Nr. 175
Zweites Blatt, 154. Jahrgang Donnerstag 28. Juli 1904
Erscheint tSgttch mit Ausnahme des Sonntags. ^5” X & •
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Seneral-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Konfesstoneu.
Don einem Pfarrer aus Obephesseu erhalten wir folgende Ausführungen, denen wir sehr sympathisch gegenüberstehen, weil auch wir glauben, daß, wer gegen seine Mitmenschen, besonders iu Glaubenssachen, unduld- sam ist, einen falschen Glauben hat.
Sie brachten vor einigen Tagen in Ihrem geschätzten Blatte einen Artikel: „Neuer Kulturkampf" betitelt, in dem hieß der Schlußsatz: „Der nationale Standpunkt ist es, von dem aus jede weitere Verschärfung des konfessionellen Zwistes beklagt rverden muß." Ich glaube, den Satz noch schärfer fassen zu müssen, dahin nämlich: „3febe unnötige Verschärfung des konfessionellen Zwistes ist eine Versündigung am Vaterlands"
Wohin es führt, wenn man konfessionelle Streitigkeiten auf die Spitze treibt, das hat die Geschichte aus manchem Blatte verzeichnet. Ein einigermaßen vernünftiger Mensch kann das überhaupt nicht. Verschiedene Ansichten, auch religiöse, werden und müssen sein, es muß Leben und Bewegung auf allen Gebieten herrschen, soll keine Versumpfung eintreten. Sie können auch nebeneinander bestehen, sofern die Menschen sich vorhalten, baß alles Wissen und Erkennen in der Welt, auch das religiöse, Stückwerk ist und auf Voraussetzungen beruht; wir sehen es an den verschiedenen theologischen Schulem Die Herren, die zu meiner Zeit theologische Vorlesungen gehalten hatten, sind in ihren Ansichten von anderen überholt worden, und so wird es auch denen gehen, die heute die maßgebenden sind. Also müssen sich die religiösen Meinungen, oder besser gesagt, ihre Vertreter zu vertragen suchen. Da ist nun offenbar der erste Stein des Anstoßes das Wort, das die katholische Kirche auf chre Fahnen geschrieben hat: „Mein- seligmachend", denn sobald sie sich darauf steift, erwächst ihr die Pflicht, Andersglcnrbige, um sie der Seligkeit nicht verlustig gehen zu lassen, zu sich herüberzuziehen, alle andern Meinungen und ihre Vertreter mit jedem erlaubten — manchmal auch unerlaubten — Mittel zu bekämpfen. Da wäre also für ein friedliches „Nebeneinarcher" der Konfessionen kein Platz. Doch man halte sich vor, daß der Glaube, der katholische Glaube mache allein selig, lange nicht von allen Katholiken so wörtlich geglaubt wird, sondern daß, je mehr sich in unseren Tagen durch Handel und Verkehr die Mischung der verschiedenen religiösen Elemente vollzieht, auch das „alleinseligmachend" zurucktreten
Mag man auch mit Bangen darauf Hinweisen, wie hochstehende Kreise der katholischen Kirche sich zuwenden (das hat seinen Grund in der armseligen und vielfach mutwillig hervorgerufenen Zersplitterung der evangelischen Kirche, welche dadurch das Vertrauen der Menschen verliert), bei den breiten Schichten des Volkes wächst von v^ahr zu Jahr die Einsicht, daß Menschen überhaupt weder das „selig" noch das verdammt" aussprechen können. Freilich, solange Hetzer aus der einen und auch auf der anderen L>eite stehen, die die schmutzige Wäsche der andern Kirche, Kran es ja nie ganz fehlen wird (ich meine damit die und unabsichtlichen Mißgriffe einzelner), vor aller Welt auswaschen und die Fehler ihrer Mitmenschen breit treten in anderen Weise, als der Heiland gelehrt und gehandelt hat — so lange wird es noch gute Wege haben mrt entern friedlichen Nebeneinanderwohnen der Kvnfessio- nen. Daraus ergibt sich aber eine Hauptforderung für Orte, wo man konfessionelle Streitigkeiten seither nicht kannte, und wo die Vertreter beider Konfessionen friedlich nebeneinander wohnten — die Forderung nämlich, nicht mutwillig Streit anzuregen, angeblich zu dem Zweck, katholisches oder evangelisches Bewußtsein zu wecken, ^te Flamme des Glaubens wachzuhalten, dazu haben wir das Gotteshaus, welches von sich als eine Stätte des Friedens alle Schmähungen aussch ließt; toenn aber nun in öffentlichen Versammlungen die Sünden, die ein Katholik oder ein Evangelischer gegen die gegnerische Meinung etwa in Polen oder Schlesien begangen hat, bei uns in Hessen gegeißelt werden, und man es an Seitenhieben auf die Gesamtheit der gegnerischen Kirche rricht fehlen läßt, so ist das ohne weiteres zu verwerfen. Die große Masse unseres Volkes ist der ewigen Streiterei müde und mit Recht. Ich glaube, wenn unser Heiland heute in so manche Versammlung hineinkäme, wo eine Konfession auf Kosten der andern sich erhebt, er würde in den ,^ravos" und „sehr gut" und „große Heiterkeit" nicht mit einstimmen, er würde vielleicht wieder eine Geißel flechten und die Gesellschaft aus einander treiben Heutzutage herrscht der „Sport" auf allen Gebieten und leider auch äuf religiösem Gebiet ist die Hetzerei ein gewisser Sport/ Womit wollten denn dann manche Blätter auf katholischer wie evangelischer Seite ihre Spalten füllen? Da gibt es Matter, die nur von der Aufzahlung der Sünden Andersgläubiger leben. Sie sollten nur ihre Bibel aufschlagen und neben chre Artikel legen, etwa die Stelle: „Wenn dein Bruder von
einem Fehler übereilt wird, so hilf chm zuerst mit sanftmütigem Geist".
Ich sprach neulich mit einem Abgeordneten, der sagte mir: „Das Heraufbeschwören konfessioneller Streitigkeiten^ die Sucht, statt die Gegensätze zu mildern, sie $u verschärfen^ legt sich wie ein Bleigewicht auf die Regierungsmaschen^ wir haben gerade genug zu tun mit den nationalen Elementen, nun auch noch konfessionelle Streitigkeiten in den gesetzgebenden Körperschaften, das ist ein Verderben für Regierung und Regierte." Wahrlich, die konfessionellen Bedenken sollten zurücktreten hinter die Bedenken, die die der Religion abwendig gemachten, mit durch die konfessionellen Streitigkeiten abwendig gemachten Tausenden unseres Volkes bei uns aussteigen lassen.
Das Vaterland verlangt keine Katholiken und Evangelische, sondern gute Christen und gute Menschen. Es ist immer noch ein wahres Wort, das der alte Fritz ge- ffnwchen hat, „Ton dem Seligwerden nach eigner Fa-on" — sagen wir: Es mag sich jeder mit seinem. Gott in das rechte Verhältnis setzen nach der ihm gelehrten und anerzogenen Weise — in der Ewigkeit ist fein Platz für nach Konfession Getrennte —i seien wir hier untereinander Brüder in Wort und Tat und treue Söhne unseres Vaterlandes, das auch öin GeschenL unseres Gottes ist und nicht das geringste.
Aas englische Unterhaus
hat sich bereits mit der Beschießung des britischen Schiffes ,Miight Commandor" durch die Russen beschäftigt. Am 26. d. M. fragte Dille an, ob es wahr sei, daß das britische Schiff „Knight Commandor" von den Russen in den Grund-, geschossen worden sei. Balfour erwidert, der RegierunN seien entsprechende Gerüchte zu Ohren gekommen, doch hatte die Regierung bisher nicht die Möglichkeit, Me Wahrheit festzustellen. Er brauche kaum zu sagen, daß alle möglichen; Nachforschungen angestellt würden, bis diese aber ein Ergebnis zeitigten, sei es äußerst unzweckmäßig, irgend etwas? weiteres zu sagen. Gibsou Bowles fragt an, welche Schritte die Regierung bei der Pforte getan habe, um der Verletzung der Verträge von 1855 und 1871 seit der Note wegen der Durchfahrt von russsscheu Torpedobooten durch die Dardanellen am 1. Januar 1903 vorzubeugen. Balfour erwidert, bis zur Durchfahrt der „Petersburg" und der „Smolensk habe die Regierung fett der oben erwähEn
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