Ausgabe 
25.8.1904 Zweites Blatt
 
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Die fertigen Briefe nahm der Lehrer zum Zwecke der Korrektur mit in seine Wohnung. .Er legte sie auf den Schreibtisch imd ging abends aus, um sein Tagewerk mit einigen Schoppen zu be­schließen Jedoch das Unglück schreitet schnell! Die Zimmerwirtin betrat die Arbeitsstube, um nach dem Rechten zu sehen, da er­blickt sie auf dem Tische die Ricsenkorrespondenz. Da ihr die Besorgung von Briefen, wie imnrer, als eine Hauptpflicht er­sähen, so trug sie alle miteiuauder schleunigst zur Post, sn der Meinung. der Lehrer Hütte ganz vergessen, .sie abzuschicken. Hier madrtc der Beamte sie darauf aufmerksam, daß die Briefschaften meist mitfrei" bezeichnet waren. Ohne weitere Bedenken legt die diensteifrige Hauswirtin das Porto aus. .Am andern Morgen klärte sich der Irrtum auf, . aber zu spät. Die Stilproben waren zugeklcbt, frankiert und hatten schon ihre Reise nach allen Himmelsrichtungen angetrcten. Und sämtliche Briefe zu wider- rllfen, war unmöglich, .da nicht mehr jedes Kind über deren Inhalt orientiert war. Man darf gespannt sein, wie die Em­pfänger der Mahnbriefe, Verlobungs- und Todesanzeigen usw. diese beantworten werden.

Klseovayn-ZUtung.

Friedberg, 23. .Aug. In der heutigen Sitzung des Ko­mitees für die Erbauung .der Wettertalbahn, die ordnungs- nräßig berufen wurde, .ist folgender einstimmige Beschluß ge­faßt worden:

Das Komitee besteht in seiner seitherigen Weise weiter und beschließt, wie früher geplant, für die Einmündung der Wettcrtalbabn in Friedberg mit aller Energie ernzutreten. Insbesondere erklären die Vertreter Friedbergs, daß die <Äaot Friedberg xinzig und allein ein Interesse für dieses Projekt frat und in keiner Weise auf dessen Ausführung verzichtet."

Zur Verhütung von Brandschäden. Die um­fangreichen, durch Flugfeuer aus den Lokomotiven hervorgerufenen Braudsckfäden der letzten Zeit haben dem Eisenbahnminister von Budde Veranlassung gegeben, .die peinlichste Ueberwachung der zur Verhütung .von Feuersgefahr getroffenen Maßnahmen den Eisenbahlidirektionen in Erinnerung zu bringen. Wenn auch die Schwierigkeiten nicht zu verkennen sind, die der gänzlichen Be­seitigung des FunkenomSwurfs aus den Lokomotiven beson­ders bei der Beförderung .schwerer Züge entgegenstehen, .so laßt es sich bei sorgsamer Beachtung der bestehenden Vorschrif­ten doch ermöglichen, Zündungen an besonders gefährdeten Stellen, sei es auf der freien Strecke, in ausgedehnten Wäldern oder in der Nähe von Ortschaften usw, zu vermeiden. Der Erlaß des Ministers schärft, den Eisenbahndirektionen daher ein, durch ent­sprechende Maßregeln Brandschäden durch FunkenauÄvurs der Lokomotiven nach Didglichkeit vorzubeugen. Zu diesem Zwecke sind insbesondere während Dürre alle Lokomotiven, bevor sie in Dienst gestellt werden, .unter persönlicher Verantwortung des mit der Uebernahme der Lokomotiven betrauten Beamten darau; zu untersuck-en, ob die zur Verhütung des FunkenauSwurfs ge­troffenen Einrichtungen (Funkenfänger, Aschkastenverschlüsse) vor- handen sind und sich in gutem Zustande befinden. Auch ist jedem Lokomotivführer und Heizer durch Befehlsbuch und persönliche Unterweisung die peinlichste Befolgung her im § 27 der Dienst­anweisung für Lokomotivführer usw. gegebenen Vorschriften ein* zuschärftn. .Verstöße hiergegen sind auf das strengste zu ahn­den. Sobald bei Lokomotiven außergewöhnlich starker Funken- auswurf beobachtet wird, haben dies die Eisenbahnbeamten, be­sonders der Lokomotivführer, .ungesäumt zu melden, damit die Lokomotiven einer eingehenden Untersuchung unterzogen werden. Von den beteiligten Jnspektionsvorständen und von den Sach- dezernenten wird erwartet, daß sie jede Gelegenheit wahrnehmen werden, um sich von der sorgsamsten Durchführung der bestehen­den Vorschriften Ueberzeugung zu verschaffen.

Landwirtschaft.

Die Zentral ft eile der preußische« Land­wirtschaftskammern veröffentlicht auf Grund der amtlich bekannt gegebenen Anbauflächen eine vorläufige Schätzung der diesjährigen Ernte Preußens und bemerkt daA, daß die positiven Erdruschresultate in der Schätzung sehr wenig beeinträch­tigt werden konnten. (Die Anbauflächen verstehen sich in Hektar, Er­trag und Ernte in T. Die in Klammern stehenden Zahlen sind die vorjährigen.) Winterweizen: Anbaufläche 1039 879 (870 317); Ertrag pro Hektar 1,93 (2,02); Ernte 2 200 965 (1759 952). Somnrenveizen: dlnbaufläche 95 671 (172 225); Ertrag 1,85 (2,30); Ernte 176 991 (396 751). Winterroggen: Anbaufläche 4 589 642 (4 501837); Ertrag 1,55 (1,61); Ernte 7 113 945 (7236328). Sommerroggen: Anbauftäche 60618 (75581); Er­trag 0,91 (1,02); Ernte 55 042 (77 337). Sommergerste: Anbau­fläche 870 259 (917104); Ertrag 1,66 (2,00); Ernte 1444 630 (1833 557). , Hafer: Anbaufläche 2 733 990 (2 815 351); Er­trag 1,61 (1,84); Ernte 4 401724 (5172140).

München, 24. Aug. Der amtliche Saaten st ands- bericht für Mitte August hebt hervor, daß die lange anhaftende Dürre das Wack)stum der Pflanzen empfindlich geschädigt habe, namentlich in Mittelftanken, Oberfranken und ganz besonders in der Oberpfalz, Mselbft nach einzelnen Berichten ein Not­stand sehr chu befürchten ist. Die Getreide-Ernte ist größtenteils beendet. Das Ernteergebnis für Wintergetreide ist gut, für Sowmergetteide weniger günstig, immerhin im all­gemeinen nickst gering. Futterpflanzen stellen schlecht, Klee spär­lich Die Grummeternte verspricht nur teilweise geringen Ertrag. In einigen Gegenden herrscht Mangel an Grünfutter. Die trocknen Miesen sind völlig ausgebrannt. In mehreren Gegenden, na­mentlich in der Oberpfalz ist Futternot eingetreten. Durch­schnittszahlen für: Winterweizen 2,00, Sommerweizen 2,60, Winterspelz 1,74, Winterroggen 1,87, Sommerroggen 2,19, Som­mergerste 2,11, Hafer 2,53, .Raps 1,95, Kartoffeln 2,87, Klee 3,42, Luzerne 2,93, Wiesen 3,49, Tabak 2,32, Hopfen 2,69 und Wein 1,49.

Handel und Verkehr. Volkswirtschaft.

Amerikanische Getreidepreise. Am amerikanischen Getreidemarkt, und zwar sowohl in Newyork wie in Chicago, ist eine Realtton in den Preisen eingetreten; es waren Rückgänge von l3/g bis 2Vs c. .zu verzeichnen. Ursache dieser Rückgänge war, daß sich die Frostprognosen wie die Rostbeschädigungen nicht bestätigt haben. . Die Haussespekulanten waren in Sorge und suchten sich glatt zu stellen, unter ihnen Armour. Zn Chicago ist die Haussebewegung am Montag zum Stillstand gekommen. Das besonders Charatteriftische bei der diesmaligen Hausse war, daß nickst tvie sonst der Kampf zwischen Hausse und Baisse im wesentlichen nur von einigen Großspekulanten inszeniert und ausgefochten wurde, sondern überall und in allen Schichten des Publikums das Spekulationsfteber eingerissen zu sein schien. Da­durch ist die Situation nur noch gefährlicher und die Unzuver­lässigkeit der Newyorker und Chicagoer Warenbörse für die Be­urteilung der dortigen tatsächlichen Markttage größer geworden.

BergwerkSgesellschaft Hibernia. Der Juli-Aus- weis dieser Gesellschaft, die in den letzten Wochen in den Mittel­punkt des Interesses gerückt ist, zeigt einen Bruttoüberschuß von 815 188 Mark und geht üben den des Juni um 21077 Mk. hinaus, wobei noch zu beachten ist, haß der Juli 26 Arbefts- tage umfaßte, wahrend der Juni nur 24 hatte. Verglichen mit dem Juli vorigen Jahres ergibt sich ein Mindererlös von 63 100 Mark, doch war das Resultat des vergangenen Jahres das von 27 Arbeitstagen. Zur Beurteilung der angeführten Ziffern muß noch berücksickstigt werden, Paß der diesjährige Ueberschuß auch die Gewinne der ZechenGeneral Blumenthal" und ,Mtftaden"

< Seit Jahresbeginn beträgt der Ueberschuß 5 517 086 Mark, p. L ,95 488 Marr weniger, .als in der gleichen Voriahrszeft.

Oelfunde. Die Erbölfunde in Deutschland nehmen zu. So meldet der Vorstand der Handörser Erdölwerke in Hamburg, ^ie 2 in Sternförde bei einer Tiefe von

171^2, Meter erdolfündig geworden ist. Der ölführende Sandstein ^bine Mächtigkeit von 5,2 Meter, was zu der Annahme be- rechttgt, daß wieder ein recht guter Fund gemacht ist. Sobald die notigen Schlemmarbetten beendigt sind, wird mit Bohrung 3 begonnen.

Märkte.

§ Gedern, 23. Aug. .Heute fand unser sog.So m m er- markt" statt. Der Schweinemarkt war gut befahren und der Handel sehr flott. ,Händler kauften Einlegschweine in großen Massen auf und nur wenige Leute nahmen ihre Ware wieder mit Vier Wochen alle Ferkel kosteten pro Paar im Durchschnitte 28 bis 30 Mark, 67 Wochen alte 4044 Mk., Einlegschweine 92 bis 100 Mk., jette Schweine 4042 Pfg. pro Pfund (Lebendgewicht). Der Rindviehmarkt war unbedeutend. In vier Wochen findet der nächste Martt statt.

Arverterberveguug.

-k- MaiNz, 24. Aug. Nachdem der M a u r e r st r e i k jetz^ glücklich beendigt ist, sind die Küfer in eine Lohnbewegung eingetreten. Eine Lohnkommission hat einen Lohntarif ausgearbeitet, der in einer am Montag stattgehabten Versammlung der Küfer- gesellen einstimmige Aufnahme gefunden hat. In einer Resolution brachte die Versammlung zum Ausdruck, daß sie vollständig auf dem Boden der Beschlüsse der Lokaltommlssion stehe und auf Einzel­unterhandlungen mit den Geschäften nicht eingeben werde.

Paris, 24. Aug. Infolge des neuerdings ausgebrochenen Streiks der eingeschriebenen Seeleute, der Schiffs- Offiziere und W e r k m e i ft e r der Werften und Docks ist der Schiffverkehr im Hafen von Marseille vollständig eingestellt. Zahlreiche Passagiere, die nach Algier, Tunis unb Corsika reifen wollen, sitzen fest. Der Post- und Packet-Verkehr wird nach Möglichkeit durch Avisos und Torpedoboote der Kriegsmarine und Schiffe der auswärtigen Ge­sellschaften besorgt.

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