Ausgabe 
28.10.1904 Zweites Blatt
 
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Nr. 254

General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen

Sympathien für Wußland oder Japan?

er-

RotationSdruck und Verlag der BrÜht'sch« UntversttätSdruckeret. R. Lange, Gieße«.

Redaktion, Expedition ».Druckerei: Schulstr.7.

Tel. Nr, 6L Telegr.-Adr. r Anzeiger Dietzen,

zeugen. Von den verschiedensten Seiöen wird denn auch der Abneigung Rußland gegenüber offen 'Ausdruck gegeben; man freut sich über seine Niederlagen und feiert die japa­nischen Siege, als ob fte auch deutschen Interessen zu gute kämen.

Erscheint «tgNch mit Ausnahme des Sonntag«.

DieGießener ZamillenblStter" werden dem »Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der «^tsstsche LavdVirt" erscheint monatlich einmal.

Der Aufstand in Aculfch-SüdWestafrista.

Neue Uuheilposteu.

Der stellvertretende Gouverneur berichtet aus Windhuk in einem dort am 26. Oktober, nachmittags 4 Uhr 40 Min. abgegangenen Telegramm, daß der Schäfereidirektor Kleudgen sowie die Gebrüder Maekler, letztere in Mariental wohnhaft, von Gibeon aus als tot gemeldet worden seien. Der gleichfalls in Mariental wohnhafte Farmer Brandt sei am Leben.

Nach einem an die Direktion der südwestafcikanischen Schäfereigesellschast in Berlin gerichteten Privattelegramm, welches a,n 26. Oktober abends hier emgetroffen ist, befinden sich die Witwen der getöteten Farmer Kleudgen und Hupfeld in Gibeon in Sicherheit. Auch in diesem Telegramm wird die Rettung Brandts genleldet.

Aus Gibeon wird über Keetinaushoop und Kapstadt unter dem 7. Oktober amtlich gemeldet, daß die Farmer Scheidweiler, Bürger, Bock, Unteroffizier Dam m- koehler und Gefreiter Nagen gast getötet worden seien. Nach Meldung des Farmers Philipp vom 13. Oktober hätten die Gokhasser Hottentotten die Farmer Wieg- recht und Walter, Händler Cohn, Polizist Gitscher und eine Anzahl Buren ermordet.

Zweites Blatt. 154. Jahrgang Freitag 28. Oktober 1904

Giehener Anzeiger

Wien, 27. Okt. £* art leben« Studentenkomödlz I ui g i* iht e 11 B n ii in z u r N acfiti g a 1 [" wurde bei der Ur- anffiilming tut B ii r g 11, e a t e r trog flotter TarsleUung und der An wesenhei» des Bers.isscrs u d g e l e h n t. Hartleben tonnte zur Not einige Male cvhncüien. Tie Tenden- deö Stücke- geht gegen die Studentenbranche, wird aber durch die allzu naive Hand­lung matt, geistlos und ohne Witz vcrjochtcn.

gestern, ja heute morgen noch gehegt, waren verschwunden. Er hatte lich die Zukunft den Abend seines Lebens so schön aus- gemalt. Tas Unglück Mariens, wie er deren Fehltritt nannte, hatte er ganz und gar in feiner warmen Großherzig kett unö Liebe vergessen; was gewesen, war vergangen und verziehen. Tie Vergangenheit war tot, sie kehrte nicht mehr zurück, eine schöne, reine, zufriedene Zukunft sollte für die unglückliche Marie er­stehen und ein nur noch kurzes Leben sollte von dem milden Abendrot eines stillen Glückes erfüllt werden. Gewiß, er war so egoistisch gewesen, bei den Plänen für die Zukunft Mariens und ihres Lohnes, auch an sich zu denken, aber tonnte ihm diese menschliche Schwäche zum Vorwuri geniacht werden'?

Und nun war alles vorbei! Grau und öde lag die Zukunft ivieder vor ihm, die ihm nur ein einsames Alter bringen tonnte, oder die Gesellschaft feinerlieben Verwandten", die nur auf feinen Tod warteten.

In einer Stunde mußte Marie zurückkehreu. Er wollte ihr jetzt nicht gegenübertreten, ihr auch den Ring nicht persönlich überreichen, in ihrem Erbleichen, ihrem Erröten hätte er ihre frühere Uuwahrhaftigkeit erkannt, sich für sie geschämt. Tiefes peinliche (f>efuhl nxoltte er ihr ersparen. Mochte sie zu dem fremden Manne gehen und alles mit ihm besprechen, später würde sich dann Wahl auch eine Stunde finden, wo sie ihm ihr Herz lUisschüttete. Wau sie doch gestern abend bereit gewesen, ihm alles zu gestehen.

Er ging in das' Haus, schrieb einen kurzen Bries und legte den Ring hinein. Er erteilte ihr keinen Rat, sondern erfüllte nur den Auftrag des fremden Herrn.

Damit Sie ungestört mit dem Herrn sprechen können", schrieb er zum Sck-ilumwerde ich eine Partie in die Berge machen und erst spät heute abend zurückkehreu. Gott beschütze Sie und wende alle# zum Besten."

Tann siegelte er den Brief und überaab ihn der alten Frau Knoche zur Besorgung, wenn tiJLaric zurückgekehrt.

darauf kunte er den Knaben, versprach ihm, ihm etn>ad Schones nutjubringeu unb verliest das kleine Haus, das Asyl des Friedens und des Glückes seines Alters. Er lenkte seine schritte ui ^n Wald. Tv rt Ivars er sich an einer einsamen stelle ui das JJcood und blickte sinnend in das Vlältergelvirr empor, das in der Lonne wie .grünliches ®olb aufleuchtete. n A'ie. Bienen und Käfer umsummten ihn. Auf einer hohen Jud}e fast ein ötnft? und schmetterte sein Signal in die Luft wnaus. Bmr fern her tönte der Ruf eines Knckuks.

Des alten Herrn 'Nerven beruhigten sich. Er war ja doch lein öwlino mehr und hatte schon so viel Leid und Kummer-, Elend und Enttäuschung in der Welt gesehen, aber auch erfahren, baß icbet» Unglück nicht so groß, als es anfangs erscheint. Ver­zweifeln tut nur die Jugend, er weist, dast alles sich wieder einvenrt im menschlick-en Leben. Er schämte sich jetzt fast feinesi Kleinmuts. Konnte diese Angelegenheit mit den Ringen nicht gan -anders zusammenhäiigeu, als er sich ausgemalt'? Konnte die ganze Geschichte nicht sehr harmlos sein?

Rasch erhob er sich, ungewiß, ob er nicht gleich wieder yeunvehren sollte. Ta erklang plötzlich ein lauter Schrei in der Ferne, schrill und iamuicrnb . . . er erschrak! War das nicht Mariens Stimme'? Sollten seine Befürchtungen doch begründet sein? Er schauderte zusammen, und wie von einem unsicht­baren Feinde gehetzt, eilte er tiefer in den Wald.

(Fortsetzung folgt.)

Em- und Ausfuhr. Hier sieht man, wie die japanische Industrie auf dem besten Wege ist, die fremde Konkurrenz vom japanischen Markte zu verdrängen. Wie wenig Ein­druck machen alle Versicherungen von der Minderwertigkeit der japanischen Arbeit, wie sie trotz dieser Minderwertig­keit solche Erfolge erzielen kann. Die Tatsachenalleim sind maßgebend, und sie warnen den Geschäftsmann, die japanische Konkurrenz gering einzuschätzen.. Hand in Hand mit der Verdrängung europäischer Waren vom japa­nischen Markt geht ein rasch 'ansteigender Export japanischer Erzeugnissse. Er macht sich bereits überall im asiatischen Osten zu ungunsten des euro­päischen Absätze s fühlbar, ganz besondere Erfolge aber erzielt er in dem benachbarten China, auf dessen Er­schließung und wachsende Kaufkraft Europa so große Hoff­nungen gesetzt hat. Den chinesischen Markt betrachtet Japan als seine Domäne, es vertraut dabei auf die Rassenver­wandtschaft, die dein japniaschen Händler ein natürliches Uebergewicht über seinen europäischen Konkurrenten gibt. Weil Japan sich dieses Uebergewichts bewußt ist, kann es auf territoriale Eroberungen in China verzichten. Auf den Markt des ganzen chinesischen Riesenreiches hofft man die Hand legen zu können, wenn China als politisch selb­ständiger Staat in seinem ganzen heutigen Besitzstände unversehrt erhalten bleibt. Für eine so großartige Per­spektive kann leine auch noch so reichliche Abfindung Japans bei einer Aufteilung Chinas Ersatz bieten, deshalb schätzt es die territoriale Integrität Chinas und hat.gegen Rußland die Waffen ergriffen. In wie ganz anderem Lichte erscheint das vielen so sympathische Japan, wenn man seinen kom­merziellen Ehrgeiz und seine kommerziellen Erfolge mit nüchternem Auge betrachtet! Für den deutschen Ex­port ist Japan ein hochgefährlicher Feind; das sollten die nicht vergessen, die sich von seinen staatlichen. Tugenden und seiner militärischen Tüchtigkeit jetzt blenden lassen. Ein endgiltiger Sieg Japans über Ruß­land würde sein Prestige im asiatischen Osten derart kräftigen, daß der europäische Export gar bald die Folgen verspüren würde. Deshalb also fort mit aller Sen timssntalität, beurteilen wir die Verhältnisse vom Standpunkt des Kaufmanns, be­kennen wir offenRußland gilt uns mehr als Japan." Der deutsche Geschäftsmann, der hierüber noch im Zweifel sein könnte, braucht nur einen Blick in die Spalten der englischen yrnd amerikanischen Presse zu werfen. Uns mit Rußland zu verfeinden, ist das Ziel, auf das die englische und amerikanische Konkurrenz mit aller Macht hinarbeitet. Sie möchte daraus geschäftlichen Nutzen ziehen und ist deshalb so eifrig be­müht, antirussische Kundgebungen bei uns zu provoziereu. Sollen wir ihr diesen Gefallen tun? Wir haevn das Ver­trauen zu jedem Hüten Deutschen, daß er die wahren In­teressen des deutschen Kaufmanns besser versteht und durch kluge, besonnene Haltung die Jntriguen aller Neider zu chanden macht.

Vom Standpunkte des deutschen Exports wurde nun in der letzten Nummer derDeutschen Export-Revue" die Frage erörtert: Hat der deutsche Export Veranlassung, sich 'über die russischen Niederlagen und die japanischen Siege zu freuen? Die Antwort lautet kurz und bündig: Uns, die wir pr'e Interessen des deutschen Exports ver­treten, gilt Rußland mehr als Japan. Rußland hat im Jahre 1902 für 343 Millionen Mark deutsche Waren ausgenommen, Japan nur für 49 Millionen Mark. Schon diese Zahlen spiegeln den weiten Abstand wider, der für uns und unseren Absatz zwischen dem russischen und japanischen Markte besteht. Nur 1 Prozent unseres Gesamtexports ging nach Japan, 7.1 Prozent dagegen nach Mußland. Im letzt- verflossenen Jahre hat sich unser Absatz nach Rußland weiter gehoben, er ist auf 378.6 Millionen Mark gestiegen. Fast die gesamte deutsche Exportindustrie hat ein hervorragen­des Interesse am russischen Markt. Mustert man die statistischen Ausweise, so findet man alle Hauptwarengruppen mit sehr ansehnlichen Ziffern in der Ausfuhr nach Ruß­land vertreten, für einzelne ist Rußland der größte und bedeutendste Abnehmer. Oft und mit gutem Grunde hat der deutsche Export sich über hie russischen Zölle unds die russischen Zollchikanen beklagt, trotzdem bleibt Rußland für ihn oas Land einer großen Hofstiung. Allerdings bemüht sich die russische Negierung, eigene Industrien emporzuziehen, gewerbliche Kenntnis im Volke zu wecken und zu verbreiten. Aber so groß auch diese Anstrengungen waren, die deutsche Industrie fand Gelegenheit zu steigen­dem Absatz. Das Land bedarf der Ergänzung von außen, und je mehr die heute zum Teil erst halbzivilisierte Be­völkerung wirtschaftlich gehoben wird, uw so größer wird die Nachfrage nasch Mslündischen Waren sich gestalten. Der deutschen Industrie, die vor den Toren Rußlands liegt, bietet diese Aussicht großartige Chancen; die Früchte der kulturellen Entwicklung des Riesenreiches müssen ihr in erster Linie in die Llrme fallen. Wollen wir das, was die Natur uns gegeben hat, unsere natürliche Vorzugs- steltung auf dem russischen Markte, jetzt leichten Herzens,, sentimentalen Eingebungen folgend, aufs Spiel setzen?

Kann uns Japan ersetzen, was wir in Ruß­land verlieren? Ueb'er die gelbe Gefahr sind die Meinungen der Kenner und Nichtkenner geteilt. Manche Beurteiler gehen so weit, sie ins Reichs der Fabiel zu ver­weisen. Wie scharf aber kontrastieren mit den Behaupt­ungen von der angeblichen Ungefährlichkeit der japanischen Konkurrenz die statistischen Ausweise über die japanische

schreibt Herr Gustav .Voigts in derZeitschrift für Kolonial- politik, Kolonialrecht und Kolonialwirtschaft": Von Deutsch­land aus wird uns hier draußen der Vorwurf gemacht, Win hätten über den Ausbruch des Aufstandes orientiert sein müssen. Ja, nachher ist man immer klüger. Hier muß ich auf die Zeit des WMoikrieges zurückgreifen. Damals machten die Hottentotten unseren Truppen genug zu schaffen Von feiten der Hereros aber lag für uns nicht die geringstei Grfahr vor, denn seit dem Tode des alten Kamahereros gab es in Hereroland keine Oberhäuptlings-Autorltät mehr. Die stolzen Großen waren alle mehr oder weniger mti einander verfeindet und suchten bei Erbanaelegenheiten sich auf Kosten der anderen an Rindern gewaltfam zu öereicherm Außer Samuel suchten auch Nicodemus, Manasse imd Tjetjo sich durch Freundschaft mit den Deutschen Macht zu ver­schaffen. Wie unsere Regierung sich diese Spaltung während' der langen Jahre in geschickter Weise zu nutze gemacht hat, ist ja bekannt. Samuel, einer der Schwächern, war einmal von uns offiziell als Oberhäuptling anerkannt, und als Nicodemus sich 1896 dagegen auslehnte, unterlag! er bald unfern Truppen, denen sich Samuel mit seinem Anhang anschloß. Nicodemus Tod war die Grundlage zu Samuels Ansehen, welches mit der Zeit immer mehr zu­nahm; besonders da die alten Großen Manasse, fKlarua, Kavizeri und Kaöazembi nacheinander starben. NienranU und nach europäischen Begriffen etwas Bedenkliches darin, daß die alten Feindseligkeiten unter den Hererostämmen! beigelegt waren und wir jetzt einem einigen Hererolande gegcnuverftanden, denn Samuel, der seine Stellung, den deutschen verdankte, wurde von allen Hereros als Ober­häuptling anerkannt und ließ es bis zum Ausbruch des Aus­landes nie an Freundschaftsbezeugungen gegen unsere Re­gierung fehlen. Man war sich hier wohl darüber klar, daß der schweigsame Assa und andere stolze Hereros seit langer. Zeit sämtliche Deutschen zum Lande hinaus wünschte, aber jeder hielt sie für zu aufgeklärt, als daß sie sich ernstlich gegen die deutsche Herrschaft auflehnen würden, und Ueber- läuser betonten im Juli d. I. noch, daß Assa noch kein Gewehr in die Hand genommen hätte. In Wirklichkeit waren es auch 'die rohen Feldhcreros, welche das Gerücht verbreiteten, unsere Soldaten seien voii den Hottentotten geschlagen und der Gouverneur gefangen genommen wor­den, und als Hereroland um Neujahr vou Truppen entblößt

Ker King.

Kriminal-Nomcm von O. Elster.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Wie kaur dieser in den Besitz des Ringes, der demjenigen bis aufs Kleinste glich, den Marie Brandt zu tragen pflegte?

Scherzend hatte der Amtsgerichtsrat Marie nach dem Ursprung des Ringes gefragt. Sie war blaß wie der Tod geworden.

fragen nie nie wieder", hatte sie geantwortet.Ter Ning erinnert mich an die suMbarste Zeit meines Lebens."

Aber w.'sl>alb tragen Sie ihn denn? Wollen Sie die Er­innerung stets lebendig erhalten?"

Ja" hat sie tief aufatmend erwidert.Tas ist meine Buße"

Er hatte nicht wieder gefragt. Er nahm an .daß der Ring das Geschenk ihres treulosen Geliebten war. Aber dieser Ge­liebte, der Vater ihres Kiildes, so hatte sie ihm feierlich versickert, war tot und jetzt trat ihm ein Mann entgegen, welcher den­selben Ring 'besaß, er hatte es .selbst ausgesprochen. Beide mußten also in Verbindung gestanden haben, und da Viarie den Ning als Buf-e einer Schuld trug, so mußte der Mann, der den gleichen besaß, mit dieser Schuld in Verbindung stehen.

Tarn guten alten Herrn ward ganz traurig zu nsim. Er halte so felsenfest auf Marie gebaut, siuern Wort so felsenfest ge­glaubt, unb jetzt mußte er doch annehmen, daß sie ihn belogen. Denn wer konnte dieser Mann, der den gleichen Ring wie Marie trug, anders sein, als ihr früherer Geliebter, der Vater des kleinen Richard.

T'eshalb hatte er auch feinen Namen nicht nennen wollen, wußte er doch, daß der verhängnisvolle tintig ihm den Weg zu tiJtane bahnen würde.

Alle feine ftohen Hoffnungen, welche der gute alte Herr

Kapitän Christian Goliath von Berfaba gibt an, daß deutschgesinnte WitboiL, darunter Samuel Isaak und Petrus Tods von Stammesgenossen et J mordet seien.

Der Herero-Ausstand und die Viehsrage.

DerWeltkorr." wird geschrieben: Die Optimisten, die gehofft hatten, man könnte durch den Hereros adgenom> menes Beutevieh die Kosten des Krieges einigermaßen wieder herbeibringen, sehen sich gründlich getäuscht. jetzt sind den He reros erst 3500 StützkVie h ab ge­nommen worden. Da sie uns 20000 Stück Vieh gestohlen haben, so ist also kaum wenig mehr als ein Sechstel des uns geraubten ?Viehs zurückerbeutet worden.. Den Viehbestand, den die Hereros vor Ausbruch des Krieges gehabt haben, schütze ich auf 40 000, sodaß sie ins­gesamt über 60 000 Stück Vieh verfügten. Da" sie für ihren eigenen Bedarf, nun täglich 200 bis 250 Stück schlach­ten sollen, so ergibt! sich daraus, daß sie jetzt überhaupt nur noch sehr wenig Großvieh besitzen und am Ende, des Krieges gar nichts mehr haben werden^ Statt also den Hereros Meh abzunehmen, werden wir ihnen zum Schlüsse des Krieges noch welches geben müssen, denn wir können, ja nicht Männer^ Frauen und Kinder über die Klinge springen lassen, und! verhungern lassen können wir sie auch nicht. Allerdings wird es genügen, wenn man ihnen hauptsächlich Kleinvieh, Fell- schwanzschase und Ziegen gibt. Ein wahrer Jammer ist es auch, daß durch den Krieg unsere Simmentaler- und Pinzgau er zücht, die seit 7 Jahren ausgezeichnete Resultate geliefert hatte, vernichtet worden ist, da dieses Zuchtvieh auch weggenommen und geschlachtet worden ist. Wir werden also nach dem Kriege wieder von vorn an­sangen können. Im Süden von Deutsch-Südwest ist, wie ich höre, die südwestasrikanische Schäfereigesellschaft bei Gibeon, die mit sehr großem Kapital arbeitet, durch den Ausbruch des Hottentottenkrieges geschädigt worden.

Zur Frage der Ursachen des Herero-Aufstande-

» der Sympathien gegenüber zwei kriegfüyren-

oen Machten ift ein eigenes Ding. Nüchterne, verstandes- I^tväsiungen streiten mit Gefühlsregungen, die das Geschäftliche ignorieren, um mit einem, wie man sich selbst glauben machen möchte, höheren, besseren Maßstabe die wrlr^er zu messen. So geht es auch jetzt beim ostusiatischen Kriege. Auf der einen Seite das kleine Japan, das durch eigene Tüchtigkeit und rastlose Arbeit sich in rurzer Zeit so mächtig emporgeschwungen, das für seine nationale und wirtschaftliche Zukunft mit so bewunderns- ^rtem Heroismus kämpft, angeblich so hohe Begriffe von Ehrgefühl und Vaterlandslieve entwickeln, so rein und unverdorben dastehen soll als staatlicher und gesellschaft- licher Organismus, daß einem solchen Volke die Sympathien aller derer entgegenschlagen, die nur dem Zuge des Herzens! folgen, ist begreiflich. Gegen den russischen Koloß, der die aussteigende Entwickelung des Jnselvolkes Niederhalten mochte, kämpft der japanische Zwerg; die Sympathien für Jvpan bedingen baS Gegenteil für Rußland. Rußland hat sich aufrichtiger^ wirklicher Sympathien im westlichenEuropa stets nur wenig zu erfreuen gehabt. Viele haben sich daran gewöhnt, in Rußland den Musterstaat obrigkeitlicher Willkür und polizeilicher Schikane zu erblicken, wo alles nur von Bestechung und Unterschlagung lebt, die breite Masse des Volkes im Elend verkommt, während die kleine Schicht der oberen Zehntausend wüste Orgien feiert. Solche Vorstellungen, die aus Tatsachen und tendenziösen Ueber- treibungen ihre Nahrung ziehen, und vollends Geschehnisse wie der brutale Ueberfall der Hüller Fischerslvtte sind natürlich nicht geeignet, Sympathien für Rußland zu zeugen. Von den verschiedensten Seiren wird denn c