Dienstag 27. Dezemver1N04
154 Jahrgang
Erstes Blatt.
GietzenerAnzeiger
General-Anzeiger y
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
Schvlprab« V« Cbrtfit für Deveichent Vn-etger Gtetzen. ^mtlpredjanitbluB 9h 51
ve»og»pr«t-, monatlich 76 W., oteriet* jährlich DU. 9JO; durch Äbhole- it Zweigstellen monatlich Go Pf.; durch die Post M.».— »ietteb. jährt. auSschl Bestellg. Annahme von Anzeigen tüi die TageSnummer bis vormittags 10 Uhr. ZeitenprelS lokal 12Pf«, aufirodrtl 20 Pfg.
Verantwortlich fül den poltL und augem. TeU P. Wittko; Mr .Stadt und LandE und .GenchtSfaal^'. August Goetz, für den Anzeigenteil. HanS Beck.
Nr. 304
#rieeitit tügltch außer Sonntag».
Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem Kesfischen Landwirt die Gießener Kamillen» dlLtter viermal in der Woche de,gelegt.
KotattonSdruck u. Verlag der Brühl 'lchen Ünwer1.-Buch-u. Stein» brudtrti. 8t Bange
Iie ßeufifl? Wummer umfaßt 8 Seiten.
en Unterseebootes von 480
stört jein.
Ausland.
Varis, 26. Dez. Ter „Temvs" berichtet aus Nom, der Papst leibe wieder an Gicht: infolgedessen habe er gelegentlich der Weihnachtsfeier nicht wie üblich alle Prälaten, sondern nur die Kardinale empfangen. Auch habe er gestern rncht die Frühmesse gelesen.
— Ter „Temvs" bespricht die Lage in Marokko und schreibt, wenn der Sultan darauf bestehe, die französischen Ver- pflichttrngen abznlehncn, so wird nur als einziges Druckmittel übrig bleiben, eine Marinedentonstration zu veranstalten und die Küste von Utdja zu besetzen. Sollte sich dies als unmöglich erweisen, so könne Frankreich noch immer acht marokkanische Häfen, welche dem Handel geöffnet sind, besetzen. Aber dieses energische Mittel wlirde für den Sul- t a n schlimme Folgen, wenn nicht gar die Absetzung nach sich ziehen. Zu diesem Mittel müßte sich jedoch Frankreich bequemen, wenn es durch die Haltung des Sultans dazu gezwungen würde.
Biserta, 26. Dez. Das Unterseeboot Korrigan machte gestern interessante Versuche auf hoher See. Es blieb 12StundenunterWasser, ohne daß die Besatzung irgendwie litt. Ter gesamte Mechanismus arbeitete vorzüglich
Cherbourg, 26. Tez. Ter Marineminister befahl den Bau eines neuen grof
Deutsches Reich.
Berlin, 26. Dez. Der Kaiser verlieh dem Geschlechte >on Bülow das Präsentationsrecht zum Herrenhaus e. Der Kaiser gab dem Reichskanzler am heiligen Abend hiervon Kenntnis. ' ,
_ Die Verlobung des spanischen Königs Asons XIII. mit der 19 Jahre alten Herzogin Marie Antoinette von Mecklenburg, Tochter des Herzogs Paul von Mecklenburg-Schwerin, ist, wie das ,^8erl. Tagebl." meldet, beschlossene Sache und wird im Februar, wenn der junge Monarch nach Deutschland kommt, um Kaiser Wilhelm II. zu besuchen, vollzogen werden.
— Rach der „Danz. Ztg." hat auf der Provmzial- Versammlung des Bundes der Landwirte für Westpreußen der Abg. von Oldenburg erklärt, er habe einen hohen Staatsbeamten gefragt, wie er einen dem Vater lande schädlichen Handelsvertrag unterschreiben könne. Der Staatsmann habe ihm geantwortet: „Wenn ich es nicht tue, dann tut es ein anderer." Die „Nordd. Allgem. Ztg." stellt, da diese Aeußerung in mehreren Blättern dem Reichskanzler Grafen von Bülow angehängt wurde, fest, daß der leitende Staatsmann niemals etwas Derartiges gesagt hat, und überläßt es dem Abg. von Oldenburg, zu erklären, wer der von ihm gemeinte hohe Staatsbeamte ist. (Rach einem Hamburger Blatte soll es der Minister v. Podbielski gewesen sein.)
— Rach einer Blättermeldung schweben zwischen Preußen und dem Königreich Sachsen Verhandlungen über den Abschluß eines Lotterie-Vertrages.
— Dem Vernehmen »nach wird der Entwurf des amtlichen Waren-Verzeichnisses zum Zolltarif im BundeSrat noch verschiedenen Aenderungen unterworfen werden. Man wird das Verzeichnis mehr den Bedürfnissen des Handels anzupassen suchen. Die Arbeiten an dem Entwurf werden sich deshalb noch einige Zeit hinziehen, jedoch besteht die Absicht, dieselben möglichst zu beschleunigen, damit die Interessentenkreise frühzeitig über die Interpretation der einzelnen Zolltarif-Positionen, wie sie das amtliche Warenverzeichnis bringen wird, aufgeklärt werden.
Volitlsche Tagesschau.
Ter Tod Syvetons.
Tr. Pechin, welcher als einer der ersten die Leiche Syvetons gesehen hat, erklärt, er nehme an, daß verbrecherische Hande in dem Zimmer, worin Syveton schlief, ein Kohlenfeuer angezündet hätten. Pechin verbreitet weiterhin dast Gerücht, wonach der Portier des Hauses geholfen halbe, die Leiche ins Arbeitszimmer zu schaffen. Ter Portier soll sogar hierbei ohnmächtig geworden sein. Der Schwager Syvetons erklärt sich überzeugt, daß Vergiftung vorliegt, obgleich die Sachverständigen das Gerücht dementieren, es sei bei der chemischen Untersuchung Opium (nach einer anderen Version Morphium) gefunden worden. Alle Zeugen der dramatischen Szenen, welche dem Tode Syvetons vorhergingen und folgten, sind beim Untersuchungsrichter einander gegenübergestellt worden.
Der Präsident der Vaterlandsliga Jules Lemaitre bestätigte vor dem Untersuchungsrichter, daß ihm Frau Syveton nach dem Tode ihres Gatten 98 000 Francs übergab minder Erklärung, Syveton hätte diese Summe aus dem Wahlsonds der Liga veruntreut.
Es verlautet mit Sicheret, daß von einer Verhaftung Frau Syvetons endgilttg Abstand genommen worden ist, da mit Bestimmtheit nur Selbstmord des Deputierten unter Mitwissen seiner Gattin angenommen wird. Der Grund des Selbstmordes Syvetons ist weniger in den Beziehungen zu seiner Stieftochter zu sehen, bei denen die Hauptschuld aus Seiten der Frau zu suchen sein soll, sondern in den schweren Unregelmäßig ketten in der Kassenführung dev Vaterlandsliga. Die Unregelmäßigkeiten Syvetons wurden von dem Deputierten Villenerwe schon zweimal auf Bitten der Frau Syveton ausgeglichen. Die Weigerung Villeneuves noch ein drtttes Mal einzuspringen, zwang Syveton zum Selbstmord.
Angesichts der Angriffe der nationalistischen Presse yat Frau Syveton, wie versichert wird, vor dem Untersuchungsrichter den Nachweis erbracht, daß sie aus ihrem eigenen Vermögen eine große Summe ersetzt habe, welche beim Tode Syvetons in der von ihm verwalteten Kasse der Patrie Francaise fehlte.
Das Blatt „Patrie" macht Anspielungen auf das freundschaftliche Verhältnis zwischen dem Marineminister Pelle- tan und Frau Syveton und meint, es sei nicht ausgeschlossen, daß Pelletan der Ratgeber der Frau Syveton war, und daß hierdurch Syveton in den Tod getrieben worden sei. „Patrie" veröffentlicht ferner verschiedene Interviews mit bekannten Nationalisten, und erklärt, daß nach deren Mitteilungen die Gelder der Patriotenliga Syveton ohne jede Kontrolle zur Verfügung standen, Syveton brauchte daher, selbst wenn er auch Unterschlagungen begangen hätte, nicht zu befürchten, daß ihm hierdurch Schwierigkeiten entstehen würden. Jedenfalls wäre dies kein Grund zum Selbstmord gewesen. Prevost de Launay und der Vater Syvetons wollen immer noch an Mord glauben.
In der Wohnung SyvetonS sind die gerichtlichen Siegel auf Veranlassung der Familie angelegt worden, welche Anspruch auf einen Teil des Vermögens macht.
Rußlands Kriegsbedarf.
Petersburg *'25. Dez. Tie ruf fische Botschaft in Paris und der Pariser Agent des russischen Finanzministeriums erhalten jetzt viele Anftagen und Vorschläge betreffenb Lieferungen von Bedürfnissen des Kriegswesens und der Intendantur. In dieser Hinsicht ist die Telegr. Ag. ermächtigt, zu bestätigen, daß die russische Intendantur keine Bestellungen oder Ankäufe weder in Frankreich noch in anderen Ländern gemacht hat ober zu machen im Begriffe ist, da bie Probuktion ber russischen Fabriken unb Betriebe zusammen mit dem bäuerlichen Gewerbebetrieb vollkommen ausreichen, um bie Bedürfnisse der Armeepfleg
ung zu decken.
Mobilmachung.
Petersburg 26. Dez. Meldungen and der Provinz bestätigen, baß sich die Mobilmachung unter g ü n st i g e n Bedingungen vollziehe. Die Behörden haben umfassende Vorsichtsmaßregeln getroffen. Die Bahnhöfe werden durch Militär streng abgesperrt, die Gasthäuser werden abends frühzeitig geschloßen. Tie Gemeindebehörden und Wohltätigkeitsvereine sorgen auf den Bahuhöfeu für ®etränte. Tie Soldaten werden auf der Durchreye in Käfern en oder öffentlichen Gebäuden untergebracht.
Französische Mildtätigkeit.
Paris, 26. Dez. Tie Subskription der französischen Presse für die russischen Verwundeten ist geftern mit 646 901 Fr. geschlossen worden.____________
tzin Weiynachts-Kttatz d?s A-rren nnd Anderes aus Außtattd.
Kurz vor Schluß der Redaktion erhielten wir folgendes Telegramm: . t _ ,r
Petersburg, 27. Dez. (W.-B.) Ein Erlaß des Kaisers an den Senat über einen Entwurf 'z nr Vcrvollkomm -
Tonnen. Dasselbe wird eine Länge von 53 Meter und eine Breite von 4 Meter erhalten. Es wird mit allen bis jetzt bekannten Verbesserungen versehen und erhält 6 Torpedolaneierrohre.
Radom, 25. Dez. In der vergangenen Nacht durck^og nach Beendigung des Gottesdienstes in der katholischen Kirche eine hauptsächlich aus Arbeitern bestehende Volksmenge mit einer roten Fahne singend die Hauptstraße. Ihr entgegen tretende Patrouillen wurden mit Schüssen empfangen. Der Kommandeur des Infanterie-Regiments-Nr. 26 wurde getötet, ein Gendarm verwundet. Von den Manifestanten lourde ein Mann getötet. Es findet hier gegenwärtig die M o - bilmachung statt.
Aer Krieg.
Alls der Mandschurei.
Petersburg 25. Dez. General Kuropatkin meldet dem Kaiser unter dem gestrigen Tage: Mm 24. Dezember eröffneten die Japaner bei Tagesanbruch das Feuer auf unsere Feldwache beim Taipinlingpaß ans dem Wege Sintsintin-Huaiiensan. Unsere Feldwache zog sich hinter den Paß zurück. Nacktem Verstärk- u n g e n ebtgetroffen waren, rückten wir wiederum vor nnd besetzten den Taipinlingpaß. Wir haben 12 Mann verloren. Tie Verluste der Japaner stnd größer.
Petersburg, 26. Tez. Wie General Kuropatkin dem Kaiser vom 25. Dezember meldet, verdrängten am 23. Tez. Freiwillige südlich 'von Tschiantan stehende j apanische Feldwachen und verbrannten zwei Dörfer, in denen sich große Niederlagen von Fourage, Lebens Mitteln und Patronen befanden. — Ein weiteres Telegramm Kuropatkins an den Kaiser berichtet: Irr der Nacht zum 25. Tez. find keine Meldungen über Kämpfe auf der Front der Armee eingegangen. Tie Kälte stieg nachts auf 13 Grad.
Petersburg, 25. Dez. Ter Birschewija WjedomoU wird aus Mukden von gestern gemeldet: Im Torfe Syossi erfebien eine etwa 800 Mann starke Bande Chunchusen. Eine Abteilung Militär, die zu ihrer Verfolgung abgesandt wurde, geriet mit der Bande ins Handgemenge, schlug sie in die Flucht und nahm ihr eine große Menge Groß- nnd. Kleinvieh a b. Die russischen Truppen sind jetzt gut für bett Winter ausgerüstet, die Zahl der Erkrankungen unter den Truppen ist geringer als zu Friedenszeiten.
Petersburg, 26. Tez. Tie Korrespondenten der ritssischen Blätter in Mukden versichern, daß die Japaner infolge der Epidemien und Kälte vielfach desertieren. Diese Versionen nehmen sogar einen für die Japaner ernstlichen Charakter an. So soll kürzlich ein ganzer Zug japanischer Reiterei zu den Russen überg e gangen sein.
Tokio, 26. Tez. (Reuter.) Es werden umfassende Vorbereitungen getroffen nm Marschall D ti ama beträchtliche Verstärkungen von Infanterie und Artillerie zu senden.
Port Arthur
Tokio, 25. Dez. (Reuter.) Von der Port Arthur belagernden Armee wird die gestern erfolgte Besetzung von Talinch i a t u tl und der F a l l s ä m t l i ch e r vor der rechten Flanke ber Japaner gelegenen vorgeschobenen russischen Befestigungen gemelbet.
Tokio, 26. Dez. Tie vorgeschobenen Batterien ber Japaner bei Port Arthur erreichen nunmehr mit Sicherheit mit ihren Geschossen ben „Sewastopol". Ter Panzer, welcher bereits von Geschossen getroffen ist, dürfte binnen kurzem völlig zer-
nu tt g der-S ta>tsorbnung besagt: Bei derunabänder- derlichen Wahrung der Unerschütterlichkeit der Reichsgrundgesetze soll an Aendeungen, wofür das Bedürfnis gereift ist, zur Befriedigung der Bedürfnisse des Volkes herangetreten werden. Tie erste Sorge des Kaisers bilde die allerbeste Ordnung des Daseins des B a ne r n st an d e s. Hierüber * finden bereits eingehende Beratungen von ausgewählten,höchsten Verwaltungspersonen statt. Ter Kaiser befehle, daß diese Arbeiten die Gesetze für den Bauernstand mit ber allgemeinen Reichs- gefetgebung in Einklang bringen zur bauemben Sicherheit bieses Standes und ber vollberechtigten freien Landbür- g e r. Ferner seien nnaufschiebbar erstens: Maßnahmen zum Schutze der vollen Kraft bes Gesetzes intb Haftbarmachung der Behörden für willkürliche Handlung; zweitens: Weite Teilnahme örtlicher und städtischer Eirt- richtungen an der lokalen Verwaltung unter Ver- leihung ber erforderlichen Autonomie unb Heranziehung von Vertretern aller Teile der interessierten Bevölkerung, sowie neben! den Semstwos Schaffung von Lokalverwaltungskörpern für Gebiete kleineren Umfangs: drittens: Gerichts form zur Wahrung der Gleichheit vor Gericht und Unabhängigkeit der Gerichtsverfügungen: viertens: staatliche Arbeiterversicher^ u n g; fünftens: Durchsicht ber währenb des Auftretens verbrecherischer Feinde der öffentlichen Ordnung erlassenen Ausnahmebestimmungen: sechstens: Durchsicht der Gesetze über d« Rechte der Sektierer und Personen heterodoxer und nicht christlicher Bekeiiniiüsse zur Festigung der chrrch das Grundgesetz des Reiches geheiligten Duld'amkeit in Glaubenssache nix siebentes: Durchsicht der bestehenden Verordnungen, welche die Rechte der Ausländer und Eingeborenen in besonderm Reichsgebieten beschränken, in dem nur Rußlmcks WohL fördernde Bestimmungen übrig bleiben; achtens: die überflüssigen Einschränkungen in Verordnungen über d« Presse sind zu beseitigen zum Nutzen Rußlands
Ter Kaiser ordnet auf diesen Grrmdlagen die baldigste Umgestaltung an und bestimmt die Prüfung aller Fragen durch das Ministerkomitee sowie die Einseirdung ber Beschlüsse und Berichte. .
Moskau, 27. Dez. (W.-B.) Bei der^ heutigen Eröffnung der Semstwo-Versammlung bes hiesigen Gouvernements hielt der Vorsitzende, Fürst Trubetzkoi eine Llnsprache, worin er auf die gegenwärtige schwere Lage Rußlands hinwies, die eine nervöse Erregung des Volkes hervorgerufen habe. Redner betonte, die Semstwos hätten das Vertrauen^ zum Kaiser, daß der glückliche Tag nahe sei, wo die gegenw artig e Staatsordnung, die den Herrscher dem Volk entfremde, u m geändert werde, und wo der Kaffer frei erwählte Volks-» Vertreter zur Teilnahme an der Gesegtzebung berufe durch deren Mithilfe die Macht des Kaisers und die Größe der Krone gestärkt und ein neues Aufblühen des Vaterlands herbeigeführti werde.
H e l s i n g f o r s, 26. Dez. In der Sitzung der Ritterschaft und des Adels am 23. Tez. wurde eine von 10 Mitgliedern^ unterschriebene Petition betreffend die Pflege der Gesetze ein- gebracht, in welcher erklärt wird, daß es für den. In hab er des Prokuratoriums im kaiserlichen Senat die ^mabweisliche Pflicht gewesen wäre, zu versuchen, die Veröffentlichung gesetzwidriger Bestimmungen durch den Senat zu verhindern. Die Petttwn, ersucht <umer den Kaiser, das Amt des Prokurators in der ur<-, sprün glichen, zweckentsprechenden Form wiederher zu stellen.
Aio Aamilientrasiödie von Maulbach.^)
(Original-Artikel des „Gieß. Anz.")
Zn der auswärttgen Presse ist eine Reihe von falscheiv Mitteilungen über die erschütternde Fcnnilienttcrgödie voft Mcrulbach verbreitet worden und auch verschiedene Gerüchte^ die in Maulbach selbst sowie in der Uinigegend und üti* Homberg umlaufen, sind durchaus unrichtig. Wir sind inj der Lage, in folgendem eine authentische DarstellnWt des F-a'lles zu geben.
Reitz, der Urheber des fürchterlichen Dramas, war em angesehener Manu in seiner Gemeinde; er war gottesfürchtig und solide, ein guter Familienvater und Ehemann. Seine Enthaltsamkeit in allen Genüffen war groß.. Er rauchte nicht und trank nicht, verschmähte selbst bei außerordentlichen Gelegenheiten ein Glas Wein. Sein Vermögen betrug etwa 50 000 Mk. und seine Verhältnisse waren» in jeder Beziehung durchaus geordnet. Er stand int 42, Lebensjahre.
Dieser Mann nun hat seine ganze Familie hrn-> geschlachtet, kurz vor dem Weihnachtsfeste, ohne jeden begreiflichen Grund. Man hat seinen, Statnmbaum soweit als möglich verfolgt und nichts ermittelt, was aus sich vererbende schwere Krankheiten odep Leidenschaften schließen ließe. Alle seine Vorfahren waren» brave, nüchterne, gesunde Leute.
Aus welchen Gründen also der Mann seine gan^s Familie ausgerottet hat, bleibt ein Rätsel. Wie fufy dre Tragödie abgespielt hat, haben wir erfahren.
Am 21. d. M. hatte Reitz geschlachtet. Er besaß einen reichen Viehstand, einen wohlbestallten Hof und ein schönes^ wohnliches, stets sehr sauber gehaltenes Haus. Tas Fleisch der geschlachteten Tiere ließ er über Nacht im Hause, neben, seinem engen Schlafzimmer, in dem die ganze Familie schlieft bestehend aus Vater, Mutter (einer sehr stattlichen ge-^ sunden, kräftigen Frau, die das respektable Körp-ergewichL von etwa Mei Zenttrern besaß), einem 17jährigen kräftigen Sohne, der, obwohl er von seinem Vater irrtümlich für tuberkulös gehalten wurde, erst jüngst infolge besonders, guter Pflege 30 Pfund zugenommen hatte, und zwei Mädchen, Zwillingen im Alter von 13 Jahren. Diese Mädcben sollten am Morgen des 22. zur Schule geheu, und da sich kurz vor 8 Uhr noch immer nichts im Schlafzimmer rcgtcd trotz wiederholten Pochens der Nc^rgd an die verriegelte Tür^ so eilte sie schließlich ängstlich geworden, zu Nachbarn.^ Diese hatten Reitz am brühen Morgen, sowohl etwvj um 6 wie um 7 Uhr, am Fenster des Schlafzimmers gesehen. Sie begleiteten das Mädchen, und da mich, auA ihr starkes Klopsen alles still blieb, so erbrachen sie die Tür, um nun raus schaurigen Anblickes leilyaftig
zu werden. Die ganze Familie lag in ihrem Blute. Tie
*) Nachdruck nur mit deutlicher Quellenangabe („Gieß. Anz-I gestattet.


