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^erwachtmttzer tojunbgtüu, ßen, 21. Juni 1904.
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Nr. 143
Zweites Matt.
154. Jahrgang
Dienstag 21 Juni 1904
Erscheint füglich mit Ausnahme deS Sonntags.
Die ..Giehener Zamilienblätter" werden dem „Anzeiger vrernral wöchentlich beigelegu Der „Hessische Landwirt" erscheint monallich einmal.
Gießener Anzeiger
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'scheu Unwersitälsdruckeret. R. Lange, Gieße«.
Redaktion, Expedition ».Druckerei: Schulstr.7.
Tel. Nr. 51. Telegr.-Adr. r Anzeiger Gieße«.
General-Anzeiger, Amts- und Anzeigedlatt für den Kreis Gießen.
Aie Yeutige Aummer umfaßt 8 Seiten.
Neber die Umgestaltung der Dörfer spricht sich Friedrich Naumann im neuesten Hefte der „Südd. Monatshefte" u. a. folgendermaßen aus:
Die Umgestaltung der Dörfer ist ein Vorgang, der weit weniger in die Augen fällt als die Umgestaltung der Stäote. Man kann sie in das kurze Wort fassen: der Landwirt rechnet! der alte Landwirt, wie er einst war, rechnete nicht. Er zählte zwar, ob er Gulden genug habe, um feine Steuern zu zahlen und ob er die nötigen Einkäufe auf dem Herbstmarkt machen könne, aber sein Betrieb als Ganzes war ihm kein Gegenstand des Kalkulierens, denn das Verkaufen war bei ihm nur eine Nebenerscheinung. Er arbeitete nicht, um zu verkaufen, sondern, um mit Kind und Kegel und Gesinde selber zu essen und sich zu kleiden. Der Zweck des Betriebes war direkte Selbstversorgung. Der neue Landwirt aber ist ein Kaufmann, der seine Milch, sein Vieh, sein Getreide und seine Rüben in Ziffern ausdruckt und sich die wirtschaftliche Grmrd- frpge des kapitalistischen Zeitalters vorlegt: wie kann ich mit den kleinsten Ausgaben die größten Einnahmen erreichen? Er kauft das Gut, wenn er sich eine Rentabilität herausrechnet, und verkauft es, wenn er glaubt, anderswo besser wirtschaften zu können. Er steht seiner eigenen Arbeit ohne tiefere Pietät gegenüber und lockert mit Absicht und Bewußtsein alle persönlichen Bande der früheren Tage, mietet Arbeitskräfte, so lange er sie braucht, produziert diejenigen Früchte, an denen er gerade am ehesten etwas verdient, löst alle dinglichen Lasten durch bestimmte Summen ab und handelt um das Erbe mit seinen Geschwistern wie mit anderen Leuten. Sein Bauerntum hat seinen materiellen Inhalt im Rechnungsbuch Ob das schön und poetisch ist, künrmert ihn nicht. Auch das alte Wesen war ost sehr unschön. Er kann nur dann sich erfxdten, wenn er sich dem Geiste der kapitalistischen Neuzeit ein» fügt. Dieser neue Landmann kommt langsam aus der Hülle des alten herausgekrochen. Er ist es, der dem Dorfwesen einen ganz neuen Charakter gibt.
Natürlich fängt das Rechnen bei den größeren Betrieben viel zeitiger an alö bei den kleinen. Die fürstlichen Rentämter waren vielfach, besonders im Westen und Süden, die Anfänger im kapitalistischen Reckmen auf dem Lande. Die Rentmeister waren Rechen- uwister. Auch die großen Gutsherrschaften waren sich zeitig über rhre Vorteile klar. Ihr Uebergewicht zeigte sich bei der Bauernbefreiung, wo sie es viel besser verstanden, die sestherigeu Rechtsverhältnisse in Geld mnzurechnen als die Bauern. In den großen Gütern ivecben die Arbeitspflichten viel eher und viel vollständiger unpersönlich gemacht als im mittleren Betriebe. In,ihnen entsteht der landwirtschaftliche Unternehmer, der ein Seitenstück zum Industriellen ist. Er versteht die Vorteile der neuen Chemie und Masästuentechnik am ersten auszunutzen und weiß, daß der Preis der Verkaufsware der Ausgangspunkt alles seines geschäftlichen
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Denkens sein muß. Von ihm erst lernt der Bauer die neue Weise, Landwirt zu sein. Und daß er sie gut gelernt hat, beweist jetzt der Bund der Landwirte. Bei dem ist alles auf die Geldfrage gestellt. Ter Verkauf beherrscht die ganze Organisation. Die
Frage, wl^urch man den Boden volkswirtschaftlich am ertragreichsten verwendet, verschwindet vor der Frage, wie man privat- wirtschastlich die höchsten Verkaufspreise erzielen kann. Die Land- wirtsäiast vollzieht in dieser Bewegung ihren Uebergang in die Periode geldwirtschaftlicher Lebensauffassung. Das ist der sichere und voraussichtlich unverlierbare Ertrag der gewaltigen Organisationstätigkeit. Ob man von Bimetallismus oder Antrag K anitz redete ober von Zollerhöhung en, immer waren es finanzielle Spekulationen im großen, mit denen man die Bauernknöpfe füllte. Daß die Zolltheorie das letzte Ende dieser Bewegung sein wird, ist unwahrscheinlich, die Art der finanziellen Projekte wird noch weiter wechseln. Schon sind Bestrebungen im Wachsen, nach Art des Spiritusriuges und der Milchzentrale den Verkauf und auch die Quantität der Produktion rechnerisch zu regeln. .Mit welchem Erfolg alles dieses versucht wird, läßt sich im einzelnen nicht Vorhersagen, aber was bedeutet es für den Geist der Dörfer, daß derartige Probleme die Abende im Dorfkrug füllen! Nimmt man hinzu, daß jede neue landwirtsckMstliche Genossenschaft in derselben Züchtung vorwärts drängt, daß jede Molkerei eine Nechenschule ist und jede kommunale Viehwage ein Anlaß zu Fleffchgewichtsgedanken, so beginnt man, "■ von heute in seiner besonderen Eigenart aufsteigen zu Jon Gegenden mit Rübenbau, Hopfenkultur, Gemüseplantagen braucht nicht erst extra versichert zu toerbcn, daß sie im Modernisierungsprozeß dem reinen Getrechedorf oft weit voraus-
schen Volkes kommen werden. Ter alte Zustand ist unmöglich geworden, also muß der neue mit beiden Händen ergriffen werden. Halbheit ist das Gefährlichste, was man haben kann: Bauern, die für den Verkauf arbeiten müssen, ohne innerlich auf die Ver- kaufswirtschast eingerichtet zu sein. Gerade diese Halbhest ist aber noch äußerst zahlreich vertreten: altväterlicher, unkalkulierter Betrieb bei wechselnden Marktpreisen. Solche Uebergangssormen sind voll von Dcsperation. In ihr gedeihen weder die Herren noch die Knechte. Und damit kommen wir zu einem der auffälligsten Punkte in der Umgestaltung des Dorsts, zur Lage der abhängigen! Arbeitskräfte im modernen geldwirffä)astlicl)en Dorfe. Der ländliche Arbeiter wird Lohnarbeiter. Auch er rechnet, wo und wie er sich am besten verkaufen kann, hall fein herkömmliches Leben nicht mehr für selbstverständlich und wird ebenso wie sein Herr „unzufrieden", Nicht als sei er in allen Zellen immer voll doch moralischer Zufriedenheit gewesen, aber er sah sich damals noch nicht als taxierbarcn wirtschaftlichen Wertgegenstand an, wie er eS jetzt tut
Wer diesen ganzen Umgestallungsvorgang an der Wirtschaftsgeschichte eines besonderen Landesteiles verfolgen will, der nehme das 64. Stück der von den Professoren Brentano und Lotz heraus-, gegebenen Münckener volkswirtschaftlichen Studien (Cottasche Buchhandlung) zur Hand, das eine Arbeit von Dr. Eugen Katz, enthüll: LandarbeiternndLandwirtschaftin Ober- betten". Die folgenden Angaben find Einzelergebnitse der sehr sorgfältigen Unterfuchungen von Dr. Katz.
Schluß folgt
geeilt find.
Ist einmal der Kaufmannsgeist in eine Schicht hineingefahren, so fängt er an, sie von innen heraus umzugestalten. Das Verhältnis zum Vieh, dieses Hauptverhällnis des Landmanns, wird ein anderes. Man züchtet auf Preislage. Das Vieh muß in möglichst wenigen Vionaten möglichst viel erreichen. Es wird als Sache behandelt Das Obst wird sortiert, der Garten nach dem Markt berechnet, der Haushall wird in Haushall für die Familie und für die Arbeitskräfte geteilt Man verkauft Butter und gibt Margarine. Der alte Geist der Sparsamkeit, den alle Selbstwirtschaft in kleinen Verhältnissen in sich hat, erweitert sich zur rechnerischen Straffheit Man wird sauberer, solider, fester und härter. Ein Gehöft von heute sieht nüchterner aber weit dauerhafter aus als die allen Mauern und Dächer. Und in den Stuben setzt sich die Neuzell an die tapezierten Wände.
Das alles trifft natürlich für eine Ortschaft stärker zu als für eine andere. Was nnr hier andeutend zeichnen, ist nicht ein fertiger Zustand, sondern ein Vorgang, eine allgemeine Richtung. Dieser Vorgang liegt in seiner Gesamtheit durchaus in der Linie der Zellentwicklung, für deren möglichst rasche Entfaltung wir eintreten, da wir nur bei schneller Ueberwindung der schweren Uebergangszellen zu einer befriedigenden Gesamtarbeit des deut
Nolitische Tagesschau.
Zur Leutweiu-Krifis.
Die „Pordd. Allg. Ztg." hatte in der vorigen Woche abermals die seiner Zeit im „Vorwärts" geäußerte Vermutung,; an der verantwortlichen Stelle in der Wilhelmstraße sei eine; „Lokal-Anzeiger"-Depesche über die Leutwein-Krifis rwrheri gelesen worden, dementiert. DaS neuerliche Dementi richtete! sich, ohne das Blatt zu nennen, gegen die Zukunft^. Dieses antwortete nu» in ihrer neuesten Nummer:
Wahr bleibt trotzdem natürlich, daß der Kanzler die Depesche^ vorher gelesen hat; daß sie ihm, auf Wunsch des Absenders, vorgelegt werden sollte, oorgelegt und als zur Veröffentlichung geeignet bezeichnet worden ist. Erweislich wahr. Das^ sagte schon im vorigen Heft, ist das Unangenehme an der Sache. Z» viele Leute wissen drum; und wenns zu Schwüren käme, bliebe von dem Dementi fein Buchstäbchen stehen. Daß man's trotzdem riskiert hat, ist ganz in der Ordnung. Man kennt seine Leute. Die Zeitungsschreiber, die sich um mich kümmern, wissen zwar,! daß ich solche Dinge nicht vorbringe, wenn ich sie nicht beweisens
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