Nr. 44
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General-Anzeiger, Amt;- und Anzeigeblatt für den Kreis Liehen
Die Heutige Kummer umfaßt 12 Seiten.
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Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die „Lietzener FamllienblStter" werden dem „Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der »hejfische Landwlrt^^ erscheint monatlich einmal.
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitätsdruckerei. R. Lange. Gießen.
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Tel. Nr. 51. Telegr.-Adr.: Anzeiger Dießen.
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auch wir alle.müssen dazu beitragen, indem wir uns beteiligen und nicht zur Seite stehen, wo das Herste geboten wird, was überhaupt in der Kunst geboten werden kann an großartigen Werken! Freilich, die allgemeine Beteiligung erst kann es ermöglichen, daß wir mit den Zeitverhältnissen Schxitt halten können und nicht ob der Kosten, die solche Werke erfordern, zurückweichen müssen und diese allgemeine Beteiligung wird wieder erst zu ermöglichen sein, wenn ein Raum zu Gebote steht, wo auch mehr Platz für billigere Plätze ist, damit nicht der Einzelne schmerzlich verzichten muß, weil der Besuch für seine Verhältnisse zu teuer ist; heute ist es ein verhältnismäßig kleiner Kreis, der sich den Besuch leisten kann und immer wieder muß er herhalten bei allem geistigen Leben, bei allem, was überhaupt geboten wird. Möge uns bald der Saal- und Theaterbau den Raum bringen, dessen wir benötigen, um auch den weiteren Kreisen den Zutritt zu ermöglichen. Für die bevorstehende Aufführung der Matthäuspassion sind die Pforten der Stadtkirche geöffnet, sodaß ein verhältnismäßig großer Kreis eingeladen wird, sich an diesem Wunderwerke zu erbauen. Was die Matthäuspassion bedeutet, das wollen wir in einigen weiteren Aufsätzen darlegen: „Das Wiedererscheinen der Matthäuspassion bezeichnet einen der wichtigsten Wendepunkte in der neueren Musikgeschichte und eröffnete eine Periode der musikalischen Renaissance, in der wir noch mitten drinne stehen." (Kretzschmar.)
— Derblamierte„Kunstfreun d". Max H a l b e, der Tickter des „Stroms", weilte anläßlich der Uraufführung fernes Werkes im Burgtheater in Wien. An dem heiteren Biertisch, der Tr. Halbe im Kreise der Burgtheater- künstler sah, wurde auch von der Sensationspremiere des Deutschen Volkstheaters in Wien, dem Lustspiel „Maria Theresia" von Schönthan, viel' gesprochen. Halbes Nachbar, ein liebenswürdiger Wiener Jurist, der die Juristerei zum Glück nicht nötig hat und seine Aufmerksamkeit lieber der Vervollständigung seiner herrlichen Viennensia-Sammlung und anderen Kunstbestrebungen widmet, erzählte, wie der Theaterplauderer des „Jremdenblatts" berrchtet, von der Premiere. „Tas Deutsche Volksthearer sollte ausschließlich Lustspiele ausführen", meinte der kunstsinnige Jurist ganz entzückt, „denn dafür hat es brillante Schauspieler. Dramen kann es nicht so gut herausbringen. Gin gutes Theater muß aber durch die Darstellung ein schwächer geratenes Schauspiel halten können." „Tas ist richtig", pflichtete Max Halbe bei. „Sehen Sie, Herr Toktor", fuhr der Kunstfreund zum Tichter gewendet, fort, ,cha habe ich vor ungefähr
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jonette sein japan-freundliches Herz erkannt. Abteilungen < von ihnen stehen am Jalufluß. Dort an der Grenze Ko- f reas und der Mandschurei wird der erste Hauptschlag । des Landkrieges fallen. Der Uebergang über den Jalu ' ist wegen des Eises nur an der Mündung möglich und hier sitzen die Russen fest. 1500 Kosaken konnten hier die koreanische Grenze in der Nähe von Wiju, das am Ausflusse des Jalu im Meer liegt, überschreiten und Rekognoszierungs-Patrouillen sind bis Anju vorgcdrungen. Ja hier hat dieser Tage bereits der erste Zusammenstoß der Gegner zu Lande stattgefunden. Nach offiziellen russischen Nachrichten haben die Kosaken dort einen japanischen Major, fünf Mann und zwet Zivilpersonen gefangen genommen. Den Gefangenen wurden Karten und Dokumente abgenommen.
Tie Kriegslage übt weiter ihre einschneidenden Wirkungen auf die gesamte internationale Politik aus. Deutschland hat wie alle anderen Staaten sofort seine Neutralität erklärt, die den Lebensinteressen der Nation entspricht. Deutschlands Freundschaft ist Rußland eine ganze Armee wert. Frankreich hat dort mit dem Schutz der eigenen Interessen viel zu viel zu tun, um für Rußland ein Bundesgenosse von sonderlichem Wert zu fern. Das steigert die deutsa-en Chancen, die Graf Bülow auszunutzen anfängt. Er hat die „Köln. Ztg." gegen die Behauptung französischer Blätter polemisieren lassen, als könnten die Schläge, die Rußland jetzt im fernen Osten zu gewärtigen hat, es jemals soweit schwächten, daß es in der Durchführung der mazedonischen Reformen und der gewaltsanien Niederhaltung der bulgarischen Kriegslust erlahmen könnte. Solch kleine Dienste festigen den Draht, der die Kabinette von Petersburg und Berlin verbindet. Es scheint, daß Kaiser Wilhelm jetzt den Weg zu dieser Politik zurücksindet, die sür uns bei aller Korrektheit möglich ist. Kaiser Wilhelm hat beiden Mächten die Lazarette von Tsingtau und Jokohama angeboten, und er hat eine Sendung des Obersten Schenck an den Kaiser von Rußland benutzt, um den Zaren nach dem Ausbruchs des Krieges jener für Rußland so wertvollen friedlichen Zurückhaltung Deutschlands von neuem zu versichern, die in Schloß Wolfsgarten jüngst vereinbart worden ist.
Keinen Beifall im deutschen Volke aber hat eine andere Regierungshandlung des Kaisers in seiner Eigenschaft als Vertreter des Reichs nach außen gesunden: die auf ihn zurückgehende Ausschließung der deutschen „Sezession" von der Kunstausstellung in St. Louis. Mit einer nur ganz selten erlebten Einmütigkeit hat sich der gesamte Reichstag als Vertreter des deutschen Volkes in Gegensatz gestellt zu der persönlichen Kunstanschauung des Kaisers. Das moderne Leben einer großen Kulturnation wie der deutschen ist viel zu vielgestaltig, als daß es von einem Einzelnen trotz reicher Begabung, trotz rastlosen Interesses und Arbeitens und trotz bequemster Bildungsmöglichkeiten in jedem Falle so gründlich beherrscht werden könnte, daß der einzelne Wille dazu des selbständigen Rats und der selbständi- genMitarbeit anderer Kräfte nicht bedürfte. Speziell bei solchen Kunstwerken, die der eigenen Individualität nicht ohne weiteres liegen, gehört ein so reiches ost- : maliges Sehen und eine so liebevolle Vertiefung dazu, um in ihren Geist und Gehalt einzudringen, daß Kaiser Wil- . heliü bei seiner allzu vielseitigen Beschäftigung weder Zeit : noch Ruhe sinden kann. Wir wollen wünschen, daß die
einmütige Offenheit der berufenen Vertreter der Nation ein offenes Ohr beim Kaiser finde. Woran es bisher am meisten fehlte, war die Mannhaftigkeit der bürgerlichen
Außer der Knnstdcbatte im Reichstage und der Generalversammlung des Bundes der Sandwixte, die in ihrem etwas gemäßigterem Tone selbst den Beifall ihres bisher heftigsten Gegners, der „Köln. Volksztg.", geerntet hat, sonst aber nichts Bemerkenswertes zutage forderte, hat in der weiten Welt nur noch der Herer 0 auf stand zeitweilig die Aufmerksamkeit von den Vorgängen aus dem Kriegsschauplatz abgezogen. Gouverneur Leutwern telegraphiert vom 20. d. M., daß nach Beendigung des Auf stan des im Süden die dort befindlichen Truppen aus dem Rückmarsch sind. Mancher Deutsche hat dort sein Leben lassen müssen. So kommt jetzt die Meldung, daß dort neuerdings der Beamte der Siedelungsgesellschast sür Deutsch-Südwestafrika, Eltz, ermordet worden ist. WaS heute am allermeisten in Südwestafrika not tut, ist Geld, um die Not der zahlreicben völlig ausgeraubten Ansiedler zu lindern. Möge chr Notschrei in allen den Kreisen em williges Ohr finden, die die Hilfeleistung für den Landsmann noch immer als die v0rzuglichste Pflicht nationaler Wohltätigkeit ansehen. Ter Kaiser hat soeben sür die Geschädigten 10000 Mk. aus der Privatschatulle bewilligt. Es hat sich ein Komitee unter dem Namen Zentralhilfskomitee für die deutschen Ansiedler in Südwestafrika" konsumiert, und im Präsidium sitzen Herzog Johann Albrecht von Mecklenburg, der Reichskanzler Gras Bülow und der Reichslagspräsident Gras Ballestrem. Man will in allen Teilen Deutschlands Zweigkomitees ins Leben rufen.
In unserer Darmstädter Kammer ist m der vergangenen Wochst kaum etwas von Belang vorgekommen. Beim Kapitel „Staatseisenbahnen", das 12000 000 Mark Einnahme und 270 200 Mk. Ausgaben vorsieht, wurden, wie übliche eine Anzahl Wünsche betr. Fahrplanverbesserungen, Neuanlagen usw. zur Sprache gebracht. Ter Finanzminister aber mußte sicy im wesentlichen darauf tiefer .ränten, auf den Eisenbalmrat hinzuweisen. Zum Kapitel „Lo tterie" wurde eine Million in Einnahme bewilligt. Abg. Mothan wünscht die Freizügigkeit der Lose in den einzelnen Bundesstaaten. Finanzminister Tr. Gnauth erklärte, daß die Regierung in dieser Angelegenheit Verhandlungen führe. Abg. Ulrich verficherte, daß die von ihm vorgeschlagene Steuerskala dazu dienen solle, den Mittelstand zu entlasten und die indirekten Steuern zu beseitigen. Ministerialrat Best hält die Annahme der Ulrich- schen Steuerskala, die eine Progression bis zu 40 Prozent vorsieht, für unmöglich Kleinlichkeiten bei der Steuerfestsetzung wolle audii die Regierung nicht. Eine Aenderung . des Erbschaftsfteuergesetzeö halte auch er für geboten. Beim Kapitel Auswärtiges und Bundesverhältnisse beantragt Herr Köhler, obwohl er doch heute kein persönliches Interesse mehr daran haben kann, dahin zu wirken, daß den Reichstag s a b g e 0 rd n e t e n An wes enh eits geld er und freie Eisenbahnfahrt durch das ganze Reich kür die Tauer des Legislaturperiode bewilligt tverden. Der Antrag , Köhler sand einstimmige Annahme. Bei der Abteiluna Ministerium des Innern (4900 Mk. Einnahme und 243 240 . Mark Ausgabe) meinte Abg. Schmitt, beim Submis- ; sionswesen sei die Heranziehung weiter Kreise und die : Bewilligung normaler Preise zu wünschen. Abg. v. Bren-
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zwei Jahren im Volkstheater ein ernstes Stück gesehen, das wohl langweilig war, aber trotz seiner Fadheit im Burg- theater — mit Baumeister etwa — doch ein Erfolg geworden wäre." „Wie heißt denn das Stück?" fragte Herr Reimers. „Ich weiß mich an den Namen nicht mehr zu erinnern", antwortete der Kunstfreund, „denn es sind schon zwei Jahre her. Es handelte sich um einen alten Kleinbauern, der seinen Grund und Boden um keinen Preis an seinen landhungrigen Nachbar verkaufen wollte, und toenn er ihm auch das Zehnfache des Preises gäbe. Schließlich exprobriiert der Landhungrige den Kleinbauer auf bie niedrigste Weise. Und der Beraubte rächt sich dafür, indem er seinen Gegner wie einen Hund niederschießt — oder so ewas Aehntliches." „Tas ist ja die Handlung von „Haus Rosenhagen"!" warf Halbe ein, während seine schöne junge Gemahlin erbleichte und der ganze Künstlertreis auf das Peinlichste an sich hielt. . . „Ja, jfl, so dürste das Stück schon heißen", fuhr der Kunstfreund ganz ruhig und gemütlich fort. „Sie müssen nämlich wissen, lieber Toktor, ich merke mir nie den Namen von verunglückten Premieren." „Aber „Haus Rosenhagen" ist ja von mir", sagte nun Halbe, indem er in ein herzliches Lachen ausbrach und dadurch die Gesellschaft förmlich erlöste. Nun war die Verlegenheit an dem kunstfreundlichen Juristen. „Herr Toktor", sagte er zu dem Dichter, „ich bebauere ungemein, daß ich gerade Ihnen, einem Dichter, den ich so verehre, ohne jeden Willen etwas Unangenehmes gesagt habe. Ich wußte es nicht. . . . Glauben Sie mir, ich verdanke Ihnen doch so schöne Abende — (mit erhöhtem Eifer) wie glänzend habe ich mich doch nur kürzlich bei Ihrer so überaus lustigen „Jugend von heute" unterhalten. Nun "war das Eis ganz gebrochen. Tie ganze Gemellichast war ob dieser Entschulbigung sozusagen in, em einziges Lachen aufgelöst, in das schließlich der Kunstfreund ebenfalls einstimmte, ürls er hörte, daß die ernste „^ugend wohl von Halbe, die lustige „Jugend von.heute aber von Otto Ernst sei — ein Genre, das Halbe nicht gerade hochstellte. Ter gelehrte Kunstfreund lachte sich aus ging aber doch bald heim, denn er fühlte, daß er heute selbst für die Zerstreuung zu zerstreut sei.
Flügge gegen 0. Behring. Der Hygieniker Geh. Rat Prof. Dr. C. Flügge-Breslau tritt in der „D. Med. Wchschr." mit aller Schärfe den neuen Auslassungen von Behrings zur Bekämpfung der Tuberkulose entgegen. Er führt aus, daß von dem ganzen Bekämpfungsplan des Marburger Bakteriologen nur wenig akzeptiert werden könne. Die unstreitig wichtigste Rcüle in diesem Plan spielen die fpezifischen Antikörper, die in der Milck
Politische Wochenschau.
Trotz der Spannung, mit der die ganze Welt nach Ostasien schaut, will auf dem Kriegstheater kein Vorgang sichtbar werden, der einer erheblichen Veränderung der Kriegslage ähnlich sähe. Vielmehr haben die Gefechte vor Port Arthur den Japanern zwar große moralische Erfolge eingebracht, so daß die englischen Blätter bereits in der zweifelhaften Tatsache der endgiltigen Seeherrschaft Japans im Osten schwelgen konnten — sonst haben sie aber zunächst nur so viel bewiesen, daß sie unendlich, viel rascher bei der Hand sind als die Russen, daß der russische Bär hat still halten müssen, als die Japaner ihm einige dicke Haarbüschel aus seinem Felle gezaust haben, daß er sich aber noch einigemale recken, strecken und langsam aufrichten muß, ehe er zu ernstlichem Widerstände bereit ist.
Beide Parteien vervollständigen eifrigst den Aufmarsch ihrer Heere und Flotten. Das ist neben kleineren Ersätzen der Japaner der wesentliche Kern, der aus dem Wust von sensationellen Kriegs-Nachrichten herauszuschälen ist. In russischen Osfizierskreisen glaubt man zu wissen, daß die Aufstellung eines 4. sibirischen Armeekorps beschlossen und angeordnet ist. Das russische Hauptquartier ist in Charbin. Die Japaner haben ihre Neckereien der russischen Flotte in Port Arthur in Zwischenräumen fortgesetzt und haben verschiedene russische Kriegsfahrzeuge vernichtet und Handelsdampfer ausgebracht. Den zu Unrecht beschlagnahmten deutschen Dampfer „Emma" haben sie nach Beschwerde alsbald freigegeben. Den rufsischen Dampfer „Mandschurin" behielten die Japaner als Kriegsbeute. In Port Arthur ist nur ein geringer Teil der Bevölkerung geblieben, vorzugsweise Männer. Die Versorgung der Stadt mit Brot ist gesichert. Es herrschst völlige Ruhe und Ordnung. Die Meldungen von japanischen Truppenlandungen nahe Port Arthur, bei deren einer angeblich fast 500 Japaner von den Kosaken, die den Feind erst ruhig landen ließen, niedergemetzelt sein sollten, erweisen sich als Erfindung. Sonst müßte bei der nach Siegesnachxichten dürstenden Stimmung in Rußland irgend eine Bestätigung der obigen Meldung durch Admiral Alexejew vorliegen. Die Landungsversuche freilich gehören zum japanischen Kriegsplan. Die Russen befestigen weiter ihre Stellung in Port Arthur und sind Herren der Eisenbahn von Charbin bis Port Arthur. Dort bei Charbin wollten Japaner die Brücke über den in den Amur, den Grenzfluß Sibiriens, fließenden Snngari sprengen, wurden aber von den Russen gefaßt und hingerichtet. Aus der Eisenbahn herrscht lebhafter Verkehr von Truppentransporten. Aus Befehl des Admirals Alexejew wird ein Frei- fchärlerkorps zur Verteidigung der Festung Port Arthur formiert. Die Freischärler erhalten vom Staat Waffen und Verpflegung und, wenn nötig, Bekleidung. Gerüchten zufolge befinden sich japanische Schiffe noch immer m russischen Gewässern. Man nimmt an, daß die Japaner nach Port Arthur bestimmte Lebensmittel als absolute Kriegskontrebande betrachten. Nach dem Gefecht am 9 Februar scheinen sie sich zur Ausgabe zu stellen, P 0 r t Arthur durch Belagern ng zur Uebergabe zu zwingen. Jedenfalls sind sie Herren Koreas. Der Kaiser von Korea bat plötzlich unter der kitzlichen Nähe der japanischen Ba-
Feuilleton.
I. S. Bachs Matthäuspassion. Man weiß allgemein, daß die Matthäuspassion erst dem 19. Jahrhundert zu Gute gekommen ist. Sie gehört heute in allen Städten, wo die musikalischen Zustände geordnet sind, zu den regelmäßigen Erscheinungen: Jahr für Jahr oder Jahr um Jahr. Diese Worte Hermann Kretzschmars — der Name sagt genug! — erscheinen uns geeignet, einigen einleitenden Aufsätzen zu der bei uns nun bevorstehenden Aufführung das Geleite zu geben. Gießen braucht sich dieser Worte fürwahr nicht zu schämen; — wenn wir auch erst jetzt im 20. Jahrhundert das erstrebenswerte Ziel zu erreichen hoffen dürfen und nunmehr mit gutem Grunde erwarten können, daß auch bei uns diese „geordneten musikalischen Zustände" fortan dauern werden, so dürfen wir doch nach Lage der Verhältnisse stolz darauf fein, was in den letzten Jahren Schritt für Schritt erreicht worden ist. Nur der unermüdlichen Schaffenskraft und Energie, dem unbestechlichen Idealismus unseres Dirigenten, des Großh. Universitätsmusikdirektors Trautmann haben wir es zu danken, daß wir so weit sind, um diese Aufführung wagen zu dürfen und um auch darauf vertrauen zu dürfen, daß wir regelmäßig in Zukunft, „Jahr um Jahr" die Matthäuspassion zu hören bekommen, mag es auch für die ausschlaggebenden Verhältnisse Gießens als Universitätsstadt kaum zu ermöglichen sein, daß die Aufführungen am Charsreitag ftattfinden. Herr Trautmann hat sich für die Einung des musikalischen Lebens mit einer seltenen Opferfreudigkeit eingesetzt uno auch eben jetzt schwebt ihm die Erreichung dieses Ziels wieder als Siegespreis feiner Mühen vor; wie er vor Jahren die Zersplitterung zu verhüten wußte, indem er auch die Leitung des evangelischen Kirchengesangvereins übernahm, so setzt er sich jetzt mit seinen Leistungen der vereinigten beiden Vereine: des akademischen Gesangvereins und des evangelischen Kirchengesangvereins dafür ein, daß unwiderleglich bewiesen werde: Gießen kann heute die höchjsten und schwierigsten Chorwerke aufführen und Gießen muß sich dies Vermögen bewahren, Gießen darf nicht zugeben, daß in diesen Leistungen ein Rückgang eintritt! Videant ccmsules! Die leitenden Stellen mögen zusehen, daß kein Nachteil erwachse! Man lasse nicht ungenützt die Gelegenheit vorbeigehen, die sich eben jetzt bietet, da die rein musikalische Leitung das Höchste erreicht hat! Nur Einigkeit macht stark und so möge man diese Einigkeit zu erreichen wissen, bei der allein möglich sein wird, die erreichte Leistungsfähigkeit zu bewayren und zu bewähren. Aber
Zweites Matt. 184. Jahrgang Montag 22. FevruarL»04
Gietzener Anzeiger
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