Aus Stadt und Land.
Gießen, den 27. Mai 1904.
— Beauftragte der Handwerkskcimmer. Für ■ die Handwerker von großer Wichtigkeit ist die von der Handwerkskammer in Ausführung der Vorschriften zur Regelung des gewerblichen Lehrlingswesens auf Grund der §§ 103 n resp. 94 c der Gewerbeordnung getroffene Ernennung von Beauftragten. Diese sind von der Kammer mit Legitimation und Dienstanweisung versehen und haben in den ihnen zugewiesenen Betrieben während der Betriebszeit die Befolgung aller gesetzlichen Vorschriften für Gesellen, Arbeiter und Lehrlinge zu überwachen und von der Einrichtung der Betriebsräume und der für die Unterkunft der Lehrlinge bestimmten Räume Kenntnis zu nehmen. Ebenfalls wird der Besuch der Schulen seitens der Lehrlinge kontrolliert. Die Betriebsinhaber haben den als Beauftragten der Handwerkskammer legitimierten Personen den Zutritt zu den Werkstätten und Unterkunftsräumen, sowie zu den sonst in Betracht kommenden Räumlichkeiten zu gestatten und ihnen Auskunft über alle Gegenstände zu geben, welche für die Erfüllung ihres Auftrages von Bedeutung sind. Es mag bei dieser Gelegenheit noch darauf aufmerksam gemacht werden, daß bei den Betriebsunternehmern, welche Lehrlinge halten, auch darauf gesehen wird, ob ordnungsmäßige Lehrverträge abgeschlossen und die Lehrlinge zur Lehrlingsrolle der Handwerkskammer gemeldet sind. Bekanntlich ziehen Verstöße hiergegen Strafen nach sich. Ueber ihre Wahrnehmungen und Erfahrungen berichten die Beauftragten an die Handwerkskammer. Mit Versetzung der Dienstverrichtungen eines Beauftragten sind betraut: 1. Leonhard Kehl zu Worms für die Provinzen Rheinhessen und Starkenburg mit Ausnahme des Kreises Offenbach und 2. Franz A. Messel II. zu Offenbach für die Provinz Oberheffen und den Kreis Offenbach a. M.
*• Das Verordnungsblatt für die evangelische Landeskirche des Großherzogtums enthält ein Ausschreiben des Oberkonsistoriums an die evangelischen Dekanate und Pfarrämter vom 28. April 1904, welches heißt: In dem früher ganz katholisch gewesenen Orte K o st h e i m (bei Mainz) hat sich im Laufe der Jahre eine evangelische Gemeinde entwickelt, die jetzt etwa 1000 Seelen zählt. Die Gemeindeglieder sind in Kastel eingepfarrt und besitzen kein eigenes Gotteshaus. Sie müffen deshalb den Gottesdienst in Kastel auffuchen, und soweit etwa gottesdienstliche Handlungen am Ort vorzunehmen sind, stehen nur völlig ungenügende Räume zur Verfügung. Die Erbauung einer Kirche in Kostheim ift also dringend nötig, insbesondere auch, um viele der Kirche jetzt ferner stehende wieder zu gewinnen und das evangelische Gemeingefühl zu stärken. Allein nur aus eigenen Mitteln ist den Evangelischen Kostheims der Kirchenbau nicht möglich, da sie meist Fabrikarbeiter und unbemittelt sind. Zwar ist der Anfang eines Baukapitals schon vorhanden und mannigfache Unterstützung steht noch in Aussicht, aber die Höhe der erforderlichen Mittel erheischt noch die tatkräftigste Unterstützung der Glaubensgenossen im ganzen Lande. Der dahingehenden Bitte des Kirchenvorstands entsprechend hat deshalb Seine Königliche Hoheit der Großherzog zu genehmigen geruht, daß für die evangelische Kirchengemeinde Kostheim, für deren Kirchenbau, im Laufe dieses Jahres in den evangelischen Kirchen des Landes eine Beckenkollekte erhoben werde. Wir beauftragen hiernach die evangelischen Pfarrämter, diese Kollekte zu einem ihnen geeignet scheinenden Zeitpunkte zu veranstalten und sie kurz vor der Erhebung unter Hinweis auf das dringende Bedürfnis ihren Gemeindegliedern wärmstens zu empfehlen.
** Endlich, nach 27 Jahren. Man schreibt uns aus Gleiberg: Vor 28 Jahren kam ein junger Oesterreicher nach Gleiberg, wo er dem Burgwirt Riebergall an Sonntagen, oder wenn die Burg stark besucht war, half, die Gäste zu bedienen, und auch hier und da Geld zu verdienen suchte. Es dauerte nicht gar lange, da schenkte eine unserer Schönen dem schmucken, ordentlichen und fleißig arbeitenden jungen Burschen ihr Herz, und bald darauf wollten die beiden Brautleute ihre Hochzeit machen. Der Bräutigam schrieb in . seine Heimat zur Erlangung der zur Heirat nötigen Papiere, die aber trotz mehrfacher Mahnungen nicht zu erlangen waren. Nach längerem Harren wandte man sich in der Not an den Bürgermeister, welcher ebenfalls vergeblich mehrfach es unternahm, die Papiere aps Oesterreich herbeizuschaffen. Die jungen Leute, der Sache endlich müde, lebten inzwischen in Gleiberg wie Mann und Frau zusammen. Immer wenn ein neuer Bürgermeister ins Amt kam, dem die Verhältnisse der beiden Leutchen fremd waren, stieg dieser ihnen wegen ihres unchristlichen Zusammenlebens auf das Dach und verlangte die standesamtliche Trauung. Stets erklärten Bräutigam und Braut sich bereit, vor dem Standesamte zu erscheinen, aber vergeblich wurde von jedem der neu ins Amt gekommenen Bürgermeister der Versuch gemacht, die fehlenden Papiere zur Trauung aus Oesterreich zu beschaffen. Die Jahre vergingen so, der Mann erwarb inzwischen Haus und Hof und einiges Ackerland und beschäftigte sich vor wie nach oben auf der Burg Gleiberg. Wie dies ja auch nicht anders sein konnte, hatte sich die Familie der beiden vermehrt um eine Tochter und einen Sohn, welche zurzeit 25 und 19 Jahre alt sind. — Kürzlich sind nun, nach 27 Jahren nach dem ersten Antrag, die Papiere zur Trauung aus Oesterreich eingegangen, und nun wird am Samstag der Standesbeamte das Paar trauen, das Paar, welches, wenn die Papiere rechtzeitig zu beschaffen gewesen wären, vor zwei Jahren die silberne Hochzeit hätte feiern können.
werden kann, f) Wichtig erscheint es endlich, daß auch in Fort- bildungs- und Handelsschulen die Kolonialpolitik zu ihrem Rechte komme.
3. Sicherlich wird die deutsche Lehrerichaft, die stets auf dem Posten war, wo es galt, großen nationalen Bestrebungen zum Siege zu verhelfen, gern dazu Mitwirken, daß die Kenntnis unserer Kolonialpolitik, die berechtigte Wertschätzung unseres über» eeischen Besitzes, die hohe Bedeutung des Deutschtums in über» eeischen Gebieten in Handel und Wandel, Unterricht und Wissen- chast Gemeingut unseres Volkes werde."
Es wurde beschlossen, die Versammlung der Kolonialfreunde unter der deutschen Lehrerschaft zu einer ständigen Einrichtung zu gestatten und die Hauptversammlung mit dem allgemeinen beut» ichen Lehrertage zugleich abzuhatten.
cbauen zu lassen und dadurch unsere Persönlichkett in den Empsind- ungszustand des Dichters zu versetzen; ein Gedicht ist um so vollkommener, je vollkommener diese Tendenz darin künstlerisch bewältigt wird. Will der Autor den Leser für eine bestimmte Idee dadurch gewinnen, daß er diese Idee als besonders wertvoll hervorhebt, und ihren Wert an einem Stoff zu veranschaulichen sucht, den er lediglich dem Zweck entsprechend ohne Rücksicht auf die Forderung der Lebenswahrheit tonltruiert hat, so kennzeichnet sich eine solche Schrift als ein tendenziöses Machwerk ohne dichterischen Wert. Die tende n z i ö s e I u g e n d s ch r i s t ist zu verwerfen, da sie das wahre Leben entstellt und die Jugend in bezug auf die Werte des Lebens irrefüljrt. Die Jugendschrist als Dichtung muß sowohl der dichterischen Tendenz, als auch der pädagogischen Forderung gerecht werden; darum sind bei der Beurteilung der Jugendschriften Form und Stoff in gleichem Maße einer eingehenden Prüfung zu unterziehen. „
2. Die Jugendschrift darf und soll erotnche Elemente insoweit enthalten, als die Darstellung die Liebe in ihrem regelmäßigen und edlen Lauf verfolgt. Die Schattenseiten und Abwege der Liebe sind aber der Jugend noch vorzuenthatten. (Man kann diesen geschickt gefaßten Erklärungen wohl beipflichten. D. Red.)
In der Versammlung für die Verbreitung von Volksbildung sprach Tews-Berlin über „Freiwillige Bild- ungsarber t". Es sei nützlich, einmal zu untersuchen, was die Lehrer eigentlich mft der fteiwilligen Bildungsarbett zu tun haben. Cb es sich für sie um eine besondere Verpflichtung handelt, diesen Zweig der sozialpolitisckien Tätigkeit zu pflegen. Es be- tehe in ziemlich weiten Kreisen die Auffassung, die Schule ei ein Mädchen für alles, nicht sonderlich beschäftigt und ’önne daher noch allerlei nebenbei auf sich nehmen. Gegen diese Auffassung müsse man sich verwahren. Das Leben sei so öde, und da dürfe es der Lehrer nicht dulden, daß unsere Jugend im späteren Leben verliert, was er ihm gegeben hat. Der Volksschullehrer habe daher die Pflicht, die Jugend, wenn sie die Schule verläßt, nicht zu vergessen, andernfalls werde sonst bald ein großer Teil seiner Muhen und Arbeit verschüttet sein. Was i st nun, so fragt der Vortragende, bet uns in bezug auf di e Volksbildung geschehen? Für die Pflege der Religion sei viel geschehen, aber nichts entsprechendes für bie Pflege von Kun st und Wissenschaften. Allen, denen die geistige Pflege obliege, sollten es sich zehnmal überlegen, ehe sie den Bestrebungen zur Pflege von Kunst und Wissenschaften Steine in den Weg legen. Eine Religion, die Kunst und Wissenschaft verachte, werde niemals über bi: erste Stufe der Entwicklung hinaus- gehen. Eine ebenso systematische und allen erreichbare Pflege von Kunst und Wissenschaft müsse angestrebt werden, wie es eine systematische und allen erreichbare Religionspflege gebe. Von den Gesangvereinen, die sich durch Liederspenden an der Arbeit beteiligen, wünscht er, daß nicht Kunstgesänge auf den Volksunterhaltungsabenden erklingen, sondern Lieder, die bald in jedem Hause wiederklingen; vor allem aber müßten alle konfessionellen Schranken schwinden, wenn bei diesen Bestrebungen etwas herauSkommen solle.
In der Versammlung des Verbandes deutscher Militär ko mmissionen erstattete R e i s h a u e r- Leipzig einen Bericht über „Die Organisation der deutschen Militärkommissionen und ihren weiteren Ansbau". Aus den statistischen Mitteilungen des Referenten heben wir hervor, daß 2/3 der zum Militärdienst zugelassenen als Einjährig- Freiwillige dienenden Lehrer zu O f s i z i er s a s pi r a n t e n ernannt und als solche zugelassen wurden. Die Versammlung nahm folgende Leitsätze an:
1. Die Vertreterversammlung bittet die Militärkommissionen, an Garnison- und Seminarorten wie bisher so auch in Zukunft eifrig für den einjährig-freiwilligen Dienst zu wirken.
2. Sie ersucht die Landes- und Provinzialzentralen, dahin zu arbeiten, daß ähnlich wie in der Provinz Posen in jedem Lehrerverein und in jeder Lehrerkonferenz ein Vertrauensmann für die Militärangelegenheit eingesetzt werden. Die Tätigkeit dieser Herren soll namentlich darin bestehen, die Vereinsmitglieder durch Vorträge, Referate und Mitteilungen über den Stand der Angelegenheit auf dem Laufenden zu erhalten und sie zu tätiger Mithilfe heranzuziehen, sobald es gilt, die Eltern zu rechtzeitiger finanzieller Fürsorge für den Mllitärdienst zu bestimmen.
3. Sie bittet die Kommissionen an Seminarorten usw. roieber» hott, mit den Direktionen der Lehrerbildungsanstalten in Verbindung zu treten und einen der Herren Seminar- und Präpa- randenlehrer als tätiges Mitglied zu gewinnen.
Zum zweiten Puntt der Tagesordnung: „Finanzielle Fürsorge für den Militärdienft" berichtete Tilgner- Breslau über „Licht- und Schattenseiten der Zentral-Militär- darlehuskasse für Lehrer A.-G., Berlin". Der Referent bringt mehrere Verbesserungswünsche vor, die er zu folgendem Antrag
Kerichtssaal.
Königsbergs Pr., 26. Mai. In dem Prozesse gegen acht Mitglieder der sozialdemokratischen Partei wegen Hausfriedensbruches, begangen am 2. November 1903 in einer anläßlich der Abgeordnetenhauswahlen abgehaltenen W ä h l e r v e r s a m m l u n g der vereinigten Liberalen wurden Dr. Gottschall zu zwei Monaten, Redakteur Linde zu einem Monat, die übrigen sechs Angeklagten zu je zwei Wochen Gefängnis verurteilt.
Berlin, 26. Mai. Wegen unbefugten Nachdrucks von Gedichten der Königin von Rumänien in dem „Highlife Porträtkabender" wurde die Schriftstellerin Gabriele von Lieres und Wilau von der Strafkammer des Landgerichts I Berlin zu 100 M k. Geldstrafe verurteilt. Die Schriftstellerin hatte den Kalender der Königin übersandt, die dafür ihren Dank aussprechen ließ; sie hatte aber nicht die Genehmigung des Verlegers zum Abdruck erhalten.
formulierte:
„Der Zinsfuß für entnommene Gelder muß auf 5 Prozent herabgesetzt werden; die Zinsen sind einvietteljährlich^auch im ersten Jahre vom Darlehn abziehbar. Die von der Sterbekasse gezahlte Dividende muß den Darlehnsnehmern voll angerechnet werden; es muß aud) ratenweise Abzahlung des Darlehns während der Versicherungszeit gestattet sein; auch andere Wertpapiere oder Sparkassenpapiere müssen gls Unterpfand gelten. Diese Leitsätze sollen der Militärdarlehnskasse als Material überwiesen werden." Dieser Antrag wurde einstimmig angenommen.
Eines starken Besuches hatte fick) die Versammlung der Kolonialfreunde in der deutschen Lehrerschaft zu erfreuen, in der Günther-Kassel über „Unsere Kolonien, ein Neu-Deutschland nationalen Willens, nationaler Tatkraft und Entschlossenheit" sprach.
Den zweiten Vortrag hielt Rektor Seidel-Berlin über „D e u t s ch - M i k r 0 n e s i e n". An dritter Stelle verbreitete sich Rektor P i st 0 r - Elberfeld über das Thema: „Soll und kann es zu den Aufgaben der deutschen Lehrerschaft gehören, in den breiten Schichten unserer Volks- ichule den Sinn für das große nationale Werk der Kolonial fache zu wecken und zu pflegen?" unter Zugrundelegung folgender Leitsätze:
1. Die deutsche Lehrerschaft und die Volksschule soll der Ausbreitung des kolonialen Gedankens dienen, denn a) Deutschland muß Kolonialpolitik treiben, um seine wirtschaftliche und nationale Existenz sicherzustellen; b) Aufgabe der deutschen Kolonialpolitik ift nicht nur Erschließung und Nutzbarmachung unserer Schutzgebiete, sondern auch die Förderung des deutschen über» seeisck-en Handels, wie überhaupt Pflege und Erhaltung deS Deutschtums im Auslande, c) Tie in Anbetracht der Bevölkerungszunahme Deutschlands zweifellos bestehende Ausbreitung der beut» chen Industrie verlangt notwenbigerweise neue außerdeutsche Ab- atzgebiete. Und das umsomehr, als d) die imperialistischen Be- trebungen unserer wirtschaftlichen Konkurrenten uns die unabweisbare Pflicht auferlegen, uns nach Möglichkeit und sobald wie möglich vom Auslande unabhängig zu machen:
2. Die deutsche Lehrerschaft und die deutsche Volksschule kann den kolonialen Gedanken pflegen: aj bei der Menge der Aufgaben, welche die deutsche Volksschule lösen muß, ist es ausgeschlossen, einen besonderen Kolonialunterricht in den Lehrplan aufzunehmen, b) Vielmehr muß in ungesuchter Weise bei gegebener Gelegenheit im geographischen, naturkundlichen und geschichtlichen (volkswirtschaftlichen) Unterricht Verständnis und Interesse für koloniale Dinge geweckt und gepflegt werden, c) Dabei kann überlegt werden, ob nicht gewisse, für uns weniger wichtige Gebiete z. B. in der Geographie zugunsten einer eingehenden Behandlung unserer Schutzgebiete oder sonstiger wich- tiger deutschen Siedlungen (Brasilien) uni) deutscher überseeischer Interessen befdjnitten werden können, d) Es ernpftehlt sich besonders, der deutschen Lehrerschaft, welcher die Erhaltung des nationalen Zttaftbewußtseins in der Jugend, der Zukunft unsers Volkes, anvertraut m, reichlich Gelegenheit zu geben, sich über alle kolonialen Fragen zu orientieren; das kann geschehen durch Aufnahme von Werken und Zeitschriften über koloniale Dinge in die Stadt-, Seminar- und Lehrerbibliotheken, wie durch ent» sprechende Vorträge in Lehrerkonferenzen, e) Wettvoll würde es sein, in Sondervotträgen zu zeigen, wie in den oben angeführten Unterrichtsgebieten int einzelnen der kolonialen Sache gedient
Allgemeiner deutscher «Leyrertag.
(Nachdruck verboten.)
n.
S. il H. Königsberg i. Pr., 25. Mai.
Der heutige Tag war den Nebenversammttmgen gewidmtt, die aus Anlaß des deutschen Lehrertages sehr zahlreich einberufen worden waren. In der Palästra Albertina tagten die Vertreter des deutschen Lehrervereins, nm die geschäftlichen Angelegen- hetten der Lehrerversammlung zu erledigen. Der Prüfungsausschuß für Jugendschriften beschloß, „Die Ten-i denz in der Dichtung" und „Das Geschlechtliche in der Jugendschrift" ;um Gegenstände einer eingehenden Besprechung in der Fachpresse 511 machen. Die hierzu von Naujvks- Königsberg und Weber-Niünchen eingebrachten Leitsätze besagen :
1. Jede echte Dichtung hat die Tendenz, uns das Leben und leine Wette analog der künstlerischen Auffassung des Dichters'
Vermischte».
* Neiße, 26. Mai. Wie der „Neißer Ztg." aus Tillowitz im Kreise Falkenberg in Oberschlesien gemeldet wird, wurden heute morgen früh fünf junge polnische Mädchen im Logierhause der gräflichen Porzellansabrik an Kohlengas e r ft t cf t aufgefunden.
* Louisville (Kentucky), 26. Mai. Durch eine Kesselexplosion auf dem Schlepper „Fred Wilson" wurden dreizehn Leute getötet, drei tödlich, fünf weniger gefährlich verletzt. Einige Verunglückte sind aus Pittsburg, andere aus Middleport in Ohio. Der Schlepper wurde zerstört.
* E i n schwerer Raub wurde in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag int Hause des evangelischen Diakonievereins in Zehlendorf bei Berlin verübt. Mehrere in das Haus eingedrungene Einbrecher überfielen die in ihrem Zimmer im Erdgeschoß schlafende Wirtschaftsschwester, knebel- ten und mißhandelten sie, um sodann allerlei Diebstähle im Hause zu begehen und schließlich unerkannt zu verschwinden. — Vor vierzehn Tagen bemerkten die Schwestern, daß fick; nachts drei Männer an den Räumen der Dienstmädchen zu schaffen machten. Tas wiederholte fick) dreimal. Die Männer zogen jedesmal, wenn sie gestört wurden, wieder ab, ohne in das Haus eingedrungen zu sein. Tie Schwestern stellten nach diesen Vorkommnissen einen Wächter an. Dieser erhielt int Kellergeschoß eine Stube. Trotz dieser Vorsichtsmaßregeln gelang den Räubern der geplante Einbruch. Tie Wirtschaftsschwester erwachte plötzlich und gewahrte in ihrer Schlafstube mehrere Männer, die von ihr die Schlüssel zu den Geldbehältem verlangten. Sie konnte sie schon aus dem Grunde nicht geben, weil sie sie selbst nicht besaß. Nun verlangten die Einbrecher ihr Geld. Als sie daraus Miene machte, auf den Knopf zu drücken, um den Wächter durch die elektrische Glocke zu wecken, schlug ihr einer der Einbrecher die Hand zurück, während ein anderer die elektrische Leitung durch- fchnitt. Dann sielen alle über die Schwester her, rissen sie aus dem Bett, nachdem sie ihr einen Knebel in den Mund gesteckt hatten, banden ihr die Hände, schlugen ihr ein Tuch über den Kopf und warfen sie auf den Fußboden. Während die Schwester bewußtlos dalag, erbrachen die Räuber sämtliche Behältnisse und nahmen ihr zwei Portemonnaies mit 21 und 27 Mk. und eine goldene Zylinderuhr weg. Vom Zimmer der Wirtschastsschwester drangen sie dann in die Bureauräume ein, wo sie ebenfalls alle Pulte usw. erbradjen. Geld sanden sie nicht, dafür hausten ie wie die Vandalen mit den Akten und Briefschaften. Vergeblich bemühten sie sich, den Geldschrank zu erbrechen. Sie bearbeiteten ihn mit Stichflammen, Stemmeisen und Meißeln, aber er leistete allen ihren Werkzeugen Widerstand, sodaß sie schließlich die Arbeit aufgaben und das Haus verließen. Die Witt- schaftsschwester blieb hilflos liegen, bis der Wächter sie Donnerstag morgen fand. Die Untersuchung ergab, daß einer durch ein offenstehendes Klosetfenster eingestiegen war und den andern die Tür geöffnet hatte.
— „Tante"-Königin und „Onkel"-Großfürft. lieber einen Besuch des kleinen ungarischen Geigers Franz v. Vecsey bei der Königin Alexandra von England in London werden folgende hübsche Einzelheiten bekannt. Die Königin hatte seinerzeit aus Petersburg, als der Knabe dort konzertierte und unter anderen der Kaiserin von Rußland und den Großfürsten privatim vorspielte, sd)on sehr viel über ihn gehört, und die Zarin hatte der Königin ans Herz gelegt, ihn einzuladen, wenn er nach London kommen sollte. Dies geschah denn auch, und Königin Alexandra, die durch das Spiel des genialen Kindes zu Tränen gerührt war, äußerte sich über seine Leistungen in den Ausdrücken größter Bewunderung. Wiederholt nahm die Königin nach dem Konzette den Jungen auf den Schoß und küßte ihn herzhaft ab. Die Königin sprach mit ihm deutsch und ließ sich von ihm allerlei erzählen. Der muntere Knabe antwortete höchst ungeniert der „Tante"-Königin und berief sich inieberbolt im Gespräche auf den „Onkel"-Großsürft Konstantin von RuUand, der ihn in Petersburg häufig auf dem Klavier begleitet hatte. Als der Tee für die Königin und für Herrn und Frau v. Vecsy serviert wurde, sagte die Königin zum kleinen Vecsy in deutscher Sprache: „Jetzt aber, Franz, geh' ins Zimmer nebenan und spiele ein wenig mit den Kindern!" „Spielen?" antwvttete kleinlaut der Knabe. „Geige?, Tante- Kvnigin?" — „Nein, nein!" rief die Königin lachend. „Du bist schon müde. Du wirst mit den Kindern (des Prinzen von Wales) spielen, und dann bekommst Du Tee und Backwerk." — Die Königin führte das Gespräch mit den Ettern des kleinen Geigers abwedffelnd in deutscher und englischer Sprache und bekundete für alte Einzelheiten der Erziehung und tünftlerifdjen Ausbildung des Kindes das größte Interesse. Die Königin war nicht wenig erstaunt, zu hören, daß der Knabe zur Auftechterhattung und Befestigung seiner phänomenalen Technik einer täglichen Uebnngs- bauer von nur zwei Stunden bedürfe. Schließlich verabschiedtte sich die Königin in herzlicher Weise von dem Knaben und dessen Ettern und bat sie, den Besuch im Buckingham-Palais zu wieder- holen.
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