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Dienötott 23. Februar 1804
Nr. 45
Zweites Blatt
154. Jahrgan
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Giehener Anzeiger
Erscheint täglich mit Ausnahme deS Sonntags.
General-Anzeiger, Amt;- und Anzeigeblatt für den Kreis Siehen.
Die „Giehener FamilienblStter" werden dem ^Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der dhcjstiche Landwirt" erscheint monatlich einmal.
Redaktion, Expedition ».Druckerei: Schulstr.7.
Tel. Nr. 6L Telegr.-Adr.: Anzeiger Ließen.
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'scheu Universitätsdruckerei. R. Lange, Ließen.
Die üeurtge Mmmer umfaßt 10 Seiten-
itunq ' auf dem Staatsanwall, welcher kraft seines Amtes als
Weder die Hütekinder, welche glücklicher und besser > öffentlicher Ankläger jeden Menschen, ob hoch ob niedrig,
Bereitung.
ltch gegeben werden.
In ganz besonderem Maße ruht eine Verantwortung
jederzeit in eine Untersuchung wegen M'oro unv Totschlag, Fahrlässigkeit, Beleidigung usw. verwickeln kann, ohne daß dem Betreffenden die Möglichkeit gegeben wäre, sich im Falle er unschuldig war, irgendwelche Genugtuung zu ver> chaffen. Eine Berufung gibt es nicht, verklagen kann man den in Ausübung seines Amtes handelnden Staatsanwall nicht und fordern natürlich erst recht nicht. Wohin sollte das auch führen?
Ob hier eine Aenderung des bestehenden Systems Nicht vielleicht doch hätte erwogen werden sollen, mag dahingestellt sein. Auf jeden Fall wäre es gut, nicht alles, was von gegnerischer und speziell sozialdemokratischer Seite vorgebracht wird, kurzerhand mit überlegener Miene abzutun.
Es ist Weniges auf Erden so gut, daß es nicht noch besser werden könnte.
Vogelsberg.
Ich gehe aber noch weiter und behaupte auf Grund meiner Studien im Vogelsberg, daß nur die Minderzahl der Kinder überhaupt für Lohn hütet. Der größere Bauer hat doch meist auch Kinder, seien es nun Schulkinder oder der Schule bereits entwachsene Mädchen, stellenweise auch Knaben. Wenn das Los ein so betrübendes wäre, dann würde der reiche Bauer seine Kinder nicht hüten lassen, was er aber in den meisten Fällen tut. Es kommt hinzu, daß die Bauernkinder doch auch lernen müssen mit dem Vieh umzugehen, und daß sie meist mit Stolz und Freude an das „Ausfahren" denken. Kleine Leute haben kein Vieh, für ihre Kinder, welche doch später Knechte und Mägde werden müssen, ist daher das Hüten die beste Vor-
Kütekinder.
Man schreibt uns von ärztlicher Seite:
Wer von den Gießener Lesern des G. 2t. kennt aus eigener Anschauung den Vogelsberg? Wer hat ihn von Lauterbach bis Gedern, von Schotten bis SchlÜch- te rit, von Ulrichstein bis Birstein wandernd durchquert? Ich fürchte, nur wenige. Und das ist schade. Tenn was der nervös überarbeitete, erholungsbedürftige Städter braucht und heutzutage nur noch an wenigen Orten findet, das bietet das herrliche, waldreiche Gebirge mit seinen Miesen, Bächlein, Weihern, Basaltfelsen, Hecken und Hut- toeiben in reichem Maße: Gute, von rauchenden Schloten nicht getrübte, vom Pfiff der Lokomotiven und Geheul der Sirenen nicht durchschwirrte, durch ein Uebermaß von Lungenkranken nicht verseuchte Luft, ländliche Stille und sehr geringe Inanspruchnahme des Geldbeutels.
Tort wohnt ein großer, starker Menschenschlag. Wenn die Gießener oder Darmstädter Leibkompagnie KW. oder 115 an der Spitze des Regiments mit klingenoem Spiel einherziehen sehen, dann wissen wohl die wenigsten, daß die langen Kerls zumeist aus dem Vogelsberg stammen.
Trotz vielfacher Inzucht in den Dörfern und dürftiger Kost läßt ein arbeitsames Landmannsleben im Freien solche Gestalten heranwachsen. Tas muß toaljrlid)! als Beweis dafür gelten, wie vorteilhaft ihre Lebensführung für ihre Entwicklung ist.
Und diese Lebensführung umfaßt z. B. im Steife Lauterbach fast durchgängig in den schulpflichtigen Jahren das Hüten.
Wer die Kinder mit dem Ringelstecken und der Peitsche bewaffnet, vielleicht noch ein Schulbuch unterm Arm, mit munterem Zuruf die „Schweizern", „Blässe", „Schimmel", „Braunen" (Kühe), die „Mäntschchen" (Kälber) und die stets vorhandene „Goast" (Ziege) hinaustreiben oder auf den Hutweiden bewachen sieht, der glaubt gewiß nicht, daß ihr Los ein so schlimmes ist, wie jetzt vielfach behauptet wird.
Hier studieren sie ihr Pensum, oder sammeln Champignons, die zahlreich auf bcu Weiden such finben, und verkaufen sie. Daß die Lehrer einen Nachteil von dieser Art des Lernens nicht gesehen haben, ist ja bezeugt. Nur das Schreiben muß zumeist im Haufe besorgt werden.
Ist es nun nicht gesünder, wenn die Kinder in der frischen Luft sich auf halten, als wenn sie, kaum der Schule entwachsen, mit 14—15 Jahren in Fabriken sich die Lungen voll Eisen-, Tabak-, Woll- ober sonstigem Staub pumpen und in ihren, in der Entwicklung begriffenen Organismus früh den Todeskeim legen? Tenn verdienen müssen die Kinder kleiner Leute stets und überall, nicht allein im
Staatsanwälte.
Man schreibt uns ans akademischen Kreisen:
Während die hessischen Stände über billige Sozialpolitik debattieren, hat der Reichstag den Etat beraten. Und wie dieses Kapitel stets
ein Tummelplatz für die Sportsmen dar stellt, auf welchem die verschiedensten Vehikel vorgeführt werden, so hat es diesmal auch eine Debatte über die Staatsanwälte gegeben.
Das Amt des Richters an sich stellt ungemein hohe An- fordemngen an den Charakter. Es ist klar, daß der Richter, welcher kraft seines Amtes dazu ausersehen ist, andere zu be- und zu verurteilen, in gewisser Weise seine Eigenschaft als Mensch vergessen, das Persönliche oblegen und gewissermaßen die abstrakte, personifizierte Gerechtigkeit sein muß.
Ohne dem Stand an sich nahetreten zu wollen, muß man doch sagen, daß dies eine Forderung ist, der unmöglich alle Menschen, welche Richter werden, genügen können. Und es ist ein vielfach gehörtes Wort, daß Richter heutzutage auch Menschen seien.
Ohne es als Beweis für diese Behauptung anführen zu wollen, muß man aber im Rahmen dieser Betrachtung unwillkürlich daran denken,, wie heutzutage Prozesse gegen hochstehende Personen mitunter geführt werden, die in ihrem Verlauf und Ausgang häufig Kopfschütteln hervorurfen. Wenn eine Gräfin ein unehelich geborenes Kind zum Fenster hinauswirft, so sollte man annebmen, daß sie, die gebildeten Kreisen Angehörende, sich der Strafbarkeit solcher Handlung in erhöhtem Maße bewußt sein müsse und daß ihr nur ev. die augenblickliche Erregung als mildernd zu gut kommen könne.
Eine etwa gleichzeitig unehelich gebärende Dorfmagd, welche ihre Stelle verlieren mußte und nicht weiß, woher sie des Leibes Nahrung und Notdurft für sich und ihr unschuldiges Würmchen nehmen soll, die also aus Not einen ähnlichen Schritt tut, wäre wesentlich milder zu beurteilen.
Wenn in solchen Fällen die Gräfin freigesprochen und die Dienstmagd ins Zuchthaus gesteckt wird, so könnte das wie ein Scherz klingen, wenn es nicht wirklich passiert wäre. Da bei solchen Verhandlungen meist die Oeffentlich- feit ausgeschlossen wird, so müßte wenigstens in der Urteilsverkündung Bedacht auf eine möglichst Kare. Darstellung der besonderen Gründe für die Entscheidung öffent-
daran sind, als mancher oberflächlicher Beobachter ober eifrige Sozialpolitiker denkt, noch ihre Eltern, welche deren Tienste nickst gut ohne Schaden für ihren Beutel entbehren können, wollen, glaube ich, geholfen haben, und es ist dies ja in den Ausführungen des Bürgermeisters Weidner von Herchenhain in der Kammer zutage gekommen.
Wie ich die Vogelsberger kenne, würden sie wohl eher sich durch ein Verbot vor den Kopi gestoßen fühlen. Ob es da nicht bester wäre, quieta non movere. Weder die Hütekinder noch die nach Nr. 32 projektierte „Klimaverbesserung" des Vogelsbergs erscheinen uns als geeignete Ausgangspunkte für eine Hebung dieses Gebirges. Wollte dagegen die Kammer noch einen senkrecht auf die Dahn Lauterbach-Gedern verlaufenden Schienenstrang bewilligen, damit die reichen Basaltlager, das Holz, das Vieh und die landwirtschaftlichen Produkte, welche jetzt stundenweite Landwege zu machen haben, leichter abgesetzt werden könnten, dann würde alles andere wohl von selbst kommen.
Preussisches Abgeordnetenhaus.
(Fortsetzung aus dem Morgenblatt.)
Berlin, 22. Febr.
Minister des Innern Frhr. v. H am me r st ein fährt fort: Jedenfalls sei weder ein Agent der preußischen noch der russischen Polizei bei der ganzen Affaire beteiligt. Der Minister geht sämtliche von sozialdemokratischer Seite angeführten Fälle durch und konstatiert bei jedem einzelnen, daß amtlich nichts ermittelt werden konnte. Der Vorwurf, daß das Briefgeheimnis von Post-oder Telegraphenbeamten verletzt worden sei, habe sich als unbegründet hercmsgestellt. Die Fälle unberechtigter Einbrüche zum Zwecke der Haussuchung in Wohnungen von Russen und Russinnen hätten sich zum Teil als unwahr herausgestellt, zum Teil liegen sie Jahre zurück, so daß Feststellungen unmöglich waren. Die Polizei gehe rein aus dieser Affaire hervor. Die Sozialdemokraten werden wir weiter mit allen gesetzlichen Mitteln bekämpfen. (Beifall rechts.)
Abg. Oeser (fr. Vg.) bedauert, daß die Aufklärungen der Minister nicht schon im Reichstag abgegeben worben sind. Mit der Äusweisungspraris der preußischen Verwaltung gegen die Anarchisten könnte man einverstanden sein, wenn man nicht befürchten müßte, daß der Begriff Anarchist von der Polizei zu weit gefaßt würde. In Rußland wird jeder Oppositionelle als Anarchist bezeichnet. Die russischen Agenten haben kein Rechit bei uns ihre Tätigkeit auszuüben. Es scheine, daß Rußland mit. deutschen Detektivbureaux in Verbindung steht. Ter russische Auslieferungsvertrag vom Jahre 1885 erregte im Reichstag solche Entrüstung, daß er dann mit Preußen und Bayern, nicht mit dem Reiche allein abgefckstofsen worden sei. Preußen soll weiter als Rechts- und Kulturstaat dastehen.
Abg. v. Heydebrand (kons.) ist mit der Regierung durchaus einverstanden. Er billige die Ausweisungspraxis völlig. Den Kernpunkt bilde die Ueberwachung von Anarchisten durch ausländische Agenten. Diese Ueberwachung sei an sich zweckmäßig, sie müsse aber im Rahmen der deutschen Gesetze erfolgen. Liebedienerei gegen Rußland sei nicht im Spiele. Es gebe im Auslande auch Agenten, die deutsche Anarchisten überwachen helfen.
Abg. Peltasohn (fr. Vg.) schließt sich den Ausführungen des Abg. Oeser an.
Justizminister S ch ö n st e d t erklärt: Die Mitteilungen Über den Königsberger Prozeß habe er aus der Notlage heraus gemacht, in Die ihn die Notwendigkeit versetzt habe, die vorliegende Sache aufzuklären. Er habe sich dabei die größtmögliche Zurückhaltung auferlegt.
Aba. Frhr. v. Zedlitz (frt) schließt sich den Ausführungen des Abg. v. Heydebrand an. Es ist erwiesen, daß
Zlriedrich Spielhagen.
ß u sein em 7 5. Geburtstage, 24. Februar. Bon Tr. Alfred Semerau.
(Nachdruck verboten.)
Spielhagen, einer der wenigen noch lebenden Roman- -ichter, die wir der älteren Generation nicht nur nach den Jahren, sondern auch nach dem Charakter ihrer Werke zuzählen, hat einmal über die Geschichte seines Erstlingswerkes, der „Problematischen Naturen", an die wir zuerst, wenn toir seinen Namen nennen, denken, geschrieben: ,Die problematischen Naturen find wirklich mein erstes Merk, wenn auch in dem Katalog meiner Schriften einige frühere Nummern verzeichnet stehen. Mer die Novelle Klara Vera ist recht betrachtet nur eine Schülerarbeit, bei der mir freilich kein Meister über die Achsel gesehen hat, eine Probeschrift zu eigenem Gebrauch, mir selbst darüber Uar zu werden, wie weit ich es in der Einsicht des Weltgetrcebes und der Darstellung von Menschen ungefähr gebracht, alles in allem ein Produkt, in welchem ich eigentlich noch nicht ich selbst bin. Es wird in der Dämmerstunde eines Herbst- taaes im Jähre 1851 gewesen fein, als ich meiner Schwester die ich sehr liebte, und troti ihrer großen Jugend zur Vertrauten meiner seelischen Freuden und Leiden machen durfte, einen Roman erzählte, der im Grunde nichts anderes war, als die Problematischen Naturen; ich' sage: im Grunde denn hatte auch der erzählte Roman mit dem so viel spater geschriebenen, was die Fabel betraf, nur eine entfernte Aehnlichkeit, die Hauptsache, vielmehr die Hauptperson war da der Held, der, wenn er sich nicht metn Spiegelbild nennen durfte, doch mit dem Erzähler eine ausgeprägte ^arnmenälÄ aufwies. Und nicht er allein erschien mit voller Deutlichkeit auf der Bildfläche, in fernem Infolge befanden sich verschiedene Gestalten, schon nicht mehr LriSnYifotih vielmehr in klaren, scharfen Umriffen, die Ge- Ratten derjenigen meiner 3«un6e, welchen ich den ftärtften Uinflufi auf den Gang meiner Entwicklung zusprechen mußte und d e denn auch wie sie dama s fest vor mernes G-iftes Auge standen, in den Roman ubergegangen sind/' Der Gesichtswinkel, unter welchem der iunge Poet das Welt, fragment sah, das er zu schildern gedachte war m dem erzählten Roman der nämliche, welcher m dem geschiebenen zur Anwendung tarn. Mr ganze Unterschied be-
stand darin, daß das betreffende Weltfragment im Lauf der Jahre naturgemäß an Weite und Breite gewann und Raum gewährte für eine Fülle von Personen, deren Bekanntschaft er noch zu machen hatte.
Im Jahre 1854 begann Spielhagen an dem Roman zu arbeiten, doch die Arbeit ging nur langsam von statten, weil so manche Zwischenfälle den Zauber, der die völlige Hingabe des Beschwörers an die Sache, die straffste Sammlung seiner Geisteskräfte und auch die tiefe Stille, die für jede intensive Arbeit notwendig ist, erforderte, auf unliebsame Weise störten. Damals war Spielhagen Lehrer und hatte Tag für Tag im Leipziger modernen Gesamt-Gym- nasiurn Jungen in die Geheimnisse der deutschen und englischen Grammatik einzuweihen oder in der dem Gymnasium angeschlossenen höheren Töchterschule den Mädchen die französischen Konjugationen beiAubringen. So erklärt es sich, daß die Arbeit an diesem Erstlingswerk nicht sehr gefördert wurde und manchmal monatelang überhaupt liegen blieb. Endlich schloß er mit der „Zeitung für Norddeutschland" in Hannover einen Kontrakt, nach dem er ihrem Feuilleton, ohne daß eine Unterbrechung am Truck stattfände, einen Roman von vier Bänden zu liefern hatte, von denen höchstens einer fertig war und die drei anderen im Wettkampf mit der Truckerpresse geschrieben sein wollten. Später, nicht lange danach^ wurde er Redakteur desselben Feuilletons, in dem die erste Abteilung des Romans — weiter war er in den vier Bänden nicht gelangt — erschienen war, und schrieb als solcher die zweite, abermals in vier Bänden, so feine große Beichte absolvierend, eine achtbändige Beichte, in der zehn Jahre feines Lebens steckten. Spielhagen sagt, eines wahren Dichters Erstlingswerk wird immer eine Beichte fein. Die Problematischen Naturen enthielten aber feinen eigenen Worten gemäß wicht nur eine Beichte, sondern die Quintessenz seines ganzen bisherigen Lebens, nur die Quintessenz. Von feinen tatsächlichen Erlebnissen waren nichts als Fragmente in den Roman verarbeitet, und auch sie hatten es sich gefallen lassen müssen, im Tiegel der Phantasie um geschmolzen und dann in die Form gegossen zu werden, in der sie sich dem übrigen Körper des Romans harmonisch angliederte.
Spielhagen ist, wie man einmal richtig gesagt hat, gleich Gusikow und Freytag der T'.'pus eines Schriftstellers, im Gegensatz zu dem des Dichters, eines Schriftstellers,
dessen mehr nachbildendes als selbstschöpferisches, mehr [am*- melndes als inruitives Vermögen an das Wesen des dich>- terischen Jpgeniums riihri, ohne doch mit der siegenden Glut, mit der elementaren Triebkraft des Dichters erfüllt zu fein. Zwischen Gutzkow und Freytag hat man Spielhagen gestellt. Wir haben von ihm eine ganze Reihe interessanter und geistreicher Bücher, denen wir aber doch bert Titel Roman im höchsten Sinne des Worts nicht zuerteilen können, wie er sich uns im Cervantes, Don Quichote be la Mancho, Fieldings Tom Jones unb Dickens Romanen zeigt, um nur einige herauszugreifen. Niemals hat Spielhaaen, wenigstens in feinen Romanen, uns ein reines Gebilde der Dichtkunst gegeben, immer finden wir in ihnen Didaktik, Tendenz, die uns stören und im Genuß seines Werkes beeinträchtigen. Wer die „Problematischen Naturen", „Hammer und Ambos", „In Reih und Glied", „Sturmflut gelesen hat, wird das ohne viele Schwierigkeiten herauserkennen. Eine gewisse Lehrhaftigkeit mackst sich, hier versteckt, dort offener, aber doch nirgends so, daß sie nicht zu erkennen wäre, bemerkbar.
In „Reih und Glied" zeichnet Spielhagen einen Helden und konstruiert eine Handlung, um durch beides den Gedanken auszudrücken, daß der heutige Mensch in Rech und Glied kämpfen muß, will er das Wohl im allgemeinen fördern, und daß er zu Grunde gehen muß, wenn er sich allein stellt. Nun ist es natürlich am Leser, nachzuprufen, ob der Beweis geführt ist, wie am Dichter seine ganze Aufmerksamkeit darauf zu verwenden, daß seine Geschichte eben diesen Gedanken vollkommen ausbrückt. Spiechagen, möchte man sagen, stellt gewissermaßen einen Satz auf, um ihn nachher zu beweisen, er will dem Leser seine Anschauungen, welcher Art sie auch immer sein mögen, insinuieren. Ter Leser soll sie nicht den Geschichten direkt entnehmen, sondern Spielhagen stellt sie chm fertig unb unabänberlich hin. Tie Lehren, die er vorträgt und zu erweisen sucht, läßt er buch den Mund seiner Personen Vorbringen. So ergibt sich die Tendenz des Romans „In Reih und Glied" durch den Mund Walters: „Wenn nicht alle Zeichen trügen, so ist die Zeit des Herrentums vor- Ü6er — vorüber die Zeit, wo die H>elden auf ihren Streitwagen das Blachfeld durchdonnerten und die köpf- und herzlose Herde schreiend tatenlos hinterdrein zog. Das Feldgeschrei heißt jetzt nicht mehr: einer für alle, sondern


