Ausgabe 
27.10.1904 Zweites Blatt
 
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Homburg, 26. Okt. Vor dem hiesigen Schöffengericht /)urde _gegen den Chemiker I. H. Herzogenrath von verhandelt, welcher der unbefugten Führung m St. *1?Vortitels angeklagt war. Es begab sich aus dieser Verhandlung, daß der Angeklagte Sitzungen mit einer Som- na mb ul en abgehalten hatte, worin diese auf sein Befragen über die Gesundheitsverhältnisse seiner Patienten Auskunft gab, iielvit wenn tiefe nicht anwesend waren, sondern nur einige «t Zacken abgeschnittene Haare einge- cÄlt Aus den bei ihm vorgefundenen zahlreichen

Briefen Krauter ergab sich, daß die Dummen auch heute noch nicht alle werden. Im Hinblick auf die beabsichtigte Täuschung des Publikums zu betrügerischen Zwecken, die durch die Annahme des ^oktortitels unterilützt werden sollte, wurde gegen den An- geklagten auf eine Geldstrafe von 50 Mark erkannt. Das Aus- falligit-e hierbei i|t aber, daß Aerzte es nicht unter ihrer Würde erachten, einen derartigen Schwindel zu unterstützen, wie sich auch wieder in diesem Falle zeigte; denn ein praktischer Arzt, Tr. I. Bergmann von Leipzig, hatte dem Angeklagten schriftlich bezeugt, , serner Sitzungen die somnambule die Gehirn- beichackenheit eines epileptischen Patienten genau geschildert und in k emCnt anderen r^alle eine richtige Diagnose auf das Herz- und Nierenleiden einer nicht einmal anwesenden Person gestellt yj are lranlhaften Berändernngeii im Innern ihrer Nieren zu- ..^^^an^habeU Solange derartige Tinge noch slnd, ist auch die Hoffnung vergeblich, daß durch eine ge- seüigt^loe^^algung des Kurpfuschertums dieser Schwindel be- ' 29; ^kt. (Prozeß d'Autrich e.) d'Autriche gibt nähere Einzelheiten über seine Buchführung und räumt ein, daß er ewige N a d i,e r ungen gemacht habe, aber ohne irgend eine betrügerische Absicht. Hauptmann Marechal erklärt alsdann, er habe ui Bürich ernem Spion, der sich den Namen A u st e r l i tz beilegte, 25 000 Fres. übergeben, dieser habe eine Empfangs- beicheinigung ausgeferligt, die aber verloren sei.

m ^^u^leilung eines früheren Rechtsanwalts.

der 5. Strafkammer des Landgerichts Dresden hatte sich der Rechtsanivalt Pirngruber, 1869 zu Kronach in Bayern geboren, wegen Unterschlagung zu verantworten. P. übte bis 1899 bie Rech-tsanwaltspraxis in München aus, hatte dort in einem Weinlokal ein heftiges Renkontre mit Galten und benahm sich bei dieser Gelegenheit derart, daß das Ehrengericht der bayrischen Anwaltskammer gegen P. ein» schritt, ihn zu 1000 Mark Geldstrafe verurteilte und der Würde eines Anwalts für verlustig erklärte. Gleichzeitig erfolgte auch oer finanzielle Zusammenbruch des Anwalts, nachdem kurz vorher seme erst 1898 geschlossene Ehe wegen Geisteskrankheit der Frau geschieden worden war. 1900 siedelte P. nach Zürich über, be­gründete dorthin sog. Nechtsbureau und trat gleichzeitig zu einer verheirateten ^äpoeizerin in ein intimes Liebesverhältnis. Tas- selbe erlitt nach zweijähriger Tauer eine jähe Unterbrechung, als der ehemalige Münchener Rechtsanwalt plötzlich aus Zürich verschnxrnd. Er hatte nämlich von einem Züricher Glasermeister den Auftrag erhalten, eine Erbschaft in Höhe von 540 Mark gu beheben. Diese Ordre führte P. zwar aus, er ergriff aber mit dem Gelbe die Flucht, hielt sich eine Zeitlang in London aus und kam bann gänzlich mittellos nach Deutschland zurück. Nach mancherlei Kreuz- und Querfahrten, und nachdem die Zü­richer Gerichtsbehörde hinter dem Flüchtigen einen Steckbrief erlaisen hatte, tauchte der Gesuchte schließlich in Dresden auf und nahm Quartier in einem hiejsigen Gasthof. Bei einer poli­zeilichen Revision wurde er auf Grund des Steckbriefes festgenom­men. Nach einem Uebereintommen mit den schweizerischen Be­hörden wurde P. vor dem hiesigen Landgericht abgeurteilt. Auf

Grund seines' Geständnisses erkannte der Gerichtshof auf eine Gefängnisstrafe von acht Monaten. ______________

Kandel und DerKehr. Wolkswirlschaft.

Reichsbank. Am 14. November wird in Arnsberg (Westfalen) eine von der Reichsbankstelle in Hamm abhängige Reichsbanknebenstelle mit Kafseueinrichtung und beschränktem Giro­verkehr eröffnet werden.

Russische Ber handlun g en. Erst gestern konnten wir mitteilen, daß ine russische Regierung vorerst nur einen kleinen 'Betrag ihrer in Paris aufgenommenen Anleihe an sich genommen hat und daher noch ausreichend versorgt zu sein scheine. Dem­gegenüber meldet nun derStandard", daß Rußland eine 5 proz Anleihe von 54 Mill. Lstc. in Schatzbonds aufnehmen wolle, wovon die Hälfte von Deutschland und der Rest von Frankreich, Belgien und Holland aufzubringen sei. Der erste Teilbetrag von 40 Mill. Lstr werde jedoch md# vor Januar nötig sein. Andererseits meldet nun ein Korrespondent derF.-Z." aus St. Petersburg, daß sich gegenwärtig die Herren Geheimrat v. Mendelssohn-Bartholdy und C. ^iichel von dem Berliner Bankhaus Mendelssohn u Co in Petersburg befinden und wiederholt Besprechungen mit dem Finanzminister hatten. Es handle sich, wie der betreffende Kor­respondent auf Grund der allerbesten Informationen versichern kann, nicht um eine neue russische Anleihe. Zu gleicher Zeit rst Herr Direktor Rothstein von der Petersburger Internationalen Handelsbank in Paris, um über Angelegenheiten der russisch- chinesischen Bank zu unterhandeln. Auch hier soll feine neue russische Anleihe in Frage kommen. Um nun alle Nachrichten hier wiederzugeben, sei noch mitgeteilt, daß an der gestrigen Frankfurter Börse Pariser Tepescl-en verbreitet waren, laut welchen angeblich die Begebung neuer russischer Schatzbonds im Betrage von 1 Milliarde Frs. unmittelbar vor dem Abschluß steht.

Von der Londoner Börse. Ten Meldungen zufolge beginnt jetzt erst der russisch-englische Zwischenfall den Londoner Markt erheblicher zu beunruhigen. Es werden von dort er­mattete Kurse gesandt, sowohl für Konsuls und internationale Fonds, Urie für Amerikaner und Goldshares. Tie spekulativen Engagements sind auf den beiden letztgenannten Gebieten stark angewachsen. Jede unangenehme Störung wird daher sehr empfunden.

Märkte.

(th.) Gießen, 26. Okt. Ter gestrige Viehmarkt hatte einen Vorrat von etwa 40 Gangochsen und 900 Schweinen. Ein eigentlicher Handel in Fahrvieh fand wegen Mangels an Käufern nicht statt, doch handelten die Verkäufer unter sich; man tauschte aus; nur wenige Paare wurden für die oberhessische Landwirt­schaft angekauft. Ter Schweinemarkt war wieder recht flau und die Ware war nur zu recht gedrückten Preisen anzubringen. Erheblich schlugen besonders Ferkel im Preise ab, während Läufer, speziell kräftigere Tiere, eher noch auf ihren Preis kamen, aber auch nur zu weichenden Preisen zu verkaufen waren. Gesucht waren gute Einlegschweine, die von den Händlern in Hannöverscher Ware an den Markt gebracht worden war, und für welche auch angemessene Preise bezahlt wurden. Es wurden gehandelt pro Paar: Fahrochsen zwischen 700800 Mk., Ferkel bis 10 Wochen alt, 2532 Mk., bis 16 Wochen alt, 3845 Mk., leichte Läufer 5080 Mk., schwere Läufer 90110 Mk., Einlegsckstveine das Stück 7080 Mk. Ter Schweinemarkt blieb stark in Ferkeln und leichten Läufern überständig. Nächste Markttage 22. und 23. No­vember d. I., am zweiten Tage auch Krämermarkt.

(P.) Gießen, 27. Okt. Ter gestern abgehaltene zweite Zwievelmarkt war mit Ware noch knapper versehen als der Markt vor 14 Tagen, denn es standen höchstens 6080 Zentner zum Verkauf. Tabei waren die gekommenen Käufer überaus zahlreich und entwickelten eine so rege Kauflust, daß die Preise der Zwiebeln noch höher wurden. Wetterauer Gewächs

war der Zentner unter 10 Mark nicht zu haben, und der kleine Vorrat davon wurde bis Mittag abgesetzt. Auch die norddeutsche yn9OLm in die Höhe und erzielte 89 Mark. Zahl- reipe Hausfrauen und Hausväter kamen um Zwiebel zu kaufen gestern am Nachmittag vergeblich nach Oswaldsgarten, berat ber für den Bedarf viel zu kleine Markt war schon gleich nach 2 Uhr ausverkauft.

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«Landwirtschaft.

Die W eizenausfuhr aus den Vereinigten Staaten scheint im laufenden Jahre den niedrigsten Stand zu erreichen, den der Ausfuhrhandel in einer Reihe von Jahren zu verzeichnen hat; die Ausfuhrziffern während der ersten neun Mvnate dEsJahres betrugen weniger als 10 Millionen Bushels gegen 55 Mill. Büchels in derselben Zeit des Vorjahres. Auch bei der Mehlausfuhr beginnen sich die Wirkungen ber für die Ausfuhr nur geringen verfügbaren Mengen Zn zeigen; für die neun ersten Monate dieses Jahres belief sich die Ausfuhr nur auf 5 Millionen Faß gegen 13y2 Millionen Faß gleichzeitig 1903

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