Ausgabe 
21.12.1904 Zweites Blatt
 
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Nr. 800

Zweites Blatt

154. Jahrgang

Mittwoch 11. Dezember 1904

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Liehen.

Redaktion, Expedition ».Druckerei! Schulstr.f. Lei. Nr. 6L Leiegr^Adr, r Un-eig« Gieper»,

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'sch«, UnwersitütSdruckerei. R. Lange, Dietzen.

Erscheint tügltch mit VuSnahm« des Sonntags.

Die ..Siebener Kamtlienbiatter" werden dem gAnzetger viermal wöchentlich beigelegt. Der LavdwttN erscheint monaUtch einmal.

Volitische Tagesschau.

AvS Berliner Mietskasernen.

__ __^,R. Berlin, 20. Dez.

Der Prozess aus' Anlatz der Ermordung der FT ein eit Lucie Berlin hat Sittenzustände der Reichshauvt- stadt enthüllt, wie man sie Ynunt für möglich halten sollte. Be- kan-ntlich ist die sogenannte Lex Heinze, die schlietzlich auf ein Gesetz gegen Kunst und Literatur hinauslief, auf Feststellungen ähnlicher Art in dem Mordprozeß yeintze zurückzuführen. Gegen Zuhältertum und Dirnenwesen war ursprünglich 'ein energisches Vorgehen auf dem Gebiete der Gesetzgebung beabsichtigt. In dieser Beschränkung, mit ernster Entschiedenheit die Aufgabe er­faßt: das hätte wohl eine durchgreifende Besserung bewirken, den Schmutz der Großstadt zu einem Teil Hinwegräumen können. Mer, wie es zu gehen pflegt: die Parteipolitik und Varteitaktik veränderten Form und Inhalt des Planes so gründlich, daß sust diejenigen dunklen und gefährlichen Existenzen, gegen deren Treiben die Maßregeln sich richten sollten, am mindesten sich behelligt sahen.

In dem gegenwärtig sich abspielenden Prozeß wurde fest- gestellt, daß eine förmliche Organisation des Zuhälter­tum s in Berlin vorhanden ist, eine Organisation nach.'Be­zirken eingeteilt und mit gegenseitiger Hilfe­leistung b e i K o n fl i k t e n m i t P o l i z e i u nd Gerichten! Tie Geseuschast ließ es sich auch in diesem Falle angelegen sein, auf ihre Kosten dem Angeklagten einen Verteidiger ausfindig zu machen. Es gibt Cafes und Restaurants, in denen nur oder fast ausschließlich die Zuhälter zusammenkommen. Nach den Schil­derungen, die in dem Prozeß von verschiedenen Seiten gegeben wurden, scheinen ganze Straßenzüge geradezu verseucht ?n sein von diesem Verkehr. Aber das ist noch nicht das schlimmste. " edrückend, ja beschämend für die Ordnung ist, daß viele Zausende achtbarer und arbeitsamer Familien genötigt sind, mit Dirnen, Zuhältern und deren gesamten Anhang unter ' mselben Dache zu leben. In den riesigen Miets- ) - fernen des Ostens, des Nordens mit ihren ost Hunderten von Mietsparteien wimmelt es von diesen die Heranwachsende.Jugend ' giftenden Existenzen. Tie Haustüren werden gar nicht erst - schlossen während der Nacht, es hat bei dem beständigen Gehen rnd Kommen keinen Zweck. Tie Kinder, die auf den trüben, un- stuberen Höfen spielen, sind fortgesetzt Zeugen von Handlungen, d ren Bedeutung ihnen nicht lauge verborgen bleibt. Auf den Ti. vpen und Korridoren füllt ihr Blick auf geschminkte Gesichter, aick herausfordernden Putz. Aus geöffneten Fenstern und Türen br »en häßliche Worte an das Kinderohr. Brutale Mißhand- iu: yn und andere widerliche Schauspiele gehören zum Alltäg- Ucf u, Gewohnheitsmäßigen. Und nun kommt das zunächst Uu- b.greifliche: Eltern, wie die der kleinen ermordeten Lueie Berlin, denen das Zeugnis brav und ehrenwert ausgestellt wird, dulden den Verkehr ihrer Kinder in den Behausungen von Dirnen und Zuhältern! Als ob es sich um ein legitimes Gewerbe bei diesen Personen handelt, werden die Kinder zu allerlei Besorgungen Botengängen usw. überlassen.Der Onkel ist gut", sagte die kleine Lucie Berlin fron dem wegen des Mordes angeklagten Gelegenheitsarbeiter" Theodor Berger .dem Beschützer einer unter polizeilicher Beobachtung stehenden Person. Wie gesagt, solche Mißerziehung der Kinder ist unbegreiflich. Mer man muß zur Erklärung und zu einer teilweisen Entschuldigung die besonderen Umstände beachten: Tie Zuhälter haben den Ruf der Gewalt- tätiDeit. Je tiefer sie auf der sozialen Stufenleiter stehen, um so Achter fühlen sie sich, sonderbarerweise, durch Nichtbeachtung ob. gar Verachtung verletzt. Wer sich in Mietskasernen mit solchen bedenklichen Mitbewohnern nicht allen möglichen Chikanen oder Tätlichkeiten aussetzen will, der mußmit den Wölfen heulen", d. h. die Zustände als die gegebenen und unabänderlichen be­trachten. Nur so dürfte es zu erklären sein, daß brave, arbeitsame Familien, die zudem besonders dann, wenn sie mit Kindern gesegnet sind, nur schwer in Berlin eine bescheidene Wohnung bekommen, sich darin fügen, ihre Kinder der täglichen Berührung mit dem Laster preiszugeben.

Was soll daraus werden? Daraus kann in einer großen Anzahl von Fällen nur die schlimmste Verbreitung des Lasters entstehen. In diesen Berliner Mietskasernen mit Timen und Zuhältern als Nachbarschaft, Wand an Wand, muß notwendig ein frühverdorbenes, mit allen schlechten Neig­ungen dusgestattetes Geschlecht beranwachsen. Ter Einfluß der Schule, die Ermahnungen und das bessere Bei­spiel sind ohnmächtig gegenüber den furchtbaren Einflüssen. Tie Frage drängt sich auf: Soll man noch länger kaltblütig mit ansehen, daß ein Gift um sich frißt, oder soll man dafür Sorge tragen, daß seine Wirkung nach Möglichkeit beschränkt wird? Tie Prostitution in den Winkel, wohin sie gehört. Es bleibt

Gießener StMthcaler.

Der Biberpelz.

EineTiebskomödie in 4 Akten von Gerhart Hauptmann.

Das Interesse für die Familie der Waschfrau Wolff ist in uns lebendig, so wie sich der Vorhang hebt; wir haben unsere Freude an diesen Menschen, selbst wenn sie Holz und Pelze mausen, und wir stehen in ihrer kleinen Behausung, die Wohnzimmer, Küche und Holzschuppen in eurem Raum zugleich ist, mit dem gleichen Bedürfnis wie iene tn der Brust, der Armut und Mühsal durch möglichst listige Mitte^ uns aus leichteste Weise zu entziehen. So lustig und komisch die ganze Sache anzusehen ist: Gerhart Hauptmann hat nicht mit einem Mischmasch billiger Witze gearbeitet, sondern diesem Diebszeug in die Seele geschaut mit lustrgen Augen und mit einer Freude, die auch uns der rührigen Walchfrau und ihrem Anhang nahe bringt, wenn ih'r Tun und Treiben in so treuem Bilde uns begegnet. Diese inmge Vertraut­heit mit dem Stallhasendust der Armenleutehütte, der Art und Sprache ihrer Bewohner, einer fürsorglichen Mutter, ihrer gelehrigen, etwas schnippischen Tochter und des klo­bigen, brummenden aber willfährigen Alten', das ist der künstlerische Vorzug dieser Diebskomödie, die mit dem heimlichen, von der Wolffen ihrem Manne beigebrachten Projekt einer kurzerhand zu bewirkenden, unerlaubten Be­reicherung anhebt.

Tie zwei Meter Knüppelholz werden also gestohlen. Tre Sache nimmt ihre regelrechte Entwicklung, die in solchen Füllen gewöhnlich in einer Anzeige bei der Obrigkeit be­steht, und es kommt Lehen auf die Bühne. Nun sängt der Dichter zu lachen an, laut und behaglich zu lachen. Bei der Untersuchung, bei der Person des Amtsvorstehers, be­ginnt die eigentliche, heitere Anekdote, der Scherz, den fiel) brr Dichter machen wollte. Auf diesen jungen Amtsvor­steher und seine preußischen Junkerallüren zielen alle Pfeile der Satyre des Stückes. Doch auch jetzt bleibt rede einzelne Figur in ihrer künstlerischen Wükuug von den

fein anderes Mittel, um in den Städten die Jugend vor den folgenschwersten Einflüssen zu bewahren. Auch bas ist ein Uebcl, ein sehr bedauernswertes. Gewiß. Mer es ist das kleinere Nebel.

*

Die Herzogin Alexandrine von Sachsen-Kobnrg ist am Dienstag abend im 85. Lebensjahre auf Schloß Kallen­berg entschlafen.

Herzogin Alexandrine, die Witwe des 1893 verstorbenen Herzogs Ernst II., wurde am 6. Dezember 1820 als das älteste Kind des Großherzogs Leopold von Baden und der Prinzessin Sofie Wasa geboren. Sie war also eine Schwester des regierenden Großherzogs Friedrich von Baden. 1842 dem damaligen Erb­prinzen Emst von Coburg vermählt, hat sie über 50 Jahre an seiner Seite verbracht und mit ihm alle Phasen seines Lebens geteilt, das an hochfliegenden Plänen und Entwürfen reicher war als an Verwirklichungen und Erfolgen. Jahrzehnte lang war Emst II. der meistgenannte deutsche Fürst, und der ge­feiertste, weil er den liberalen Ideen seiner Zeit und den Ein­heitsbestrebungen der Deutschen am weitesten entgegenzukommen schien. Aber auch an ihm erfüllte sich Bismarcks Wort, daß die deutsche F-rage" nicht mit Reden und Mehrheitsb eschlüssen, son­dern durch Blut und Eisen entschieden werden müsse. Ter Schwager der Königin Viktoria von England, der intime Freund Na­poleons III. und am preußischen wie östreichischen Hofe gleich gern gesehen, hgt Herzog Emst von Coburg hinter den Kulissen der hohen Politik des 19. Jahrhunderts eine Rolle gespielt, die bisher weder durch seine eigenen Schriften, noch durch die seiner Biographien in ihrem ganzen Umfange gewürdigt werden konnte. Diese Rolle drängte seine Lebensgefährtin, der jeder politische Ehrgeiz völlig fremd war, natürlicherweise in_ben Hintergrund. Ter Kreis jener war klein, die wußten, wie ernst.und gewissenhaft sie ihre landesmütterlichen Pflichten, wie sie sie erkannt hatte, erfüllte, wieviel Wohltaten Arme und Bedrängte ihr dankten. Man darf von ihr sagen, daß sie mehr Frau als Fürstin war, und daß das ruhige, stolze Bewußtsein ihrer Frauenwürde sie auch 'manche Unbill übersehen ließ, die ihr zuteil ward. So bewahrte sie sich die Achtung ihres Gatten bis an das Ende seines Lebens.

Ter Tod der Herzogin Alexandrine versetzt die meisten Dy­nastien Europas in Trauer und erinnert fron neuem daran, daß das Haus Coburg sich rfifrmen kann, immer noch dieam meisten verwandte" europäische Fürstenfamilie zu fein.

Deutsches Reich.

Berlin, 20. Dez. Für den am 18. d8. verstorbenen Fürsten Anton Radziwill wurde heute in der St. Hedwig- kirche ein Gottesdienst, bestehend in feierlichem Requiem, unter Anteilnahme des königl. Hofes abgehalten. / Der Kaiser traf um 10s/z Uhr zur Feier ein. Rach dem Gottesdienste setzte sich der Zug nach dem Bahnhofe Alexanderplatz in Be­wegung. Hinter dem Sarge schritten der Kaiser mit den Prinzen Radziwill, der Kronprinz, Prinz Eitel und die übrigen Leidtragenden.

Unser künftiges R eichskol onialamt soll, so wird berichtet, sogleich den Charakter eines der größten Reich s- ä in t er erhalten. Da der Reichskanzler in seiner Rede auch die Hoffnung ausgesprochen hat, daß der jetzige Chef der Kolonialverwaltung die Regierung bei der Reorganisation unterstützen werde, so sei mit Bestimmtheit anzunehmen, daß Dr. Stübel zum Staatssekretär ernannt werde.

Anwärter für die höhere Postlaufbahn werden seit einigen Jahren bis auf weiteres nicht angenommen. Jetzt teilt der Rechnungsrat Mock im Reichspostamt in einer Arbeit mit, daß von den künftigen Anwärtern das Zeugnis der Reife von einem Gymnasium, einem Realgymnasium ober einer Oberrealschule, sowie ein mehrjähriges akademisches Studium und die Ablegung zweier Prüfungen ver­langt werden wird. (In Bayern wird schon seit langer Zeit von den höheren Postbeamten ein akademisches Studium gefordert.)

Die österreichisch-ungarischen Unterhänd­ler kommen morgen in Berlin an. Wahrscheinlich werden die Beratungen schon morgen beginnen. Wie derBörsen- Courier" erfährt, werden die Fachreferenten Oesterreich- Ungarns zu den Weihnachtsfeiertagen nach Wien aurücf» Spähen der Handlung unbeeinträchtigt. Daher die Inten­sität des warmen Humors, der uns voll und ganz erfaßt, und die innere Einheit der köstlichen Komödie.

Viel Vergnügen bereitete gestern abend die Waschfrau Wolff der Frau Jenny. Das war sehr anzuerkennen,, daß sie ebenso sorgfältig wie der Dichrer eine Person aus einem Gusse schuf und im einzelnen sich keinen Zug der so glück­lich gezeichneten Arbeiterin entgehen ließ. Am häuslichen Herd weihte sie uns in alle ihre Sorgen ein; sie sorgte neben ihrem Wüscherinnenberuf um die Familie, indem sie die Freunde und Feinde ihres Hauses richtig einschätzte, sie kochte, putzte, schalt, wenn es nötig war, erzog ihre Töchter und war ein emsiger und heller Kopf auch da, wo sich Gelegenheit bot, mit weniger Mühe unter Ausschluß oer Öffentlichkeit und des Auges des Gesekes etwas zu verdienen. Ueberhaupt, das ganze Heim des Schiffers Wolfs trat gestern in sehr gelungenem Bilde vor uns. Mit ge­spannter Wachsamkeit und Vorsicht wird gewildert und der Holzknüppeldiebstahl verübt. Das heimliche Tuscheln, wenn an Pie wacklige, stets verschlossene Pforte geklopft wird, bringt uns in köstliche Spannung und wir können dem schwerfälligen Wolfs nachfühlen, der mit unterdrückter Stimme seiner Alten droht:Et liegt wat in der Lust!"

Ter Schiffer Wolfs, das nur im Rausch und Zorneklig werdende", sonst willenlose Werkzeug seiner Frau, war gestern auch famos. Ein bisher ziemlich unbekannt ge­bliebenes Mitglied unserer Bühne, Herr Krafts spalte diese dankbare Rolle, und es war eine richtigeZiraft- leistung", wenn auch der Väann mit den hohen Stiefeln und dem schweren Gang keine sehr anstrengende Tat voll­bringt und es nur beimHvlzholen" bleibt. Eine recht gute Darstellung erfuhren auch die beiden Töchter, die ihrem Tienstherrn entlaufene Leontine (Frl. Treuer) und die jüngere Adelheid (Frl. del Nora), diebesser" erzogen ist undüberhaupt nie bei fremde Leute in Stellung geht."

Ter Amtsvorsteher von Wehrhahn ist nicht minder eine höchst ergötzliche J-igur. Sjerr di Gior gi gab sich ganz vortrefflich wieder. Die Untersuchung des Diebstahls bet

kehren. Gegenüber einer Meldung deSfßefter Lloyd* be­zeichnet dieRat -Zig.* e§ als nach wie vor feststehend, daß die deutsche Neichsregierung sich genötigt sehen würde, den bestehenden Hand elsvertrag mit Oesterreich-Ungarn zu kündigen, falls es nicht gelingen sollte, die Ver­handlungen über den neuen Handelsvertrag bis zum 3 1. Dezember zum Abschluß zu bringen. Diese Not­wendigkeit ergebe sich für Deutschland aus der Tatsache, daß andernfalls die übrigen Staaten, die mit dem deutschen Reiche bereits neue Handelsverträge abgeschlossen haben, in eine ungünstigere Lage versetzt würden, als Oesterreich. Zu­verlässigem Vernehmen nach beziehen sich die Meinungs­verschiedenheiten, die durch die bevorstehenden Beratungen gelöst werden sollen, ausschließlich auf die Veterinär- frage.

In Halle ist es häufig vorgekommen, daß der Magistrat gegen Stadtverordnete, die in der Form der Kritik zu scharf geworden waren, oder infolge falscher Informationen Irriges behauptet hatten, den StaatS- anwalt zu Hilfe gerufen hat. Dies hat, wie man der Börsen-Ztg." mitteilt, dieKommunale Vereinigung" ver­anlaßt, der Frage näher zu treten, ob es nicht möglich sei, auch den Stadtverordneten die Immunität zu ga­rantieren. Man ist sich klar darüber, daß ein solcher Schutz, wie ihn der Reichstag hat, nur durch gesetzgeberische Maß­nahmen geschaffen werden kann, und man hofft, von hier aus unter den deutschen Städten eine Bewegung zur Erreichung dieses Zieles auszulösen.

Kempen (Posen), 20. Dez. Gegen die Gräfin Sofie Szembek auf Schloß Siemianice ift die gerichtliche Untersuchung eingeleitet worden, weil sie polnische Bücher an die Kinder in Siemianice und Umgebung verteilt habe. Es befanden sich darunter solche zum Erlernen der polnischen Sprache.

Ans und Land.

Gießen, den 21. Dezember 1904.

** Verfügung betr. die Führung de§ Meister­titels im Handwerk. Eine wichtige, neue Verfügung des Regierungspräsidenten von Köln: Nach § 138 der Reichs­gewerbeordnung dürfen den Meistertitel in Verbindung mit der Bezeichnung eines Handwerks (z. B. Bäckermeister, Tischlermeister) nur diejenigen Handwerker führen, die in ihrem Gewerbe die Befugnis zur Anleitung von Lehrlingen erworben (§ 129) und die Meisterprüfung bestanden haben, sowie diejenigen älteren Handwerksmeister, die den Meister­titel auf Grund deS Artikel 8 der Uebergangsbestimmungen zur Novelle der Neichsgewerbeordnung vom 26. Juli 1897 zu führen berechtigt sind. Gegen diese Bestimmung kommen noch immer za hlreiche Verstö ße vor. Insbesondere ist beobachtet worden, daß Handwerker bei Gelegenheit ihrer Eheschließung gern dazu neigen, sich den Meistertitel unberechtigt beizulegen, indem sie bei Anmel­dung des Eheaufgebots dem Standesbeamten gegen­über erklären, sie seienMeister". Hierdurch werden nicht nur unrichtige Eintragungen gemacht, sondern es wird der unberechtigterweise beigelegte Meistertitel auch in amtliche Veröffentlichungen und in die dem Handwerker auSgehändigte Bescheinigung der Eheschließung übertragen. Um diesen Pflichtwidrigkeiten vorzubeugen, auS denen dem Handwerker Nachteile und Bestrafungen entstehen können, sind die Standes­beamten deS Regierungsbezirks Köln angewiesen worden, in Zweifelsfällen, in denen ein Standesbeamter eine standes­amtliche Anzeige entgegennimmt, von dem anzeigenden Hand­werker den Nachweis sich erbringen zu lassen, daß er zur Führung deS Meistertitels berechtigt ist.

dem Rentier Krüger (der von Herrn Lippert recht wirk­sam gegeben wurde) auf der Amtsstube gedieh prächtige d. h. so, wie es der Dichter will, mit weniger kriminalisti­schem Erfolg als den Ergebnissen, die uns in so große Heiterkeit verletzen. Bei Herrn di Giorgi klappte alles. Er war hochnäsig, schnarrend, grob und, wenn er mit der kreuzbraven, grundehrlichen" Waschstau sprach, mensch­lich und gemütlich, und die Umständlichkeit und der Scharf­sinn, mit der er die Untersuchung leitete, waren äußerst packend. Ganz der Typus einer vom Humor verklärten' gewissen Sorte junger preußischer Amtsvorsteher.

Es kommt bei der Untersuchung nichts heraus. Ter gestohlene Biberpelz ist nach Berlin verhandelt worden, und die Verdächtigungen, die man auf ehrsame Schiffers­leute werfen will, werden als haltlos befunden. Auf das Zeugnis des Schissers Wulkow, der als der Dieb ruhig und schmunzelnd auf seinem Schemel sitzt und wartet, bis eran die Reihe" kommt. Er will nämlich die Geburt eineskleinen Mächens" anmelden, wobei er wegen dev wichtigeren Untersuchung eine fabelhafte Geduld entwickeln muß. Herr Linzen svielte diese Rolle in der Untersuch-- unasszene sehr gut, besser als feinen Austritt in Wolffs Behausung, wo er bisweilen etwas unverständlich blieb.

Von den übrigen Mitwirkenden läßt sich im allgeineinen auch gutes sagen. Ter Doktor Fleischer des Herrn Knabe war indes etwas steif, und Herr Eckhardt als ?l)mtk- schreiber trat, als er bei der Pause in der Untersuchung hochmütig durch das Zimmer schritt, leider aus dem Rahmen der hübschen Ausführung heraus, indem er zu übertrieben karrinerte.

Tie Darstellung gestern im allgemeinen mar eilte der besten, die wir in diesem Wmker hier gesehen haben. Viel­leicht ließe sitd Mnktig das Hereingucken Unbeteiligter Personen auf der Bühne vermeiden; das wurde gestern sehr störend empsunden, kam doch einmal aus der Ecke von Wolffs Stube ein ganzer Kopf zum Vorschein. Das haus war gut besucht. Ä.. G..