Ausgabe 
22.12.1904 Erstes Blatt
 
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Nr. 301

r|0ttet esgrtch öufeer Sonntags.

Dem Dietzen er Anzeiger werden Im Wechsel mit dem kesflschen Landwirt die Giehener Kam^Oen- Hättet viermal der Woche beigelegL /btattonfibrud u. Der» lag der Brühl 'ichen Unwerl.-Buch-u. ©tein» druckerri. St. Bange, Uaafttmu ErvedMo« und Druckerei:

Schulftratz« 1. tlbrefie füi Depeichen: «lu-etger Stegen.

^krniprkchanIchluyNr 61

Erstes Blatt.

154. Jahrgang

Donnerstag 22. Dezember 1904

Amis- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen

Ve»a g-pret-r monanich76 viertel» jährlich W. 8.20; durch Abhole» il Zweigstellen monatlich 6o Ps.; durch btt Poft Mk. 2. »texlel« iäbrl. auSschl. Bestellg. Annahme von Anzeigen für die lageßnummei bis vormittags 10 Uhr. ZeilenprerS. total I2P^ emSroärti 20 Pfg. veraniwortlich füi den po(tl und allgem. Tert P. Wittko: füt .Stadt und 2anb* und -Derrchtssaal^: August Goetz; füi den An- zeiaenteil. HanS Beck.

Are heutige Hlummer umfaßt 12 Seiten.

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Volitische Tagesschau.

Bauernansiedlung in Ostdeutschland.

Das preuß. Abgeordnetenhaus hat wiederholt angeregt, der Staat solle auch außerhalb des Tätigkeitsbereichs der Änsied- lungskommission für Posen irrtb Westpreußen selbst als Unternehmer und mit seinen Mitteln die Ansiedlung von Bauern und ländlichen Kleinwirten betreiben, da die Generalkommission zu diesem Zweck doch nicht ausreichend in Ansvruch genommen werden, und auch 'die Bereitstellung von 10 Millionen Mark aus dem Reservefonds der Rentenbanken, zur Gewährung von Zwischenkredit bei Rentengutsgründungen die in der inneren Kolonisation eingetretene Stockung nicht ganz zu überwinden vermocht hat. Dieser Anregung ist die preuß. Re­gierung bisher mit Rücksicht auf das Ansiedelungswerk in Posen und Westpreußen nicht nachgekommen. Zwingende Gründe für eine kräftige Förderung der inneren Kolonisation liegen aber, nach D-ffiziöser Verlautbarung, in der Tat für Ostpreußen und Hinterpommern vor. Hier ist die Entvölkerung des flachen Landes besonders stark gewesen, und hat eine geradezu gefährliche. Höhe erreicht, so daß z. V. Ostpreußen, während im übrigen die Be­völkerung überall, zum Teil sogar sehr stark, zunahm, umge­kehrt in dem letzten Jahrfünft eine Verminderung der Bevölker­ungszahl aufwies. Dazu kommt, daß sowohl Ostpreußen wie Pom­mern der Gefahr eines Eindringens zahlreicher polnischer Ele­mente in die Landbevölkerung ausgesetzt ist, wenn nicht durch Besiedelung deutscher Bauern und Kleinwirte die in ihr durch Abwanderung gerissenen Lücken bald ausgefüllt werden. Hier würde der Staat durch kräftige Kolonisation die Tätigkeit der Ansiedclungskommission nicht durchkrertzen, sondern im Gegen­teil wirksam ergänzen. Die Staatsregierung ist demzufolge auch in Erwägungen über die Inangriffnahme der inneren Koloni­sation in diesen Landesteilen durch den Staat selbst eingetreten, und bei der Dringlichkeit eines solchen Vorgehens im deutsch­nationalen Interesse soll der Landtag noch in der laufenden Tagung seitens der Staatsregierung mit zweckentsprechenden Vor­schlägen befaßt werden.

Deutsches Reich.

Berlin, 21. Dez. Heute unternahm der Kaiser einen Spaziergang in Sanssouei, hörte den Vortrag des Chefs des Zivilkabinetts und begab sich zu einer Parforcejagd nach D-^ritz.

DieNeue mil.-pol. Korr.^ weist auf ein Telegramm

Reichskanzlers Grafen von Bülow hin, das der Orts­gruppe Mansfelder Seekreis des Deutschen Flottenvereins in Eisleben zugegangen ist und in Beantwortung einer Zu­stimmungsdepesche lautet:

Es erfüllt mich mit aufrichtiger Genugtuung, daß meine Ausführungen über die nächsten Aufgaben und Ziele unserer Kolonialpolitik in der Reichstagssitzung vom 5. Dezember in einer zahlreich besuchten Versammlung national gesinnter Männer aus Eisleben und den beiden Mansfelder Kreisen Zustimmung ge­funden haben. Ich erblicke darin ein glückliches Zeichen dafür, wie sich in immer weiteren Kreisen des deutschen Volkes die lieber- zeugung Bahn bricht, daß eine kraftvolle FörderiNig der wirtschaft­lichen Entwickelung unserer Schutzgebiete zu den besonders wichtigen Aufgaben unterer nationalen Politik gehört. Bülo w."

Königsberg i. Pr., 21. Dez. In einer hiesigen Parteiversammlung warf der Redakteur des Königsberger Sozialistenblattes dem Zentralorgane der Partei, demVor­wärts", vor, er befolge die Taktik der Leisetreterei, er versumpfe das Parteileben und belüge seine Leser. Später glaubte der Genosse, die Angriffe etwas mildern zu Bwfcjw/" JMiiMxiiaBPManBBBMMMaBaaaEaanw imuhi!wnaj

Kleines Ieuilleton.

Die Aufführung von drei Einaktern von Klara Vie big fand 'unlängst in Amnerdam statt und erregte em außergewöhnliches Interesse. Der Cpklus so wird demBert. Tagebl" gemeldet umfaßt vier Dramen, die alle m typischer Art den Kampf des Weibes um den Mann darstellen. Das erste Stück, das in einem katholischen Torf im Osten spielt undDie Bäuerin" heißt, wurde in Amsterdam nickst aufgeftchrt. Der zweite EinakterEine Zuflucht" ftthrt den Zuschauer ms Arbeitshaus Eine der Insassinnen, ein verkommenes Berliner Mädchen, soll von vornehmen Wohltäterinnengerettet" werden. Man will sie in guten Häusern unterbringen> für ihr Fortkommen sorgen, ihren Rückfall in verbrecherisches Elend verhindern Aber die Müller" will nicht: sie will in die Freiheit zu ihrem Arthur^ der hinter der roten Mauer wartet, bis sie raus ist. Sie psetft auf das gute Leben nnd wirft den Vornehmen ihre bequeme Wohltätigkeit vor, die der Armut helfen will, ohne sie zu oep stehen ... Tas Stück zeigt starke Tendenz, spitzt sich aber in seiner Mischung von humoristischer Zustandsschilderung und biiftcr-m Ernst wirkungsvoll zu. LH-rarisch wertvoller erWint die KomödieFräulein F r e t chb o l z e n", die in einem Berliner Schneideratelier eine Großstadtszene von grimmiger satirischer Bitterkeit entwickelt. Der Mann, um den in diesem Falle gekämpft wird, ist derAgent" Kundke, der als Geuelfter der Atelierbesitzerin Fräulein Frtichbolzen eine Paschawir t uch ast führt und auch die kleinen Nähmamsells mit seiner -Huld ab und zu begnadet Daneben unterschlägt er den Betrag der Rech­nungen, die er für feine Flamme einkassiert, was ihn aber nicht hindert, trotz alledem derfeine Gustav" zu bleiben -v>as Stink ist eine Arbeit von stärkster Prägung. Tas Volksstuck t e Mutter" hatte mehr wegen feiner dichterischen Stimmung als wegen seiner dramtaischen Eigenschaften Erfolg. vielleicht lernen wir auch in Gießen bald diese Einakter kennen. Sie cheinen allgemeiner Beachtung wert.

*

- Aus Oberammergau wird uns geschrieben: . Tie Kreuzesschule gehört gleich den bekannten Bassionsspieleu zu jenen religiösen V o l k s s ch a u s p i e l e n , welche jnt ittel­alter an vielen Orten Deutschlands gepflegt, sich in unserem Torfe bis aus unsere Zeit erhalten haben. Während nun buj Passi'onsspiele rigelmäßig alle zehn Jahre zur Aufführung ge- lanut''n, hat die Tarsliellung der Kreuzessck-nle im vorigen Jahr­hundert größere Unterbrechungen erfahr'n und wurde zuletzt im Jahre 1875 gelegentlich bin: Errichtung der Kreuzesgrupve, eines von König Ludwig II. von Barnen zur Erinnerung au dwPassions- jpiele gegifteten großen Denkmals in ^zene gesetzt, xic nachsl-

sollen, indem er ansführte, derVorwärts* belüge zwar die Leser, aber nicht absichtlich.

Tie /z23erL Polit. Nachr." schreiben bezüglich der Heranziehung der Gesellschaften mit beschränk­ter Haftung zu der Einkommen sbe uer,es unter­liege keinem Zweifel, daß, wenn demnächst an eine Re­vision des Einkommensteuergesetzes herange­treten wird, das derzeitige Steuerprivilegium der Gesellschaften mit beschränkter Haftung beseitigt wer­den müsse.

TerVorwärt s" meldet: Nach dem bisherigen Gange der Einigungsverhandlungen zwischen den Vertretern der Arbeitgeber und der Arbeitnehmer der Berliner Holz­industrie, die Gewerbegerichtsdirektor v. Schulz als Un­parteiischer leitet, kann man annehmen, daß ein dauernder Friede noch vor Ablauf des Jahres erzielt wird.

Hannover, 20. Dez. Hier fand heute eine stark be­suchte Provinzialversammlung deS Bundes der Landwirte statt, in der der Landtagsabg. Schoof die Stellung des Bundes zu den Aufgaben des Reiches klar­legte. Ein Zusammengehen des Bundes der Landwirte mit der konservativen Vereinigung in der Provinz Hannoversei nur unter bestimmten Bedingungen möglich. Dr. Friederich Hahn sprach über die neue Kanal­vorlage besonders in ihrer Bedeutung für die Provinz Hannover. Dr. Hahn ging mit der Negierung und Jben In­dustriellen scharf ins Gericht, er bezeichnete die Anlage des Kanals im höchsten Grade verderblich für die Landwirtschaft der Provinz. v

Kcer und Klolte.

Der General der Kavallerie z. D. Wilhelm v. Winterfeld zu Darmstadt vollendet heute, am 22. ds. Mts., sein 8 0. Lebensjahr. Er war zuletzt Gouverneur von Mainz.

Infolge eines beleidigenden Arti^ls in der ,^Libre Parole" hat ein Redakteur desMatin" den Direk­tor lEhefderakteur) derLibre Parole" fordern lassen..

Petersburg, 21. Dez. Hier ist die Stimmung, nach­dem die erwartete Publikation in Bezug auf die für den Geburtstag des Zaren angekündigten Reformen nichp erfolgt ist, sehr gedrückt. Es laufen Gerüchte um, wonach nicht nur die liberalen Forderungen nicht durch-, dringen werden, sondern sogar eine Reaktion be-. ginnen solle.

Petersburg, 21. Dez. Gestern fand unter dem Vorsitz des Kaisers ein Priv atkonseil statt, mt, welchem teilnahmen: Großfürst Michael Alexandrowitsch, der Oberprokurator der heiligsten Synode Pobjedonoßzew, deck Präsident des Ministerkomitees Witte, die Minister Fürst Swistopolk-Mirsky, Kokowzow und Jermolow, die General­adjutanten Richter und Graf Woronzow-Dafchkow und die Mitglieder des Reichsrats Gras Ssolsky und v. Frisch, Es verlautet, daß die allgemeine innere politische Lage be­sprochen wurde. Heute wurde der Konseil fortgesetzt.

Gegenüber den heute ans frer Pariser Börse verbrei­teten Gerüchten, daß in Rußland ein Aufstand auÄ- gebrochen fei, wird festgestellt, daß außer den bereits ge­meldeten neuerdings keine Unruhlen vorkamen.

London, 21. Dez. Russische Geheimagenten, welHk in England mit der Ueberwachung der russischen Flücht­linge beauftragt sind, haben den englischen Behörden Mit* teilungen gemacht über ein Komplott, das in Manchester und Liverpool von den dortigen Flüchtlingen gegen eine hohe Personlichkeitin Petersburg geplant sei. Tie englische Polizei hat zwar eine Untersuchung ein­geleitet, aber keine genügenden Tatsachen entdeckt, um eine Intervention ihrerseits zu rechtfertigen. Ein umfassender Briefwechsel ist beschlagnahmt worden. Zwei von den russi­schen Geheimagenten bezeichnete Personen sind nach Peters­burg abgereist. Tie englische Polizei steht diesen Angaben jedoch skeptisch gegenüber.

Ausland.

London, 21. Dez, Nach einer Meldung derDaily Mail" wird von der britischen Regierung in Shields der deutsche DampferEcho" ans Danzig zurückg er­halten, da seine Ladelinie nicht d^n englischen Vorschrif­ten entspricht. Diplomatische Verhandlungen in dieser An­gelegenheit sind bereits eingeleitet.

Haag, 21. Dez. Nach einer amtlichen Mitteilung bat die bewaffnete Untersuchunaskomniission, die Mitte No­vember nach der Landschaft Sigi auf der Jiisel Eelebes entsandt war, ihr Wert friedlich vollendet. Mle Forder­ungen wurden durch gesetzt, ausgenommen die Ausliefer­ung der Leute, die im Juni den Laden eines nieder­ländischen Untertans geplündert und zwei Per­sonen getötet haben. Zwei Fürsten der Landschaft mit ihrem Anhänge widersetzten sich der Untersuch­ung der Beschwerden. Dabei wurden drei Soldaten verletzt und 18 Angreifer getötet.

Paris, 21. Dez. (Deputiertenkammer.) Tie Kammer nahm ohne Erörterung den Gesetzentwurf an, nach welchem, wenn der erste Weihn-achtsfeiertag und der Neujahrs tag auf einen Sonntag fallen, der darauffolgende Montag ein gesetzlicher Feiertag sein soll und setzte dann die Beratung des Etats der Ackerbau­verwaltung fort.

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Ans Stadt nnd Land.

Gießen, den 22. Dezember 1904.

Personalien. Der Registrator beim Amtsgericht Gießen, Otto Stier, wurde mit Wirkung vom 1. Januar 1905 zum Kanzleiinspektor bei dem Landgericht der Provinz Nheinhesien ernannt. S. K. H. der Großherzog habest dem Pfarrer Heinrich Kul lm a nn zu Altenschlirf die evange­lische Pfarrstelle zu Billertshausen, Dekanat Alsfeld, nnd dem Pfarrer Köhler zu Hillesheim die evangelische Pfarcstelle zu Horrweiler, Dekanat Mainz, übertragen. Das Ehren­zeichen für Mitglieder freiwilliger Feuerwehren wurde ver­liehen dem Mitgliede der freiwilligen Feuerivehr zu Hechts- Heim Gill.

/Hoftrauer. DieDarmst. Ztg/ schreibt unterm 20. d. Mts.: Wegen des Ablebens I. Hoh. der Herzogin Alexandrine von Sachsen-Coburg und Gotha ist auf Allerhöchsten Befehl eine Hoftrauer vom Heutigen bis zum 27. Dezember einschließlich angeordnet worden.

** Der Landtagsabgeordnete Weidner ist, wie uns eine Drahtnachricht mitteilt, gestern abend zwischen Bermuthshain und Grebenhain an einem Schlaganfall gestorben. e

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jährigen Spiele sollen eine Gedächtnisfeier an die Errichtung dieses Denkmals sein. Tie Dichtung, welche von dem kgl. Hof­prediger und grifft. Rat Jos. Hecher in Münckien verfaßt, be­handelt das Leben des Königs David in dramatischer Form, während das Leben Jesu in lebenden Bildern vorgefübrt wird. Die Musik hierzu ist von Stiftsvikar Professor Wilh. Müller in München. Die Spiele werden auf der großen dreiteiligen Passions- bühne aufgeführt von ungefähr 500 Mitwirkenden, worunter ein Sängerchor von 32 und ein Orchester von 40 Personen. Spieltage sind: der 4., 12., 18., 24. Juni, der 2., 9., 16., 23., 30. Juli, der 6., 13., 15., 20., 27. August der 3., 3., 10., 17. September. *

Richard Nord mann : E w i g da s We iblicbe. No­vellen. Verlag von Egon Fleischel u Co., Berlin W. 35. Preis 5 Mk. In elf Bildern zeigt uns Richard Nordmann hier das Wftb. Ter Titel könnte zu der Meinung verleiten, feien diese elf Erzählungen ein hohes Lied auf die holde Weivlichseit, aber der Titel ist ironisierend. Tas merkt man gleich bei der Ciugangs"rzählungTie Frau des Nachbars" in der aus den kleinen Schwächen, der Eitelkeit einer verwöhnten Frau, eine Tragödie herauswächst, deren Heldin als Ttzpics des gedankmlos unb'i!stiftendenWeibchens" gelten kann. In den zwei mit Mau- passantscher Keckheit geführten Satvren.Die Augen der Ge­litten" undDer Regenschirm" versöhnt der Humor mit der scharf- geschwungen en Geißel, während durchAuf der Suche" und nament­lich in dem eigenartigenLeib und Seele" ein grausamer Zug der Wahrheit geht. Aber nicht immer ist es das Schwächliche, Ziellose, Halt^'se und Kleinliche, das N. int Weibe entdeckt. Er­führt uns" Gestalten vor, die in unbewußter Kraft und schlichter Größe dem einig männlichen weitaus " ft'rl eg en sind und das, was au ihnen weiblich ist, zum Siege führen. So zum Beispiel in der kleinen, schlichten ErzählungA'isklang". wo ein in erfolg gefrönter Arbeit gealtertes Ehepaar einsehen lernt, daß es über der Jagd nach Vcsi''tümeru ganz vergessen hatte, daß sie jung und zur Li fte geschaffen waren. Die Frau hat resigniert, aber beim Manne erwacht der heiße Liedeftrleb b.'im Andsick seiner jungen Nichte, und seine Gattin ist nicht int stände, ihm diesen letzten Sonnenstrahl, diese Wiederkehr zu seiner entsthwundeneu Jugend zu rauben. InDer Philosoph" verkauft sich ein hübsches Vor- stadlmädft, nm dem Geliebten das Tvkt-wat zu ermöglichen. Sie si-idet Mart.erqualen darob, aber der Gedanke, ihm zu nützen, ibn ans erträumte Ziel zu bringen, läßt sst alle Qual und Angst vor Entd cknng ertragen. Ta muß sie selbst entdecken, daß der Geliebte von ein-r verräterischen Fr i nbiit ohnehin schon längst nm ihr Berg * tu. wußte und aus Egoismusein Ange zug- drückt" Ijab;. a . -ftt sie zuerst wilde Verztoeislung, bann liefe

Verachtung und sie verläßt ihn. Nicht minder herb ist die Ent­täuschung einer seck^ehniährigen Konservatoristin (inT-as Er- eigni§"), die an einem Vorfrühsingstage die Liebesschwüre eines jungen Mannes entgegennimmt, den sie mehrmals im Konserva-' toriunt vorübergehen sah, und dem ihr jugendliches Her zentgegen- geflogen. Am selben Abend erkrankt sie schwer, kamt den Ge­liebten wochenlang nicht sehen und zerauält sich in Sehnsucht. Da sie ihm nicht schreiben kann, macht sie sich tausend Gedanken über seine Angst und feinen Kummer, die er über ihr Ausbleiben, ihr Schweigen haben wird. Und als sie ibn nach Wochen auf der Straße begegnet, ihn ansvricht, da erkennt er sie gar nicht, ftbre Züge, ihren Namen hat er vergessen total vergessen! Tie letzte Er.'ählnngMenschen von gestern" ist die Geschichte zweieri n Weltfremdheit verblühter Mädchen, an deren Tür eines Tages die neue Zeit mit ihren Forderungen zu pochen beginnt. Diese beiden vornehmen, poetischen Fraueuseelen haften das^Kind ilp'r verstorbenen Schwester zu eimm blühenden, klugen Mädchen rwgen, alle Schätze ihres reichen Innern an das liebe Geschöpf gehängt, und eines Tages entflieht ihnen das junge Mädchen, hinaus in die Welt, in die goldene Freiheit, höheren Zielen zu, mic sie die neue Zeit fordert. «

Kleine Bibliothek Brnd 77: Mar im Gorki, Ein. Vagabund. Erz"'hfting. Teulkch von Korfiz Holm. Nmschlag- zeichnung von W. Sckmlz. Ladenpreis geh 1 Mk. Verlag von Albert Langen in Müwden. Ter durch ^seinNackftasvl" berühnt gewordene russische Dichter zeigt sieb auch in seinen Erzählungen als bAr geniale Schildere'' deS fünften Standes. Ihm stehen alle stftittel, deren ein Novellist bedarf, zur Vei'fügung: er ist ein scharfr Psycholog, ein amüsanter Plauderer,, ein stimmnngsstarker Landschafter und Jnterieurmaler, er weiß durch heitere und geistvolle Dialoge zu unterbauten und durch einfach und mächtig gegebene memchlicln Tragik zu erschüttern. In der Erzählung Ein Vagabund" bftvegt er sich auf feinem eigensten Gebiete und zeigt er alle Vorzüge seines großen Talentes. Wie mensch­lich nahe fühlen w'r uns diesem Landstteicher und Quartal- fünfer, den er uns hier schildert, wie versteht Gorki es, diesem verkommenen armen Teufel sein persönliches, svmpatbiscftes und bedeutendes Gesickft zu geben. Tie Uebersetzmig ist un- übertrefft ich. 'Korsiz .Holm versteht es, sich dem Original bis in die feinsten Mftönnngen anznlchmiegen, nichts von dem eigen- tümsich.'u f " ' n ' br Dick tim.i zu zerstören, mtb dennoch ein A? i k l ne lltb rfet una ivirlt,

fonbern ficb in nmu und Jtimmung als die AftrcWichtung eines wirk, ichen Di elfter s ck-arakteEert.