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21.5.1904 Erstes Blatt
 
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Erstes Blatt.

154. Jahrgang

Samstag 21. Mai 1904

S2

Nr. 118

täglich außer Sonntag-.

Dem Gießener Anzeiger werden Im Wechsel mit dem Kesflschen Landwirt die Siebener Kamillen, blätter viermal In der Woche beigelegt.

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__________________________________________ w zeigentell: Hans Beck.

Krieg uud Kriedeu.

Gine Pfiugstbetrachtung.

Gießen, 21. Mai 1904.

DaZ Mühlwerk der Tagesarbeit steht wieder einmal still und Fererstimmung zieht durch die Welt. Maien- umkränzt, blütenumdustet erscheint das Fest. Draußen ward alles anders, der Lenz wirkte Wunder in Feld und Wald, droben auf dem Vogelsberge und bei uns unten im Lahntal, überall Knospentreiben und Fruchtansetzen.

Just heute vor einem Lustrum war's, zur Pfingstzeit 1899, als noch eine besonders zarte und verheißungsvolle Blüte aus dem hoffnungsfrohen Grün des Lenzes hervvr- lugte und ihr Köpfchen hob. Sie würde sich wohl zu strahlender Pracht erhoben haben, wäre Eden statt der .Erde ihr Garten gewesen, und Engel ihre Pfleger statt Menschen. ES war der Blütentraum der Friedens- Konferenz. Ein mächtiger Herrscher träumte diesen Traum und faßte in edler Regung den Entschluß, seine Verwirklichung zir versuchen.

Kaiser Nikolaus, der Schwager unseres Groß- Herzogs, wollte den Wagen der Geschichte in ein anderes Geleise heben. Was stille Gelehrte ansgesonnen und aus- gesponncn, sollte von einem gekrönten Haupte, einem macht­vollen Autokraten, in das Leben geführt werden. Die Rüstungen vermindern, oder sie doch nicht vermehren, das war damals des Zaren Ziel, ein Ziel zu schön, als daß man an seine Erreichbarkeit glauben konnte. Fürst Bis­marck sagte einmal zu jemandem, der ihm mit dem gleichen Gedanken kam : ^Lassen wir das den Friedensvereinen!" Für Staatsmänner, so meinte er, gebe es praktischere Auf­gaben; sie hätten mit dem innigsten Mißtrauen jede Be­wegung des Gegners auf militärpolitischem Gebiete zu verfolgen und müßten gerüstet bleiben, wenn sie nicht überrannt sein wolüen. Und Bismarck chatte, wie so häufig, recht. Seine Grundsätze über Krieg und Frieden haben heute alle Länder, alle Realpolitiker und Staatsmänner der Erde als die rechten anerkannt. Soeben erst sprach in diesem Sinne der östreichische Kriegsminister v. Pit- reich zu den versammelten Delegationen. Nicht nach idealen Grundsätzen vollziehen sich die völker­geschichtlichen Ereignisse, sondern nach dem Mut und der Kraft, die den Staaten innewohnt, die unerfüllte Wünsche haben. Erheischt das Lebensinteresse einer Groß­macht am fernen Meeresufer einen Stützpunkt, so sucht sie ihn mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln, bis sie ihn gefunden hat. Und so wurde denn auch Ruß­lands traditionelle Politik de§ tertius gaudens bei den Streitigkeiten zweier von ihm gering geachteter Gegner im äußersten Osten nicht preisgebeben. Daß die Rechte und Interessen zweier Fremden zwischen dem Wunsche und seiner Erfüllung lagen, kümmerte Rußland, trotz seiner Friedensschalmeien am Pfingstfefte 1899, blutwenig. Ein Staatswesen enrpfindet eben immer viel weniger altruistisch als ein Einzelwesen und geht, sei dieses auch noch so einflußreich, über dessen persönliches Empfinden zur Tages­ordnung über, wenn es ihm so besser gefällt. Was man zu können glaubt, glaubt man zu dürfen, das ist alte Regel in der Völkergeschichte.

Rußland hat diesmal seinen Rivalen unterschätzt. Ohne daß es einem von den beiden Gegnern in den Sinn kam, der schönen Haager Träume vom Jahre 1899 zu ge­denken, ohne nur die Möglichkeit zu erwägen, ob die Ent­scheidung in diesem Völkerprozesse von einem friedsamen Schiedsgerichte gefallt werden könne, ließ man sofort die Kanonen mit ihrem ehernen Munde sprechen.

Mer freilich, nicht leichten Herzens entschloß sich der Zar zum Kriege. Lange währten die diplomatisohen Ver­handlungen, die allerdings Japan nur zum Schein führte. Sein Schwert war geschärft, cs wußte, was es wollte. Und so begann das große Wagestück, bei dem ihm wie dem Gegner so viel verloren gehen kann. Milliarden von Werten sind der Gefahr der Vernichtung ausgesetzt. Die Börsen der Welt zuckten schon bei den ersten Schlägen, die den russischen Riesen trafen- zusammen. Im ganzen russischen Reichte und überall da, wo die Industrien der Erde mit Rußland oder Japan in enger Verbindung stehen, müssen Handel und Wandel stocken, werden Fabrikunter­nehmen erschüttert, kurz, wirtschaftliche Interessen sind überall bedroht. Nur einige große Geschützgießereien, Mu­nitionsfabriken, Ichedereien und Schiffsbauanstalten haben regere Beschäftigung denn je. Und was wird noch alles kommen! Die Wirkungen lassen sich in unserer lAioche der Weltwirtschaft nicht mehr aus einen engeren Herd be­schränken; sie greifen nach allen Seiten über wie Feuer­funken.

Nun hat in den letzten Wbchen Kaiser Wilhelm drei Reden gehalten, in den Städten Karlsruhe, Mainz und Saarbrücken, die zwar seine eminent friedliche Ge­sinnung kundtaten, aber doch in einer Form, die auf ängst­liche Gemüter und namentlich auf die stets höchst nervöse Börse beunruhigend gewirkt haben. Und schnell finden sich auch in unserem deutschen Vaterlande ein paar Chauvi­nisten, die zu hetzen anfangsn, trotz des unglückseligen hereroaufstandes. Der Ehauvinismus ist ein Uw­traut, das man mit allen Wurzeln ausreißen sollte. Im 18. Jahrhundert galt es als ein Zeichen feinster Bildung, dem Kosmopolitismus zu huldigen. Goethe und Kant, Lessing und Schiller, Herder und Humboldt stimmten im wesentlichen mit dem glänzenden Glaubensbekenntnis des Äiarquis Posa überein. Herder sagte, edel sei es, für das Vaterland, am edelsten aber, für die Menschheit zu tänrpfen. Gegenwärtig empfindet nran anders, gewiß nicht ohne guten Grund. Denn jene Heroen deutschen Geistes kannten lein deutsches Vaterland. Uns erst ward das Glück beschieden, es zu besitzen. Heute übt auch bei uns zu Lande das Wortnational" eine köstliche magische Wirk­

ung aus und adelt den staatlichen Egoismus. Bon natio­naler Hingebung, nationalem Geischtspunkte, nationalen Forderungen klingt es mit Recht unaufhörlich wider im deutschen Blätterwald. Unsinnig aber ist es, bei den klein­sten Jnteressenverletzungen, wie sie im Auslande leider nicht zu vermeiden sind, die Trommel zu rühren und unsere Staatsmänner, die klugerweise nicht nach mehr be­rüchtigtem als berühmtem Muster zum Schwerte greisen, als Schwächlinge zu verdächtigen. Als ob Fürst Bis­marck, der Held jener Lärmmacher, es jemals hätte über sich gewinnen können, uns wegen Kleinigkeiten in einen Krieg zu stürmen! Er wußte Mäßigung mit Festigkeit sehr wohl zu verkünden.---

Das Nationalitätsprinzip hat dem 19. Jahrhundert sein Gepräge aufgedrückt und Wundergewaltiges vollbracht. Wer schätzte nicht das Heiniatgefühl, die Anhänglichkeit an die Stätte, wo uns die Sonne zum ersten Male leuchtete, wo die Mutter sich liebend über uns beugte, wo der Vater uns seine ersten Lehren gab!Da ist deine Liebe, da ist dein Vaterland", sagen wir begeisterungsvoll und innig mit Ernst Moritz Arndt. Und wir Deutsche lieben alle treu und wahr unser großes, schönes, geeintes deutsches Vaterland. Wir sind stolz, Deutsche zu sein, wir glauben an eine Kulturmission des Deutschtums, die in ihrer Be­deutung nicht zurücktritt hinter die gewaltige Mission der Christenlehre. Doch wir wollen keine Chauvinisten sein und sollten auch nicht solche unter uns dulden. Der Chau­vinist, der erst scharfsichtig wird, wenn er über die Grenzen des eigenen Landes hinausschaut, der alle innerhalb seines Staatsgebietes begangenen Fehler verteidigt, der wie ein Maulheld große Worte macht und wie der miles gloriosus stets mit dem Säbel rasselt, der fordert den Spott heraus. Schopenhauer schildert und vernichtet ihn zugleich,wenn er sagt: ,^Jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, daraus er stolz sein könnte, ergreift das letzte Mittel, aus die Nation, der er angehört, stolz zu sein." Und der Frankfurter Philosoph fährt fort:Jede Nation spottet über die «andere, und alle haben Recht."

Mr wissen nicht, was unseren Kaiser veranlaßte, drei­mal hintereinander in wenigen Wochen den Frieden zu verherrlichen in Worten, die Kleingläubige zu Anast- gesühlen verführten. Wir sehen keine Gefährdung des deutschen Friedens vor uns, es sei'denn, daß der russisch­japanische Krieg Folgen mit sich brächte von ungeahnter Bedeutung für die Geschicke auch der ersten europäischen Völker. Es ist ja klar, daß eine eklatante Niederlage im gegenwärtigen Kriege Rußland nötigen würde, eine viel aktivere europäische Politik, deren Spitze sich mit in erster Linie gegen Deutschland rich­ten würde, ru treiben. Denn nachdem es im fernen Osten sür lange Zeit sein Spiel verloren hätte, würde es ver­suchen, wieder im Westen eine ihm angemessene Rolle zu spielen. Dagegen würde ein Sieg Rußlands über Japan einen Verzicht des ersteren auf eine irgendwie hervor­ragende Mitwirkung im europäischen Konzert bedeuten, was einem Wegfall der Bedrohung Deutschlands nahe käme. Rußland könnte doch nicht im Ernst daran denken, Japan zu annektieren, wie es etwa die Mandschurei annektiert hat. Es müßte fortwährend vor einem, dem lebhaften Geist der Japaner entsprechenden Revanchekrieg auf der Hut sein und demgemäß eine bedeutende Militärmacht in der Nähe haben, um stets auf alle Eventualitäten vor­bereitet zu sein.

Demnach wäre nur die Niederlage Rußlands friedens- gesährlich für Deutschland. Heute aber sehen wir zur Be­tätigung besonderer deutscher Schneidigkeit außerhalb unserer schwer gefährdeten west afrikanischen Kolo­nie keinen Grund. Mr halten es für klug, eine ver­ständige Realpolitik zu treiben, und diese bestehl darin, alle Sympathien für das tapfere kleine Japan im Kriege gegen das riesige Rußland zu unter­drücken. Durchaus irrig ist die Meinung, als ob ein endgiltiger Sieg Japans für uns wirtschaftlich wertvoll wäre. Angesehene japanische Nationälöko- nomen und Politiker haben schon lange vor Ausbruch des Krieges ganz offen eingestanden, daß es das vornehmste Bestreben der japanischen Regierung sein müsse, China in jeder erdenklichen Mise unter ihre Botmäßigkeit zu bringen, besonders aber aus kaufmännischem Gebiet die europäische Konkurrenz aus dem Felde zu schlagen und den gesamten chinesischen Handel zu monopolisieren. Angesichts des Wachstums des deutschen Handels mit China würde dies für unsere Exporteure ein schwerer Schlag sein. Ferner darf man nicht vergessen, daß Deutsch­land ein Hauptgläubiger Rußlands ist und daß sich Hunderte von Millionen russischer Werte in deutschen Händen befinden. Seit dem Beginn des Krieges sind diese Papiere schon um 10 Prozent gefallen, und würden nach einem für Rußland ungünstigen Ausgange noch weit rapider sinken, sodaß die deutschen Inhaber dieser russischen Papiere viele Millionen dabei verlieren müßten. Endlich aber ist zu bedenken, daß unser Handel mit Ruß­land sehr erheblich ist. Ein niedergekämpftes Rußland, das naturgemäß auch finanziell schwer geschädigt sein müßte, würde aber nicht entfernt dieselbe Kaufkraft besitzen wie ein siegreiches.

Es ist ein eigenes Ding um die Kriegslust. So wahr es sein mag, daß der einfache Arbeiter in ruhigen Zeiten mehr danach fragt, wie viel er Steuern zahlt, als wem er Steuern zahlt, wie lange er dient, als wem er dient, wie hock sein Arbeitslohn ist, als wem die Man­dschurei und Port Arthur, wem Polen oder die einst ganz deutschen Ostseeprovinzen Rußlands gehören, so kann es doch plötzlich wie ein Rausch auch über ihn kommen. Erhitzt er sich doch stets, wenn seine Hetzer sich erhitzen. So kann er unter Umständen, trotz seiner oft unklug betontenVaterlandslosigkeit", wie selbst

Herr Bebe l zugegeben hat, kriegerisch werden, wenn etn Kanonenschlaa sich löst, bis zuletzt die Stimme der Besonnen­heit nur noch taube Ohren findet, und die Leidenschaften triumphieren. Feigling heißt dann jeder, der sich nicht mitreißeu läßt, ein schlechter Patriot, wer Zweifelsgründe aufwirft. Sind wir sicher, daß die Ereignisse im fernen Osten und in Afrika über kurz oder lang auch andere Völker in kriegerischen Taumel reißen? Sind wir im eigenen Lande vor ähnlichen Wallungen völlig geschützt?

Auf die Geistesrichtung der Völker einzuwirken, ist somit von hoher Bedeutung gerade unter dem Gesichts­punkte der Friedensbcwahrung. Alle Stellen, die dazu berufen sind, mögen deshalb nicht müde werden, den Ge­danken zu verbreiten, daß ein achtungsvolles Benehmen im Verkehr mit fremden Ländern und Leuten, auch toenn sie uns, wie die Russen, nicht sonderlich sympathisch sind, so­wohl ein Gebot der Moral, als der Klugheit ist. An diese Pflicht zu erinnern, bietet ein Fest, das Liebe in den Herzen wecken und einen friedvollen Zauber über alle Seelen breiten will, die passendste Gelegenheit.

Volitische Tagesschau.

Ein konservatives Vertrauensvotum für Graf Bulow.

Aus Berlin, 20. Mai, wird uns geschrieben:

Von konservativer Seite wird Wert darauf gelegt, daß man den Vorstoß des Grafen Mirbach, des Frhrn. v. M a n t e u f f e l usw. im preußischen Herrenhaus gegen den Grafen Bülow nicht als Mittel zur Herbeiführung eines Kanzlerwechsels auf» faßt. DieKreuzztg." gibt heute abend der Zuschrift eineskon­servativen Parlamentariers" Raum, die sich dagegen verwahrt, daß die Konservativen gegen die Stellung des Grasen Bülow intri- guieren wollen. Fänden die Konservativen auch manches an der inneren Politik des Reichskanzlers auszusetzen, so hätten sie in Bezug auf die Leitung der äußeren Politik augenblicklich zu nie­manden ein größeres Vertrauen, als zum Grafen Bülow . . .

Der Kanzler wird nicht ungerührt sein, wenn er das rückhalt­lose Vertrauensvotum liest, das nur den einen Fehler hat, daß cs nachträglich erteilt wird. Im Herrenhaus würde eine solche Sprache deskonservativen Parlamentariers" vielleicht ist Frhr. v. Manteuffel der Verfasser der Zuschrift natürlich ganz anderen Wert und ganz andere Wirkung gehabt haben. Weil die Sorgen der auswärtigen Politik heutzutage einen Diplomaten verlangen, der Kredit bei den Mächten besitzen muß, wäre gerade von konservativen Führern ein so energischer Angriff auf den leitenden Staatsmann besser auf einen ruhigeren Zeitpunkt ver­schoben worden. Nicht ohne einiges Reuegefühl gesteht derkon­servative Parlamentarier" ein:Jedenfalls ist in weiteren Kreisen niemand bekannt, den ein Konservativer in Bezug auf die Leitung der äußeren Politik an der Stelle des Grafen Vüww sehen möchtet Also auch nicht etwa Herrn v. Kröcher, den Schwärmer für dieKürassierstiefel", in denen Deutschland dem Ausland gegen­übertreten soll. Keiner unter denKonservativenver- spürt Neigung fünfter Kanzler zu werden und die glühend heißen Eisen zu schmieden, die gegenwärtig die Pro­bleme der äußeren Politik sind. Das läßt sich schon glauben. Uebrigens wird in politischen Kreisen erzählt, daß Graf Bülow seiner Verwunderung Ausdruck gegeben hat, ebenso über die Form wie über den Zeitpunkt der konservativen Herrenhaus-Kritik. Dies scheint auch zur KennMis des konservativen Parlamentariers gelangt zu sein. Er versichert am Lchluß seiner Zuschrift: Auf den Sturz des Grafen Bülow hinzuarbeiten, ohne daß man den Wunsch nach einem bestimmten Nachfolger habe, würde ein Leichtsinn sein, den wir konservativen Männern nicht zutrauen. Man kann hierin einWwinken" erblicken, das sich an die Un­mutigen der Landwirtschaft richtet, die einen Kanzler­wechsel, wenn nicht als wünschenswert, so doch alskein Unglück" betrachten.

Frankreich uud der Vatikan.

Aus Paris wird unsg e sch rieben:

Der schwer erkrankte frühere Ministerpräsident Waldeck- Rousseau dürfte kaum wieder ins politische Leben zurückkehren. Das eröffnet Herrn Combes Aussichten auf den Fortbestand seines Kabinetts, dem außer Waldeck-Rousseau kaum ein anderer Politiker zurzeit gefährlich werden könnte. Als Combes das Ministerpräsidium übernahm, war die Situation weniger dazu an­getan, ihn mit Optimismus zu erfüllen, und vielleicht machte er sich die geringste Illusion hinsichtlich der Wirkung seiner radi­kalen Maßregeln auf dem Gebiete der inneren Politik. Doch die Bevölkerung hat sich überraschend schnell mit dieser Radikalisierung abgefunden. Zähe und klug führt Combes besonders den Kampf gegen den Einfluß der kath. Kirche und der Ordensgesellschaften, mit dem Erfolge, daß dieser Einfluß heute kaum so zurück­gedrängt ist, wie in Frankreich. Obenauf unter den Mitgliedern des Kabinetts Combes ist D e l c a s s 6, der Leiter des Auswärti­gen. Er gestattet sich, das Oberhaupt der katholischen Kirche in einer gewissen spöttisch überlegenenWeise zu behandeln, wie sich in den diplomatischen Weiterungen zergt, die der Besuch des Präsidenten L o u b e t im Quirinal und das Uebergehen des Vatikans bei dieser Gelegenheit zur Folge hat. Es sei dahingestellt, ob Pius X. taktisch geschickt verfuhr, indem er durch jeine Protestnote in Sachen der Romreise Loubets, den Konflikt mit der Republik verschärfte. Ein solcher Schritt wäre wahrscheinlich unterblieben, wenn Rampolla noch das Staats­sekretariat am Vatikan bekleidete. Sein Nachfolger M err y de Val besitzt offenbar keine hervorragende diplomatische Begabung. Sonst hätte er bie, Auffassung vertreten müssen, daß bei der gegenwärtigen Volksstimmung in Frankreich bei dieserältesten Tochter" der Kirche mit Nachgiebigkeit und Entgegenkommen mehr zu erreichen sei, als mit Worten unverhüllten Unmuts. Man hat im Vatikan in einem kritischen Moment die Selbst­beherrschung verloren und dadurch die Möglichkeit ent­fesselt, daß das Tischtuch zwischen Staat und Kirche zerschnitten wird. Besonders angreifbar ist der Satz des päpstlichen Protestschreibcns, daß der Nuntius nur aus Gründen der Ordnung in Paris belassen wird. Das heißt fast, den Par­teien in die Hände arbeiten, die den Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen Frankreich und dem Vatikan und die Kün­digung des Konkordats fordern. Wenig zweckmäßig ist auch der Hinweis der Protestnote auf den König von Italien als beit Usurpator des weltlichen Herrscherrechtes des Papstes. Es muß bas bie weitesten Kreise bc-_- französischen Volkes verdrießen, weil ben'eit Stzmpathieen i;iv ii a und sein Herrscherhaus gerade jetzt sehr lebhafte sind. Alles in allem: Papst Piuv ist in Bezug auf die Politik gegen Fraulreich n..: t gut beraten; er verschafft durch seine kampflustige Haltung lediglich dem Minister Telcasjö