Nr. 303
Zweites Blatt
Samstag 24. Dezember 1904
GW«« Anzeiger
General-Anzeiger, Amts- und Anzeigebiatt für den Arris Eichen.
Redaktion. Expedition u Druckerei @d)ufftt.f#
XeL 91t. 6L Xelequ-UUui GretzM.
154. Jahrgang
Erichen« tL-Nch mit Ausnahme des Sonntags,
Die »Gießener KamilienblStter- werden dem bAn^e'qei viermal wüchenlltch beigelegt. Der dhtlstich» tanöioUF ericheNU monaUlch einmal
Rotationsdruck und Verlag btt Brühl 'ich« UnwerittatSdruckerel 91 Lange, ®ie&au
Kirche unb Schule.
— Zum Theol o g enman g el in Hessen. Längst hat sich herausgestellt, das; die evangelische Kirche im Grobherzogtum Hessen unter einem bedenklichen Mangel a n t h e o - logischem Nachwuchse zu leiden hat. Um einen eil der vakanten Stellen zu besekeu, mußte das Oberkonsistorium nicht- hessisclie Theologen anfMIen, so einen Hilfsprediger aus Bremen und einen seither in Liverpool tätigen deutschen Pastor. Eme Anzahl vakanter Stellen konnte überhaupt nicht besetzt werden, sondern muß einstweilen durch die Nachbargeistlich^u perseh?n werden, ein auf die Dauer für die Gemeinden unleidlicher Zu- ftmib Trotzdem beharrt die hessische Kirchcnbehörde in erfreulicher Weise bei ib^m seitherigen Standpunkt, nur wlche Theologen anzitstellen, die die vorgeichriebene Gumnasialbildung nach- neisen und ein regeireckNes akademisches Studium absolviert haoen. Man will bei uns in Hessen nicht, wie es in Baden geplant zit, Leute mit mangelhafter wissenschaftlicher Vorbildung MM.Kirchendienste zulassen und, indem man ein Prinzip durchbricht, das Jahrhunderte lang in Geltung war. Geistliche erster und zweiter Kategorie schaffen. , . . m
NoNi, 23. Dez. Wie der Secolo meldet, fehle in der -15 e r» waltnng der f r a n z ö s i s eh e n K i r ch e n st i f t il n g e n i n Rom 800,0 00 Tranes. Die französische Negierung bade trotz des Protestes der französischen Kardinale, die die Angelegenheit ans eigene Taust untersuchen wollten, eine Regierungs» Kommisston'zur Enquete nach Ruin gesandt.
Das fürchterliche Aa^rmarktsbild.
th. Gießen, 24. Dezember.
Die Hinrichtung von Groß und S t a f f o r st und der Drang ein richtiger Verbrecher zu werde n, so versicherte gestern vor der Strafkammer der frühere Schmiede- geselle F K., ein geborener Oflpreuße, beides Zusammen habe ihn aufs'neue ins Verderben gebracht. Der erst 26jährige Mensch hat bereits früh die Bahn des Verbrechers betreten, er ist einmal
5>te Welse der Krästn Mantisinoso
setzt unausgesetzt ganz Sachsen in höchste Erregung. Bei ihrer Abfahrt von Dresden sperrte ein großes Polizeiaufgebot den Vahnhvssplatz ab. Die Polizei hatte unendliche Mühe, die stürmisch an den Wagen drängende Menge zurückznhalten Man wollte der ehemaligen Kronprinzessin die Pferdfe ausspannen und den Wagen im Triumph durch Dresden fahren. Nur mit Gewalt konnte die Polizei dieses Vorhaben verhindern. Rufe wie: „Hier bleiben", „bleibe hier" und nicht endenwollende .Hochrufe durchbrausten die Luft. Unter Tränen dankte die Gräfin für die Kundgebungen.
König Friedrich August ist erst am Donnerstag abend um 6 Uhr von der Jagd nach Dresden zurückgckehrt. (5r ließ sich sofort über die Anwesenheit seiner früheren GemahUll in Dresden einen Vortrag halten. Kurz darauf
parlamentarisches aus Kessen.
Der Vorstand des Rbein-Main-Gastwirte-Ver- b an des richtete an die II. Kammer die umständlich begründete Vorstellung um:
1. Herabsetzung des Umzugs st empels auf */10 des ursprünglichen Stempels und Anwendung der Ermäßigung bei einem innerhalb einem Jahre nach Aufgabe des seitherigen Be° triebs innerhalb des Großherzogtums erfolgten Umzug.
2. Anwendung dieses ermäßigten Umzugsstemvels auch bann, wenn ein bereits in Hessen konzessionierter Wirt sein Geschäft in ein Lokal verlegt, in welchem seither Wirtschaft noch nicht betrieben wurde.
3. Nichterhebung des Stempels, wenn die Wirtschaft a. von einem verstorbenen auf den überlebenden Ehegatten übergeht; b. von dem Vater oder der Mutter auf ein Kind oder den Ehe- gatten eines Kindes übergebt; c. wenn eine Wirtsnütwe sich wieder verheiratet; d. wenn eine bestehende Wirtschaft durch Hinzunabme eines oder mehrerer Zimmer vergrößert wird. Als Maßstab könnte hier dersenige angenommen werden, den man bei Neuerrichtung einer Wirtschaft zur Teststellung der Höhe des Kouzessionsstempels aimimmt, d. h., wenn die durch Hinzunahme von einem oder mehreren Zimmern vergrößerte Wirtschaft den Rahmen eines Geschäfts, für welches bei' der Neukonzessionierung nur der gewöhnliche Stempelsatz erhoben wird, nicht übersteigt, so wird für die Vergrößerung der Wirtschaft ein weiterer Stempel nicht erhoben. Sinngemäße Anwendung dieser Bestimmung beim Umbau einer Wirtschaft. ,
4. Herabsetzung desStempels furTanzerlaub- rt i s auf die früheren vor Erlaß des Gesetzes vom 12. August 1899 in Gültigkeit gewesenen Sätze.
5. Gänzliche Auf he bu nqdesKlavierstempels.
6. Ermäßigung des Stempels auf Automaten und Musikwerke auf jährlich Mk. 3 für die Landorte und kleineren Wirtschaften und auf Mk. 5 für die größeren Geschäfte.
Der Zweite Ausschuß hat sich im wesentlichen mit dem Entwurf eines Gesetzes, die Errichtung und Leitung von technischen Privatunterrichtßanstalten betreffend, einverstanden erklärt.
Die Abgg. Dr. Heidenreich und Breimer, sowie auch em Komitee beantragen:
Hohe Kammer wolle beschließen, Großh. Regierung zu er- suchen, dem Landtage alsbald eine Vorlage zngehen zu laßen, welche die Erbauung und den Betrieb einer normalspurigen Nebenbahn v o n H i r f cd h o r n nachWald -Michelbach im Anschlüsse an die Nebenbahn Wahlen - Wald-Michelbach— Mörlenbach einerseits und der Vollbahn Heidelberg Eberbach Würzburg andererseits auf Kosten des Staates bezweckt.
Der Unterverband der Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaften- der Provinzen Starkenburg und Oberhessen bittet die zweite Kammer bei Artikel 8 der Regierungsvorlage des neuen Gemeindeumlagen - Gesetzes („Von der Steuer sind befreit") noch einen Punkt 5: „Erwerbs- fcunb Wirtschaftsgenossenschasten, welche unbeschadet der-Feiheit, auch von Nichtmitgliedern Kapitalien oder Spareinlagen ent- geqenzunebmen, die ihrem Zweck entsprechende Tätigkeit statutenmäßig und tatsächlich auf den Kreis ihrer Vereinsnnt- glieder beschränken" hinzuzufügcn.
Die Abg. Köhler und Genossen beantragen zum Kapitel 36 (Landes-Universität), Titel 2, Ziffer 40, (Landwirtschaftliches Jnstitu t) des Hauptvoranschlags pro 1905: nach dem Anlage des Direktors des landwirtschaftlichen Instituts und entsprechend der in der Sitzung vom 15. Dez. 1904 erfolgten Befürwortung weitere 6800 Mk. in Ausgabe einzustellen.
Tie Abgg. Korell und Genossen beantragen:
Die zweite Kammer wolle beschließen, die Regierung zu ersuchen, alsbald der zweiten Kammer eine g r a p H i s che Darstellung über die Einteilung der Ober für ft er et en und For st warteten unter Kennzeichnung der Staats-, Gemeinde- und Privatwaldungen zugehen zu lassen.
Der Abg. Leun beantragt:
Hohe Kammer wolle beschließen, die Regierung zu ersuchen, tu veranlassen, daß auch nach Anlegung des neuenGrundbuchs m den Orten, wo sich weder ein Amtsgericht noch em No armt befindet die Großh. O r t s g e r i m t e kompetent bleiben, G r u'n d st ü ck s v e r k ä u f e bis 500 M k. W e r t g e g e n st a n d rechts g i l l i g zu p r o t o k o l l i e rem
vorgegangen sind, dafür liefern zwei Briefe einen neuen Beleg, welche die Kapstadter Zeitung ,,Ons Land" enthält. Ter eine Brief ist von Frau E. I. Bothma: Am 10. Oktober kamen 60 bis 70 bewaffnete Wi'bo'ks nach Zwartmodder (dem Platze von H. Smith verlangten die Wissen, nahmen die Männer ungefähr 100 Schritte vom Hause mit und schossen H. Smit tot; danach wurden auch E. I. Bothma, H. van der Westhuisen Sr. und Jr., Joh. Potgieter und andere totgejschossen. Zwei Söhne des alten Wesd- huisen flüchteten nach dem Hause, aber ehe sie es erreichten, wurden sie auch totgeschossen. Als die Männer tot waren, kamen die Witbois nach dem Hause, stießen die Türen ein und trieben die Frauen und Kinder aus dem Hause. Ta die Frauen sich fürchteten, hincms^ugehen, ergriffen die Hottentotten die Jungen und warfen sie förmlich zur Tür hinaus. Draußen wurden sie totgeschossen: ein Knabe von Frau Bothma, 10 I'ahre alt, von Frau Westhuisen, 12 Jahre alt, einen Potgistter. 18 Monate, einen Smit, 4 Jahre alt; ein Söhnchen von Potgieter ward von 5 Hottentotten ermordet, sein Schädel war völlig weggeschossen. Ein Sohn Wefthuisens erhielt zwei Schüsse durch den linken Arm. Tann wurden alle ein Stück weggeschleppt. Nach ein paar Stunden hatte sich der siebenjährige Junge wieder erhoben und lief aus das Haus zu. Ta sagte der Führer der Witbois zu der Mutter: „Nun könnt ihr ihn wieder nehmen, wir werden ihn nicht mehr schießen." Tann sagte der Anführer Jzak, sie machten keine Frauen tot, doch trieben sie alle aus dem Hause und verboten ihnen, in dasselbe zurückzukehren. Sie begannen nun, auszw- packen und zu rauben, was vorhanden war. Nm 1 Uhr mittags wurde ein kleiner Wagen bespannt, den die Frauen besteigen mußten, sieben Frauen und 19 Kinder wurden darin nach Kalkfontein gebracht. Nachts mußten wir ohne Tecken schlafen und am nächsten Morgen wurden wir nach Rietmont und dann nach Mariendal gebracht. Tort trafen wir Frau Steyn und Frau Fourie, durften uns ihnen aber nicht nähern.
Weiter schreibt Frau Jacobus Steyn: Am 5. Oktober erhielt mein Mann von Hendrik Witboi den Befehl, mit seiner ganzen Familie und dem Vieh nach Kalksontein zu kommen; sie wurden dort entwaffnet. Danach erschienen sechs Reiter und ein Fußgänger, die sofort auf unsere Männer zu schießen begannen (H. Fourie war auch da). Jacobus Stehn entfernte^sich etwa 25 Schritte, dann schossen sie ihn nieder. H. Fourie floh ungefähr 100 Schritte, da trafen ihn 3 Schüsse. Die Hottentotten schossen dann meinen 12jährigen Sohn in den Arm. Tas Kind kroch zwischen die mrderen Kinder und flehte nm Erbarmen, ooch ein Witboi ergriff ihn bei den Füßen, schleuderte ihn von mir weg und gab ihm 5 Schüsse. Am Ende des Briefes werden noch als tot anfgezählt: F. Smera, W. Eelliers, 2 Knondse, Kuhn, E. Kotze, W. van Lel, Moller usw. 15 Leichen lagen auf einem Platze.
Am Typhus
sind gestorben: Sergeant Oskar Kügler und Gefteiter Rudolf Koeplin.
Neuer Truppentransport.
H a m b u r g, 23. Dez. Mit dem Dampfer „Prinzregent" verließ heute nachmittag der vierte Truppentransport, bestehend ans 24 Offizieren, 680 Unteroffizieren und Mannschaften und 92 Pferden den hiesigen Hafen. Die Verabschiedung erfolgte durch den kommandierenden General Bock von Polach in der üblichen Weise. Zur Verabschiedung von seinem Sohne, der sich als Offtzier mit nach Südwestafrika begibt, war der Präsident des Neichsmilitärgerichts v. Massow mit Gemahlin erschienen. Tie Verteilung der Liebesgaben des Senats wurde in der gewohnten Weise durch die 5Mmburger Kolonne des Roten Kreuzes vorgenommen.
Oberst Leut wein wird mit dem Ta.mpfer^,Mcre Woermann" voraussichtlich am 30. Dezember von Südwestafrika in Hamburg eintreffen.
Aus £>ühweftafrdia
Maherero.
Berlin, 23. Dez. Ter kaiserliche Generalkonsul von Kapstadt meldet, daß nach einer amtlrchen Mrtteckuna Samuel Maherero nach B e t s chu a Nlg lan d übertrat und die Erlaubnis zum Verbleib en auf prr-^ t i s ch e m T e r r i i o r i u tu nachsuch t e. ^er Magistrat für Nhgamiland erhielt Instruktionen, daß die aus deutschem Gebiete kommenden Flüchtlinge von dem Uebertrckt auj englisches Gebiet tunlichst angehaltt:n rmd, salls sw es gleichwohl tun, unverziiglich entwaffnet und verhindert werden, auf deutsches Gebiet znrückzukehren, um weiteren Anteil an den Feindseligkeiten zu nehmen. Sre sollen m genügender Entfernung von der Grenze festgehalten werden, und es sollen legitimierte deutsche Beamte bei Fstt- stellung von Vieh, dessen Diebstahl ^Z6^uommen wird, unterstützt werden. Samuel Maherero wrrd benachrrchiigl, daß er mit einer beschränkten Anzahl seiner ^^wssen nur unter den gleichen Bedingungen wie andere Flüchtlinge auf britischem Gebiete bleiben kann.
Ein neuer Kampf.
Berlin, 22. Dez. General v. Trotha meldet aus Windhuk vom 21. Dez.: Eine Osfizicrspatromlle steMe bei Stamv-Rietfontein östlich von Kalt ontein 80 Witbois sest. Major^ Meister griff sofort überraschend mit der 4- Kom- voanie und 2 Geschützen an. Der Feind ließ 2 Tote mit Gewehren liegen, die weiteren Verluste sind nicht sestge- stellt.
Bei der Erstürmung von Koes am 15 Dezember sind gefallen: Gejreiter Hermann üolm Reiter August Schmeißer. Leicht verwundet. Sergi ant Wilhelm Müller, Schuß in-die rechte Huste, E^- freiter Ludwig Mausberg, im rechten Unterarm, Reiter Richard Friedling. <?chur' in den lmk-'n Unterschenkel.
Mordtaten der Witbois.
Wie grausam und wie wenig verschieden von den He y J Die Witbois gegen die Ansiedler ohne Schonung der Sanvcr
fand im Taschenberg-Palais Tafel statt, an der sämtli«^ Mitglieder des königlichen Hauses, auch die Königin-Witwv Karola, teilnahmen.
Tas „TreSd. Journ." meldet offiziös:
Es ist bekannt, daß Trau Gräfin Montignoso sich kurze Zeit in Dresden aufgehalten hat. Tie-fer Besuch hatte nach uns ge- mrobenen zuverlässigen Mitteilungen den ausgesprochenen Zweck, eine Zusammenkunft mit dem König sowie mit den jugendlichen Prinzen intb Prinrefsinnen zu erreichen. Nachdem, bie. Gräfin burd) den Bevollmächtigten des Königs darüber aufgeklärt war, daß die gewünschte Zusammenkunft untunlich sei und sie sich dessen selbst beschieden hatte, hat die Gräfin in den zeitigen Nachmittagsstunden in Beoceitung ihres Rechtsbeistandes Recktsawnalt Zehme wieder verlassen.
In Leipzig traf die Gräsin am Donnerstag nachmittag 5 Uhr 31 Min. ein. In ihrer Begleitung befarrd sich Rechtsanwalt Dr. Zehme. Vor dem Bahnhofe waren ungefähr 300 Personen versammelt, welche vereinzelt Hochrufe ausbrachten.
Bei ihrer Ankunft küßte ihr eine Dame die Hand und erkundigte sich nach ihrem Befinden. Die Gräfin bemerkte, die Abweisung in Dresden habe sie schmerzlich berührt. Sehr angenehm sei sie dagegen von der Anhänglichkeit des sächsischen Volkes berührt. Sie hoffe, bald wiedex nach Sachsen zurückkehren zu können.
Vom Bahnhöfe begab sich die Gräfin in geschlossenem Wagen nach der Villa des Rechtsanwalts Dr. Zehme in Gautzsch bei Leipzig. ,
Infolge der Erklärung der Gräsm Montrgnoso, fte liebe das Sachsenland und kehre bald wieder zurüch herrscht in Dresden andauernd starke Erregung. Tas sächsische Staatsministerium trat am Freitag mittag zu einer Sitzung zusammen.
Rechtsanwalt Tr. Zehme erklärte, die Gräfin Mon- tignoso sei aus eigener Initiative, ohne daß er eine Ahnung davon hatte, nach Deutschland gekommen, nur um ihre Kinder zu sehen. Da sie durch die langk Frhrt von Florenz nach Leipzig überreist erschien, habe er sie nach Dresden begleitet, um sie nicht schutzlos zu lassen.
Von verschiedenen Seiten war die Behauptung ausgestellt worden, paß die Gräsin von der sächsischen Regierung einen Ausweisungsbefehl erhalten habe, demgegenüber wird auf das bestimmteste erklärt, daß hiervon keine Rede sei. Die Verhandlungen zwischen bem Hofe und der ehemaligen Kronprinzessin luurden vielmehr außerordentlich konziliant und liebenswürdig geführt.
Von anderer Seite wird gemeldet, sie habe die Fahrt deshalb unternommen, um an Ort und Stelle ein genaues Bild über die Stimmung in Sachsen zu erhalten. Die Sympathien für die ehemalige Kronprinzessin sind in Sachsen in stetem Steigen begriffen.
Eine Nachricht vieler Blätter, daß die Grästn bereits am Donnerstag abend nach Florenz abgereilt sei, hat stch als falsch erwiesen. Sie blieb vielmehr, angegriffen durch ihren ergebnislosen Dresdener Aufenthalt, bis zum Freitag abend in der Villa des Dr. Zehme und reiste erst gestern abend nach 11 Uhr über Frankfurt nach Brüssel ab, wo bekanntlich Herr Giron weilt!! Ein Sohn des Dr. Zehme begleitet die Gräfin. Dr. Zehme hatte, wie e§ heißt, alles aufgeboten, um die Gräfin von weiteren Schritten abzu halten, die sie noch einmal nach Dresden führen könnten.
Die Reise der Gräfin nach Brüssel, in die Heimatstadt des Herrn Giron, wird allgemeiner ehrlicher Entrüstung begegnen. Daß sie nach Dresden $um Weihnachtsfeste' eilte, von Mutterliebe getrieben, wrrd ihr niemand' verargen. Trotzdem wird sich dadurch kein gerecht denkender Mensch irgendwie in seinem bisherigen Urteile über sie beeinflussen lassen. Leider aber lassen sich zahlreiche urteilslose Leute, unterstützt durch eine schmachvolle SensationK- presse, von falscher ^Gefühlsduselei ergreifen und nehmen^ erneut für die vormalige Prinzessin Partei. Vielfach wird verlangt, die sicher sehr exzentrische Frau in einer geschlossenen Anstalt unterzubringen. Ob dies angängig ist, vermögen nur Eingeweihte zu beurteilen. Ist die Gräfin! in Dresden tatsächlich in offenem Wagen durch die Straßen gefahren, so bleibt zweierlei unverständlich, einmal daß! sie selbst dies für angemessen erachtet hat, was einen! großen Mangel an Takt und Zartgefühl verrät, zum anderen aber, daß die Polizei dies nicht einfach verhindert hat. Daß die Dresdener aber gar, wenn sich auch viele voU ihnen in der ganzen Angelegenheit recht sonderbar verhalten haben, der Gräfin „begeisterte" Hochs zugerufe^ haben könnten, vermögen wir nicht zu fassen.
Von einer Persönlichkeit, welche über die Vorgänge am Tresdener Sbofe unterrichtet ist, erhält die,,N. Fr. Pr." folgende DarsteNung der Lage: Ueberraschend kam die Nachricht, die Gräfin fei in Dresden auf getaucht, n ich t. Namentlich die Greir-polizei hatte strenge Weisung, darüber zu wachen, ob die Gräfin sächsischen Boden betrete. Nichts« Cann den Hof von dem einmal gefaßten Beschluß abbringen, das mit der Gräfin getroffene Nebereinkommen, wonach sie nie mehr nach Sachesn kommen darf, unbedingt aufrecht zu erhalten. Dagegen sind Wiener Hofkreise der ^Ansicht, daß die Gräfin noch immer sächsische Staatsangehörige ist und daß mau ihr den Aufenthalt in Sachsen kaum verNveigern könne. Durch ihre Rückkehr hat sie das Uebereinkom- mcn gebrochen, auf dem eine finanzielle Unter* stützung basierte.
Erzherzog Josef Ferdinand von Tascana, der mtch seinerzeit bei der Flucht der Gräfin Montignoso und ihres Bruders Leopold Wölfling aus bem Salzburger Elternhause intervenierte, ist nach Salzburg abgereist, wo heute ein t o s c a n i s ch e r Familienrat stattfindet.


