ging Stöcker auf die Bestrebungen der christlicki-sozialen Partei ein, die nicht die Inter­essen eines einzigen, sondern aller Stande gleickmiäßig wahr. nehme. Wenn wir ck-ristlicki sagen, so Ixribcn wir die Menschheit vor Augen, sagen wir sozial, so denken wir an die Gesell!a-ast: xitfo christlich-sozial bic ganze Natüm mnsassend. In ine|en Be­strebungen wollen wir weiter arbeiten.

.Hierauf hielt Generalsekretär Lic. Mumm- Berlin einen Vortrag über

R«ichs-Fin a.n zre form.

Hieran knüpfte sich eine Debatte, die mit der cinftün» prrgen Annahme folgender Erklärung errdete:

Die Forderung einer durchgreifenden Reichssinanzreform wird solange imm« toteber lebendig werden, als die Reichsschulden ins Ungemessene toadifcn, ohne daß entspreckiende Vermögenswerte dafür dem Reiche erstehen. Ta bei all« gebotenen Sparsamkeit nicht Ausgaben unterlassen i verben dürfen, die für nnf«c Wehr­haftigkeit und für die Tnrchführung unser« sozialen Msgaben unerläßlich sind, loird zum Ausgleich ber bisherigen einseitig ent­wickelten indirekten Besteuerung die Einführung direkter Reichs- steuern, besonders ein« starten und progressiven Erbschaftssten«, unerläßlich sein. Tie direkte Besteuerung der großen Einkommen, Erwogen und Erbschaften verfpricht mehr als die indirekte dem Grundsätze ber Besteuerung nach der Steuerkraft.

D4e Hübern i a-Ange le gen heit brachte Landwirt Lüttrrng h ans-Langerfeld zur Sprache. (Knstimmig faßte man folgenden Beschluß:

Tor 8. christl.-1«^iale Parteitag spricht die Erwartung au3, buß gegenüber der r ücisicht§losen Politik des Kohlensyndikats, ge- genäber der zunehmenden Zusammenballung des Kohlenbcra- baus in wenigen Händen und gegenüber der wachsenden Beherrsch- img desselben durch die Börse, die fgL preußische Staatsregr«- ung der Frage d« Verstaattrchung des rheinischwestsailiichen Zkohlenb«gbaus mit alter Entschiedenheit nähertrete, damit im Interesse der vaterländisck-en Irrdustrie und ein« gesunden ua- uonaten Wirtschaftspolitik eine rationelle V«wertung der Hei­nrichen Bvdenfck)ätze sichergestellt tvird.

Man beschloß ferner:

Tie fortwährend zune hurende Zahl der in Teutschland be-

/ckästigten ausländischen Wanderarbeit« (Russen, Polen, Galizier,

Italiener, utzv.) bildet nickst nur für die deutschen Arbeiter eine nnrtschaftliche Schädigung, sondern ford«t auch in größerem Maße die

Slaoi.si« ung Dentschbands.

D« chriA.-soziale Parteitag bittet die christlich-sozialen Abgeord­neten int Reichstage dahin zu wirten, daß das Reich eine um­fassende statistifche Eri-ebung über die Zahl und sozrale Lage d« ausländischen Wanderarbeit« und deren Enuvirllmg auf die soziale und wirtschaftliche £agex der einheimischen Arbeit« v«- an stattet.

Weiter sprach sich der Parteitag ans für eine Vereinheit­lichung und Vereinfachung unserer

Arbei.terv er siche rnng-sgeseße

sowie für eine Herabscchung der gesetzlichen LltersgrenAe und entartet vcm der Parteileitung unL den christfich-sozia^ len Abgeordneten, daß sie jede Gelegenheit benutzen, um diesem t^ebtmten jiun Siege Au verhelfen. Endlich wurde folgender Antrag angenommen:

Der Parteitag spricht mit Rücksicht auf gewisse Vorkommnisse im Saargebiet

(eine Ueherzeugung dahin aus, daß die durch Kais«wort ver- kirißene Ausgestaltung d« staatlichen Bergwerke zu Muster-Be­trieben noch viel zu wünschen übrig läfet Besonders müssen die gesetzlich verbürgten Rechte der Arbeit«, vor allem das Kvalitionsrecht von der Verwaltung ber staatlichen Betriebe mehr respektiert n>«ben.

In der

GnEage rnhLen. Er MNe an der Hanv der StatiM Mmächst fefc daß 75 v. H. der BevMernng in Hessen nicht Ui der Lage ftn\ einer ihrer Kophahl entsprechende Fa- nrllienwohnnng §u haltert. Die Beschaffenheit der Wohn­ungen laßt nicht nur -in den Städterr, sondern ebenfalls in großem Maße auch ans dem Lande, sehr viel z-u wünschen Mrig. Auch der Luftraum für den Kopf ist sehr oft un­genügend. Die Grundshückspreise surd z>u l>och Die Speku­lation ist auch auf daö Land gedrungen. Alle diese Unv- stände zahlen zn bat Ursachen der Wohnungsnot. Don einer Lofurrg der Wolfttnrrgsftage wird matt, nxnn man erst praktische Erfahrmtgen hat, nicht spreckxen können, son­dern l)dchstens von einer Mildemuig uttib Erreichung einiger maßen befriedigender Zustande; beim bic Menschen find noch immer keine Enget. Rirgends machf bic Theorie so gründlich Bankerott, als auf dem Gebiete der Wohnungs­frage. Es ist da nrit Vorschlägen, die gänzlich unausführ­bar sind, viel gesündigt worden. Es wirb sich bei einer Milderung ber Wohnungsnot handeln: 1; um die Beseitig­ung bestehender Mißstände durch Polizeiverorbnungen re. Ganz besonders muß man aber cm ben Abbruch ungesunder Häuservicrtet benten, ein allerbings sehr schwieriges und kostspieliges Unternehmen; 2. müssen Maßnahmen ergriffen, werben zur.Verhinderung zukünftiger Arißstände. Der Kern­punkt ber ganzen Wohnungsfrage ist aber 3. bic Mschafsung billiger Wohnungen. Diese Ätaßnahmen. fallat ber Gesetz- getmng, beit Kommunalvervänden tmb der Gcfamtheit zu. Die Stadt (Kommune) soll vor allem das ihrige tun, um die Bodenspekulation zu verbinbcrn, sie soll rechtzeitig Grund und Boden erwerben. Der Staat aber sogar ber Militär­fiskus! soll Gelände, wajs' inj -oer Bebauungszone liegt, an bie Stadt abgeben, ganz ohne jede Spekulation. Ferner soll ber Realkrebit besser organisiert werden. Endlich soll man die Banvereine und Genossenschaften fordern. Mit einan Blicke auf die recht guten Erfolge der hessischen Wohnungsgesetzgebung schfoß Inspektor Gretzschel.

Aus der lebhaften Besprechung sei hervorgehoben: Stadtverordneter Jansen (Barmen) war mit der Forder­ung des Reserattat: Besteuerung nach dem gemeinen Wert, vollsdändig einverstanden, wünschte aber, baß bie Besteuer­ung bebauter Grundstücke auchören möge.

Zu beut preußischen Wohnungsgeseßentwurf äußerte sich Inspektor Gretzschel, baß bieser Entwurf stellenweise zu sehr den Charakter ber Polizeimaßregel trage, während doch mehr der Charakter einer Maßnahme allgemeiner Wohl srihrt hervortreten sollte. Erfreulich sei es aber immer­hin, daß der größte Bundesstaat auch auf diesem Ge­biete vorgehe. Die Bersammlung nahm dazu einstimmig folgende Erklärung zum

preußischen Wo hnnn gs g ese tz an:

Ter christlich-soziale Parteitag begrüßt den preußischen Wohn ungsgesetzentwurf als einen Fortschritt auf dem Gebiete der Wohnu-ngsreform. Ter Parteitag fordert jedoch bie Ausdehnung der obligatorischen Wohnungsordnungen ohne Rücksicht auf bic Einwolmerzahl auf alle Gemeinden. Tiefe Maßnahme ist int Interesse der Gewerbegehilfen (Grellen, Vtehllfen uno Lehrlinge- Arbeit« ob« Tienstbolen, bic von ü/rem Tienst- oder ^lrbeitgcb« SckÄairämne erhalten, dringend notwendig.

lieber den

Stand ber Nationalen Arbetterbewegnn-g berichtete Arbeitersckretar Behrens. Das vergangene Jahr l>at grundlegende Arbeit auf diesem Gebiete geleistet. Die Bewegung gehr vorwärts und ist nich^ mehr oufzuhalten^ Rach längerer Besprechung nahm man folgende En.tschließ- ung an:

Tie ^ckrrifll.-soziale Partei fteht in ber christlich-nationalen Arbeiterbäoegung ein sehr wertvolles Glied ber nationalen Volks- bcnrgnng imb bittet die Freunde der Partei: die christlich- natronate Arbciterbewvgung und besond«s die christlichen und nationalen Gewerkschaften nach Kräften zu fördern.

Damit war die überaus reichhaltige Tagesordnung er­ledigt. In einem

Schlußworte

atzte Stöckcr die Verhanblungen zusammen und ge- 'taltetc sie zu einem Gesamtbilde dcr christtich^sozialen Idee. Mit einem hoffnungsvollen Ausblick in bie Zukunft schloß Stöcker seine Ansftrhrungcn. Auf Anregung bes Vorsitzen- ben Pfarrer Bern be d brachte die Versammlung ein Hochs auf die beiden christlich-sozialen Älbgcorbneten aus, was Stöcker mit einem Hoch auf die christlich-soziale Partei be­antwortete.

Schlußverfammlung hielt der Landes-Wvhnungsinjpektor im Großhe^ogtum Hessen Gretzschel aus Darmstadt einen Vortrag über die

Wohnungsfrage.

Wie er ausführte, ist das Gro ß herzo g tum Hessen dasjenige Land, wo in ber Wo hn ungs frage am in. ei st en geschehen ist. Das Wohnungsgesetz, ivelchjes diese Angelegenheit regelt, ist aber erst seit dem Anfänge des vorigen Jahres in Kraft, sodaß sich die Folgen der; feaensreichen Einrichtung erst in beschränktem Umfange übersehen lassen. Ans den vorliegenden Ergebnissen sowohl als noch mehr aus seinen eigenen großen Erfahrungen Zog der Redner seine Schlüsse, die daher ganz auf praktischer

Ab« bann tauchte ein schwarz«, düster« Schatten vor ihm auf und v«hüllle das friedliche, heit«e Bild!

(Fortsetzung folgt.)

E i n Mittel gegen den Tod? Die jüngste Aus--- aabc ,bie du medizinische Wissenschaft sich gestellt hat, ist das /\inb?n eines Heilmittels gegen die Gebrechen des Alters und bannt gegen oas Alttt>.rden^überl-aupt. In bei Theorie stellt sich bie ^oche so brr, Daß die Degeneration, die im Alt« eintritt, gewissen Ärantheuserschcuiungen vollständig gleicht und daher wie diese bestimmte Ursack-en lyabcn muß, deren Heilung, die eine Ver­längerung des Lebens über die seith« gedeckten Grenzen hinaus de de wen würde, in den Bereich d« Wcibrscheinlichteit gehört. Prof. Metebuikon vom Inwtut Pasteur beschästigt sich augenblicklich intensiv mit Untersuchungen nach dies« Rickftung hin, und ein hochmteLssantcr Artikel ub« seine Theorien uno bic Ertt>artung«n, bie er daran tn.ipit, ist in oe-c neuesten Nummer einer englischen Zeitschrift zu findm. Tas Problem kann natürlich nicht binnen turpem gelöst werben: ab« Prof. Metchmkofj hofft m zehn Jahren schon greifbare Resultate aufweisen zu können und ein Mittel gefunden zu haben, bie Mikroben erfolgreich zu bekämpfen o-ie im hohen Aller bie Zellen vernichten wollen, welche sie vor- h« befchützten.

Kopenhagen, 28. Sept. Ter hiesige deutsche Geschäfts- träg./i Prinz Neuß stattete heute Frau Professor Finson ber D'ttw. Oes b«ül)mtcn Erftnders bet Lichtthetapic, einen Besuch ab, um bie Teilnahme des deutschen Kaisers, d« Kaiserin, des Reichssanzlers Grasen Bülow und des preußischen Knltusmiui- )L..rium5 an d« Traun über den Tod Finsens auszudrücken. ^m Auftrage o s Kais«s, des Grafen Büloto und des prenst KUllusministeriums werden Stränge an der Bal/rc Finsens nieder gelegt.

Petersburg, 28. Sept. Tolstoi s Bruder, Gras S rgrud Tolswc, ist auf seinem Gute Pirogow gestorben.

An Jahresbericht des tKroßherzoglich Kessischcn LaudeswohnuugsinspeLtors.

nt

Die Organisation ber Wohnung saus sicht hat inzwischen beftnedigende Fortschritte gemacht. Gemäß der vom Großh. Rrinrsterium des Innern gcgeb«ten Anweisung zur Aus­führung der WohuungsgHetze sinb für bic einzelnen Gemeinden Wohnnngsinspektoren ernannt ob« 5wminissionen für Wohnungs- Pflege gewählt worden. Es ist dies bisher geschehen in ben Kreisen Alzey, Worms, ?Rainz, Bensheim, Offenbach, Heppenheiin, Oppenheim, Bingen, Lauterbach,^ Alsfeld, Erbach, Darmstadt, Friedberg, Büdingen; nn Kreise Sckwtten sind nur für bic vier gröheven Ortschaften (Schotten, Lanback^ Gedern und Ulrichstein) besondere Wohnnngsinspektoren bestellt, in ben übrigen OrtsckMsten sind die Ortspolizeibehötden mit Ausübung b« Wohnungsaufsicht betraut worden. In bim andnen Kreisen sind die B«handlungen wegen Bestellung von WolMungsmLpektoren iwch nicht abge­schlossen. In einigen Fällen ist für mehrere kleine Gemeinden ein gemeinsamer Wohnungsinfpektor ernannt worden: in einer ganzen Anzahl Gemeinden gibt es unter das Gesetz fallende Mietwohn­ungen üb«haupt nicht.

Was bic Persönlichkeiten ber Wohuungsinsp. ktoren anbelangt, so geben bie von den Kveisäonteru eingcreichten Vcrzeichnifse ein buntes Bild. Es wurden gervählt A«zte, Tcckmikcr, Pfarrer, Lehr«, Krankenkassen-Beamte, Gemeiud«atsmitg'liedcr, hinsickxts deren fast üb«aU Bauunternehmmi ober Bau Handwerkern der Vorzug gegeben wurde, Landwirte usw. In versck-iedenen Orten haben bie Bürgermeister selbst die Wohimngsinspekliou üb«- nommen. Von den Städten, in welcl-cn die Wohnungsaussicht schon durch das Gesetz von 1893 eilige führt war, haben bisher nur Darmstadt und Offenbad) einen Wohnungsinspcktor im Hauplarnte angestelll, vor ganz kurz« Zell hat auch Gießen in d« Person eines Technikers einen ständigen Wohnuugsinspcftor bestellt. Die mit ber Wohnungsinspcttiou betrauten Beamten müssen vor allem sich bewußt sein, daß es eine soziale Mission ist, die sie «Mlen. Gerade ber Wvhilungsinspcktor erhall ebenso, wie etwa ber Pfarrer und der Arzt, einen näheren Einblick in bie Verhältnisse ber ärmeren und armen Bevölkerungsklassen, er darf deshalb diese B«hältnisse nicht mit dem falten Ange eines Pvlizeiorgans betrachten, « muß sich vielmehr hmcinbenkcn lernen in bic Large des kleinen Mannes, und er muß gegenüber ben mensch lid)ai Sckpvächen, die ihm bei Ausübung seines Amtes in allen ihren mehr ob« mind« l)üßlichcn Erscheinungen vor die Augen kommen, im gegebenen Falle auch ein taktvolles Wort des Tadels jinben, sie aber auch immer beurteilen können unter Berücksich- iigung der gesamten Lebenslage der Leute.

lic Beseitig uug ber Anftändc stieß im allgemeinen nicht auf Schwierigkeiten bei den HauSbesitzcni bezw. Mietern. .» luirb aus der Stadt Mainz berichtet, daß es nur einfacher pclizeilick-er. in manchen Fällen allerdings wicd«holler Auf­

forderung bedurfte, um eine Beseitigmig der Mängel zu «reiche«, Renitenz tvurde nirgends beobachtet. Auch in Worms, Offenbach und Gießen waren die Hausbesitz« und Miet« im allgemeinen nir Mstrilung von Mängeln bereit, doch mußten in allen drei Städten auch mehrfach polizeiliche Zwangsimittel zur Anwendung gelangen. In Worms nxurbc in vter Fällen Rekurs gegen die polizeilichen Auflagen ergriffen, zwei dieser Rekurse lourden jedock) iuieher zurückgezogen, die anderen beiden sind noch nicht erledigt, auch in Gießen.schtt-ebt noch ein solcher Fall.

Tie wichtig ft c Maßregel z u r Hebung deS Wohn­ungswesens ist bic Erstellung gut« und billiger Kleinwohnungen. Sie bildet den Kernpunkt d« Wobn- unqsreform, und wer praktische Wohnungspolitik mit Erfolg treioen will, muß in erster Linie aus diesen Ziveig des Wohnungswesens sein Augenmerk richten.

Eine Unterscheidung zwischen landwirtschaftlichen und ge* weiblichen, ober ländlichen und städtischen Arbeitern ist unt« sittlichen und sozialen Gesichtspunkten unzulässig. Tenn nach letzteren ist bei beiden Kategorien daS Wohnungsbcdürsnis zur Erhaltung eines guten Familienlebens und im Interesse des sitt­lichen Wohls ber Kinder gleich.

Vermiete».

"Der Trick des ^Grasen" Wedell. Unt 24000Ml. in Wertpapieren wie schon gemeldet, durch den angeb­lichen Grafen Otto v. Wedell aus Braunschtveig bic All­gemeine deutsche Kreditanstalt in Leipzig geschädigt worden. Dem Betrüger muß bekannt gewesen sein, daß zwischen der Hinterlegungsstelle des königl. 2lmts- g e r i ch t s und den Kassen großer Leipziger Banken eine der strengsten Vorsichtsmaßregeln einigermaßen entkleideter Gc- schästsverkehr besteht, derart, daß von der Hinterlegungsstelle häufig größere Posten mündelsicherer Papiere kurzer Hand gekauft werden, ohne daß vorher die Börse in Anspruch genommen wird. DerGraf" suchte sich gcrichtsbekamu zu machen, indem er sich durch einen GerichtSdiener mittels Visitenkarte bei einem Richter einführen ließ. Dieses Gerichts* b i cn c i'8 bediente er sich dann bei Ausführung des Betruges. Aus noch unaufgeklärte Weise brachte er es nach den Erkundigungen besLeipz. Tagcbl." fertig, zwei der auf Zimmer Nr. 3d des Amtsgerichts (neben der Hinterlegungs­stelle) gebräuchlichen Formulare derart aus zu füllen, daß sie an bic Kreditanstalt und an die Leipziger Filiale der Sächsischen Bank den Auftrag enthielten, je 12 00 0 Mark Reichsanleihe oder Konsols an die gerichtliche Hinter­legungsstelle einzuliesern. Die Schnststücke ließ derGras" durch den ahnungslosen GerichtSdiener präsentieren. Bei der Sächsischen Bank waren bic Papiere gerade nicht vorrätig, auch fiel es dem Direktor auf, daß das Verlagformular keine Unterschrift trug. Nunmehr ließo. Wedell' den ganzen Betrag von 24 000 Mark preußische Kousols bei der All­gemeinen deutschen Kreditanstalt fordern. Sic wurden dem der Bank wohlbekannten Gerichtsboten ausgehändigt, der sie in Begleitung eines Kassenbotcn nach der Gcochtsstelle schaffte. Des weiteren muß derGras" oen Kassen!'ölen der Kreditanstalt bewogen haben, aus bic Quittung zu warten. MiitlerweUe ließ er die Konsolb durch den Genchtsdieuer an der Effektenkaffe der Filiale der Deutschen Bank, wo dieser gleichsalls wohlbekannt war, in Kassenscheine um­wechseln. Der Diener lieferte den Betrag im Gcrichtsgebäude pünktlich an denGrafen" ab, der schleunigst bannt ver- s ch wan d. Der Kafsenbote wartet noch heute auf die Quittung. Kürzlich ist ein Berliner Bankhaus durch ein ähnliches Manöver zu Schaben gekonimen. In Braunschweig existiert ein Graf Otto v. Wedell nicht, wohl aber ein steckbrieflich verfolgter Herr v. Weeck, aus den das Signalement des Leipziger GaunerS einigermaßen paßt. DerGraft Wedell wird jetzt von der Kriminalpolizei in Berlin gesucht. Auf seine Ergreisilng ist eine Belohnung von 1000 Mark aus­gesetzt worden. Ter Schwindler steht in der Mitte der dreißiger Jahre, hat ein hageres, blasses, geldliches Gesicht, dunkles kurzes Haar, das etwas geivellt ist, einen kleinen dunklen Schnurrbart und einen ebenfalls etwas gewellten Spitzbart. Er tritt sehr gewandt auf und spricht die mittel­deutsche Mundart.